“Multikulti” ist nicht gescheitert

Nach Angela Merkel und David Cameron hat uns nun auch Nicolas Sarkozy wissen lassen, das seiner Meinung nach das “multikulturelle Modell gescheitert” sei. Damit haben die führenden konservativen Regierungschefs Europas eine zentrale Propagandafloskel der Rechtsextremen übernommen. “Multikulti” als “gescheitert” zu bezeichnen, ist mehr als nur eine populistische Verkürzung, es ist unredlich und objektiv falsch. Die wirtschaftlich, wissenschaftlich und künstlerisch dynamischsten Nationen dieser Erde sind multikulturell, zum Beispiel die USA, Israel, Kanada, Australien sowie fast alle EU-Staaten und, mit Einschränkungen, auch China und weitere Schwellenländer wie Indien oder Brasilien. Dagegen herrscht überall dort, wo eine autoritäre “Leitkultur” alle kulturellen Einflüsse von Außen zu blockieren versucht, Stagnation und Rückschritt, etwa in den meisten arabischen Ländern, in Nordkorea, Pakistan und generell in Gegenden, in denen man versucht, ideologisch bzw. religiös besonders “rein” zu bleiben. Außerdem: Was meinen Merkel, Cameron und Sarkozy, wenn sie von “Multikulti” sprechen? Und was genau soll gescheitert sein? Gibt es eine Pleitewelle unter Sushirestaurants und Dönerbuden, von denen ich bislang nichts mitbekommen habe? Melden die Kinos und Videotheken Insolvenz an, weil niemand mehr Hollywoodfilme sehen will? Gehen die Internetprovider pleite, weil sich alle plötzlich nur mehr für ihre nähere Umgebung interessieren? Sind alle Ausstellungen ausländischer Künstlerinnen geschlossen und alle Tourneen von Musikern abgesagt worden? Nein, all das geschieht nicht, ganz im Gegenteil geht die weltweite gegenseitige kulturelle Beinflussung weiter, anders ist das ja auch in Zeiten des Welthandels und der immer weiter verbreiteten Informationstechnologien gar nicht möglich. Wahr ist, dass sich einige wenige Zuwanderer nicht zu benehmen wissen und dass einige Autochthone Rassisten sind. Wahr ist weiters, dass es reale Probleme gibt mit radikalen Muslimen und radikalen Rechten. “Multikulti” ist halt kein Utopia, in dem die Schafe bei den Löwen schlafen, sondern ganz normale Wirklichkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen. Und wenn Merkel, Cameron und Sarkozy jetzt ihre Mäuler aufreißen und nach Sündenböcken suchen, so seien diese Herrschaften daran erinnert, dass SIE dafür mitverantwortlich sind, wie es in den Staaten, die sie regieren, zugeht. Wenn diese Politiker in völlig unverantwortlicher Art und Weise gegen “Multikulti” hetzen, tun sie nichts anderes, als den radikalen Xenophobikern einen Jagdschein auszustellen. Von Staatsmännern (und -frauen) erwarte ich mir doch ein bisserl mehr an Gestaltungsvorschlägen als bloß rechtsextreme Parolen nachzublöken. Das müsste ja nicht einmal in besonders komplizierte verbale und ideologische Verrenkungen ausarten, es genügte schon, ganz einfach und deutlich auf dem Niveau einer zivilisierten Demokratie Stellung zu beziehen. Zum Beispiel so: Religionsfreiheit ja, Frauenunterdrückung und Dschihadismus nein. Respekt vor fremden Kulturen ja, Respekt vor Barbarei nein. Demonstrationsfreiheit ja, religiös oder ethnisch aufgeladene Unruhen nein. Und so weiter. Aber vermutlich hat man in den Staatskanzleien gar keine Lust darauf, auf das schlechte alte Ablenkungsmanöver des Ausspielens verschiedener Gruppen der Gesellschaft gegeneinander zu verzichten, ist das doch sehr günstig in Zeiten, in denen man den Unterschichten immer mehr wegnehmen will, in denen die Maxime gilt: Bestehlt die Armen und gebt den Reichen!

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9 Kommentare

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9 Antworten zu ““Multikulti” ist nicht gescheitert

  1. Das, was für die Linken der “Neoliberalismus” ist, ist für die Rechten das “Multikulti”. Etwas, wo man unbedingt dagegen sein muss, von dem aber niemand wirklich weiß, was es eigentlich genau ist.

