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In der großen Betäubung

Die österreichische Bundesregierung verschärft die Gesetze gegen Verhetzung, doch fällt es schwer zu glauben, dies richte sich wie behauptet gegen Dschihadisten. Obwohl man in die Dummheit der Regierenden nicht zu viel hinein interpretieren sollte, passt diese weitere Intensivierung der Verfolgungs- und Bestrafungsmöglichkeiten des Staates zu einer Tendenz der polizeistaatlichen Aufrüstung der “westlichen” Wohlstandsinseln, die sich ihrer inneren Widersprüche sehr wohl bewusst sind und sich daher wappnen für die unweigerlich kommenden Stürme. Die Demokratie, oder genauer: die auf einen gewissen gesellschaftlichen Ausgleich abzielende Politik der Berücksichtigung der Interessen verschiedener gesellschaftlicher Fraktionen wird aufgegeben zugunsten postdemokratischer Verwaltungsstrukturen, die alleine den Interessen des Kapitals dienen, in denen reale demokratische Politik zu Ritualen und Parodie ihrer selbst verkommt und in denen die Herrschaft ganz offen höhnt, sie sei unbezwingbar und ewig und jeder Mensch, der sich etwas anderes vorstellen kann als die immer weiter vorangetriebene Ausbeutung von Mensch und Natur sei ein Träumer, ein Spinner und ein Clown. Wir sind in das Zeitalter der Postdemokratie eingetreten. In diesem Zeitalter behauptet die Herrschaft nicht einmal mehr, sie sei edel und gut, sondern gesteht sich, vielleicht bei einem Gläschen Wein, selbst ein, eine von Drecksäcken und Idioten zu sein, aber es gebe, leider leider, keine Alternative zu ihr. “Ich war, ich bin und ich werde sein”, tönt sie.

Doch das Unbehagen wird nicht kleiner, es wird immer größer. Die Anzeichen sind unübersehbar. Jahr für Jahr melden die Gesundheitsbehörden neue Rekordstände an sogannten “psychischen Krankheiten” wie Depression oder Angst, bei denen es sich aber, da sich seelische Leiden ja nicht über Tröpfcheninfektionen verbreiten, um individuelle Reaktionen von Menschen auf ein wahnsinniges System handelt. Wer die Nachrichten auch nur am Rande mitverfolgt sieht sich geradezu grotesken Widersprüchen gegenüber, auf die ein noch halbwegs intakt seiendes Ich nur auf zwei Arten reagieren kann: Mit aktivem Widerstand oder mit Rückzug in eine “Krankheit”. Ein Beispiel: Seit 20 Jahren erklären Wissenschaftler, wir bewegten uns auf eine Klimakatastrophe zu, zu der der Mensch mit seinen CO2-Schleudern großen Beitrag leiste. Und ebenfalls seit 20 Jahren werden Jahr für Jahr neue Rekordemissionen an CO2 vermeldet. Wer da nicht irre wird, spürt nichts mehr. Und diejenigen, die sich nicht selbst aus dem Spiel nehmen durch Erkrankung der Seele, wenden sich politischen Strömungen zu, die eine radikale Umwälzung der Verhältnisse versprechen. Vor allem Rechtsradikale und religiöse Fanatiker schöpfen aus dem sich immer weiter füllenden Pool Verzweifelter und Wütender, die zumindest fühlen, dass man sie verarscht, dass sie innerhalb des bestehenden formaldemokratischen Systems keine Chance haben werden, die Dinge so fundamental zu ändern, wie es höcht an der Zeit wäre. Auch die radikale Linke wächst, wenn auch viel langsamer und quantitativ geringer, wieder an. Das sind keine völlig irrationalen Wallungen irgendeines fast metaphysischen “Bösen”, sondern die natürlichen Reaktionen auf die Abtötungswirkung postdemokratischer Verhältnisse, in denen, wie in Russland und Osteuropa bereits üblich, immer nur eine Gruppe von Milliardären gegen eine andere antritt und man das dann Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen nennt. Daher betrug bei den letzten Wahlen in Bosnien die Wahlbeteiligung ganze 19 Prozent. Die Bevölkerungen erkennen, dass es völlig gleichültig geworden ist, wen sie wählen, dass sie allenfalls noch über kleinere gesellschaftspolitische Ausrichtungen abstimmen, aber nicht darüber, ob sie und die sie umgebende Natur im Zuge der Ausbeutung verschlissen und vernichtet werden oder nicht.

