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Nekrophile Mordlust, getarnt als Gnade

Ich bin ein Gegner der Euthanasie, der euphemistisch “Sterbehilfe” genannten Ermordung kranker Menschen, und ich habe schon mehr als einmal deutlich argumentiert, warum ich das bin. Mit so einer Haltung steht man rasch alleine da in einer Gesellschaft, in der es bis weit hinein in linke, liberale und grüne Zusammenhänge als schick und progressiv gilt, für ein “selbstbestimmtes Sterben” einzutreten, als wäre der Tod bloß eine weitere Entscheidung unter vielen, so wie die zwischen Apple und PC oder Dachgeschosswohnung in Citylage und Einfamilienhaus am Land. Befürworterinnen des legalisierten Mordens beteuern natürlich stets, sie hätten allein die reine Gnade und Liebe für Menschen, die an unerträglichen Schmerzen leiden, im Sinn, nie böse ökonomische Hintergedanken. Und man brauche bloß ganz doll strenge Regelungen schaffen, damit kein Missbrauch geschähe. So wie in den Niederlanden, dem Utopia der Ahnderlvergifter. Ganz streng sei dort das legale Umbringen geregelt, hörte man. Dann ließen die Niederländer zu, dass das Morden auf angeblichen Wunsch der Ermordeten auf Menschen mit seelischen Beschwerden ausgedehnt wurde. Und nun, wenige Jahre später, denkt man in Holland daran, die Überlebenswürdigkeit von Menschen an die Dicke ihrer Brieftaschen zu koppeln. Die “Welt” berichtetUnter den Ärzten unseres Nachbarlandes bildet sich derzeit eine Mehrheit, die sich für eine Obergrenze von Behandlungskosten ausspricht. Ob es sich bei schwer Erkrankten lohnt, medizinische Maßnahmen einzuleiten oder fortzusetzen, soll in Zukunft vor allem eine Frage des Geldes sein. Teure Therapien werden tabu, wenn der Aufwand dem Patienten vielleicht “nur” ein weiteres Lebensjahr schenken würde.

Nur ein weiteres Jahr. In dem sich alles ändern kann. In dem eine neue Therapie zugelassen werden könnte. In dem der Mensch am Leben ist statt tot. “Nur ein Jahr”, denkt der, der meint, noch ewig leben zu dürfen. Für den Kranken kann ein Jahr alles sein, doch der zählt nicht mehr. Die Kosten zählen und des Kranken Bankkonto zählt. Für die, die sich eine weitere Behandlung nicht leisten können, steht die angeblich erlösende Todesspritze bereit. Das ist die Gnadenhaftigkeit eines Kapitalismus, der zum Faschismus degeneriert. Das ist Naziideologie in moderner Verkleidung. Das ist ein Angriff auf die Zivilisation. Zu harte Worte? Ich denke, man kann es gar nicht hart genug formulieren. Wenn das in den Niederlanden durchgeht, wenn also dort demnächst Menschen aus Kostengründen die medizinische Behandlung verweigert wird bei gleichzeitiger legaler Euthanasie, dann sind die Tore weit offen, dann kommen demnächst wieder die Behinderten in die Mordlager, dann muss jeder, der Kosten verursacht statt Gewinn abzuwerfen, mit seiner “Erlösung” rechnen. 

