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Kurt Cobain und ich

Als Nirvana und ich erstmals aufeinander trafen, geschah das unter für eine liebevolle Beziehung recht ungünstigen Umständen. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Kurt Cobain und seine Truppe sein mochten, ich merkte nur, dass so gut wie alle Menschen, die ich kannte, und so gut wie alle Menschen, die ich nicht kannte, voll auf “Smells Like Teen Spirit” abfuhren und der Song daher auf jeder Party, in jedem Lokal und aus jedem Autoradio dröhnte. Die Mehrheit liebte Nirvana und das genügte mir zunächst, um Nirvana nicht zu mögen, denn mit Mehrheiten hatte ich keine guten Erfahrungen gemacht. Mehrheiten, so mein damaliger Wissensstand, schließen sich stets gegen Minderheiten zusammen, die ihnen schwächer oder auch nur andersartig erscheinen. Daher konnte das, was die Mehrheit mochte, nicht gut sein, schloss ich damals kurz. Das war schade, denn eigentlich hätten Kurt Cobain und ich die besten Freunde werden müssen. Ohne voneinander zu wissen waren wir uns in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wie er lief auch ich schon seit den späten 80er Jahren mit Holzfällerhemd, T-Shirt, zerschlissenen Jeans und Turnschuhen rum. Wie er mochte ich eher die Beatles als Hardcore, eher Syd Barrett als Sid Vicious, und wie er war  ich ziellos, melancholisch, wütend, verletzt und pessimistisch, richtete aber, auch das eine Ähnlichkeit, meine aufgestauten Aggressionen nicht physisch gegen Menschen, Sachen oder Tiere und trat auch keiner radikalen Partei bei, sondern schrieb zornige Verse und Lieder, für deren Vertonung ich keine Mitmusiker fand. Und wie er zielte ich schließlich mit all der Wut und dem Hass und der Traurigkeit auf mich selbst, nicht mit einer Schrotflinte zwar, aber doch mit einem psychischen Zusammenbruch, mit Krebs und mit dem Ausstieg aus der normalen Gesellschaft der frohgemuten Menschen. Den Erfolg von Nirvana interpretierte ich falsch. Mir fiel nicht auf, dass es Millionen Menschen auf der ganzen Welt ähnlich ging wie mir und dass Cobain deswegen einen Nerv traf mit seinen Songs, ich war blind vor spätpubertärer Verweigerungshaltung allem gegenüber, das Erfolg hatte. Erst viel später sollte ich erfahren, dass Kurt ganz ähnliche Zweifel plagten, als er vom beinahe obdachlosen Slacker zum Weltsuperstar befördert worden war. Zur der Zeit, als Nirvana am Höhepunkt ihrer Popularität waren, gab es außer mir nur noch wenige, die die Band nicht mochten, und das waren meist neidische Musiker, die sich nicht entblödeten, Cobain sein technisch nicht perfektes aber eben im Kontext seiner Musik völlig perfektes Gitarrenspiel anzukreiden, und Metalheads, die das Dröge-Verschleppte am Grunge nie kapieren konnten. Und dann blies sich Cobain den Schädel weg, die letzte Jugendbewegung war vorbei und ich hatte nicht mitgemacht.