Den Vertretern der Kapitalinteressen ist es natürlich lieber, die Reaktion auf die große Betäubung der Postdemokratie ist eine Faschisierung als eine Aufklärung, die unweigerlich einen massiven Linksruck mit sich brächte. Daher hat keine europäische Regierung ein ernsthaftes Problem mit dem neuen Ständestaat in Ungarn, deswegen bekommt Putin stehenden Applaus wenn er in der Wiener Wirtschaftskammer vor der ökonomischen Elite spricht. Es spricht derzeit alles dafür, dass wir in einen immer offeneren und immer brutaleren neuen Faschismus abgleiten, ja vielleicht uns schon mitten drin befinden, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Das eiskalte massenhafte Sterbenlassen von Flüchtlingen vor den Toren Europas sprechen da ebenso dafür wie die Rückkehr der Euthanasie in den Benelux-Staaten und die immer härter werdende Gewalt gegen psychisch Kranke in Zentraleuropa, die sich in Sondergesetzen wie dem Maßnahmenvollzug, der das real faschistische Konzept der Bestrafung von Menschen für ihr Wesen statt für ihre Taten bereits umsetzt, ausdrückt.

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Islam Islam Islam

Islam Islam Islam. Auf allen Kanälen, in allen Zeitungen, im ganzen Internet. Man hat den Eindruck, es gibt nichts anderes mehr. Wer gerade vom Mars kommt und die irdischen Medien verfolgt könnte meinen, die Dschihadisten hätten bereits gewonnen. Weil offenbar nie genug Islam sein kann, leiste auch ich meinen Beitrag und schreibe ein paar Zeilen zu dem zugegebenermaßen recht umfangreichen Thema, dem kein Blogeintrag je nur ansatzweise gerecht werden könnte.

Der Islam und ich, wir werden in diesem Leben keine dicken Freunde mehr, die auch mal zusammen auf ein Bier gehen, denn das scheitert schon daran, dass der Islam es nicht so hat mit Bier und anderen berauschenden Getränken. Der Islam ist ein bisschen wie dieser ehemalige gute Kumpel, der früher ein richtig wilder Hund gewesen ist und jetzt, bekehrt zu Gesundheitsfimmel und Trimmdich-Religion, seine Gäste dazu zwingt, am Balkon zu rauchen und, falls er sich doch mal ein eine Kneipe verirt, sofort demonstrativ zu husten beginnt, wenn sich ein Mensch drei Tische weiter eine Zigarette anzündet. Er will gesund leben, daher haben sich gefälligst alle anderen Menschen seinem Privat-Wahn zu unterwerfen. Wer das nicht macht, ist ein Bösewicht, der ihm ans Leben will, ihn aber mindestens tief beleidigt. So ähnlich wirkt auch der Islam. Ziemlich streng und puritanisch und immer gekränkt und in Abwehrhaltung, bereit, alles und jeden als persönlichen Angriff zu sehen.