Wie rasend schnell sich Europa re-barbarisiert konnte man spätestens zu Beginn der Ukraine-Krise erkennen, als auf der einen Seite ranghöchste Politikerinnen der EU und der USA mit Neonazis flirteten und auf der anderen Seite eine völkische, klerikal unterfütterte panslawistische Retrobewegung rasant Fahrt aufnahm. Wer nichts dabei findet, mit waschechten Faschisten zu paktieren, der signalisiert, dass er mit dem Faschismus kein Problem hat und ihn als mögliche Krisenpanzerung des Kapitalismus akzeptiert. Wer weiters kein Problem mit Ungarn hat, wo die Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfängerinnen eingeführt wurde, signalisiert, was er alles für denk- und machbar hält in der Europäischen Union. Wer die Sterbehilfe legalisiert und gleichzeitig über Kostenbegrenzungen bei der Krankenbehandlung redet, signalisiert, dass es Kranken und Behinderten bald an den Kragen gehen wird. Langsam, aber stetig wird eine zivilisatorische Errungenschaft nach der anderen wieder einkassiert auf diesem Kontinent, der der reichste der Welt ist. Und es ist, wie es schon einmal war: Wir schauen zu und lassen uns das gefallen. Es trifft ja nur die anderen, es könnte schlimmer sein, es wird schon nicht so arg werden, reden wir uns ein. Irgendwann ist dann der Nachbar verschwunden. Weil er zu krank und zu teuer war, weil er behindert war, weil er arbeitslos war, weil jemand beschlossen hat, dass er ein Schädling sei, der aus dem Volkskörper entfernt werden müsse. So wie schon einmal geschehen schauen wir zu, eingeschüchtert von einem zum furchteinflößenden Monster aufgebauten Überwachungs- und Unterdrückungsapparat, in der Lethargie eines digitalen Scheinaktivismus eingelullt, im dunklen Wald pfeifend: “So schlimm wird es nicht”.  Dabei rasen wir auf den zweiten Zivilisationsbruch binnen weniger als 100 Jahren zu, und es sind nicht irgendwelche muslimischen Horden, die das vorantreiben, sondern wir sind es mit unserer als Mitleid getarnten nekrophilen Mordlust und unseren Kassenbüchern, in denen wir Menschen in den Kategorien wert und unwert, rentabel und unrentabel führen. 

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Eine Wurst gegen Intoleranz

Conchita Wursts Triumph beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen war einer dieser raren Momente in denen man spürt, dass sich etwas grundlegend verändert, dass die Welt sich ab genau diesem Zeitpunkt ein wenig anders drehen wird als bisher. Wursts Erfolg ist nicht nur für LGBT-People ein Grund zum Feiern, sondern für alle Menschen, die von der sogenannten Norm abweichen, ob freiwillig oder unfreiwillig, und die deswegen Diskriminierung erfahren. Die Jugend Europas, die hier hauptsächlich abstimmte, hat ein Zeichen gesetzt für Toleranz und Akzeptanz und gegen die Normierer und Ausgrenzer, auch eines für Vielfalt und gegen Uniformität. Es ist eine Jugend, die nicht mehr einsieht, weshalb Menschen ein Leben lang nur eine einzige Identität haben sollten und warum es schlecht sein sollte, wenn man sich auch mal für etwas anderes entscheidet als nur für das, was Biologie, der Zufall des Geburtsortes und die kulturellen Vorstellungen der Gesellschaft vorgegeben haben. Diese Jugend stimmte für die Freiheit des Individuums, abweichen zu dürfen, anders sein zu dürfen, und sie stimmte gegen den Hass und die Angst derjenigen, die das Andersartige und Fremde gerne einsperren, pathologisieren oder gar vernichten wollen. Indem die jungen Leute zwischen Hammerfest und Tel Aviv einen bärtigen Travestiekünstler zur Siegerin des Songcontest wählten, verabreichten sie dem reaktionären faschistoiden Gesindel dieser Erde, das Hass und Intoleranz verbreitet, eine saftige Ohrfeige, und die Backen reiben sich nun verwundert Wladimir Putin, die Svoboda-Partei und der Rechten Sektor in der Ukraine, Viktor Orban, Heinz Christian Strache, Marine Le Pen, Akif Pirincci und Jürgen Elsässer, die iranischen Mullahs, die Islamisten überall, etliche katholische Bischöfe sowie Faschisten und Nazis auf der ganzen Welt.

Die meisten derer, die für Wurst votierten, mögen vielleicht kein umfassendes politisches Konzept haben, ja nicht mal ein kapitalismuskritisches Bewusstsein, aber sie haben den Anmaßungen jener autoritären Herrschaften, nach deren Vorstellungen der Mensch sich bis zur geschlechtlichen Identität hin von hegemonialer Kultur und Staat kontrollieren lassen müsse, auf dass er viele zukünftige Arbeiter, Soldaten und Konsumenten produziere, eine Abfuhr erteilt. Aber hier wurde keineswegs nur gegen etwas gestimmt, hier wurde auch für Lebensfreude votiert, für ein Leben, das mehr sein kann als bl0ß eine möglichst angepasste Existenz in engen Schranken. Die, die darauf nun erneut mit Hass erfüllten Leserbriefen und Tweets reagieren, machen das auch deswegen, weil sie wissen, dass Conchita für etwas steht, das sie sich selbst versagen, nämlich für die Überwindung Geschlechts bezogener Ängste, die nach wie vor Millionen Menschen ein erfülltes (Sexual)Leben verunmöglichen. Diese Hasser sind Charaktere, die sich selbst zu Opfern ihrer eigenen moralischen Verklemmungen machen, darunter leiden und daraus nicht etwa den Schluss ziehen, das, was das Leid verursacht, zu überwinden, sondern möglichst viele andere Menschen ebenfalls leiden zu lassen. Im Zeichen von “Normalität” und “Gesundheit”. Was ich aus dem Kopenhagen-Ereignis herauslese, ist in etwa das: “Nicht wir, die wir anders sind als die tatsächliche oder angebliche Mehrheit, sind die Kranken und die Freaks, sondern ihr seid es, die ihr das, was ihr mit eurem begrenztem Horizont als normal anseht, auf alle anderen Menschen ausdehnen wollt”.