Die Jahre gingen vorüber, Grunge war out, diejenigen, die zur Musik von Nirvana, Pearl Jam und den anderen Bands der Ära traurig ihre jungen Körper geschüttelt hatten, versuchten, doch noch einen Platz in den Tretmühlen dieser Welt zu ergattern und ich erlitt kurz nach der Jahrtausendwende einen seelischen Zusammenbruch, der mich aus meinen Tretmühlen nachhaltig und gegen meinen Willen entfernte. Vom respektierten Steuerzahler langsam ins Elend des Transferleistungsbeziehers absteigend, entdeckte ich Nirvana neu und nun stimmten die Umstände so weit, dass ich das Meisterwerk “Nevermind” genießen konnte, ohne mich wie ein Mitläufer zu fühlen. Als ich mich in Ruhe und ungestört vom Hype auf die Band einließ, konnte ich die Schönheit dieser Verbindung zwischen Punk Rock und beatleesker Melodien und frühpinkfloydscher Harmonik endlich wahrnehmen und schätzen lernen. Ja ja, “Here we are now, entertain us” mag der gequälte Schrei der Generation X gewesen sein, der später die Generation Xbox mit noch unstillbarerem Unterhaltungsbegehr folgen würde, aber für mich klangen “Nevermind”, “In Utero” und “Unplugged” einfach nur nach verdammt guter Musik mit teils recht gewitzten Texten. Die unausgegorene “Bleach” mochte ich nicht und mag sie bis heute nicht. Vorigen Samstag jährte sich zum 20. Mal der Todestag Kurt Cobains und ich war trauriger, als ich es 1994 gewesen war.

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Musik zum Frauentag

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Magic & Loss: RIP, Lou Reed

Das Universum hält nicht den Atem an, die Züge fahren weiter, morgen gehen wir wieder zur Arbeit und dennoch ist etwas anders geworden. Lou Reed lebt nicht mehr, und mit ihm ist auch der Kunstanspruch des Rock´n Roll gestorben. Reed hat, mit der kleinen Hilfe von John Cale, Maureen Tucker,  Sterling Morrison, Doug Yule, Andy Warhol und, ja, auch Nico die Popmusik erwachsen gemacht, hat gezeigt, dass Intellektualität und Stromgitarre keine Feinde sein müssen, dass man Texte schreiben kann und darf, die ebenso provokant wie brillant sind und dass große Kunst nicht pompös sein muss, ja nicht mal sollte. Velvet Underground waren das ergänzende und oft korrigierende Gegenstück zur sonnigen Musik der Hippies, kühl und städtisch, zeitgenössischer Kunst und Literatur mehr zugetan als fernöstlicher Mystik. Ich habe Lou Reed zuerst über sein Solo-Werk kennengelernt, habe “Berlin” gehört und “Transformer” und “Take No Prisoners”, diese grandiose Liveplatte inklusive Publikumsbeschimpfung. Ich empfand sofort, dass diese Musik für mich gemacht worden war, diese düsteren Songs über Außenseiter und Fixer und heruntergekommene Transen und Mütter, denen die Behörden die Kinder wegnehmen, entsprachen viel mehr den Wahrnehmungen, die ich von der Welt hatte, als Love & Peace und Dirty Dancing. “Deprimierend” sei dieser Sound, sagten viele, und ich sah das ganz anders, denn hinter der Dunkelheit, der Verzweiflung und dem Zynismus schimmerte auch Hoffnung. Hoffnung, dass es auf der Welt Orte gibt, an denen man sich nicht wie ein Freak fühlt, wo Stadtluft frei macht und wo das Weiche neben all der Härte leben darf. “I hate being odd in a small town / if they stare let them stare in New York City”.

Lou Reed ist tot. Das ist schwer zu akzeptieren. Ich bin richtig traurig, als wäre ein Freund gestorben, und gewissermaßen ist das ja auch so. Natürlich höre ich gerade seine Songs, frage mich, ob Candy mittlerweile mit ihrem/seinem Körper Frieden geschlossen hat, ob Liebe manchmal so ist wie ein versauter französischer Roman, ob die korrupten Bullen immer noch die Hure ficken, der sie die Kinder weggenommen haben. Ich hoffe für Lou, dass der Tod überraschend und schnell gekommen ist, dass er nicht zusehen musste, wie eine Krankheit ihn langsam in Staub verwandelte. Gedanken rasen, Gefühle auch. “Between thought and expression lies a lifetime”.

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Willow´s Song

“The Wicker Man” ist ein Horrorfilm aus dem Jahr 1973, der seine Faszination nicht zuletzt dem tollen Soundtrack von Paul Giovanni verdankt. Giovanni vertonte die Prämisse “sehr christlicher Polizist trifft auf eine heidnische Gesellschaft” kongenial, und einer der schönsten Tracks ist wohl “Willow´s Song”, im Film interpretiert von der wunderbaren Britt Ekland. Und ein paar mal gecovert.

