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Antisemitismus und Rebarbarisierung

Für Juden und Jüdinnen ist es nicht besonders wichtig, ob der Antisemit ein Rechter oder ein Linker, ein Muslim oder ein Christ, eine Migrantin oder eine Autochthone, vom Mars oder von der Venus ist. Juden möchten von Antisemitismus, von wem auch immer der ausgeht, nach Möglichkeit verschont bleiben. Dies zu garantieren wäre die Aufgabe zivilisierter Staaten und Gesellschaften, doch die gibt es auf diesem Planeten nicht. Unmittelbar nach der Shoah, dem Völkermord an sechs Millionen jüdischen Frauen, Männern und Kindern, wurde sich die Welt dieses beklagenswerten Umstandes kurz bewusst und ließ die Gründung des Staates Israel zu. Es war ein Augenblick der Selbsterkenntnis, in dem die Weltgemeinschaft zugab, nicht nur bei der Verhinderung des Holocaust versagt zu haben, sondern auch nicht versprechen zu können, dass sich ähnliches nicht wiederhole. Die Gründung des Staates Israel war gleicheitig großartig und einer der traurigsten Momente der Geschichte. Großartig, weil die Sicherheit des jüdischen Volkes nun nicht mehr von der Großherzigkeit und den Stimmungsschwankungen anderer abhing und tief traurig, weil es das Eingeständnis der Welt war, Juden nicht ausreichend beschützen zu können oder zu wollen. Die Welt sagte: “Ja, wir sind Barbaren, wir können die Sicherheit der Juden nicht garantieren, aber zumindest sorgen wir dafür, dass die Juden beim nächsten Versuch, sie auszurotten, nicht wehrlos sein werden”. Und so wurde Israel die Steinschleuder, die David in die Hand nahm, nachdem sein Volk von den Goliaths dieser Erde fast ausgelöscht worden wäre.

Der Antizionist, der die Staatlichkeit israels ablehnt, ist zwingend auch Antisemit, da er die vernichtungsantisemitische Geschichte, die zur Gründung Israels hinführte, ebenso ignoriert wie das Weiterbestehen des Antisemitismus. Im freundlichsten Fall ist der Antiztionist naiv und träumt von einer Welt ohne Staaten, vom sozialistischen Utopia, aber auch diese Freundlichkeit ändert nichts am realen Antisemitismus, der sich darin äußert, die Entstaatlichung der Welt ausgerechnet mit jenem Land beginnen zu wollen, das das Land der Juden ist. Dass antiisraelische Stömungen derzeit weltweit die Oberhand gewinnen, ist weder ein Zufall noch liegt das an der Politik der israelischen Regierung. Die macht zwar viele Fehler und darf und sollte für diese Fehler auch kritisiert werden, doch allein mit Siedlungsbau und ähnlichem Firlefanz lässt sich nicht erklären, warum derzeit ein europäisches Parlament nach dem anderen einseitig und gegen die Warnungen von Expertinnen einen “Staat Palästina” anerkennt und warum die akademische Elite, vor allem die junge, in Europa und den USA so antiisraelisch und damit antisemitisch eingestellt ist wie nie zuvor.

Wollen wir verstehen, was da vor sich geht, müssen wir zunächst eines festhalten: Antisemitismus war in seiner langen, blutigen Geschichte stets ein Gradmesser für den jeweiligen Stand im Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. Wo immer Juden verfolgt wurden, war die Gesellschaft rückständiger als dort, wo diese Verfolgung milder ausfiel oder zeitweise kaum stattfand. Und wo immer Juden verfolgt wurden, wurden auch andere verfolgt und unterdrückt. Antisemitismus war ohne Frauenunterdrückung, Homophobie, Behindertendiskriminierung, Intellektuellenfeindlichkeit und Antiziganismus nie zu haben. Wo viel Antisemtismus war, gab es stets einen Zug zum autoritären Staat, zu monarchischer Verkrustung, zu Faschismus. Antisemitismus gedieh umso besser, je weniger Freiheit war. Und all das das gilt uneingeschränkt auch heute. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem wachsenden Antisemitismus im modernen Europa und dem anschwellenden, sich ideologisch strukturierenden und formierenden antifeministischen Backlash, dem salonfähig gewordenen Fremdenhass, der Verachtung von Roma, der wachsenden Ausgrenzung von Kranken und Behinderten und der Wiederkehr der Euthanasie in immer mehr Staaten. Dabei ist es völlig unerheblich, ob sich diese Symptome der Barbarei ein progressives Mäntelchen umhängen oder nicht. Wer zum Beispiel den Mord an Kranken legalisieren will, mag noch so sehr beteuern, es ginge ihm um reinste Nächstenliebe und die Linderung von Leid, in Wahrheit will er nichts anderes, als statt der Krankheit die Kranken zu eliminieren. Wenn die Stadtregierung von Marseille beschließt, dass Obdachlose ein gelbes Dreieck auf der Kleidung zu tragen hätten, hat das nichts mit der behaupteten “Hilfe” für diese Menschen zu tun, sondern alles mit deren Stigmatisierung und Demütigung. Und wenn Österreich, Deutschland und die Schweiz sich weigern, Sonderstrafgesetze für psychisch Kranke und Sonderschulen für Behinderte abzuschaffen, liegt das nicht an den vorgeschobenen Motiven der Hilfe, sondern an einer zurückgekehrten bzw. nie überwundenen faschistischen Antimoral, die den “gesunden Volkskörper” vor den “Kranken schützen” will, in Wahrheit also an der Lust, Menschen für deren Persönlichkeitsmerkmale auszugrenzen und zu bestrafen, letztlich zu vernichten.