Natürlich darf man bei aller Euphorie nicht vergessen, dass wir mitten in einem weltweitem Kampf zwischen reaktionären und fortschrittlichen Kräften stehen. LGBT-People  werden in vielen Ländern bis hin zu Freiheitsentzug und – oft auch staatlichem – Mord verfolgt und unterdrückt. Deren Rechte sind, wie auch jene der Frauen, durch die weitere Verbreitung fundamentalistischer Islamvarianten, durch eine Renaissance der politisierenden christlich-orthodoxen Kirche in Russland und Osteuropa, durch ultra-reaktionäre Gesetzgebungen in Afrika und durch die Wiederkehr extrem rechter Politik in Westeuropa in unmittelbarer Gefahr. Auch für heterosexuelle Menschen mit psychischer Andersartigkeit drohen massive Rückschritte, und zwar durch das Rentabilitäts-Dogma einer zunehmend radikaler werdenden Marktwirtschaft. Es wäre schön, wenn nach dem Feiern all jenen, die immer noch auch hier, mitten in Europa, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung kämpfen, klar wird, dass sie am selben Strang ziehen, denn die, die LGBT-Leute hassen, sind meist dieselben, die auch Frauen unterdrücken und seelisch Beeinträchtigten die vollen Menschenrechte absprechen.

Kurzer Nachtrag: Israel vergab an Conchita Wurst die volle Punktzahl, die von der islamisch-konservativen AKP regierte Türkei zog es vor, am Eurovision Song Contest gar nicht erst teilzunehmen. Das sagt etwas darüber aus, mit welchen kulturellen Vorstellungen sich die beiden Länder identifizieren und mit welchen nicht. Die Europäische Union sollte darauf reagieren, statt Israel mit Boykottdrohungen zu ärgern. Israel will offensichtlich zu einer Wertegemeinschaft, in der andersartige sexuelle Identitäten akzeptiert werden, dazugehören, die Türkei nicht.

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Waffengebrauch

Der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl ließ heute im Ö1-Morgenjournal durchblicken, dass er sich durchaus vorstellen könne, lästige Demonstrantinnen einfach abzuknallen. “Die Frage ist, ob man diesen Gewalttaten entschiedener entgegentreten hätte müssen, ob man nicht, anstatt zu versuchen zu deeskalieren, bereits mit Waffengebrauch entgegentreten hätte müssen”, sagte der Herr Präsident. Im Jargon der Polizei ist mit Waffengebrauch stets der Schusswaffengebrauch gemeint. Tränengas, Gummiknüppel, Wasserwerfer, Elektroschocker usw. werden in diesem Jargon als “gelindere Mittel” bezeichnet. Während die Führungsriegen der nicht rechtsextremen Parteien zusammen mit liberalen Journalistinnen und Aktivisten brav das von FPÖ und Boulevardmedien geregelte Spiel des großen Distanzierens von 8.000 antifaschistischen Demonstranten, unter denen sich auch ein paar Randalierer befanden, mitspielen, lässt jener Polizeichef, der für den missratenen Einsatz der Sicherheitskräfte verantwortlich ist, Erschießungsfantasien freien Lauf. Er macht dies am 80. Jahrestag der Morde von Schattendorf, wo am 30. Jänner 1927 Faschisten einen  Mann und ein Kind erschossen. Er tritt nicht zurück und keine Politikerin, kein Zeitungskommentar fordert bislang seinen Rücktritt. Ich bin kein Freund des “Schwarzen Blocks” und ich lehne Gewalt ab, aber gegen Leute, die ein paar Scheiben einschlagen, mit Schusswaffen vorgehen zu wollen, wäre nicht nur abenteuerlich unverhältnismäßig, es wäre kriminell. Das wäre Staatsterrorismus schlimmster Sorte.