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Kurz mal Pause

Ich kann mich derzeit nicht konzentrieren, daher mache ich mal Pause.

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R.I.P. Alvin Lee

Alvin Lee ist tot, verstorben am 6. März an den Komplikationen nach einem Routineeingriff. Er wurde 68 Jahre alt. Der ehemalige Frontman von Ten Years After  war einer der besten Gitarristen, die die Rockmusik je hervorgebracht hat.

Es war 1987 oder 1988. “Time to smoke your joints”, forderte Alvin Lee das Publikum in der “Szene Wien” auf, bevor er sich in eine atemberaubende, 20 Minuten lange Version von “I´m Going Home” stürzte, die dem muffigen Konzertsaal beinahe das Dach weggesprengt hätte. Er hätte die Leute übrigens gar nicht darum bitten müssen, etwas zu rauchen, denn allein die seit Beginn des Konzerts durch den Raum wabernden Marihuanaschwaden reichten aus, um einen in Kombination mit der Musik ganz weich im Kopf zu machen. Wiens Althippies und Neofreaks waren geschlossen angetreten, um einen der Helden von Woodstock zu hören, jener kleinen Veranstaltung mit 500.000 Besuchern, bei der Ten Years After den internationalen Durchbruch geschafft hatten. Dank des Films vom Festival sah die ganze Welt diese extrem tighte Band, deren Sänger und Gitarrist wie vom Teufel besessen über das Griffbrett raste und die Töne mit einer Geschwindigkeit aufeinander fliegen ließ, die man bislang noch nicht gehört hatte. Dass Lee damit für das oft bis heute anhaltende Missverständnis, ein guter Gitarrist müsse auch ein schneller sei, mit verantwortlich war, ist ein bedauerlicher Nebeneffekt, der dafür sorgt, dass immer noch seelenlose, aber rasante Skalen-Piloten von Unwissenden für ihre Geschwindigkeitsrekorde bejubelt werden, vor allem im Metal. Aber genau das unterschied Alvin Lee von den Nachahmern – sein Spiel hatte sehr wohl Seele. Er spielte sehr flott, aber auch mit Leidenschaft, und immer war seine Art, die Gitarre zu würgen, tief im Blues verwurzelt. Er wird uns fehlen.

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Es gibt Reis

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Die Spinnerin

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Best Albums of 1972

1972

In München, bei den Olympischen Sommerspielen, fallen 16 Menschen einem palästinensischem Terroranschlag zum Opfer, in Nordirland mäht die britische Armee 13 Demonstranten nieder, Richard Nixon lässt ins Watergate-Gebäude einbrechen, und in Deutschland mordet die RAF. Trotzdem wurde 1972 höchst erfreuliche Musik gemacht. Zum Beispiel diese hier:

The Rolling Stones: Exile On Main Street

Die Stones waren in zwei miteinander zerstrittene Fraktionen zerfallen: die Junkies (Keith Richards, Mick Taylor) und die Playboys (Mick Jagger, Bill Wymann, Charly Watts). Allesamt lebten sie im südfranzösischen Steuer-Exil, wo man im Keller von Richards Villa jammte und mit fragmentarischen Songideen herumspielte. Es herrschte eine angespannte, bedrohliche Stimmung, verschlimmert durch Alkohol und Heroin. Nach langen, quälenden Monaten erschien ein außergewöhnliches Doppelalbum – dreckig, obszön, laut, bluesig und auch countryesk. Die Fans liebten die Hymnen auf Underdogs, auf das schnelle Leben zwischen Puff, Drogenbeschaffung und Knast. Die Kritiker hingegen brauchten noch Jahre, bis sie “Exile” jenen Status zugestanden, den es zweifellos verdient; nämlich den als beste Platte, die die Stones je gemacht haben, und eines der größten Alben der Rockmusikgeschichte. 2010 erschien eine empfehlenswerte remasterte Version.