Jetzt wird die Leserin sicher sagen, man könne doch nicht von “dem” Islam sprechen, habe der doch nicht mal eine zentrale theologische Autorität. Ich mache das trotzdem, ich verallgemeinere mal so, wie es die Strengeren unter den Fans von Allah auch tun. Die sehen nämlich in jedem, der die super extreme Auslegung ihrer Religion nicht teilt, einen Ungläubigen, den man bestenfalls bekehren soll, den man aber auch einfach umbringen kann, falls das opportuner erscheint. Fairerweise ist dazu zu sagen, dass das keine Spezialität des Islam ist. Auch das Christentum war und ist ein Fan der Missionarsstellung und war dabei genauso mörderisch wie der Islam, streckenweise sogar noch grausamer. Noch heute treiben missionierende Christen viel Unfug und richten viel Unheil an. Dazu könnten zum Beispiel afrikanische Schwule, deren Unterdrücker und Mörder von evangelikalen Missionaren aufgehetzt wurden, einiges erzählen. Dass die Jesus-Leute heute insgesamt netter wirken als der Fanclub Mohammeds liegt einzig und alleine an einem langen, opferreichen politischen Kampf und an den Bedürfnissen des Kapitalismus, der mit 150 arbeitsfreien Feiertagen pro Jahr nicht funktioniert hätte. Wäre es nach den christlichen Kirchen gegangen hätten wir heute immer noch lauter vom lieben Gott gewollte Königreiche mit absoluten Herrscherfamilien, Ketzerverbrennung, Hexenwahn und feudalistischem Elend ohne Entrinnen. Das gilt für alle Religionen. Auch der Buddhismus wäre ohne Umwälzung der Verhältnisse noch heute die Leigitimationsideologie von Gottkönigen.

Aber zurück zum Islam. Den muss man ablehnen dürfen wie man jede Religion ablehnen dürfen muss, ohne deshalb als Rassist oder sonstwas Ekliges zu gelten. Darf man das nicht, ist die Freiheit der Rede ebenso wie jene der Religion, die ja auch eine Freiheit von Religion sein muss, keinen Pfifferling wert. Nach der Niederlage des realsozialistischen Blocks und dem globalen Durchmarsch der us-amerikanischen Realverfassung gelten Atheisten und Agnostiker freilich als intolerante Finsterlinge, während man religiöse Kolletivpsychosen für das Natürlichste der Welt hält. Dem Glauben, und sei er noch so irrational und grotesk, muss höchster Respekt entgegengebracht werden, geht die neue alte Lehre. Doch wer Respekt fordert, muss auch respektabel sein. Ist das der Islam? Was bringt der denn hervor, das man respektieren müsste? Klar, es gab großartige Kulturleistungen in der Geschichte dessen, was man als islamischen Kulturraum bezeichnen könnte. Und das muss man natürlich ebenso respektieren wie das, was Menschen anderer Religionsausrichtung geschaffen haben. Sieht man sich die Geschichte etwas genauer an wird man aber rasch feststellen, dass man es fast nie mit etwas zu tun hat, das vom Islam, vom Christentum oder von Scientology erschaffen wurde, sondern von begabten und klugen Menschen, die ihrer jeweiligen geisttötenden religiösen Umgebung große Werke als Huldung an Gott/Allah/L. Ron Hubbard untergejubelt hatten. “Der” Islam macht eigentlich gar nix, nix Gutes und nix Schlechtes, das machen alles die Menschen. Und wenn der Islam oft sehr befremdlich bösartig wirkt, dann ist auch das nicht seine Schuld, sondern die von denen, die ihn so auslegen, wie es ihnen in den unterdrückerischen Kram passt. Denn natürlich steht im Koran wie in allen anderen “heiligen” Büchern alles und sein Gegenteil.

