Kärntner: Was ist eure primäre Fehlfunktion?

Die Tageszeitung “Österreich” ist, was ihre ihre Seriosität betrifft, mit Vorsicht zu genießen, genauso wie Umfragen in Vorwahlzeiten. Sollte aber diese von “Österreich” in Auftrag gegebene Gallup-Umfrage halbwegs stimmen, dann muss man wirklich schön langsam daran denken, sich aus Kärnten zu vertschüssen. 38 Prozent für Haiders BZÖ? 21 Prozent für die ÖVP? 19 Prozent (!) für die SPÖ? Elf Prozent für die FPÖ und fünf Prozent für die Grünen? Ein Ergebnis, das dieser Umfrage nahe käme, wäre nichts anders als ein Erdrutsch, nein, ein Bergsturz in Kärnten, wo die Sozialdemokraten bei Nationalratswahen stets mit Abstand stärkste Kraft waren. Zur Einnerung das Ergebnis der Wahl von 2006: SPÖ 35, BZÖ 25, ÖVP 21, FPÖ 7 und Grüne 7 Prozent (gerundet).  Und nun soll die SPÖ sogar hinter die in Kärnten traditionell schwache ÖVP zurückgefallen sein? Ich will das nicht glauben, ich mag das nicht wahrhaben. Andererseits: Den Kärntnerinnen und Kärntnern ist alles zuzutrauen, und da das BZÖ auch laut den Umfragen anderer Institute bundesweit bei rund sechs bis acht Prozent liegt, aber außerhalb von Kärnten weit unter der Fünf-Prozent-Marke dümpelt, deutet das darauf hin, dass Haiders seltsame Partei in Kärnten tatsächlich an die 40 Prozent-Schallmauer herankommen könnte.

Das wirft einmal mehr die Frage auf: Was zur Hölle ist los mit den Kärntnerinnen und Kärntnern? Habe ich etwa verpasst, dass Slowenien in Südkärnten einmarschiert ist und sich die Bevölkerung in diesen Kriegszeiten um den Landeshäuptling scharrt? Erfüllt es die Kärntner mit Stolz, dass sie laut allen wirtschaftlichen und sozialen Daten die Rote Laterne tragen? Ergreift tiefe Bewunderung für “den Jörg” des Kärntners Herz, weil Haider seit seinem Amtsantritt die Landesschulden verdoppelt hat?

Ich…verstehe…es…nicht.

Versuche einer Erklärung:

Haider macht nicht einmal in Ansätzen eine gute Politik für Kärnten, seine Popularität ist also nicht auf rationale Überlegungen der Bevölkerung zurückzuführen. Es scheint sich viel mehr eine Art Massenneurose zu handeln, die Haider geschickt auszunutzen versteht. Den Kärntnern mangelt es traditionell an Selbstvertrauen, sie begreifen sich als Underdogs. Haider weiß das und inszeniert sich einerseits als “einer von ihnen”, also als vom bösen Wiener Establishment verhöhnt und missverstanden, andererseits lebt er die Träume der sich zu kurz gekommen Fühlenden aus, indem er stets die teuersten Klamotten trägt, die schärfsten Autos fährt und sogar soweit geht, stellvertretend die latenten homsexuellen Neigungen vieler Kärntner zu praktizieren, wenn er etwa in Provinzdiskotheken vor laufenden Kameras jungen Burschen an die Wäsche geht. Die Kärntner sind außerdem das sprechfaulste Volk in Österreich. Schweigen ist hier immer noch Gold, über Dinge, die in ihnen vorgehen, zu reden, fällt den meisten Kärntnern extrem schwer (es ist kein Zufall, dass Kärnten viele Schriftsteller hervorgebracht hat, aber keine erfolgreichen Kabarettisten). Daher bewundern sie großmäulige Typen wie Haider einer ist, denn selber kriegen sie die “Pappn” ja nicht auf. Nicht zu unterschätzen ist auch das Erbe der Nazis, das in Kärnten viel stärker nachwirkt als in anderen Bundesländern. Im Süden feiern immer noch ganze Ortschaften “Führers Geburtstag” und die Einsicht, dass der Nationalsozialismus ein Verbrechen war, ist hierzulande Minderheitenmeinung. Nach dem Krieg funktionierten die Seilschaften aus der NS-Zeit klaglos weiter, zudem hatten sich viele tausende überzeugte Nazis in Kärnten niedergelassen, wissend, hier auf ein Netzwerk von Gleichgesinnten zu treffen, welches Unterstützung und Karrieremöglichkeiten bot. Jahrzehntelang erfüllte die SPÖ die Funktion eines Auffangbeckens für alte Nazis, eine politische Praxis, die unter Leopold Wagner zur vollen Blühte gelangte. Nur die Harcorenazis, die ihre Gesinnung nicht mal zum Schein tarnen wollten, traten der FPÖ bei. Karriere in Politik, politiknahen Berreichen, in der Verwaltung und der Justiz machten in Kärnten diejenigen, die über Kontakte zu den Seilschaften verfügten. Kurz: Kärnten wurde nie entnazifiziert, und so brodelte die braune Gesinnung immer im Hintergrund weiter, wartend, bis endlich eine neue Integrationsfigur auftauchen würde, und die kam schließlich in Gestalt von Jörg Haider. Seit er in Kärnten Politik macht, müssen sich alte und neue Nazis nicht mehr in den Reihen der SPÖ verstecken, sie haben endlich ihre politische Heimat gefunden, zu der sie nun auch unverbrüchlich stehen. Ein weiterer Faktor ist die extreme Obrigkeitshörigkeit der Kärntner und ihre Bewunderung für autoritäre Praktiken und Persönlichkeiten, was dazu führt, dass Verletzungen von rechtsstaatlichen Normen durch Haider begeistert beklatscht statt kritisch hinterfragt werden und das Volk die demütigende Verteilung von Almosen durch den Landesfürsten (was dieser als “Sozialpolitik” bezeichnet) für eine super Sache hält. Der Landeshauptmann pfeift auf Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs? Applaus. Haider schiebt nicht rechtskräftig verurteilte Asylbewerber samt ihren Familien in einem Akt von Sippenhaftung ab? Großer Jubel. Böse Spitzen gegen die slowenische Minderheit? Allgemeine Begeisterung. Und was man ganz sicher nicht unterschätzen sollte, ist der enorme Braindrain, unter dem Kärnten leidet: Ein Großteil der jungen und gebildeten Menschen hat Kärnten verlassen und arbeitet in Wien, anderern Bundesländern oder im Ausland, was dazu führt, dass eine kritische und aktive Zivilgesellschaft in Kärnten so gut wie inexistent ist. Zu guter Letzt muss man auch auf die enormen Finanzmittel hinweisen, die es Haider ermöglichen, andauernd mit Spendierhosen durch das Land zu fahren, mal hier ein paar tausend Eintrittskarten für Fußballspiele zu verschenken, mal dort einen Gesangsverein finanziert, Freibier zu spendieren und vor allem das ganze Land mit einer österreichweit einzigartigen Flut von Eigenwerbung zu überschwemmen. Letzteres führt auch zu einer gewissen Kontrolle Haiders über die Printmedien, sind diese doch nicht zuletzt von der Landespresseförderung und vor allem den vielen Inseraten abhängig, die Haider schalten lässt. Den Kärntner ORF hat er als Landeshauptmann ohnehin völlig in der Tasche, “Kärnten Heute” könnte ohne Übertreibung auch als “Haider Heute” betitelt werden.

Soweit meine Gedanken. Ich hoffe aber immer noch, dass bei der eingangs verlinkten Umfrage die Daten durcheinandergeraten sind oder das Sample so klein war, dass es nicht aussagekräftig ist. Die Kärntner SPÖ, von der man in diesem Bundeswahlkampf so gut wie nichts hört, sollte sich besser mal ins Zeug legen, denn ein am 28. September triumphierender Haider wäre ein Haider, der im kommenden Jahr bei den Landtagswahlen die Absolute erreichen könnte.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

3 Antworten zu Kärntner: Was ist eure primäre Fehlfunktion?

  1. carnica

    Dem wäre nichts hinzuzufügen. Exzellente Analyse!

  2. Pingback: Leopold Wagner « Panoptica

  3. Pingback: antibuerokratieteam.net » Blog Archive » Die Fehlfunktion der Kärntner (Haider erklärt)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s