Lou Reed: „Transformer“

Nach dem eher durchwachsenen Solodebut bewies der ehemalige Velvet Underground-Frontman mit dieser Platte, dass er seinem Ruf als Genie der Songwriterkunst durchaus gerecht werden konnte. Ein Knaller jagt auf dieser Platte über Transvestiten, Fixer und Bisexualität den nächsten. „Walk On The Wild Side“, „Perfect Day“, „Satellite Of Love“ – lauter Lieder für die Ewigkeit, die aber trotzdem den Zeitgeist der beginnenden Ära des Glam Rock widerspiegelten wie wenige andere. Das lag nicht zuletzt daran, dass die LP von David Bowie produziert wurde, der Reeds Songpretiosen jene schimmernde Politur verpasste, die er selbst so gerne auf die eigenen Werke auftrug. Reed hätte sich, währe er ein weniger schwieriger Mensch, mit dieser Platte seinen Weg zum Superstar ebenen können, doch er schob das bedrückende „Berlin“ und das fast unhörbare „Metal Maschine Music“ nach. Vielleicht nicht schlau, aber sicher respektabel.

David Bowie: „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“

Wenn der Glam Rock einen König hatte, so hieß dieser David Bowie, und wer den definitiven Sountrack zu dieser wilden Zeit voller sexueller Experimente und gefährlicher Drogenkonsumwut sucht, der muss zu dieser Platte greifen. Dieses Konzeptalbum über einen Rockstar, der zum Propheten und schließlich zur Inkarnation außerirdischer Glückseligkeitsbringer mutiert, ist Höhepunkt und gleichzeitig schon Satire auf den Größenwahn, der in Rockmusikantenkreisen um sich gegriffen hatte und in immer mehr und wirreren „Rockopern“ seinen Ausdruck fand. Abgesehen von der reichlich seltsamen Rahmenhandlung ist dieses Album eine lückenbüßerfreie Sammlung bester Popmusik, welche Bowie endgültig als einen ganz Großen des Geschäfts definierte und ihm den Weg frei machte zur Weltspitze der Unterhaltungsbranche. Jedes Stück hat höchsten Wiedererkennungs- und Mitsingwert. Und jetzt alle: „And here come the spiders…“!

Neil Young: „Harvest“

Während andere über Dragqueens und Kokain sangen, fragte Neil Young sein Publikum 1972: „Are You Ready For The Country?“ Und wenn man dieses Meisterwerk hört, dann möchte man ihm zurufen: „Klar, sind wir“. Wie schon Bob Dylan und The Band zuvor griff Young hier auf den reichen Schatz volkstümlicher amerikanischer Musik zurück und verwob geschickt ländlichen Bauersleutsound mit edlem Songwriting und sozialkritischen Texten („Alabama“, „The Needle And The Damage Done“). Zusätzlichen Reiz gewinnt die Platte durch die überraschend anspruchsvollen Arrangements des Phil-Spector-Schülers Jack Nitzsche, der hier auch schon mal die Londoner Philharmonie aufspielen ließ und für einen majestätischen Klangteppich sorgte. Mit „Heart Of Gold“ enthielt „Harvest“ auch den ersten und immer noch einzigen Song Neil Youngs, der es an die Spitze der US-Charts schaffte. Für den Harmoniegesang zeichneten unter anderem Youngs Kumpel/Konkurrenten Crosby, Stills & Nash verantwortlich.