Äußerungen wie jene Pürstls und die bereitwillige Übernahme des rechtsextremen Narrativs von den bösen Gewaltdemonstrantinnen und den harmlosen Burschenschaftern durch fast die gesamte Politik- und Presselandschaft zeigen ebenso wie die Kriminalisierung von Aktivistinnen, welche die neue Europäische Ordnung der autoritären Postdemokratie samt mörderischem Außengrenzenregime, mörderischer Austeritätspolitik und der zunehmenden Verschiebung jeder fundamentalen Systemkritik ins Strafrecht noch nicht verinnerlicht haben, dass die Zeit der relativen Freiheit in Europa zu ihrem Ende kommt. Dass, dies sei am Rande bemerkt, jene EU-Staaten, die zusehends autoritär gegen innere Kritikerinnen und jene, die ihre oft genug menschenfeindlichen Realpolitiken nicht akzeptieren, vorgehen, gleichzeitig Nicht-EU-Staaten wie der Ukraine vor mit Menschenrechtsfloskeln nur so klingelnde Ratschläge erteilen, ist doppelt kein Widerspruch. Einerseits ist die Menschenrechtslage in vielen kritisierten Ländern ja tatsächlich bedenklich, andererseits wurde das Eingreifen kolonialer Mächte in die Belange zur Ausbeutung vorgesehener Regionen immer schon mit besten Absichten behübscht.

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Zustände und Distanzierungen

Seit Tagen grassiert unter Österreichs Links- und Irgendwieliberalen eine Krankheit, die man kennt, seit sich die frühen Marxisten in Revolutionärinnen und Reformer aufgespalten hatten: Die Distanziereritis. Weil unter den 8.000 Menschen, die gegen den WKR-Ball in Wien demonstrierten, auch rund 300 waren, die ein bisschen im internationalen Vergleich eh recht braven Krawall geschlagen haben, treten nun reihenweise die Pseudomoralapostel und Wächterinnen über die absolute Gewaltfreiheit auf und fordern von denen, die gegen Faschismus und Rechtsextremismus auf die Straße gingen, Lossagungen und Rechtfertigungen. Die grüne Parteichefin Eva Glawischnig gibt, das dürfte der “Krone” gefallen, die autoritäre Mama, die die grüne Jugendorganisation nicht nur ausschimpft, sondern gar mit Rausschmiss bedroht, sollte die sich nicht raschest von den  “Anarchos” distanzieren, und Journalistinnen und Publizisten wie Robert Misik, Armin Wolf und Florian Klenk hauen Kommentar um Kommentar, Tweet um Tweet und Facebookstatus um Facebookstatus raus, als hätte gerade ein linksextremes Terrorkommando ihre Redaktionen in die Luft gesprengt statt ein paar Blumentröge zerdeppert, immer “die Linke” auffordernd, sich gefälligst klar ablehnend zu den “Gewaltexzessen” zu äußern. Es wird so getan, als hätten  die 8.000 geklatscht, als die 300 kurz Randale spielten, und es wird suggeriert, Gewalt sei immer und unter allen Umständen abzulehnen. Das ist falsch.