Wenn die europäischen Parlamente und Regierungen immer antiisraelischer werden und gleichzeitig auf Europas Straßen ungestraft Hitlergrüße gezeigt werden und Sprechchöre “Juden ins Gas” brüllen können, wie das bei den israelfeindlichen Ausschreitungen im Sommer 2014 geschah, sind das keine unglücklichen Zufälle, sondern Anzeichen einer Rebarbarisierung Europas, die umso rascher voranschreitet, je heftigere soziale Verwüstungen die Wirtschaftskrise anrichtet, die wirklich zu bekämpfen den derzeit aktiven Politkerinnen Wille, Mut und Ideen mangelt.

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Weihnachtsgratifikation

Falls mir der eine oder die andere meiner wunderbaren Leserinnen und Leser ein kleines Weihnachtsgeld zukommen lassen wollen, würde ich sie nicht mit Gewalt davon abhalten. Times are hard und auch ein Lindwurm will über die Feiertage viel fressen und saufen. *Ganz lieb und bedürftig schau, Licht-ins-Dunkel-Style*

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Der Kanarienvogel des Sozialabbaus

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup war das Gehirn hinter jenen Rentenreformen in Deutschland und Österreich, die dafür gesorgt haben, dass Altersarmut wieder ein Thema ist, das weite Teile der Bevölkerung betrifft. Nahezu jede Verschlechterung des Systems ist von ihm erdacht und lobbyiert worden. Dafür wurde er dann auch mit einem lukrativen Posten als Chefberater beim Finanzdienstleistungskonzern AWD, der auch Rentenversicherungen verkauft, belohnt. Das Kapital schaut auf die seinen. Rürup ist eine Art Kanarienvogel des Sozialabbaus. Wo er auftaucht und sich einmischt, müssen bei den Armen und Schwachen alle Alarmsignale losgehen, denn dort kreisen bald die Geier um die Leichenteile des Sozialstaates und fressen sich daran voll. Die Unterprivilegierten dürfen sich auf noch härtere Zeiten einstellen, denn Rürup ist wieder voll da und wird von Zeitung zu Zeitung und von Sendung zu Sendung gerreicht. Im heutigen “Mittagsjournal” des ORF durfte Rürup wieder ausführlich darüber referieren, dass das Pensionssystem bei weitem noch nicht menschenfeindlich genug sei, vor allem die Frauen will der Herr Professor zu einem späteren Pensionsantritt zwingen. Das ganze antisoziale Blaba fuhr er auf, das man uns seit 20 Jahren um die Ohren haut. Und dann lobte er ausdrücklich den österreichischen Sozialminister Rudolf Hundstorfer, den er einen “intelligenten Mann” nannte. Hätte Hundstorfer sowas wie ein Gewissen, müsste er sich fragen, warum ihn einer, der nachweislich im Auftrag der Versicherungskonzerne und Banken spricht, lobt. Er müsste sich fragen, ob es tatsächlich so sinnvoll ist, in Zeiten der Nachfragekrise und der Massenarbeitslosigkeit das Pensionsalter anzuheben. Und vor allem müsste er sich fragen, ob das Lob von Handpuppen der Finanzkonzerne es wert ist, Unmenschlichkeiten wie die Abschaffung der Invalidenrente durchzuziehen. Ich persönlich habe den Verdacht, all diese Hundstorfers und Faymänner wollen es einfach nur dem Herrn Rürup, der ja auch ein SPD-Parteibuch hat, gleichtun und durch eine Politik, die aus dem Brief des Kapitals an das Christkind zu stammen scheint, dafür sorgen, dass auch sie mal tolle Traumjobs bei Großkonzernen kriegen nach den Jahren des Politikerdaseins oder genauer: des Politikerdarstellens.