Stephen Stills: „Manassas“

Wie bei den Beatles in Europa fragte sich in den USA jeder, was wohl die Mitglieder von Crosby, Stills, Nash & Young nach der Trennung machen würden. Nun, sehr gute Platten machten sie, und Stephen Stills bot mit „Manassas“ sogar eine der besten der 70er Jahre zum Kauf feil. Unterstützt von ehemaligen Musikern der Byrds und offen für Einflüsse, die von Jazz, Folk, Blues und Latin bis hin zu Americana reichten, schrieb Still hier ein echtes Großwerk, das wieder zu entdecken sich auszahlt und hiermit dringend empfohlen wird. Beginnend mit extrem kompetentem Bluesrock nimmt Stills einen rasch mit auf eine coole Reise durch mitklatschewürdige Rocksongs, sensible Balladen mit Mehrstimmgesang und Latinorhytmen (letztere ganz ohne Maya/Inka/Aztekenkitsch, wie Stills Freundfeind Neil Young ihn so gerne verbreitete).

War: „The World Is A Ghetto“

1972 hatten sich War längst vom Image der Begleitband für Eric Burdon, als die sie zwei Jahre zuvor bekannt geworden waren, freigespielt und sich einen Platz unter den besten und beliebtesten Vertretern der Black Music erkämpft. Und sie trugen ihre unwiderstehliche Mischung aus Funk, Soul, Jazz und Blues ins Herz der Musikwelt. „The World Is A Ghetto“ schaffte es ganz an die Spitze, sowohl das Album , als auch der Titelsong wurden Nummer 1 in den amerikanischen Charts. Eine der Stützen des unverwechselbaren War-Sounds war ausgerechnet ein Däne, Lee Oskar, dessen virtuoser Umgang mit der Mundharmonika das tonale Bild der Band wesentlich prägte. Und auch das war „War“, nämlich eine Antithese zum Rassismus, denn die Band stieß sich nie daran, dass Oskar ein Weißer war. Höhepunkte dieser grandiosen Scheibe sind neben der Titelnummer das funkige „The Cisco Kid“ und das spannende „City, Country, City“, auf dem alle Bandmitglieder ihr Können, das jenes der meisten anderen Musiker jener Zeit übertraf, vorstellen durften.

Stevie Wonder: „Talking Book“

Diese Platte überzeugte noch die letzten Zweifler davon, dass Stevie das Zeug zum Superstar hatte. Die Verknüpfung beatlesartiger Melodieverliebtheit mit inoffensivem Funk und vorsichtig angejazzten Akkorden war unwiderstehlich. Wonder erklomm damit, nach 15 Jahren im Business, endlich die letzte Sprosse zum Welterfolg. Sehr sexy klingt das und sehr zum Mitshaken und Mitsummen. Neben vielen anderen Hits ist auch das so oft nachgespielte und kopierte „Superstition“ da, ein Song, der noch die müdesten Lenden zu funkiger Aktivität anregt. Für die Mischung aus anschmiegsamem Soft-Funk, Balladen und extatischem Gestampfe auf der Scheibe sollten jene Politiker, die die Menschen unter ihrer Fuchtel gerne zum Kinderkriegen anreden wollen, Herrn Wonder eigentlich einen Sonderpreis verleihen, denn diese Musi regt schon sehr zum Geschlechtsverkehr an.

Aphrodite´s Child: „666“

Die Platte muss man allein schon besitzen um zu hören, wie die Schauspielerin Irene Papas in dem Song ∞ („Infinity“) immer und immer wieder „I was, I am, I am about to come“ schreit, stöhnt, keucht, maunzt und kreischt, als hätte sie gerade den großartigsten Sex im Universum. Mit Satan persönlich vermutlich. „666“ ist die letzte und bei weitem beste Platte der griechischen Kombo um Vangelis Papathanassiou und Demis Roussos, die hier nichts Geringeres versuchen, als die Offenbarung des Johannes, das vielleicht seltsamste und rätselhafteste religiöse Buch aller Zeiten, zu vertonen. Eine gute Themenauswahl wenn man vorhat, der Welt zu zeigen, wie richtig ausgeflippter Psychedelic-Prog-Art-Rock zu klingen hat. Es gibt aber neben den LSD durchtränkten Freak-Outs auch eingängige Songs auf dem Album, zum Beispiel das hymnenhafte „The Four Horsemen“, das bessere Djs bis heute gerne zu vorgerückter Stunde auflegen.