  2. NUB

    Wer in den USA eingebürgert werden möchte, muss ganz explizit jeder anderen Loyalität zu einem fremden Herrscher u.s.w. entsagen und kann nicht 50% Amerikaner werden, sondern nur 100%. Das ist ein vollkommen anderer Ansatz als Multikulturalismus im wortwörtlichen Sinne. Das heißt ja nicht, dass jemand seine Religion und seine Essgewohnheiten über Bord werfen müsse; sobald es aber darum geht, welche Gesetze man anerkennt und welche Lebensweise, gilt in den USA schon so etwas wie eine Leitkultur, um den Begriff aus der deutschen Debatte zu bemühen. Und viele Einwandererländer, etwa auch Südafrika, achten tatsächlich im Sarrazin’schen Sinne darauf, dass Einwanderer einen Nutzen bringen, z.B. Wohlstand mit ins Land bringen, investieren, zumindest arbeiten, keinesfalls Transferleistungen beziehen sollen. Das ist einfach Fakt, dass andere so sind, selbst wenn man dies als nationalistisch oder nationalen Egoismus bezeichnen kann. Ein absoluter Multikulturalismus muss außerdem fast zwingend einen absoluten Kulturrelativismus mit sich bringen. In einem absoluten Multikulturalismus müsste es eine Nische für eigene Gesetze und z.B. private Steinigungen und Amputationen für Diebe oder andere Dinge geben, da eine Leitkultur verneint wird. Also sagen wir, ein klar eingegrenzter und definierter Multikulturalismus hat zum Erfolg von Ländern beigetragen, da Menschen ihre Arbeitsleitung, Kreativität und Bildung mitgebracht haben, also ihren Fleiß und ihr Streben, Wohlstand zu erlangen für sich und ihre Kinder. Der Wunsch, dass es die Kinder besser haben sollten als man es selber hatte, ist ganz entscheidend. Aber das heißt auch, dass nicht einfach jeder Multikulturalismus ein Land voranbringt oder funktioniert. Es heißt auch nicht, dass jeder, der kommen möchte, immer zum Nutzen beitragen kann. Wie gesagt hat es auch kein Einwanderungsland so praktiziert. Vor 100 Jahren, als man noch viel mehr Arbeiter brauchte, die anpacken, sah es natürlich auch anders aus als im Zeitalter des Computers.

  3. umbra

    “zum Beispiel die USA, Israel, Kanada, Australien sowie fast alle EU-Staaten” lol

  4. Multikulti war dewegen zum Scheitern verurteilt, weil gewisse Menschen Multikulti dazu mißbraucht haben, hermetische Parallelgesellschaften zu bilden.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/09/07/was-verstehen-wir-unter-multi-kulti/

    die vielen schönen Gesetze gegen Antidiskriminierung werden ad absurdum geführt, wenn die Parallelgesellschaften selbst auf eine Diskriminierung bzw Apartheid bestehen…

  5. „Gegenden, in denen man versucht, ideologisch bzw. religiös besonders „rein“ zu bleiben“

    Erstens gibt es sehr wohl große Migrationsbewegungen in arabische Länder, selbst in die allerabschottendsten (Saudi-Arabien). Da gehts dann halt um Pakistanis oder Philippinos.

    Zweitens ist der Grund in erster Linie derselbe wie für die Zuwanderung in Europa: Kohle/Fressen – das was Menschen schon immer wandern ließ.

    Ansonsten halt ich Merkel’s Spruch auch für Blödsinn. Aber das ist von der ja nichts Neues.

  6. funkiestbuddy

    Die Frage ist, was Multikulti überhaupt bedeutet. Mehrsprachigkeit? Kleidungsunterschiede? Vielfältiges Essen? Unterschiedliche Hautfarben und Religionen? Wenn das so ist, ist Multikulti nicht gescheitert und jegliche Einwände dagegen wären Xenophobie. Aber wer Kultur so eng definiert, hat keine Ahnung. Andere Kulturen haben zum Beispiel auch andere Gesprächskulturen, Rollenbilder, Konfliktlösungsmodelle, Scham- und Schuldempfinden, Pflichtbewusstsein, Freiheitsdenken und vieles, vieles mehr. Wenn auf diese Weise unterschiedliche Kulturen miteinander kollidieren, kann das nur scheitern. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich, mal in einem anderen Kulturkreis zu leben. Insofern ist Multikulti in der Form, wie sie mal von Rot-Grün propagiert wurde, selbstverständlich gescheitert. Das sehen selbst viele Vertreter von damals heute ja differenziert. Aber der Autor des Blogs hängt leider immer noch in den alten Denkstrukturen fest und kennt keine besseren Argumente, als Kultur-Realisten in die rechtsextreme Ecke zu stellen.
    Und ausgerechnet die USA und Israel als Vorbild für diese Utopie von Multikulti zu nennen, ist doch eigentlich ein schlechter Witz: Gerade diese beiden Staaten können nur so vielfältig sein, weil ihre Bewohner (in- und ausländisch) die Regeln genau kennen und sich an einer Leitkultur orientieren.

