Das schweizer Minarettbauverbot

Der ägyptische Großmufti Ali Gomaa wird mir immer sympathischer. Nicht nur, dass er gegen die Verschleierung von Frauen eintritt, er hat angesichts der Volksabstimmung in der Schweiz, nach der der Bau von Minaretten verboten werden soll, nicht etwa zum Boykott schweizer Waren, zum Fahnenverbrennen und zum Sturm auf Botschaften aufgerufen, sondern er forderte die schweizer Muslime auf, “mit legalen Mitteln gegen das Verbot zu demonstrieren und sich im gesellschaftlichen Dialog zu engagieren”. Damit weist der Kleriker den richtigen Weg. Die Mehrheit der Muslime in Europa besteht ja nicht aus den radikalen Schreihälsen und potenziellen Attentätern und Scharia-Befürwortern, die in den Medien soviel Aufmerksamkeit bekommen, sondern aus friedlichen Bürgern, die, ganz wie ihre christlichen/jüdischen/buddhistischen/atheistischen etc. Mitbürger vor allem ein wirtschaftliches Auskommen und ein gutes Leben wollen. Leider werden deren Meinungen genau deswegen ignoriert, da sie eben nicht ihre gesamte Zeit damit verbringen, “Heiligen Krieg” zu spielen, sondern einer Arbeit nachgehen, Familien haben und abends lieber fernsehgucken statt zu Vorträgen von saudischen, iranischen oder afghanischen Fanatikern zu pilgern. Sie sind, was den kulturellen Dialog betrifft, stimmlos, weil sich fast ausschließlich die Radikalinskis zu Sprechern “der Muslime” aufschwingen, faule Individuen, die entweder von staatlichen Sozialtransfers oder Zuwendungen der hardcore-islamischen Ideologieexportstaaten leben.

Zum Ergebnis der schweizer Abstimmung ist zu sagen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass fast 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer Rassisten oder Islam-Hasser sind. Ich gehe davon aus, dass mindestens die Hälfte derjenigen, die mit “Ja” gestimmt haben, die Gelegenheit nutzten, um ihrer Sorge über die Umtriebe der Islamisten sowie ihrer Empörung über die Appeasement-Politik der Schweiz gegenüber Figuren wie Gaddafi Ausdruck zu verleihen. Die Gelegenheit war freilich keine, die man nutzen hätte sollen, denn ein Bauverbot für Minarette ist ein symbolischer Akt, der auf die Kränkung von Moslems abzielt. Moscheen dürfen ja trotzdem gebaut werden, bloß findet der durchschnittliche islamische Gläubige es schick und cool, wenn diese Moschee dann auch ein Minarett hat. Es wäre aber verkürzt, nicht zu erwähnen, dass radikale Muslime, also Islamisten, In Minaretten mehr sehen als bloß ein hübsches traditionelles Beiwerk zur Moschee. Die sehen in den Türmen Herrschaftssymbole, so wie das einst auch die Christen in ihren Kirchtürmen und die italienischen Rennaisance-Fürsten in den Türmen ihrer Städte und Schlösser  sahen. Wenn die Schweizer also “nein” zu Minaretten sagen, bedeutet das symbolisch auch ein “hierhin und nicht weiter”. Symbolisch, wohlgemerkt, denn ein Bauverbot für Moscheen kommt auch in der Schweiz nicht in Frage, da es der Religionsfreiheit und dem Gleichheitsgrundsatz widerspräche, und außerdem sicherheitspolitisch kontraproduktiv wäre. Hübsche große Moscheen sind leichter auf radikale Predigten und Aktivitäten hin zu überwachen als Beträume in irgendwelchen Privathäusern. Außerdem sollte jede anerkannte Religionsgemeinschaft das Recht haben, sich ihre Tempel zu errichten. Merksatz: Nicht das Gebäude ist wichtig, sondern was in diesem Gebäude gelehrt und besprochen wird.

