Sind Sie, verehrte Leserin, werter Leser, beim Lesen der Überschrift dieses Blogbeitrags zusammengezuckt? Nun, so erging es dem Lindwurm heute bei der Lektüre der österreichischen Zeitungen. Sie alle übernahmen via APA eine Reuters-Meldung mit dem schockierenden Titel: “Israelischer Soldat schoss auf gefesselten Palästinenser”. Nicht wenige Österreicher werden angesichts der Unmenschlichkeit der Israelis, die diese Überschrift nahe legt, empört umgeblättert und den Stoßseufzer “oh diese Juden” gegrummelt haben. Aber auch deutsche Israelhasser kamen auf ihre Kosten. Der Spiegel variierte die Headline folgendermaßen: “Israel:Video zeigt Schuss auf gefesselten Palästinenser”. Und das deutsche Nachrichtenmagazin Nr. 1 toppt die österreichischen Medien noch in Sachen Aufbauschung, denn beim “Spiegel” erfahren wir erst im vierten Absatz, dass der “Schuss” doch nicht ganz so folgenschwer war, wie es die Überschrift suggeriert. Für diejenigen, die den Bericht zuende gelesen haben, gab es dann die eine oder andere Überraschung.
1. Der Vorfall ereignete sich bereits vor zwei Wochen
2. Der israelische Soldat schoss ein GUMMIGESCHOSS auf die FÜSSE des Arabers.
3. Der Araber, der gegen eine vorrübergehende Ausgangssperre verstoßen hatte und daher verhaftet worden war, wurde leicht an einer Zehe verletzt und erlitt eine Prellung, er wurde von einem Militärarzt der bösen IDF versorgt und anschließend freigelassen.
4. Der Soldat, der den Schuss mit der Gummimunition abgegeben hatte, sitzt in Haft. Die isaraelische Armee untersucht den Vorfall und prüft, ob der Soldat, wie er behauptet, auf Befehl eines Vorgesetzten hin gehandelt hat.
5. Der “angeschossene” Araber hat keine Beschwerde eingereicht, was sein gutes Recht wäre.
Liebe Austria Presse Agentur, die du die Geschichte von Reuters übernommen hast: Mir ist schon klar, dass eine Headline wie “Misshandlungsvorwürfe gegen isaelischen Soldaten werden untersucht” nicht so fetzig-antizionistisch klingt wie “Israelischer Soldat schoss auf gefesselten Palästinenser”. Aber hast du, als seriöse Agentur, die du ja sein willst, es nötig, dich aufzuführen wie die Propagandaabteilung der Hamas? Und ihr, liebe österreichische und deutsche Zeitungen, findet ihr es nicht selber ein klein wenig seltsam, dass ihr allesamt diese tendenziöse Meldung genau so an eure Leser wiedergebt und keiner eurer Redakteure auf die Idee kommt, dieses wenig dramatische Ereignis auch weniger dramatisch zu betiteln?
Nachbemerkung: Die Misshandlung von Gefangenen ist in Israel selbstverständlich illegal wie in jedem zivilisierten Land und führt zu Untersuchungen und Gerichtsverfahren gegen die Täter. Kein Israeli ist stolz darauf, wenn ein junger Rekrut einem arabischen Demonstranten mit einem Gummigeschoss ein Zehen-Aua bereitet, und wenn der Gefangene mit echter Munition beschossen oder sogar getötet worden wäre, hätte es einen Riesenskandal gegeben, bei der Armee wären Köpfe gerollt, und die Schuldigen hätten harte Strafen aufgebrummt bekommen. Wenn umgekehrt Juden von Arabern ermordet werden, tanzt man im Gazastreifen und im Westjordanland auf den Straßen und verteilt zur Feier des Tages Süßigkeiten an die Kinder. Und im Libanon wird Männern, die kleinen Kindern mit dem Gewehrkolben den Schädel zertrümmert haben, ein Staatsempfang bereitet. Das konnte in den vergangenen Tagen die ganze Welt in den Nachrichten sehen, und viele Menschen, die lange einseitig Israel die Schuld für die nicht enden wollende Gewalt im Nahen Osten gaben, sahen die jubelnden Massen auf der einen Seite und die trauernden Menschen auf der anderen und begannen zu verstehen. Und der Lindwurm beginnt zu verstehen, was es mit der israelischen Bürgerrechtsgruppe B’Tselem auf sich hat, wenn diese zwei Wochen abwartet und ausgerechnet dann, nachdem die Welt die Barbarei der Feinde Israels live im Fersehen miterlebete, mit dem Video über die Gummigeschossaffäre daherkommt…
2 Kommentare
Juli 21, 2008 um 5:17
Naja andererseits werden viele Leute den Artikel dann auch gelesen haben, in der Hoffnung ihren Judenhass bestätigen lassen zu können
Im Ernst: Die Berichterstattung zu Israel ist einfach zum Kotzen.
Juli 25, 2008 um 10:03
uhm. najo. die APA Meldung ist zwar wirklich schlecht betitelt (wie so oft, würd mich eher wundern, wenn es hier anders wäre), aber deine is schon um einiges brutaler.
ich finde durch deine schock-überschrift hängst du der apa-meldung gleich einen antisemitischen unterton an, und ich bin nicht sicher, ob der wirklich da ist – sicher aber nicht in einem vergleichbaren ausmaß. (soll keine verharmlosung antisemitischer ansätze sein)
die apa-überschrift kann für sich immer noch beanspruchen, dass im grunde wahr ist, was da steht. dass es “nur” ein gummigeschoss war, hätte man halt noch unterbringen können oder sollen, eher müssen.
aber eine überschrift kann andererseits natürlich nicht lauten: “isrealischer soldat beschießt gefesselten palästinenser der gegen ausgangssperre verstoßen hat mit gummigeschoß in den fuß und wurde dafür verhaftet weshalb eine kommission die vorfälle untersucht aber der palästinenser beschwert sich gar nicht”, nur damit am ende keine wesentliche information fehlt. und selbst da würden manche wahrscheinlich noch antisemitismus reindichten, weil der “böse jude” ja ganz am anfang steht und manche vielleicht nicht bis zum ende lesen.
in deiner reisserischen überschrift hingegen ist auch gleiche eine ordentliche portion wertung drin und viel emotionalität. die seh ich in der apa-überschrift eigentlich nicht. vor allem stehen alle informationen die du vermisst bereits im untertitel und im ersten absatz.
aber genau da ist der punkt erreicht, wo ich mit dir nicht mitkann. es darf nicht sein, dass in jede meldung die einen israeli oder juden betrifft (und wir wissen, was in der zeitung steht ist selten etwas gutes), gleich zum beweis für einen omnipräsenten antisemitismus herangezogen wird. nicht, dass ich ein signifikantes maß davon nicht auch selbst sehen würde – nur eben nicht überall.