  7. @ funkiestbuddy: Wohl noch nie in den USA oder in Israel gewesen, nehme ich an? Allein schon die Lebensweise und Einstellung gegenüber dem Staatswesen verschiedener Gruppen israelischer Juden unterscheidet sich zB stärker voneinander als jene zwischen Deutschen und Türken. Mach mal eine Tour vom Strand von Tel Aviv zu einem ultraorthodoxen Viertel in Jerusalem und besuche am Weg dorthin noch eine arabisch dominierte Stadt, und dann erzähl mir noch einmal, dass Israel nicht multikulturell sei und dass es dort nicht von einander abweichende “andere Gesprächskulturen, Rollenbilder, Konfliktlösungsmodelle, Scham- und Schuldempfinden, Pflichtbewusstsein, Freiheitsdenken usw”. gäbe! Und in den USA ist praktisch JEDE Kultur dieses Planeten vertreten.

  8. Rojas

    Zu den USA:

    Cora Stephan schrieb in ihrem Buch “Der Betroffenheitskult” im Jahr 1996 :

    (…)

    Wer, worauf Dan Diner hingewiesen hat, der Bundesrepublik empfiehlt, eine Einwanderungsgesellschaft nach dem Muster der USA zu werden, muss wenigstens zweierlei dazu sagen: Auch die USA macht keineswegs die Grenzen auf. Auch eine multikulturelle Gesellschaft nimmt sich das Recht zu bestimmen, wer zu ihr gehören soll.
    Vor allem aber: “It’s a free country.” Der Einwanderunsgsgesellschaft Nordamerikas entspricht ein sozialer Konkurrenzkampf, ein Überlebenskampf ohne Netz und doppelten Boden, den wir hier nicht kennen und an den sich manche auch nicht mehr würden gewöhnen können.
    Die alte Bundesrepublik hatte jedem, der zu ihr gehörte, das Angebot auf Teilhabe an einem einmaligen sozialen Sicherungssystem gemacht. Sie kann dieses Versprechen schon jetzt nicht mehr halten. Unsere ebenso alarm- wie kommunikationsbereite Öffentlichkeit bezieht ausgerechnet jene ins Gespräch nicht mehr ein, die sich von der stetig größer werdenden Zahl von Migranten, den Problemen der deutschen Einheit und anderen kulturellen Stressfaktoren besonders beeindrucken lassen. Dass es gelungen ist, diese Problematik unter der Rubrik “Rassismus und Ausländerfeindlichkeit” zu tabuieren, wird sich auf Dauer als Unglück erweisen.

    (…)

    (Cora Stephan, “Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte.” Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1996, S.171)

  9. Rojas

    Zu Israel:

    Israel ist vor allem das Land der Juden. Natürlich gibt es auch eine starke arabische Minderheit, aber um nach Israel einwandern zu können, muss man Jude sein.

    Wie wollen Sie also Israel in Hinsicht von Multikulturalität mit Deutschland vergleichen? Nur Deutschstämmige nach Deutschland einwandern lassen?

    Ausserdem: Nur europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden etc. sind bereit, Menschen “einfach so” auf deren Wunsch hin bei sich einwandern zu lassen, und haben auch kein Problem damit, auch solche Menschen einwandern zu lassen, die genau jenes Land und jene Gesellschaft, die sie aufgenommen hat, ablehnen oder sogar verachten.

    Glauben Sie, ein Deutscher könnte “auf Wunsch” nach Australien, Kanada, die USA auswandern? Und dann dort lautstark seine Verachtung für das Land in Wort und Tat ausleben, in das er eingewandert ist?

    Und übrigens Pakistan: Wissen Sie wie Pakistan entstanden ist?

    Pakistan entstand aufgrund der von Muhammad Iqbal, einem Muslim also, vertretenen “Zwei-Nationen-Theorie”, derzufolge Hindus und Muslime sich kulturell zu stark unterscheiden um gemeinsam in einem Staat leben zu können und sich daher besser trennen sollten:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Nationen-Theorie

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