Zu des Lindwurms Gram kam die erste Umsetzung eines Bauverbots für Minarette aus Kärnten. Das war eines von Jörg Haiders letzten populistischen Babys, und wie man sieht, haben Rechtsparteien in ganz Europa aufmerksam nach Klagenfurt geguckt. Wie er es seit jeher mit der slowenischen Volksgruppe gemacht hatte, war Haiders Intention auch hier vor allem die Demütigung, die Abwertung einer Gruppe von Menschen, die er zu Außenseitern stempelte. Und natürlich erhoffte er sich ein Aufflammen von Konflikten zwischen den Religionsgemeinschaften, um daraus politisches Kapital schlagen zu können, nach der Methode: “Erst provoziere ich euch, und wenn ihr auf die Provokation einsteigt, kann ich mit dem Finger auf euch zeigen und sagen, wie gefährlich ihr doch seid”. Das ist auch die Absicht vieler (nicht aller) europäischer Rechtsgruppierungen. Vielen (nicht allen) von denen geht es nicht darum, Europa vor der Scharia zu retten, sondern sie möchten einfach Keile zwischen die Menschen treiben, die Fanatisierung auf beiden Seiten voranbringen, um dies dann als Wahlkampfmunition zu gebrauchen. So wenig Sympathien ich für die teils kriecherische Haltung europäischer Politiker gegenüber dem Islamismus habe, so sehr verabscheue ich Menschen, die die ohnehin vorhandenen Konflikte noch zusätzlich anheizen. Kurz: Es ist richtig, den Forderungen des politischen Islam nicht nachzugeben und die Werte unserer demokratischen Rechtsstaaten zu verteidigen, es ist wichtig, die Islamistenszene zu überwachen, aber es ist grundfalsch, harmlose Bürger muslimischen Glaubens zu kränken und zu provozieren.

8 Kommentare

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8 Antworten zu Das schweizer Minarettbauverbot

  1. Hobbit

    Leider ist es so, dass gerade linke und die Parteien der Mitte eine Freundschaft zum Islam pflegen und von den “Linken” will ich gar nicht sprechen.

    Mit freundlichen Grüßen.

  2. tingler

    RELIGIONSFREIHEIT…was ist an diesem Wort eigentlich schwer zu verstehen? Aber die meisten scheitern ja schon am Wort MEINUNGSFREIHEIT….:-(

  3. „Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – Ein ironischer Artikel zu diesem Thema – http://freidemzen.wordpress.com/2009/11/29/scheis-schweizer-zuerst-steueroase-%E2%80%93-nun-nazi-paradies/

    http://freidemzen.wordpress.com/

    Genau, wie wir alle dachten zwei Antwortmöglichkeiten waren gegen aber eigentlich doch nur eine gestattet – „Für den Minarettbau heißt: aufgeschlossen, aufgeklärt, intelligent; gegen ebendiesen heißt nun mal: intolerant, rechtsextrem, faschistisch! Da kann man ja eigentlich nicht so viel falsch machen! Macht das Kreuzchen, wo es hingehört und alle sind glücklich!“

    ansonsten wird diffamiert und kräftig mit der braunen Keule geschwungen – so funktioniert Demokratie – aber irgendwie stinkt Demokratie ja!

    Toll, dass auch noch alle wissen wieso genau die Schweizer sich so entschieden haben. Und zwar aus den falschen Gründen…

    Ich rufe auf die Wahlen dann einfach abzuschaffen, so wird immer richtig entschieden man sich immer richtig! :-)

    Nikita Bondarev

  4. Lieber Lindwurm, das ist alles völlig richtig. Darum hätte ich selbst nicht für das Minarettverbot gestimmt.

    Ich glaube aber, dass die Schweizer das ständige Einknicken vor dem Islam und das permanente Schönreden offensichtlicher Probleme einfach satt gehabt haben. (http://wp.me/pi0jo-e1).

    Übrigens wurde Erdogan für folgende Passage einer Rede vor 10 Jahren in der Türkei strafrechtlich belangt:
    Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.
    Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette,
    die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.

    Vor diesem Hintergrund mag es durchaus sein, dass dieses Votum historisch einmal anders bewertet werden wird.

  5. @ Thomas Eppinger: Dass die von dir erwähnten Motive mitgespielt haben, meine ich auch. Habe es ja im Artikel auch erwähnt ;-)

  6. Peter

    Man kann’s auch kuerzer fassen: Entscheidend ist, was in der Moschee gepredigt wird, nicht, ob ein Turm drauf ist.

    Zum Thema “Sind 60% der Scheizer islamophob?” sollte man sich die Zahlen auch mal genauer ansehen: 22,7% der schweizer Wahlberechtigten waren gegen das Verbot. 30,7% waren dafuer. 46,6% der Wahlberechtigten aber war es voellig egal – sie blieben der Wahl fern.

  7. yael1

    Ein guter Artikel, der sich von manch anderen sehr positiv absetzt.

  8. Peter

    Ooops, Tippfehler, “60% der Schweizer” sollte es natuerlich heissen.

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