Jethro Tull: „Thick As A Brick“

Es sollte ein Scherz werden. Nachdem die Kritiker die Platte „Aqualung“ trotz aller Dementis der Band als „Konzeptalbum“ bezeichnet hatten, wollte Tull-Chef Ian Anderson die Musikpresse mal so richtig reinlegen und behauptete, „Thick As A Brick“ sei die Vertonung des gleichnamigen Gedichts eines zehnjährigen Wunderkinds names Gerald Bostwick, das bei einem Literaturwettbewerb disqualifiziert worden sei, da sein Poem „obszön“ und der Autor „mental instabil“ sei. Zum „Beweis“ ließen Jethro Tull auf dem Cover Zeitungsberichte über den angeblichen Skandal nachdrucken. Alles Fake, alles als Parodie auf die „aufgeblasenen, größenwahnsinnigen Konzepalben von Yes und Konsorten“ (Anderson) gemeint. Tatsächlich aber ist die Satire auf die „Gymnasiasten-Teenage-Angst“ der Marke Genesis oder Pink Floyd so gelungen, dass Andersons Texte das Thema besser und literarisch hochwertiger abhandeln als die meisten der persiflierten Vorlagen. Auch die Musik, obwohl aus nur zwei jeweils plattenseitenlangen Songs bestehend, überzeugte sowohl künstlerisch, als auch kommerziell völlig, was die LP nicht nur auf Platz 1 der Charts brachte, sondern auch dafür sorgte, dass ausgerechnet eine Parodie zu einem der zeitlosesten Vertreter des Genres „Konzeptalbum“ werden sollte.

Little Feat: „Sailin´ Shoes“

Kokainbäume, Teenagernervenzusammenbrüche, drogensüchtige Lastwagenfahrer auf großer Fahrt und Politikverweigerer mit Gewichtsproblemen, die nicht mal dann ans Telefon gehen, wenn Mao persönlich anruft – das alles und mehr vermengte diese große Band hier zum musikalischen Portrait eines Paralleluniversumamerika, in dem man im Cadillac durch das Land brausen und durch die Windschutzscheibe die wunderlichsten Dinge begutachten kann. Dinge und Szenen, die in etwa so aussehen mögen wie das neu-surrealistische Coverartwork von Neon Park, das eine Torte mit menschlichen Zügen zeigt, die auf einer Schaukel sitzt und dabei einen Schuh verliert, während eine schäferhundgroße Schnecke, ein Rokokoprinz, ein böser Magier und ein Ast mit Augen zusehen. Dazu spielen Little Feat, die aus Musikern bestanden, die so gut waren, dass zu ihren Fans vor allem andere Musiker zählten, ein bisschen vom Anspruchsvollsten und Besten, was die 70er Jahre hervorzubringen im Stande waren, und schon haben alle eine sehr gute Zeit.

Weitere wichtige Platten von 1972. John Lennon: „Some Tine In New York City“. Wishbone Ash: „Argus“. J.J. Cale: „Naturally“. Deep Purple: „Machine Head“. Sandy Denny: „Sandy“. Manfred Mann´s Earth Band: „Glorified Magnified“. Genesis: „Foxtrot“. Roxy Music: „Roxy Music“. The Allman Brothers: „Eat A Peach“. Steely Dan: „Can´t Buy A Thrill“. Randy Newman: „Sail Away“. Grateful Dead: „Europe ´72“. Paul Simon: „Paul Simon“. Curtis Mayfield: „Super Fly“. Van Morrison: „Saint Dominic´s Preview“. Elton John: „Honky Chateau“. Joni Mitchell: „For The Roses“. Alice Cooper: „School´s Out“. Mott The Hoople: „All The Young Dudes“. Captain Beefheart: „Clear Spot“. Frank Zappa: „Waka/Jawaka“. Humble Pie: „Smokin´“. Tim Buckley: „Greetings From L.A.“. T. Rex: „The Slider“. Dantana: „Caravanserei“. Randy Newman: „Sail Away“. Yes: „Close To The Edge“. Pink Floyd: „Obscured By Clouds“. Neu: „Neu“. Can: „Ege Bamyasi“. Miles Davies: „On The Corner“. The Band: „Rock Of Ages“. Aretha Franklin: „Amazing Grace“. John Mayall: „Jazz Blues Fusion“. Focus: „Focus III“. Jerry Garcia: „Garcia“. Ton, Steine, Scherben: „Keine Macht für Niemand“. Georg Danzer: „Der Tschik“. Steeleye Span: „Below The Salt“. Amon Düül II: „Wolf City“. Chicken Shack: „Imagination Lady“.