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#NotJustSad

Unter dem Hashtag #NotJustSad (“nicht einfach nur traurig”) berichten derzeit auf Twitter Tausende über ihr Leben mit Depressionen. Vielen Betroffenen gibt das erstmals die Möglichkeit, über ihren Schmerz, ihre Ängste und ihre Nöte offen zu reden. Das Soziale Netzwerk schafft eine gewisse Distanz, die es ermöglicht, frei von jener Scham zu sein, die Menschen sonst oft davon abhält, ihre Gefühle auszudrücken. Viele Tweets sind erschütternd und ungeheuer traurig, und traurig ist auch die Unfähigkeit selbst wohlwollender Journalisten, das Thema aufzugreifen, ohne genau die Fehler zu machen, über die derzeit so viele Depressive klagen. Exemplarisch dafür ist der Bericht in der “Zeit”, in dem die Journalistin schreibt: “Die Krankheit ist in der Regel gut zu behandeln, in erster Linie durch Psychotherapie, gegebenenfalls auch durch Medikamente, manchmal durch eine Kombination aus beidem. Doch nicht alle Betroffenen werden optimal therapiert. Das kann mit der fehlenden Energie der Erkrankten zu tun haben, mit der Angst vor Stigmatisierung oder schlichtweg, weil die Schwere der Erkrankung nicht erkannt wird.” Das ist gut gemeint und dennoch genau das Falsche. Fast in jedem Artikel zum Thema Depression kommt der Hinweis vor, die Krankheit sei “gut zu behandeln”. Für Depressive, die das lesen, ist das wie ein Schlag in die Magengrube, denn die Krankheit ist eben nicht immer und in jedem Fall so gut zu behandeln, dass die Betroffenen wieder völlig “gesund” und glücklich durchs Leben spazieren. Oft kann die Behandlung “nur” dafür sorgen, dass sich Depressive nicht umbringen, was ja eigentlich ein großer Erfolg ist, in einer Gesellschaft, die immer schneller und härter wird, aber als unzureichend gilt. Und unzureichend fühlt sich auch der Depressive wenn man ihm immer wieder sagt, Depressionen seien eh ganz easy zu therapieren. Wenn es dann nicht klappt mit dem Wegtherapieren der Depression, wenn die auch nach Jahren oder Jahrzehnten immer noch da ist, dann führt das immer wieder vorgebrachte Mantra von der tollen Behandelbarkeit unweigerlich zu einem weiteren Einbruch des Selbstwertgefühls, da hier zumindest im Hintergrund mitschwingt, wer immer noch krank sei, sei selbst daran schuld. Außerdem nährt die Legende von der guten Heilbarkeit die Gelüste von Staat und Gesellschaft. gegen Kranke Zwangsmaßnahmen zu ergreifen nach dem Motto: “Man muss ihn zu seinem Glück zwingen”.

Dazu nur dies: Robin Williams hatte die best möglichen Behandlungen, Therapien und Medikamente, und er hat sich erhängt.

Was Depression anrichtet, ist grauenhaft, aber die Krankheit wäre nicht ganz so schlimm, wäre die Gesellschaft ein wenig netter zu den Kranken. Leider hat unsere Gesellschaft keine Angebote für eine wirkliche Beteiligung depressiver Menschen, für eine echte Inklusion. Depressive haben grob gesagt die Wahl, bis zum Suizid irgendwie doch noch mitzumachen beim Rattenrennen oder entmündigt in der Psychiatrie zu enden beziehungsweise in betreuten Wohneinheiten, wo sie dann Körbe flechten oder, von diversen Vereinen betreut, niedrigen Arbeiten nachgehen. Richtige Erwachsenenjobs gibt es für sie nicht mehr, da sie als zu unzuverlässig gelten und man, da ja jeder Mensch für ersetzbar gehalten wird, sich gar nicht erst die Mühe macht, Arbeitsformen zu schaffen, die auf nicht voll belastbare Leute Rücksicht nehmen. Sogar Arbeitgeber wie Gewerkschaften, Kirchen und politische Parteien setzen depressive Mitarbeiterinnen einfach auf die Straße. Was soll man dann von Betrieben erwarten, die streng profitorientiert sind? In Österreich hat man mit Beginn des Jahres 2014 psychisch Kranken sogar die Möglichkeit genommen, in die Invalidenrente zu fliehen. Sie sollen stattdessen “rehabilitiert” werden. Dass man mit Begriffen hantiert, die aus dem Strafrecht stammen, lässt tiefe Einblicke zu, was jene Politiker, die sich das ausgedacht haben, von psychisch Kranken halten. Österreichs Sozialminister Rudolf Hundstorfer sprach sogar von “psychisch Kranken und wirklich Kranken”.