Ich persönlich finde die wenigen illegalen Aktionen bei der diesjährigen WKR-Demo nicht gut. Ich persönlich denke, dass jeder Einsatz von Gewalt ein Maß von politischem Bewusstsein und strategischer Einschätzungsfähigkeit voraussetzt, das und die ich denen, die am 24. Jänner auf Seiten der Demonstrantinnen Gewalt einsetzten, nicht zusprechen möchte. Ich persönlich meine aber auch, dass die Gewichtungen und Analysen der Glawischnigs und Misiks und Klenks in diesem Land noch viel falscher sind als jene der 300. Diese Leute debattieren, als lebten wir in den 70er Jahren, als es dank der politischen Kämpfe und den der  Systemauseinandersetzung geschuldeten Ängsten des Kapitals mit Menschenrechten, Wohlstand und Zukunftsperspektiven auch für die Unterschichten und Minderheiten in Westeuropa bergauf ging und nicht etwa in den 2010er Jahren, in denen die früher erkämpften oder aus Angst zugestandenen demokratie- und sozialpolitischen Goodies Stück für Stück wieder einkassiert werden. Diese im System gemütlich Integrierten tun so, als wäre alles in Ordnung, als würde das Wünschen noch helfen gegen systemische Krisensymptome die uns anspringen als mörderisches Regime an Europas Außengrenzen, als Todesopfer fordernder Klassenkampf von oben nach unten, als politisch gewollter und geförderter Rassismus, als in allen Teilstaaten Europas erstarkender Nationalismus samt der ihm inhärenten Kriegsgefahr. Und sie ignorieren offensichtlich, dass die extreme politische Rechte in Frankreich, Österreich, Großbritannien und weiteren Staaten kurz vor der Machtübernahme steht, wie sie auch weitgehend schweigen zum in Ungarn bereits Regierungspolitik gewordenen autoritären Rechtskonservativismus. Rechte und Rechtsextreme haben in weiten Bereichen die kulturelle Hegemonie wieder an sich gerissen, denn wie sonst wäre das Schweigen und Kollaborieren ehemals linksliberaler Parteien, Organisationen und Personen zum zusehends autoritärer werdenden Umgang mit den Schwachen, mit ethnischen, gesundheitlichen und sozialen Minderheiten zu erklären? Wer außer Rechtsautoritären kann mit der Schulter zucken, wenn es eine unheimliche Gleichzeitigkeit gibt zwischen der Verschlechterung der Versorgung gesundheitlich Beeinträchtigter und dem Aufflammen von Diskussionen über “Sterbehilfe”? Wer außer Rechtsautoritären findet es gut, wenn die Regierung beschließt, Jugendliche ohne Ausbildungsstelle mit Geldstrafen zu verfolgen? Wer außer Rechtsautoritären kann es schweigend hinnehmen, wenn Menschen, die sich für Migrantinnen und Flüchtlinge einsetzen, vor Gericht gestellt und mit zwei Jahren Haft bedroht werden, weil sie die Arbeit von ehrlichen Fluchthelfern gelobt haben? Wer außer Rechtsautoritären zuckt mit der Schulter, wenn Polizei, Justiz und Politik Flüchtlinge, die sich wehren, gezielt und wider besseren Wissens als Kriminelle darstellen? Wer außer Rechtsautoritären kann es ertragen, wenn Menschen, wie es einem Flüchtling in Klagenfurt geschah, nach politischem Protest gegen ihre Abschiebung in der Psychiatrie zum Krüppel gefoltert werden? Wem außer Rechtsautoritären wird nicht Angst und Bange, wenn er sich die Chronologie tödlich exzessiver Polizeieinsätze der vergangenen Jahre ansieht?

Die Zustände in Europa und speziell in Österreich sind nicht so schön, dass man diejenigen, die sie nicht mehr aushalten und darüber aggressiv werden, zu unmotiviert bösen Störenfrieden stempeln dürfte. So sehr ich persönlich Gewalt meist ablehne, so sehr frage ich mich was in den Köpfen jener falsch gelaufen ist, die in 300 schwarz gekleideten Anarchistinnen, die gegen einen Ball vorgehen, wo Verherrlicher und Verharmloser des Faschismus tanzen, das Problem sehen statt in der zunehmenden Refaschisierung der Gesellschaft? Ich muss den Schwarzen Block nicht mögen, aber ich fürchte ihn auch nicht. Ich fürchte mich vor der Gefühlskälte und der Ignoranz jener, die in Reaktionen auf skandalöse Zustände den Skandal sehen statt in den Zuständen. Die gewaltbereiten 300 mögen vielleicht Deppen sein, und ich mag machohafte Zurschaustellung von Stärke nicht, aber sie sind zumindest noch nicht emotional tot, sie erregen sich noch über das Unrecht, die Not und das Elend.

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Letzte Chance Europäischer New Deal