Zeichnung und Collage © Christian Berger

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Eigth Miles High

Als der „L´Osservatore Romano“, das Zentralorgan des Vatikan, im Jahr 2010 David Crosbys erstes Soloalbum „If I Only Could Remember My Name“ zur zweitbesten Platte aller Zeiten kürte, war das zwar nicht so überraschend, als hätte der Papst erklärt, die Sache mit der Jungferngeburt und der Auferstehung sei bloß Schwindel, aber ungewöhnlich war das schon, ist die Scheibe doch ein Paradevertreter jener Musik, die von konservativen Kirchenkreisen lange als ganz besonders fieses Werkzeug des Satans verdammt wurde: Bis in die Haarspitzen zugedröhnte Psychedelic. Nun soll zwar Weihrauch auch ein wenig THC enthalten, aber es ist schon eine seltsame Vorstellung, dass sich Benedikt XVI nach einem harten Tag voller Vom-Balkon-Grüßen, Segnen und Seligsprechen ein Pfeiferl anzündet, die sicher ziemlich tolle Stereoanlage in seinen Privatgemächern aufdreht und zu den spacigen Jams und trippigen Texten der Scheibe, die Crosby 1971 zusammen mit Extremkiffer-Kollegen wie Neil Young und Jerry Garcia eingespielt hatte, abhottet. Das tut er vermutlich eh nicht, aber wenn der Vatikan zeigen wollte, dass er zur Abwechslung auch mal cool sein kann, dann ist ihm das mit der Lobpreisung dieses unterschätzten Meisterwerks der Hippiekultur gelungen.

David Crosby ist mit seinen nun schon 70 Lebensjahren auch noch immer cool. Natürlich schon lange nicht mehr angesagt oder gar „relevant“, aber immer noch ein Hippie – und er lebt noch, was an ein Wunder grenzt (ist DAS die Vatikan-Connection?) wenn man bedenkt, dass der Mann in seinen „besten“ Zeiten ganzen Drogenkartellen im Alleingang ihr kriminelles Auskommen sichern hätte können. Den Tiefpunkt erreichte der Musiker Anfang der 80er Jahre, als er auf Tourneen von „Crosby, Stills & Nash“ dermaßen mit illegalen Substanzen abgefüllt war, dass er auf der Bühne kaum mehr ohne Hilfe gerade stehen, geschweige denn singen und Gitarre spielen konnte. Sein Gesangspart wurde einfach von Sessionmusikern beigesteuert, während David, aufgedunsen und mit wächsernen Gesichtszügen, so wirkte, als würde er jeden Moment tot von der Bühne plumpsen. 1982 endete der wilde Trip dann ganz ganz unten: Crosby landete wegen Drogen-und Waffenbesitzes für neun Monate in einem texanischen Knast, kalter Entzug und Zwangsarbeit inklusive. Kaum aus der Haft entlassen, führte ihn sein erster Weg zu einem Dealer und weiter ging´s mit Haschisch, Kokain und Opium. Es war dann Neil Young, selber ein großer Freund von „weichen“ Drogen, der Crosby mittels ökonomischer Erpressung vom harten Zeug runterbrachte. Er machte nämlich seine Beteiligung an einer Reunion von „Crosby. Stills, Nash & Young“ davon abhängig, dass David seine Finger von Kokain und Opiaten lasse. Den letzten Ausschlag gab aber das Versagen von Crosbys Leber, die dieser 1990 gegen ein Spenderorgan eintauschen musste.