Manchmal leisten Psychiater und Psychologen großartige Arbeit und retten Leben, manchmal sind sie Teil des Problems. Die Psychiater, die derzeit die Kliniken und die Forschung dominieren, glauben fest an Gene und Gehirnscans und die Biologie, so wie ihre Kollegen in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts fest an Rasse, Schädelvermessung und Eugenik glaubten. Schon der Gedanke, eine psychische Abweichung von der Norm könne nicht nur endogene Ursachen haben, sondern eine Reaktion auf eine krank machende Welt sein, gilt ihnen als ketzerischer Mumpitz. Natürlich gibt es endogene Depressionen, natürlich existieren chemische Prozesse im Gehirn, natürlich ist der Mensch auch ein biologisches Wesen, aber das alles existiert nicht im totalen Vakuum steriler Forschungslabore, sondern ist andauernd äußeren Einflüssen ausgesetzt. Medikamente sind durchaus nützlich und wichtig, aber die Gehirnchemie, die sie reparieren sollen, wäre womöglich gar nicht so reparaturbedürftig, wäre die Welt ein etwas humanerer Ort. Wir drehen den Fernseher auf und sehen, wie religiöse Fanatiker Menschen die Köpfe abschneiden und Mädchen als Sklavinnen verkaufen. Danach sehen wir einen Bericht über Kinder, die 15 Stunden am Tag schuften müssen, um zu überleben. Es folgt eine Reportage über die Zerstörung unserer Umwelt. Dann wieder Bilder vom Krieg in der Ukraine. Tag für Tag werden wir mit Schreckensbildern bombardiert und in unserem Alltagsleben erleben wir, wie der Druck am Arbeitsplatz immer weiter steigt, wie der Ton immer rauer wird. Und dann soll es nur an uns selber liegen, wenn wir depressiv werden? Weil unsere Gehirnchemie halt leider zu schwächlich ist?

Depression hat teils endogene bologische Ursachen, teils ist sie eine Reaktion auf die äußere Realität. Viele Depressive sind besonders sensible Menschen, die das wahnsinnige Unrecht, das andere als Normalität erleben, nicht hinnehmen können und den Zorn und die Empörung dann nach innen richten. Depression ist auch das Produkt einer Gesellschaft, die die Wut auf unzumutbare Verhältnisse nicht akzeptieren kann, da sie dadurch in Frage gestellt würde, und daher ganz massiv die Charakterisierung von Depression als ausschließlich individuelle Krankheit oder, schlimmer noch, als individuelles Versagen fördert. Wenn alles nur Gehirnchemie und Eigenverantwortung der Kranken ist, dann läuft eh alles bestens und die armen Spinner, die an den Grausamkeiten um sie herum zerbrechen, sind einfach nicht hart genug gepanzert für diese Welt.

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Die Fans der Kindersegregation

Österreich verstößt mit seiner Weigerung, die Sonderschulen abzuschaffen, gegen die Menschenrechte, besagt ein neues Rechtsgutachten. Das schmeckt den Leserinnen und Lesern des liberalen “Standard” gar nicht. Hier ein paar Postings.

1. Der überforderte Lehrer/Pfleger, der vor den “Bärenkräften” psychisch auffälliger KInder warnt. Den und seine Kollegen findet man sonst gerne unter Artikeln, in denen über Zwangsmaßnahmen gegen psychisch Kranke berichtet wird. Auch dort weisen sie stets auf die “Bärenkräfte” der Kranken hin, derer man außer mit Zwangsjacke und Fixierung einfach nicht Herr werden könne.

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2. Der besorgte Papa, der “alles” tun würde, um Behinderte “loszuwerden”.

