“Persepolis”: Die achtjährige Marjane, Tochter einer politisch links stehenden Familie, erlebt mit, wie im Iran der Schah gestürzt wird. Sie ist ein Kind mit ausgeprägter Fantasie und hält auch schon mal Zwiesprache mit Allah, der sie als “nächste große Prophetin” auserkoren hat. Ihre Eltern schöpfen nach der politischen Wende Hoffnung, und als dann auch noch ihr Onkel aus dem Gefängnis entlassen wird, scheint es für kurze Zeit so, als sei tatsächlich ein demokratischer Wechsel möglich. Dieser Onkel macht sie auch erstmals in kindgerechter Form mit dem Marxismus bekannt und ist neben der anarchistisch angehauchten Großmutter ihre zweite große Inspirationsquelle. Doch dann übernehmen die Mullahs die Macht und eine Welle der Repression bricht über das Land herein, gegen die sogar das Schah-Regime harmlos war, oder, wie es die kleine Marjane im Klassenzimmer im Streit mit ihrer islamistischen Lehrerin ausdrückt: “Unter dem Schah gab es 3.000 politische Gefangene, jetzt sind es 300.000″. Dann wird ihr geliebter Onkel verhaftet und hingerichtet, wie so viele andere Kommunisten und Sozialdemokraten, was bei dem mittlerweile 13jährigen Mädchen dazu führt, dass sie von Gott nichts mehr wissen will und dessen Gesprächsangebote brüsk zurückweist. Wenig später greift der Irak den Iran an und zu den Gängeleien der Religionsfaschisten kommt auch noch der Kriegshorror hinzu. Marjanes Eltern beschließen, dass ihre Tochter im Iran keine Zukunft hat, und schicken sie nach Wien, wo sie das französische Gymnasium besuchen soll. Dort findet sie unter dem internationalen Publikum der Schule zwar rasch Freunde und gibt sich einem Leben als Nachwuchsbohemien inklusive endloser Gespräche über Anarchismus und viel Cannabiskonsum hin, doch sie bleibt mit ihren bedrückenden Erfahrungen aus ihrer Heimat alleine. In dieser Zeit wird sie körperlich zur Frau und macht sexuelle Erfahrungen, und als sie einen Wiener Undergroundschriftsteller kennenlernt, meint sie, die große Liebe gefunden zu haben. Doch der Kerl entpuppt sich leider als grober Fehlgriff, der sie bei der ersten Gelegenheit mit einer anderen betrügt, was Marjane in eine tiefe Depression stürzt, die sie fast das Leben kostet. Sie lebt als Obdachlose in den Tag hinein und wird in einer Winternacht in letzter Minute vor dem Erfrieren ins Krankenhaus gebracht. Ihre Eltern holen sie daraufhin heim nach Teheran, doch die Depression sitzt tief und die junge Frau kann sich zu nichts mehr aufraffen. Bis ihr eines Tages wieder Gott erscheint, und diesmal hat er seinen Kumpel Karl Marx dabei. Die beiden fordern Marjane auf, wieder in die Gänge zu kommen, was sie auch tut. Sie geht los und schreibt sich in der Teheraner Universität ein, doch obwohl der Krieg mit dem Irak vorbei ist, hören die Repressalien des Regimes nicht auf und nach wenigen Jahren stellt unsere Protagonistin fest, dass sie das Land für immer verlassen muss, wenn sie ein selbstbestimmtes Leben führen will…
Wenige Filme haben mich in jüngster Zeit dermaßen beeindruckt wie dieser. Und das liegt durchaus nicht nur an der großartigen Geschichte, sondern auch am Animationsstil. Der erinnert ein bisschen an Art Spiegelmanns “Maus”-Comics und an den deutschen Expressionismus, ist aber nicht so düster. Auch ein klein wenig Robert Crumb-Einfluss kann man erkennen, vor allem in den komischen Momenten. Höchst erfrischend fand ich, dass hier das klerikalfaschistische Regime nicht aus der Sicht eines “Westlers” kritisiert wird, sondern aus jener einer jungen Iranerin, deren Familie ihr politische Weltsichten vom Liberalismus bis zum Kommunismus mitgegeben hatte. Für viele westeuropäische Linke, die sich nicht zu blöd sind, mit Klerikalfaschisten zu paktieren, dürfte der Film entsprechend unangenehm sein, wird doch an mehr als einer Stelle deutlich gemacht, dass vor allem die iranische Linke unter dem Regime leidet. Das zeigte sich übrigens in den Besprechungen: Während fast alle “bürgerlich-liberalen” Medien den Film lobten, gab es in der nationalbolschewistischen “Jungen Welt” einen Verriss. Ein Zeichen dafür, wie sehr manchen Linken schon ein moralisches Koordinatensystem abhanden gekommen ist. In Cannes wurde Persepolis mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, wogegen der Iran erwartungsgemäß protestierte. Im Libanon gab es von der pro-iranischen Hisbollah Bombendrohungen gegen Kinos, die den Film zeigten.
Fazit: “Persepolis” ist einer der wenigen Filme, denen ich ohne Bedenken die Prädikate “wichtig und sehenswert” verleihe. Der Streifen ist politisch höchst relevant und dennoch durchwegs unterhaltsam. Einer jener Filme, die man gesehen haben MUSS. Gute 9/10.
ps: Als Österreicher, der lange in Wien gelebt hat, fand ich es mal wieder faszinierend, wie sehr es Ausländern auffällt, dass diese Stadt wirklich ein Hort von Neurotikern und Arschlöchern sondergleichen ist…