Obama und Amerikas “Change”

Als im Jahr 1998 der Afroamerikaner Morgan Freeman im Blockbuster “Deep Impact” den US-Präsidenten spielte, war in vielen Filmkritiken zu lesen, dass dies wohl der utopischste Aspekt dieses Science-Fiction-Filmchens sei. Erst in “frühestens 60 Jahren” würden die USA einen Schwarzen als Präsidenten akzeptieren, hieß es in einer der Besprechungen. Und jetzt, im Jahr 2012, wurde soeben der Afroamerikaner Barack Obama zum zweiten Mal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Die Zeiten ändern sich eben schneller als es viele voraussehen, hoffen oder – im Falle vieler Konservativer –  befürchten. Gestern hat das neue Amerika, das Amerika der Frauen, der Hispanics, der Schwarzen, der Jugend, der Patchworkfamilien, der Schwulen und Lesben, kurz: das Amerika des Multikulturalismus gewonnen und das alte Amerika, das Amerika der weißen Männer, hat verloren. Das alte Amerika hat sich zwar nach Obamas erster gewonnener Wahl lautstark aufgebäumt, in Gestalt der Tea Party viel Lärm gemacht und sich als schweigende Mehrheit aufgespielt, doch das hat sich als Illusion erwiesen. Und die Republikaner sind dieser Illusion auf den Leim gegangen, was Mitt Romney die Wahl gekostet hat. In Verkennung der Realität haben die Reps einen Abwehrkampf gegen die ihnen unangenehmen  Veränderungen der US-Gesellschaft geführt und die Advokaten der wohlhabenden weißen Mittel- und Oberschicht gespielt, obwohl diese Schicht immer kleiner wird, und das führte dazu, dass die Grand Old Party am Ende des Wahlabends nicht mehr sehr groß, dafür aber richtig alt aussah. Obama und seine Leute haben hingegen schon 2008 geschnallt, wie tiefgreifend sich die Struktur der amerikanischen Gesellschaft seit den 80er Jahren verändert hatte und setzten daher auf “Change”, also auf Wechsel, Veränderung, und in der jüngsten Kampagne auf “Foreward”, also vorwärts.

Wer die USA nur oberflächlich und aus europäischen Medien kennt, den hat den “Change” in Amerika sicher überrascht. Wer aber genauer hingesehen hat in den vergangenen Jahren, der hat bemerkt, dass abseits der lautstarken Tea Party und unbeeindruckt vom Gekeife rechter Demagogen eine Art Kulturrevolution stattgefunden hat. Und das liegt nicht nur an der Demoskopie, am unaufhaltsamen Abstieg der weißen Männer als bestimmende Kraft im Lande, sondern da geschieht viel mehr als das, nämlich eine immer mehr Fahrt aufnehmende Liberalisierung. Es gibt keine populären Fernsehserien und keine Hollywoodblockbuster mehr, die den Wertewandel nicht widerspiegeln würden, einen Wandel weg von traditionellen konservativen Lebensentwürfen und Haltungen hin zu Toleranz und Realismus. Statt die alte Welt, also die Welt vor den 60er Jahren mit ihren weißen Männern in der Hauptrolle, stets auf neue zu reproduzieren, zeigt die Unterhaltungsindustrie immer öfter farbige oder weibliche Helden, gemischtrassige Paare, Schwule und Lesben, Juden und Muslime, alleinerziehende Mütter und nicht traditionelle Familien als Normalfälle. Rechte Kommentatoren werfen den Machern dieser Serien und Filme gerne vor, sie würden Ideologie verbreiten, aber genau das Gegenteil ist wahr. Es sind die Rechten, die ihre eigene Ideologie als Realität imaginieren, während die Drehbuchschreiber bloß die Realität aufgreifen und verarbeiten. Realität ist zum Beispiel, dass immer mehr US-Bundesstaaten über Volksabstimmungen ihre Marihuana-Gesetze liberalisieren. Realität ist, dass die Befürworter der Todesstrafe in immer mehr Umfragen nur mehr knapp in Führung liegen. Realität ist, dass eine für Konservative wohl erschreckende Toleranz gegenüber alternativen Lebensstilen und Sexualitäten um sich greift. Realität ist, dass die Mehrheit der Amerikaner nicht mehr rassistisch ist. Und all das haben die Republikaner verschlafen. Genauer gesagt: Gegen all das stemmt sich eine Minderheit innerhalb der republikanischen Partei, und dieses Pissen gegen den Wind führte nun dazu, dass die Wahl verloren ging.