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3. Der, der gegen körperlich Behinderte eigentlich gar nix hat, aber die geistig Behinderten dann doch etwas eklig findet.

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4. Der, der meint, die Menschenrechte seien einfach gar zu schwierig und utopisch.

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5. Einer der denkt, man solle das mit den Menschenrechten lieber ganz bleiben lassen und das, was ihn überfordert, “schwachsinnig” findet.

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Mitfühlende Mörder

Der Abstieg in die Barbarei geht schneller voran, als ich es befürchtet habe. Rund um Allerheiligen sind die Zeitungen wieder voll von Artikeln und Kommentaren zum Thema “Sterbehilfe” und fast jeder Text befürwortet die Euthanasie. Die liberale deutsche “Zeit” bringt einen wahren Jubelartikel über den staatlich legitimierten Tod von Kranken im US-Bundesstaat Oregon und nennt das “ein Modell für Deutschland”. Und in genau diesem Artikel steht auch drin, worum es abseits des Heuchelns von Mitgefühl wirklich geht: “Diese Patienten haben keine Angst, qualvoll allein zu sterben. Es ist umgekehrt: Sie haben Angst, dass andere sich zu viel um sie kümmern müssen. Es sind Menschen, die ihren Suizid nicht als Selbstzerstörung, sondern als Selbsterhalt sehen. Die ihrer Familie unter keinen Umständen zur Last fallen wollen, selbst wenn diese Familie bereit wäre, jede denkbare Last auf sich zu nehmen.”

Die Sprache des Unmenschen ist wieder da. Diese Sprache sieht im Tod, in der finalen Auslöschung des menschlichen Lebens keine Zerstörung, sondern bedächtige Rücksichtnahme auf die armen Gesunden, denen man nicht zumuten könne, sich um überflüssige Kranke zu kümmern. Wer so schreibt, der findet es auch nicht nötig darüber zu berichten, was im Vorbildsstaat Oregon seit Einführung des staatlich legitimierten Vergiftens von Menschen noch alles passiert ist. Zum Beispiel die Fälle von Barbara Wagner und Randy Stroub. Diesen beiden Krebskranken hat die Krankenversicherung “Oregon Medicaid” eine Chemotherapie verweigert, nicht ohne in einem Schreiben darauf hinzuweisen, dass es die Möglichkeit des legalen und außerdem kostengünstigen Selbstmordes gäbe.

Es geht beim Thema Sterbhilfe nicht um Leiden. Die Schmerzmedizin hat große Fortschritte gemacht in den vergangenen Jahrzehnten und es gibt kaum noch Fälle, in denen Menschen tatsächlich unkontrollierbare Schmerzen erleiden müssten. Eine entsprechende medizinische Versorgung der Bevölkerung vorausgesetzt können Menschen heutzutage tatsächlich ohne unerträgliche Pein ihre letzten Monate verbringen. Aber genau das, diese Versorgung mit guter Palliativmedizin, kostet einen Haufen Geld, den unsere ach so zivilisierten Gesellschaften offenbar gerne für andere Sachen ausgeben möchten. Es kommt die barbarischste Art, mit Leiden umzugehen, die Art der Nazis nämlich, wieder zurück: Man beseitigt nicht das Leid, sondern die Leidenden. Es ist Mord, begangen von den Gesunden und Starken an den Kranken und Schwachen. Getarnt als Mitgefühl.

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In der großen Betäubung

Die österreichische Bundesregierung verschärft die Gesetze gegen Verhetzung, doch fällt es schwer zu glauben, dies richte sich wie behauptet gegen Dschihadisten. Obwohl man in die Dummheit der Regierenden nicht zu viel hinein interpretieren sollte, passt diese weitere Intensivierung der Verfolgungs- und Bestrafungsmöglichkeiten des Staates zu einer Tendenz der polizeistaatlichen Aufrüstung der “westlichen” Wohlstandsinseln, die sich ihrer inneren Widersprüche sehr wohl bewusst sind und sich daher wappnen für die unweigerlich kommenden Stürme. Die Demokratie, oder genauer: die auf einen gewissen gesellschaftlichen Ausgleich abzielende Politik der Berücksichtigung der Interessen verschiedener gesellschaftlicher Fraktionen wird aufgegeben zugunsten postdemokratischer Verwaltungsstrukturen, die alleine den Interessen des Kapitals dienen, in denen reale demokratische Politik zu Ritualen und Parodie ihrer selbst verkommt und in denen die Herrschaft ganz offen höhnt, sie sei unbezwingbar und ewig und jeder Mensch, der sich etwas anderes vorstellen kann als die immer weiter vorangetriebene Ausbeutung von Mensch und Natur sei ein Träumer, ein Spinner und ein Clown. Wir sind in das Zeitalter der Postdemokratie eingetreten. In diesem Zeitalter behauptet die Herrschaft nicht einmal mehr, sie sei edel und gut, sondern gesteht sich, vielleicht bei einem Gläschen Wein, selbst ein, eine von Drecksäcken und Idioten zu sein, aber es gebe, leider leider, keine Alternative zu ihr. “Ich war, ich bin und ich werde sein”, tönt sie.

