Ein Kärntner Wintermärchen

Es war einmal, als das Verbrechen sich noch ausgezahlt hat, ein kleines Königreich inmitten von hohen Bergen und tiefen Wäldern, das wurde regiert von einem traurigen Herrscher. Der war so traurig, weil er zwar den Titel des Königs innehatte und eine hübsche rote Krone trug, aber in seinem eigenen Reich nichts zu sagen hatte. Er musste sich die Macht nämlich mit einem schwarzen Ritter teilen, der, wenn er nur wollte, jederzeit den König mit der Hilfe der blauen Knappen stürzen hätte können. Also blieb dem König nichts anders übrig, als ein bedrückendes Dasein als Regent ohne Macht zu führen und die Tagesgeschäfte den schwarzen Rittern und ihren blauen Schildknappen zu überlassen. Und auch wenn es den König gegrämt haben mag, er konnte nur hilflos zusehen, als sich im Süden seines Reiches ein blauer Knappe zum Fürsten aufschwang und in seinem Fürstentum frech den Goldschatz plünderte. Dieser blaue Fürst ließ es sich und seinen Rittern gar wohl ergehen und feierte täglich prunkvolle Feste, die er mit dem Goldschatz des Fürstentums bezahlte. Viele reiche Grafen, Bürgersleute und Händler aßen bei diesen Festen erlesenste Speisen und tranken feinsten Wein, lauschten den Klängen berühmter Minnesänger, verabredeten die Aufteilung des Goldschatzes  und feierten und tanzten fast jede Nacht bis zum Morgengrauen. Damit das Volk nicht aufbegehre, hatte der Fürst sich etwas einfallen lassen: Er ließ die Armen zu sich kommen und schenkte ihnen ein paar Gulden, die er aber leider dem immer kleiner werdenden Goldschatz entnahm. Zwar warnten die wenigen Weisen des Landes davor, dass der Schatz bald aufgebraucht sein würde, ja manche gingen sogar so weit zu behaupten, die Schatzkammer sei bereits leer, doch der Fürst höhnte bloß: “Unser Fürstentum ist reich”. Abseits der Feste und hinter den verschlossenen Toren des Fürstenpalastes beriet sich der Fürst, der sehr wohl wusste, dasss der Schatz fast verloren war,  freilich mit seinen Schatzkämmerern über Möglichkeiten, die Goldkammer wieder zu füllen. Der Erwerb eines Goldesels wurde als unrealistisch verworfen, also befahl der Herrscher seinen Kämmerern, mit dem letzten verbliebenen Gold Zinsgeschäfte zu machen, vorzugsweise mit den übel beleumundeten Raubrittern in den wilden gesetzlosen Gebieten im Osten des Reiches, doch diese Raubritter machten ihrem Namen alle Unehre, griffen sich das geliehene Gold, kauften damit herrliche Karossen, Paläste und große Schiffe,  und waren seither nicht mehr zu finden. Zurückzahlen wollten sie das geliehene Gold nicht, und weil dieser Goldhandel vor dem Volke geheimgehalten werden sollte, konnte der Fürst auch nicht öffentlich auf eine Rückerstattung der vielen Taler pochen. Nun begab es sich so, dass der Fürst einen Minister hatte, einen Vertreter der schwarzen Ritterschaft, und der kannte wiederum einen Mann, der mit Talern und Gold so gut umzugehen wusste wie kaum ein Zweiter. Also baten der Fürst und sein schwarzer Steigbügelhalter-Ritter diesen Mann, einen Plan auszuarbeiten, um die Schatzkammer des Fürstentums wieder aufzufüllen, und tatsächlich hatte der Talerjongleur eine hervorragende Idee: Es gäbe da nämlich all die Grafen und Händler, mit denen der der Fürst immer rauschende Feste gefeiert hatte, und diese sollten sich zusammentun und Anteile am Landesschatz erwerben. auf diese Weise würde der Schatz größer wirken, als er eigentlich sei, und dann könne