Wie aber ist Obamas Wiederwahl aus linker Sicht zu bewerten? Haben jene recht, die immer sagen, es sei letztlich unerheblich, wer im Weißen Haus sitze, da dort doch am Ende des Tages immer nur ein Vertreter des Kapitals regiere? Ich sehe das nicht so. Natürlich ist Obama kein Marxist oder auch nur Sozialdemokrat, aber es ist MIR nicht gleichgültig, ob 60 Millionen Amerikaner eine Krankenversicherung haben oder nicht. Und es kann der Welt nicht gleichgültig sein, ob der mächtigste Mann der Erde eher zu friedlichen Lösungsansätzen tendiert oder zum Krieg. Wobei ich an dieser Stelle meine konservativen bis rechten Freunde beruhigen will: Auch Obama ist kein naiver Träumer. Auch Obama wird einen nuklear bewaffneten Iran nicht akzeptieren. Auch Obama wird das Problem des islamistischen Terrorismus nicht ignorieren. All das hat er bereits in seiner ersten Amtszeit bewiesen und daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Sieht man sich die Entwicklung  der vergangenen vier Jahre an, so ist das weltpolitische Gewicht der USA eher wieder erstarkt als weiter zurückgegangen. Obama ist konzilianter und rhetorisch gemäßigter als es ein George Bush war, aber er ist keineswegs ein geopolitischer Hippie. Dennoch ist seine Wiederwahl auch ein positives Signal für progressive Kräfte rund um den Globus und ein Hoffnungsschimmer für all jene, die auch in Europa gerne einen “Change” weg vom Austeritätswahnsinn a la Merkel und Cameron hin zu einer realistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik hätten.

 

 

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Obama und Amerikas “Change”

  1. Alreech

    Warum soll Obama einen nuklear bewaffneten Iran nicht akzeptieren ?
    Solange der Iran keinen Interkontinentalraketen hat ist er auch mit Atomwaffen keine Bedrohung für die USA.
    Selbst mit Interkontinentalraketen ist er eine kleinere Gefahr als die UDSSR oder China während des kalten Krieges.

    Ein nuklear bewaffneter Iran ist nur eine Gefahr für Israel. Eine Bombe auf Tel Aviv und Israel ist Geschichte.
    Und ein nuklear bewaffneter Iran macht konventionelle Kriege gegen Israel wieder möglich, denn jeder Israelische Kernwaffeneinsatz im Falle einer drohenden Niederlage könnte einen Iranischen Gegenschlag auslösen.
    Ich habe meine Zweifel, das für Obama Israels Sicherheit eine hohe Priorität hat.

    Der Mann ist Pragmatiker, kein Idealist. Er lässt Menschen die gegen die USA kämpfen oder dazu aufrufen nicht festnehmen, inhaftieren und vor ein Gericht stellen.
    So ein Vorgehen schafft nur schlechte Presse. Er lässt sie gleich per Drohne killen und spart sich so eine Menge Ärger.

    Innenpolitisch ist er dafür die Macht der Bundesregierung gegenüber den Einzelstaaten zu stärken.
    Wer gerne eine stärkere EU hätte kann das natürlich toll finden, aber die meisten Europäer die über Gurkenkrümmungsverordnungen und Glühlampenverbote meckern hätte auch was gegen eine EU-weite, einheitliche Krankenversicherung, besonders dann wenn sie für die Mehrheit der bereits versicherten eine Verschlechterung darstellt…

    So toll ist es übrigen nicht, wenn die Bundesregierung der USA sich das Recht sichert Homoehe, Abtreibung und Krankenversicherung durchzusetzen ohne Rücksicht auf die Wählerentscheidung der betreffenden Einzelstaaten zu nehmen.

    Wenn die Bundesregierung unter eine liberalen Präsidenten das Recht hat die Homoehe in Bundesstaaten zu erlauben wo es die Mehrheit der Wähler nicht will dann hat eine konservative Bundesregierung auch das Recht sie gegen den Wille der Wähler wieder abzuschaffen.

  2. Just Great Victory!

    Obama Wins!

    Obama ist genau der richtige für die Innenpolitik der USA! Integration der Latinos zu Staatsbürgern der USA und aller anderen Volksgruppen der USA für die USA.

    Sein Griff zum Nahen bzw. Mittleren Osten ist ein Fehlgriff, welcher den Anti-Israel-Mainstream bedient. Jedoch muss erwähnt werden, dass der Mainstream Barack Obama nicht erfunden hat, wie auch Barack Obama den Mainstream nicht erfunden hat. Er präsentiert nur das, was bereits der Mainstream vor ihm erfunden hat, und spricht dabei auch noch dummer Weise offen aus, was dieser erfunden hat, ohne ihn namentlich als Urheber zu erwähnen.

  3. edwige

    Na, so überwältigend war Obamas Sieg auch wieder nicht. Romney hatte sogar mehr Stimmen, nur eben weniger Wahlmänner. Wer weiß, wie die Wahl ausgegangen wäre, wäre nicht “Sandy” just-in-time angebraust gekommen :-) ?

  4. Pingback: Einmal umgeschaut – eine Auswahl | faehrtensuche

  5. Che XVI

    “Gestern hat das neue Amerika, das Amerika der Frauen, der Hispanics, der Schwarzen, der Jugend, der Patchworkfamilien, der Schwulen und Lesben, kurz: das Amerika des Multikulturalismus gewonnen und das alte Amerika, das Amerika der weißen Männer, hat verloren. ”
    Dann verabschiede dich schon mal von Israel, Kleingeist.

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