Man kann selbstverständlich “den” Islam schlecht finden und ablehnen. Dafür gibt es ebenso viele gute Gründe wie bei jeder anderen Religion. Was man nicht darf, ist Menschen herab zu würdigen, die zufälligerweise Muslime sind. Wie in jeder anderen Gruppe sind auch unter Muslimen die Hetzer und Fanatiker eine Minderheit, wie bei jeder anderen Gruppe will auch die absolute Mehrheit der Muslime einfach nur in Frieden leben, ihre Kinder großziehen und neue Smartphones kaufen. Der Islam hat da auch gar nix dagegen, denn der ist ebenso flexibel wie jede andere Religion. Islam geht auch ohne Kopfabhacken und Frauenverhüllen und Fusselbart. Die meisten Muslime haben kein Interesse an heiligen Kriegen da sie wissen, dass ein Krieg nur sehr selten heilig sein kann. Die wollen auch keine islamische Weltherrschaft oder ähnlichen Unsinn, die wollen, falls überhaupt, freitags in die Moschee gehen und danach den Imam zum Essen einladen, um über eine Hochzeit, ein Begräbnis oder sonst ein menschliches Ereignis zu reden, das eines religiösen Zuckergusses bedarf. Diese Leute muss man nicht nur vor den Rassisten und Kulturchauvinisten schützen, sondern auch versuchen, sie für eine gemeinsame Sache zu gewinnen. Für Demokratie und Menschenrechte zum Beispiel. Denn so wenig ich auch wirklich über “den Islam” weiß und sagen kann, eines scheint mir sicher: Ohne diese Freitags-Muslime, diese Geburtsschein-Moslems, ohne die stille Mehrheit der Kinder Allahs werden wir den Kampf gegen die religiösen Eiferer nicht gewinnen können.

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Teufelskreise

Es fällt nicht leicht, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn man im Fernsehen bei “Hart aber Fair” den salafistischen Prediger Hassan Dabbagh sieht mit seinem mit Henna gefärbtem Bart und seinem Ethno-Dress und man ihm dabei zuhört, wie er verkündet, er gebe Frauen selbstverständlich nicht die Hand. Da kriegt man eine Wut und im Kopf fängt ein Film an, der all das Schreckliche, das in den vergangenen Jahrzehnten im Namen des Islam über die Welt kam, abspielt. Man sieht die einstürzenden Türme des World Trade Center, die afghanischen Fußballstadien, in denen die Taliban Frauen abschlachteten, die Galgen für Schwule im Iran, die öffentlichen Hinrichtungen in Saudi Arabien, die Massengräber aus dem algerischen Bürgerkrieg der 90er Jahre… es könnte ein sehr langer Film werden. Es gibt nichts zu deuteln: Große Teile des Islam stehen derzeit für Barbarei, Zerstörung, Unterdrückung und Tod. Und wir, wir fuchteln mit Ausschimpffingern, an denen das Blut von sechs Millionen Juden noch kaum getrocknet ist und die wir jeden Tag erneut in frische Blutlachen tunken, die von den sich immer höher stapelnden Leichenbergen stammen, die unsere Kriege, unsere Flüchtlingspolitik und unser Wirtschaftssystem weltweit hinterlassen. Politiker, die gut schlafen können, obwohl sie Schreibtischmörder sind, erklären mit ernster Mine, dass die Gräueltaten des “Islamischen Staates” nun wirklich zu weit gingen. Es sind Politiker, die das Kopfabschneiden durch den IS ganz fürchterlich finden, aber kein Problem damit haben, wenn das Kopfabschneiden auf den Marktplätzen von Saudi Arabien stattfindet. Diese Grundverlogenheit ist es, die letztlich jede Glaubwürdigkeit des westlichen Systems zerstört. Viele junge Muslime in Europa und in den USA erkennen dies und können damit nicht mehr umgehen. Sie werden daran irre, und sie sind natürlich nicht die Einzigen. Organisationen wie der IS bieten denen dann einen Ausweg aus der Verwirrung an, ein ganz klares Gut-Böse-Schema und ganz einfache Lösungen. “Sobald die Ungläubigen alle tot sind, wird deine Seele wieder gesund sein”, lautet das Versprechen. Rechtsextreme Bewegungen und Parteien, die den Islam zum Feindbild erkoren haben, haben ein ganz ähnliches Versprechen im Gepäck. “Sobald alle Muslime abgeschoben wurden, wird es uns wieder gut gehen”. Zwischen diesen beiden Faschismen, die die Welt in einen Kulturkrieg stürzen wollen, wird der Platz immer enger, da er denen freiwillig überlassen wird. Daran sind viele schuld. Faule Politikerinnen, die es sich mit keiner Gruppe verscherzen wollen. Verblödete Antiimperialisten und “Critical Whiteness”-Aktivistinnen, für die ein Nicht-Europäer niemals faschistisch sein kann, auch dann nicht, wenn er Juden ins Gas und Frauen auf den Sklavenmarkt schicken will. Hysterische Medien, die eine verengte Negativberichterstattung betreiben. Und viele andere mehr. Derweil sorgt die Zuspitzung und Vereinfachung dafür, dass  immer mehr Muslime in Europa rassistische Ausfälle und Hass zu spüren bekommen, was wiederum bei einigen dazu führt, sich zu radikalisieren. Teufelskreise werden da geschmiedet.