Doch das Unbehagen wird nicht kleiner, es wird immer größer. Die Anzeichen sind unübersehbar. Jahr für Jahr melden die Gesundheitsbehörden neue Rekordstände an sogannten “psychischen Krankheiten” wie Depression oder Angst, bei denen es sich aber, da sich seelische Leiden ja nicht über Tröpfcheninfektionen verbreiten, um individuelle Reaktionen von Menschen auf ein wahnsinniges System handelt. Wer die Nachrichten auch nur am Rande mitverfolgt sieht sich geradezu grotesken Widersprüchen gegenüber, auf die ein noch halbwegs intakt seiendes Ich nur auf zwei Arten reagieren kann: Mit aktivem Widerstand oder mit Rückzug in eine “Krankheit”. Ein Beispiel: Seit 20 Jahren erklären Wissenschaftler, wir bewegten uns auf eine Klimakatastrophe zu, zu der der Mensch mit seinen CO2-Schleudern großen Beitrag leiste. Und ebenfalls seit 20 Jahren werden Jahr für Jahr neue Rekordemissionen an CO2 vermeldet. Wer da nicht irre wird, spürt nichts mehr. Und diejenigen, die sich nicht selbst aus dem Spiel nehmen durch Erkrankung der Seele, wenden sich politischen Strömungen zu, die eine radikale Umwälzung der Verhältnisse versprechen. Vor allem Rechtsradikale und religiöse Fanatiker schöpfen aus dem sich immer weiter füllenden Pool Verzweifelter und Wütender, die zumindest fühlen, dass man sie verarscht, dass sie innerhalb des bestehenden formaldemokratischen Systems keine Chance haben werden, die Dinge so fundamental zu ändern, wie es höcht an der Zeit wäre. Auch die radikale Linke wächst, wenn auch viel langsamer und quantitativ geringer, wieder an. Das sind keine völlig irrationalen Wallungen irgendeines fast metaphysischen “Bösen”, sondern die natürlichen Reaktionen auf die Abtötungswirkung postdemokratischer Verhältnisse, in denen, wie in Russland und Osteuropa bereits üblich, immer nur eine Gruppe von Milliardären gegen eine andere antritt und man das dann Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen nennt. Daher betrug bei den letzten Wahlen in Bosnien die Wahlbeteiligung ganze 19 Prozent. Die Bevölkerungen erkennen, dass es völlig gleichültig geworden ist, wen sie wählen, dass sie allenfalls noch über kleinere gesellschaftspolitische Ausrichtungen abstimmen, aber nicht darüber, ob sie und die sie umgebende Natur im Zuge der Ausbeutung verschlissen und vernichtet werden oder nicht.

Den Vertretern der Kapitalinteressen ist es natürlich lieber, die Reaktion auf die große Betäubung der Postdemokratie ist eine Faschisierung als eine Aufklärung, die unweigerlich einen massiven Linksruck mit sich brächte. Daher hat keine europäische Regierung ein ernsthaftes Problem mit dem neuen Ständestaat in Ungarn, deswegen bekommt Putin stehenden Applaus wenn er in der Wiener Wirtschaftskammer vor der ökonomischen Elite spricht. Es spricht derzeit alles dafür, dass wir in einen immer offeneren und immer brutaleren neuen Faschismus abgleiten, ja vielleicht uns schon mitten drin befinden, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Das eiskalte massenhafte Sterbenlassen von Flüchtlingen vor den Toren Europas sprechen da ebenso dafür wie die Rückkehr der Euthanasie in den Benelux-Staaten und die immer härter werdende Gewalt gegen psychisch Kranke in Zentraleuropa, die sich in Sondergesetzen wie dem Maßnahmenvollzug, der das real faschistische Konzept der Bestrafung von Menschen für ihr Wesen statt für ihre Taten bereits umsetzt, ausdrückt.

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