Es gibt nichts zu beschönigen oder zu beschwichtigen: Die Machtübernahme der Rechtsextremisten ist in fast ganz Europa in Vorbereitung oder sogar im Gange. Und auch dort wo sich das nicht so unmittelbar abzeichnet wie in Frankreich, Österreich oder Ungarn arbeiten demokratische Parteien durch die Zuspitzung kapitalistischer Verhältnisse an Zuständen, die sich vom Faschismus nicht mehr so deutlich unterscheiden, wie sie es sollten. Eine Chance gäbe es noch, das abzuwenden, eine letzte Chance, bevor Marine Le Pen und ihresgleichen die Grenzbalken wieder runterklappen, die Industrien verstaatlichen und letztendlich die Armeen aufeinander hetzen: Ein europäischer New Deal muss her! Alle nicht rechtsextremen Parteien (wie auch die nicht linksextremen) müssten sich europaweit dazu bekennen, dass jeder Mensch ein Recht auf Existenz, Unterkunft, medizinische Versorgung und ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe hat, dass eine europaweite Wohlfahrtspolitik an die Stelle der gegenseitigen Konkurrenz um die niedrigsten Löhne und die schlechtesten Sozialstandards tritt und dass eine solidarische europäische Wirtschaftspolitik den Egoismus vornehmlich deutscher Konzerne und Banken ersetzt. Eine gewaltige Anstrengung, aber eine machbare und lebensnotwendige. Die Kalkulation der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Eliten, wonach man aus Europa eine zweite USA machen könne, wird sich als Fehlberechnung herausstellen. Die Europäer sehen den Klassenkampf von oben nicht als unabwendbares Schicksal oder gar als exzellente Übersetzung der angeblich darwinistischen menschlichen Natur in Politik, sie lesen nicht Ayn Rand und sie werden nicht stillhalten, wenn man ihnen die Lebensgrundlage nimmt. Europäer haben eine Tradition von Gewalt und Krieg und Umsturz, die kein anderer Kontinent hat. Werden sie zu sehr und zu lange bedrängt, wollen sie Blut sehen. Zunächst das Blut von Wehrlosen und Minderheiten, dann jenes von Sündenböcken aus den Eliten und schließlich jenes ihrer Nachbarvölker. Wenn die nationalistische Rechte die EU erst zertrümmert hat, nachdem diese durch soziale Verwüstungen sturmreif geschossen wurde, wird es keine friedliche Rückkehr zum Status ante Brüssel geben, sondern zum Scheitern verurteilte ökonomische Experimente, und nach deren Scheitern das Hervorkramen alter Rechnungen und schließlich militärische Aktionen. Dieses Mal mit nuklear bewaffneten Heeren. Die, die uns derzeit regieren, wollen das nicht sehen. In Österreich dackeln SPÖ und ÖVP Deutschland hinterher. Angela Merkel in Deutschland meint, in ihrem Kurs bestätigt worden zu sein, schließlich hätte sie ja gerade erst Wahlen gewonnen. Sie vergisst, dass es sich um deutsche Wahlen handelte, ihre Politik aber in ganz Europa Menschen betrifft.

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Zeit der Entscheidung

Als ich mich vor einigen Jahren mit einem rassistischen Ungarn wegen dessen Hasstiraden gegen Roma und Sinti stritt, sagte der: “Wart´s nur ab. Sobald die Zigeuner nach Westeuropa kommen, wirst du schon sehen, dass eure Leute sie genauso hassen werden, wie wir es tun”. Er hatte natürlich Recht. Kaum wagten es einige Roma, die als großes Verdienst der EU gefeierte Reise- und Niederlassungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, begegnete ihnen dort, wo sie sich ansiedeln wollten, Hass und Ablehnung. Politiker, gerne auch Sozialdemokraten, taten sich in Frankreich und Deutschland als Mahner wider den “Sozialtourismus” hervor und befeuerten so den Fressneid der Eingesessenen. Ganz schnell wurde klar, dass Reisefreiheit nach Möglichkeit nur für Exportgüter der westeuropäischen Industrie gelten solle, nicht aber für arme Menschen, die dorthin wollen, wo diese Exportgüter hergestellt werden. Ganz besonders schnell und ganz besonders ekelhaft outeten sich Deutsche als Antiziganisten. Das Volk, das Hunderttausende Roma ermordet hatte, gründete Bürgerinitiativen genannte Lynchmobs, sobald sich Roma in einer Stadt ansiedelten, und ließ in Internetforen wie Facebook seinen Mordfantasien freien Lauf. Verstöße gegen deutsche Tugenden wie Mülltrennung, die Erziehung von Kindern zu Schweigsamkeit und die Pflicht Armer, sich demütig unsichtbar zu machen, nehmen Deutsche besonders krumm. Es treibt sie in den Wahnsinn, wenn jemand sich die Freiheit herausnehmen will, mitten in Deutschland anders zu leben, als es die deutsche Mehrheit macht. Im besten Fall fordern die empörten Anrainer sogenannter “Problemhäuser”, also jener Häuser, in denen Roma leben, nur die Deportation der ungeliebten neuen Nachbarn. “Die Politik”, so diese Spießbürger, müsse “was unternehmen”. Ganz Unrecht haben sie mit letzterem gar nicht. Europa hat ein massives und sich täglich zuspitzendes Problem mit den ärmeren Teilen seiner Bevölkerung, und wir stehen genau jetzt an einer Weggabelung und müssen uns entscheiden, welchen Weg wir nehmen wollen.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir den totalen Markt und die totale Konkurrenz haben wollen oder nicht. Wenn wir ersteres wollen, dass also alle europäischen Volkswirtschaften gegeneinander und der europäische Block gegen alle anderen Blöcke konkurrieren, also den Kapitalismus in seiner natürlichen, unkorrigierten Form, dann bringt das zwangsweise die Barbarei mit sich. Wenn alles nur mehr Konkurrenz und Kostenfaktor ist, können sich die konkurrierenden Wirtschaften Menschen, die mehr kosten, als sie einbringen, nicht leisten und müssen sie daher loswerden. Das geschieht üblicherweise durch Mord, dem zumeist noch die Verwertung der zu Ermordenden durch Sklavenarbeit vorausgeht. Das ist kein Ausdruck von Sadismus, obwohl die dazu gehörenden Prozesse der Menschenmaterial-Verwertung natürlich Sadisten und Psychopathen anziehen, sondern die Folge ökonomischer Sachzwänge einer globalen Konkurrenzwirtschaft. Wenn Marktteilnehmer A seine Alten und Kranken durchfüttert, Marktteilenhmer B aber nicht, dann wird Marktteilnehmer B Marktteilnehmer A wirtschaftlich in absehbarer Zeit auslöschen. Natürlich könnte Europa auch sagen: “Nein, das wollen wir nicht, so sind wir nicht mehr. Wir möchten, dass jeder Mensch existieren darf und kann, da dies ein Menschenrecht ist und außerdem vernünftig, da ja auch wir mal zu den Überflüssigen gehören könnten”. Solche Überlegungen gab es schon mal, man nannte sie unkorrekt “Kommunismus”.