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Ciao, Zivilisation

Ein belgischer Häftling, der wegen Mordes und Vergewaltigung seit 20 Jahren einsitzt, erstreitet sich das Recht auf ärztlich assistierten Selbstmord. In Belgien darf sich jeder umbringen lassen, der “unterträgliche Qualen” leidet. Dies sei bei dem Gefangnen der Fall, so ein Gericht. 15 weitere Gefägnisinsassen haben sich bereits nach der Todesspritze erkundigt. Die Leserinnen und Leser des “Spiegel” sind sehr erfreut über diese Entwicklung.

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Aggressives Betteln

Liebe Leserinnen und Leser

Hiermit bitte ich Euch/Sie um Geld. Wer kann und mag, möge mir bitte über den Spenden-Button was zukommen lassen, denn mir steht eine ganze Reihe von unerwarteten Kosten ins Haus, die ich ohne Hilfe nicht bewältigen werde können. Ich habe nicht die geringste Lust, beim Sozialamt vorstellig zu werden und auch nicht bei der Caritas. Ich denke aber, dass dieser Blog, der im Sommer übrigens vom Branchenmagazin “Extradienst” und dessen Lesern und Leserinnen zum zweitbesten Österreichs gewählt wurde, die eine oder andere Spende wert ist. Ich würde nicht fragen, wenn es nicht brennen täte. Danke im Voraus an alle, die den einen oder anderen Euro entbehren und mir zukommen lassen können.

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Wursteln gegen den Dschihad

Die österreichische Bundesregierung hat unter der Führung der ÖVP ihr nicht allzu großes Gehirn angeworfen und ein “Maßnamenpaket gegen IS-Terror und andere Organisationen” vorgestellt. Das sieht so aus, wie man es von konservativen Politikerinnen erwarten darf: Der Verhetzungsparagraf soll verschärft werden und schon dann greifen, wenn vor weniger als 150 Menschen gehetzt wird, allerlei Fahnen und Symbole sollen verboten werden, die Polizei kriegt mehr Geld und Befugnisse und Jugendliche sollen nicht mehr ohne schriftliche Erlaubnis eines Erziehungsberechtigten ausreisen dürfen. Weniger Freiheit und mehr Polizeistaat ist alles, was ihnen einfällt, was ihnen einfallen kann, denn echte Antworten haben sie nicht, dürfen sie nicht haben, da diese wohl der eigenen Ideologie widersprächen.