man den Schatz an ein benachbartes Königreich verkaufen. Der Fürst verstand zunächst nicht, doch der schlaue Mann erklärte es ihm: “Deine Freunde tun so, als sei die Schatzkammer voll, dann wird es dir leicht fallen, sie für viel mehr Gold an das nördliche Königsreich zu verkaufen. Und dann verkaufen auch deine Freunde ihre Anteile am Schatz, der nun plötzlich, wie durch ein Wunder, viel mehr wert zu sein scheint, als er es tatsächlich ist. Das wird nicht nur dir viel Gold einbringen sondern auch deinen Freunden. Natürlich wirst du diese Freunde mündlich, wie es unter Edelleuten üblich ist, dazu verpflichten, einen Teil ihres Gewinns an deine private Schatzkammer und an jene deines schwarzen Ritters abzuliefern. Und weil unsere Schatzkammer dann ganz offiziell leer sein wird, muss der trottelige König aus Wien uns auch noch Gold aus der Reichskasse schicken. Schlag ein, Fürst, ich verlange für diesen Plan nur eine kleine Summe von zwölf Millionen Talern, von denen ich dir die Hälfte im Geheimen abzugeben verspreche.” Und der Fürst schlug tatsächlich ein und das nördliche Königreich kaufte die leere Schatzkammer. Als die Kämmerer dieses Königreiches dann feststellten, dass sie viel Gold für eine gähnend leere Schatzkammer bezahlt hatten, war das Heulen und Zähneklappern groß und zornige Drohungen wurden gegen den südlichen Fürsten ausgestoßen. Der aber lachte nur, beschlief seinen Lustknaben und tat so, als wäre alles in bester Ordnung. Eines Tages jedoch trank er zuviel Wein in einer Kaschemme und wurde auf dem Heimweg von seiner eigenen Kalesche erschlagen. Nach dem unglücklichen Tod des Fürsten wurde dessen Umgang mit dem Gold des Landes öffentlich und die Ausrufer verkündeten die üblen Nachrichten auf jedem Marktplatz. Das empörte Volk rief nach den Richtern, ja nach den Scharfrichtern sogar, doch kein Richter traute sich, gegen die hohen Herren, die in des Fürsten Geschäfte verwickelt waren, vorzugehen, denn die Obsorge über die Gerechtigkeit in dem kleinen Königreich lag in den Händen einer schwarzen Prinzessin mit blauen Augengläsern, und die sah es gar nicht gerne, wenn gewöhnliches Richtervolk gegen schwarze Ritter und blaue Knappen ermittelten. Und die Freunde des verstorbenen Fürsten, diese Ritter, Grafen und Händler, hatten so viel Gold, dass sie längst über dem Gesetz standen, welches in dem Königreich nur für einfache Bürger Geltung hatte. Auch dem schlauen Berater, der dem nördlichen Königreich so viel Gold abgenommen hatte und es an die Ritter, Grafen und Händler im südlichen Fürstentum verteilt hatte, wurde kein Haar gekrümmt und kein Richter wagte auch nur zu fragen, wo denn die Millionen Taler geblieben waren, die er für seine Idee vom verstorbenen Fürsten und dessen schwarzen Knappen erhalten hatte. Und so begab es sich, dass ein kleiner Fürst, dessen Steigbügelhalter, ein Berater und eine Gruppe von Adeligen und Händlern gleich zwei Königreiche übers Ohr gehauen hatten, ohne einen Richter fürchten zu müssen, und fortan, mit Ausnahme des verunglückten Fürsten, glücklich bis zum Ende ihrer Tage in Reichtum lebten.

Wer sich für die Nicht-Märchen-Version interessiert: Hier reinschauen!

1 Kommentar

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Eine Antwort zu Ein Kärntner Wintermärchen

  1. tingler

    Ist das geil….DANKE! beschlief seinen Lustknaben…ich schmeiss mich weg…. :D :D :D

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