Der österreichische ÖVP-Politiker Michael Graff hatte einst zur Causa Waldheim wie folgt Stellung bezogen: „Wenn man Waldheim nicht nachweisen kann, dass er sechs Juden eigenhändig erwürgt hat, ist er jedenfalls unschuldig.“ („Entgleisungen quer durch die Parteien“, Salzburger Nachrichten, 22. September 2001). An der Universität Göttingen hat sich dieses Denken, wonach der Antisemitismus erst mit der physischen Vernichtung von Juden beginne, nun ebenfalls durchgesetzt. Die skandalösen Rülpser des Leiters der sportwissenschaftlichen Abteligung dieser Stätte des Lernens und Lehrens, Arnd Krüger, der öffentlich behauptet hatte, die israelischen Sportler, die bei der Olympiade in München 1972 von einem arabischen Kommando ermordet worden waren, hätten sich absichtlich abschlachten lassen, bloß um den Palästinensern eine schlechte Presse zu verschaffen, was, wie der Herr Wissenschaftler weiter ausführte, auf die „unterschiedliche Körperwahrnehmung“ der Juden im Vergleich zu anderen „Nationen“ zurückzuführen sei, was er wiederum mit der Lüge, in Israel würde zehnmal häufiger abgestrieben als in vergleichbaren Industrienationen zu untermauern versuchte, hatten nicht etwa den Rausschmiss dieses feinen Herrn zur Folge, nein, die „Süddeutsche“ berichtet: Eine von der Universitätsleitung vor drei Wochen eingesetzte Ombudskommission sieht die so genannten „Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis“ im Fall Krüger dennoch als nicht verletzt an und verzichtet auf jede Kritik an Krüger, obwohl dieser für seine Behauptungen bis heute keine Belege präsentierte. Dabei besagt ein Senatsbeschluss der Universität Göttingen vom 14. 12. 2005, wissenschaftliches Fehlverhalten liege insbesondere dann vor, „wenn jemand in einem wissenschaftserheblichen Zusammenhang und grob fahrlässig oder vorsätzlich Falschangaben macht.“
Solange die Züge in die Vernichtungslager nicht rollen, gibt es keinen Antisemitismus. Das ist der moralische Status Quo an deutschen Universitäten im Jahre 2008. Wären über wohlfeile Lippenbekenntnise hinaus echte Lehren aus der Shoa gezogen worden, würde der Herr Krüger mittlerweile an irgendeiner ostdeutschen Problemschule Turnlehrer sein. Aber nein, das Verbreiten rassenantisemitischer Unwahrheiten in schlechtester NS-Tradition stellt für das akademische Milieu in Deutschland kein Problem dar. Unter den Talaren mag zwar nicht der Muff von tausend Jahren stinken, der Muff des „Tausendjährigen Reichs“ ist aber so gut zu riechen, dass jedem Menschen mit einem Anflug von Anstand das große Brechen kommen muss.
Ein Dankeschön für den Hinweis an die Netzklempnerin