Verbote und Drohungen werden keinen jungen Menschen davon abhalten, den Dschihad toll zu finden, wenn der ihm etwas bietet, das die westlichen Gesellschaften ihm nicht bieten wollen, die Perspektive auf eine echte Veränderung nämlich und auf einen Sinn im Leben. Wer bestenfalls darauf hoffen darf, durch viel (Aus)Bildung und artiges Wohlverhalten einen Job als Manager einer Burgerbude, als Versicherungsverkäufer oder PR-Schreihals zu kriegen, meist aber eine Karriere als  Putzfrau, Handyzusammenbauer und Taxifahrer vor sich hat, der kriegt große Ohren wenn ihm einer was vorredet von einer ganz anderen Welt, vom Umsturz aller Dinge und von einem Leben in Harmonie mit dem lieben Gott. Außer radikalen Islamisten hat ja keiner mehr etwas Vergleichbares im Angebot, es ist ja alles nur mehr ein weltanschaulicher Ramschladen, in dem ein Produkt dem anderen gleicht. Konservative, Sozialdemokraten, Grüne, bürgerliche Rechte und Liberale – sie alle vertreten die Alternativlosigkeit dieser Realität. Außer winzigen linken und rechten Sekten sind sich alle darin einig, dass es nun mal die natürliche Ordnung der Dinge sei, dass die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden müssen, dass es keinen Sinn im Leben gibt, außer Geld zu verdienen und sich jedes Jahr ein neues Smartphone zu leisten. Wenn in so einer Realität einer kommt und Sinn verkauft, hat er bald viele Kunden.

Die bürgerlich-liberalen Parteien setzen alle aufs Weiterwursteln. Keine großen Würfe sind geplant, keine Perspektiven, keine anderen Angebote außer vielleicht noch drei Abendkurse und zwei halbärschige Bildungsreformen. Sie haben keine Antworten auf die Krise der Ökonomie und der Gesellschaft. Alles, was ihnen noch einfällt, ist, Gefängnisse zu bauen und die Strafgesetze zu verschärfen und auszuweiten. Ähnliches hatten wir schon einmal, im Europa der späten 20er und frühen 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Als eine Wirtschaftskrise die Leben von Millionen zerstörte, tat man in Europa nichts und setzte auf eine rigide Austeritätspolitik. In den USA kam der New Deal, ein gewaltiges Programm zur Förderung von Nachfrage und der sozialen Sicherheit. Europa wurde faschistisch, die USA nicht. Heute sehen wir Vergleichbares. Statt die Lebensbedinungen zu verbessern und den Menschen vor allem eine Perspektive und einen Sinn zu geben, wird “gespart”. Man verschärft Gesetze aus Angst vor der Radikalität, deren Attraktivität man selber mit zu verantworten hat.

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Total irre

Psychische Erkrankungen nehmen rasant zu und gelten mittlerweile als häufigster Grund für Krankenstände, Arbeitsunfähigkeit, Suizid und Kostenanstieg im Gesundheitssystem. Betroffenen wird geraten, möglichst frühzeitig Hilfe zu suchen und sich an Psychiater, Psychologinnen oder psychiatrische Kliniken zu wenden. Das wäre richtig und sinnvoll, wären damit nicht unabschätzbare Risiken verbunden, vor denen zu warnen leider verabsäumt wird. Wie die Dinge derzeit liegen, kann man Menschen mit seelischen Problemen nur davon abraten, sich zu outen und Ärzten anzuvertauen, denn hat man einmal den Stempel mit der Aufschrift “psychisch krank” in der Akte, riskiert man nicht nur Stigmatisierung und Ausgrenzung, sondern noch viel mehr, seine Menschenrechte und seine Freiheit nämlich. 

Ich las gerade eine Story in der Nordwest Zeitung. In der deutschen Stadt Cloppenburg begeht ein junger Mann eine Serie von Diebstählen. Er knackt Umkleidekabinen auf und entwendet Handys. Eigentlich ein klarer Fall für das Gericht. Mehrere Einbruchsdiebstähle ergeben mehrere Monate Haft. Falls der Täter unbescholten ist, bedingt auszusprechen. Der Handydieb in Cloppenburg leidet aber an Schizophrenie, was ihm zum Verhängnis wird. Ein Psychiater wird hinzugezogen und unterstellt, dass “weitere schwerwiegende Taten” zu erwarten seien. Das Gericht sieht eine “Gefährdung der Allgemeinheit” und verhängt eine zeitlich unbegrenzte Unterbringung des jungen Mannes in der forensischen Psychiatrie. Für das Klauen einiger Mobiltelefone verliert der bedauernswerte Mensch nun vielleicht für immer, sicher aber für viele Jahre seine Freiheit. Korrektur: Nicht wegen der Diebstähle wird er eingesperrt, sondern für Taten, die er nie begangen hat, aber laut Gutachtermeinung vielleicht begehen könnte