Dazu ein kleiner Exkurs:

Die Roma waren und sind die großen Verlierer des Untergangs des Realsozialismus. Ich habe oft genug über die negativen Seiten des so genannten Kommunismus geschrieben, ich brauche mich also weder für die Erwähnung seiner positiven Aspekte zu rechtfertigen, noch muss ich jedes Mal “Pol Pot” , “Stalinismus” und “Kulturrevolution” dazuschreiben. Die Schwächen aller sozialistischen Versuche sind allgemein bekannt, die größte davon war wohl, dass nahezu überall verabsäumt wurde, Herrschaftsstrukuren abzuschaffen oder so zu entschärfen, dass die immer noch oft genug tödliche Machtausübung von Menschen über Menschen nicht stattfinden kann, dass sich keine neuen Eliten bilden, was wieder nur jene Charaktere nach oben spült, die auch im Kapitalismus zu den Herrschenden gehörten. Statt der Freiheit kam die Unfreiheit in neuem Gewand. Wie jeder klar denkende Mensch lehne ich aber Totalitarismustheorien ab. Rassistisch motiviert ganze Menschengruppen vom Baby bis zum Greis millionenfach, industriell, programmatisch, kaltblütig und geplant zu ermorden, ist nicht “gleich schlimm”, wie durch Fehlentscheidungen Versorgungsengpässe herbeizuführen. Es ist wesentlich und qualitativ viel schlimmer. Geistig Kranke hunderttausendfach umzubringen ist nicht “gleich schlimm”, wie einige Regimegegner in die Psychiatrie zu stecken. Es ist wesentlich und qualitativ viel schlimmer. Wenn man den Realsozialismus beurteilen will, sollte man auch mal darauf achten, was der nicht gemacht hat. Er hat Menschen nicht aus rassistischen Gründen verfolgt, eingesperrt und ermordet. Er hat Menschen, die eingeschränkt oder gar nicht arbeitsfähig waren, nicht verrecken lassen. Für die Roma und etliche andere Gruppen, die zuvor jahrhundertelang mit entsprechenden Folgen für Selbstwertgefühl, Eigendefinition und ökonomisches Standing ausgegrenzt worden waren, bedeutete dies, dass sie in den sozialistischen Diktaturen Arbeit, menschenwürdige Behausung, Ausbildung und medizinische Versorgung hatten. Sie waren inkludiert und durften zumindest offiziell nicht diskriminiert werden. Ihre Kinder gingen zur Schule und viele davon später auf Universitäten. Die Integration der Roma und anderer zuvor ausgeschlossener Menschen in die realsozialistische Wirtschaft und Gesellschaft war eine politische Entscheidung. Man entschied sich dafür, jedem Menschen ein Recht auf Existenz zuzugestehen. Das war, rein ökonomisch betrachtet, ineffizient und teuer. Daher wurde das mit dem Einzug des Kapitalismus auch sofort beendet. Nicht nur Roma, aber vor allem auch diese waren plötzlich arbeitslose Sozialhilfeempfänger. Massiv rassistisch ausgegrenzt, konnten sich Roma und Sinti am schlechtesten an die neue Kultur des Konkurrenzkampfes anpassen und versanken in Not und Elend, hausend in Ghettos und einmal mehr zurückgeworfen auf sich selber und überholte Clanstrukturen. Und heute schlägt jenen, denen durch das Zusammenstreichen der Sozialsysteme und durch Diskriminierung schlimmster Sorte die Lebenschancen gestohlen werden, Hass und Ablehnung dafür entgegen, dass sie Opfer sind.