Es ist Standard geworden, Menschen mit psychiatrischen Vorgeschichten aus dem allgemeinen Rechtsstaat auszusperren. Was einst gut gemeint war, nämlich psychologische und psychiatrische Aspekte bei der Schuldfindung und der Urteilsbemessung zu berücksichtigen, ist zu einem reinen Wegsperrsystem verkommen, zu einem, man muss es so hart ausdrücken, Terror-Instrument, das immer öfter dazu benutzt wird, die Gesellschaft von “Störenfrieden” zu säubern. Und keiner soll meinen, das beträfe “nur” schwere Formen psychischer Erkrankungen. Den Gerichten und den Gerichtspsychiatern ist es reichlich egal, ob in der Akte “paranoide Schizophrenie mit halluzinatorischem Wirklichkeitsverlust” oder “Depression” steht. Vorgegangen wird nach dem Maßstab “irre ist irre”. Wer in psychiatrischer Behandlung war oder ist, egal weswegen, muss damit rechnen, wegen Bagatelldelikten bestraft zu werden wie ein Schwerverbrecher. Sogar schlimmer als ein Schwerverbrecher, denn der kann sich in etwa ausrechnen, wann er wieder frei sein wird. Wer aber im “Maßnahmenvollzug” landet, also in der Irrenanstalt für “geistig abnorme Rechtsbrecher”, wird jeder Rechtsssicherheit beraubt und kann, wenn die Ärzte das wollen, dort für immer festgehalten werden. Etwas Schlimmeres und Inhumaneres ist kaum vorstellbar. 

Neben dieser akuten Gefahr riskieren Menschen, die sich wegen psychischer Probleme behandeln lassen, auch die Entmündigung. Die heißt zwar nicht mehr so, wird aber umso häufiger verhängt. Immer öfter verlieren Menschen große Teile ihrer Rechte, weil sie zB im Streit um´s Sorgerecht für Kinder, im Zuge von Erbschaftskonflikten oder einfach nur aus Bosheit als “verrückt” denunziert werden und willfährige Gerichte diese Leute unter Sachwalterschaft stellen. Zehntausende leben inzwischen als besachwaltete Menschen zweiter Klasse, die bei Anwälten oder Notaren, die ihre Bankonten ebenso unter Kontrolle haben wie die Entscheidung über Wohnsitz und Arbeitsplatz, um Taschengeld betteln müssen. Mit der Ausrede, helfen zu wollen, infantilisiert ein Apparat aus Sozialarbeitern, Richtern und Psychiatern immer mehr Leute aus immer geringfügigeren Anlässen. Oft reicht es bereits, alt und dadurch ein wenig langsamer als ein 20-Jähriger zu sein, um Teilen seiner bürgerlichen Freiheiten verlustig zu gehen. 

Einerseits ratifizieren die Regierungen Behindertenkonventionen der UNO und setzen langsam das Konzept der Inklusion durch, andererseits haben sie alle Fortschritte, die zB durch die Psychiatriereformen erreicht wurden, mittels der Psychiatriesierung des Strafrechts wieder rückgängig gemacht. Einerseits predigen sie frühzeitige Behandlung und Enttabuisierung psychischer Krankheiten, andererseits haben sie ein System aufgebaut, das Angst und Schrecken verbreitet und psychisch auffällige Menschen mit Entmündigung und sogar Einkerkerung bedroht. Einerseits reden sie alle davon, der immer weiter steigenden Zahl seelischer Erkrankungen durch Vorsorge und Behandlung zu begegnen, andererseits lassen sie die psychiatrischen Kliniken sträflich unterfinanziert, was dann zu skandalösen Vorgängen wie der Fesselung von Patientinnen und zur Unterbringung in Schlafsälen führt. Das passt alles nicht zusammen. 

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