Um den Wert von Menschenleben nicht ökonomisch festzuschreiben, was zur Vernichtung von Menschenleben führen muss, braucht es nicht zwingend die Diktatur des Proletariats. Es braucht politische Entscheidungen und den Willen, eine Gesellschaft zu haben, in der niemand so weit zurückbleiben muss, dass er durch strukturelle oder offene Gewalt seine Existenz verliert. Entweder Europa, dieser unglaublich reiche Kontinent, bekennt sich zu einer Form eines gemäßigten Kapitalismus, die jeden Menschen leben lässt, oder man muss den Kapitalismus abschaffen. Eine reiche Gesellschaft, die ihren stetig und immer weiter wachsenden Reichtum durch Exklusion und letztlich Mord zu verteidigen und auszubauen beabsichtigt, hat keine Existenzberechtigung, da sie verbrecherisch ist. Und auch wenn das mal wieder als Alarmismus abgetan werden wird: Wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass das stille und etwas verschämte Morden, wie das Verreckenlassen von Armuts- und Kriegsflüchtlingen oder das Sterbenlassen von Armen und Kranken, in offenen Massenmord übergehen wird. Schon der Status Quo ist inakzeptabel und unerträglich, aber was da immer schneller am Horizont aufsteigt, ist die totale Dehumanisierung, ein neues Massenmorden im Namen von Wettbewerbsfähigkeit und Geldwertstabilität. Jetzt ist die Zeit, Position zu beziehen, offen, immer und überall. Wer nicht will, dass wir diese Straße, die zu Lagern und Krematorien führt, weiter gehen, muss handeln. Macht verdammt noch mal euer Maul auf! Sagt es den Politikerinnen und jedem, ob er es hören will oder nicht, dass ihr keine Welt wollt, in der Menschen nur Zahlen in Kosten-Nutzen-Rechnungen sind!

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Völkische Beobachter

Tagelang spielten Europas Medien ohne Hemmungen Völkischer Beobachter, schrieben vom “blonden, blauäugigen Kind”, das “bei Roma gefunden” worden sei, und wärmten die alten Hetzmärchen von den “Kinder entführenden Zigeunern” auf. Erwartungsgemäß ist nun klar: Alles Blödsinn. Das Mädchen wurde nicht “gestohlen”, es wurde von seiner bitter armen bulgarischen Mutter gegen eine kleine Geldleistung einem befreundeten Paar überlassen. Eine Sache, die  tausende Male pro Jahr passiert. Kinderlose Griechen fahren nach Bulgarien und “adoptieren” dort an der Bürokratie vorbei Kinder, und niemanden hat das bislang interessiert, waren es doch in aller Regel Nicht-Roma, die das machten. Aber ein Kind, das äußerlich dem Stereotyp der Nordländerin entsprach bei “schwarzen” Eltern? Das konnte nur Entführung sein, Kindesdiebstahl, letztlich eine Art “Rassenschande”. Als die irischen Behörden durchdrehten und aus rassistischen Motiven zwei Kinder ihren Eltern wegnahmen, weil auch diese Kinder blond waren, dröhnte es im Boulevard von “Fällen in ganz Europa” und von “Babymafia”. DNA-Tests widerlegten das zwar, aber der Schaden war schon angerichtet. Und auch wenn all die reißerischen Schlagzeilen nun Lügen gestraft sind bedeutet das für die werten Kolleginnen in den Redaktionen nicht, dass man nicht weiterhin Stories einfach erfinden könnte…

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