Ach ja, Musik hat der Mann auch gemacht. Genauer: er hat Musikgeschichte geschrieben. Zunächst mit den Byrds, jener Band, die für die Musikszene der USA in etwa jene Bedeutung hatte wie die Beatles für die britische. Mit dieser Formation, für die er die LSD-Hymne „Eight Miles High“ co-komponierte, übte Crosby das Songwriting wie auch das geschickte Arrangieren mehrstimmigen Gesangs. Mit der Zeit wuchs sein Talent ebenso wie sein Ego, was Bandleader Roger McGuinn mit Argwohn beobachtete. Den ersten großen Krach gab es dann nach dem Monterey Pop Festival, weil Crosby den Auftritt der Gruppe dazu nutzte, wilde Verschwörungstheorien über die Ermordung von John F. Kennedy zum Besten zu geben, ohne das zuvor mit seinen Kollegen abgesprochen zu haben. Als er dann, aufgestachelt von Kollegen, die ihm nicht ganz zu Unrecht einredeten, er wäre zu Höherem bestimmt, damit anfing, die Kompositionen der anderen Byrds lächerlich zu machen, wurde er mitten in den Aufnahmen zum Album „Notorious Byrds Bothers“ an die frische Luft gesetzt. Sein Song „Triad“, der eine bisexuelle Dreiecksbeziehung besingt, wurde von der Trackliste gestrichen, im selben Jahr aber von Jefferson Airplane gecovert.

Der nun arbeitslose Crosby traf sich oft mit Stephen Stills, dessen Band Buffalo Springfield sich gerade ausgelöst hatte. Die beiden begannen, Songideen auszutauschen, und als dann der Exil-Brite Graham Nash, der sich mit seiner Band „The Hollies“ überworfen hatte, dazustieß, war eines der erfolgreichsten Trios der Musikgeschichte geboren. Mit eleganten marihuanaseligen Kompositionen und einem Harmoniegesang so exakt wie eine Atomuhr spielte sich die Gruppe rasch in die Herzen Amerikas und später der ganzen Welt. Schon der zweite Liveauftritt der noch hörbar nervösen C,S&N fand vor hunderttausenden Menschen in Woodstock statt und begründete ihren Ruf als neue Popsensation. 1970 holte man mit Neil Young einen vierten Mann an Bord und veröffentlichte die Platte „Deja Vu“, die das zum Quartett gewachsene Hippiekollektiv an die Spitze der weltweiten Charts beförderte und die vier Sangesbrüder zu Multimillionären machte. Crosby, Stills , Nash & Young waren 1970 DAS Ereignis der amerikanischen Musikszene, von Kritikern bejubelt und kommerziell erfolgreicher als alle anderen Bands. Da hier aber vier starke Egos aufeinanderprallten und vor allem Stills und Young andauernd in einem reichlich kindischem Wettstreit lagen, wer denn nun der bessere Gitarrist/ Liederschreiber/Jointbauer sei, waren die folgenden Jahre von einem steten Auflösen und Wiedervereinen und erneutem Auflösen der Viererbande gekennzeichnet – bis heute übrigens. David Crosby nutzte die immer neuen Zwangspausen von C,S,N&Y zu einer sehr erfolgreichen Nebenbeikarriere als Duo mit Graham Nash, mit dem zusammen er erklecklich viele Platten verkaufen konnte. Und seit er von den Drogen weg ist, arbeitet er sehr erfolgreich als Solokünstler und wird gerne von den ganz Großen der Rockmusik dazu eingeladen, als Gastmusiker seinen unvergleichlichen Harmoniegesang beizusteuern. Crosby hat mehrere Kinder mit verschiedenen Frauen und ist sogar als Samenspender für die lesbische Musikerin Melissa Etheridge eingesprungen. Dieser Mann hat intensiv gelebt, und man möchte ihm wünschen, dass er noch mit 80auf der Bühne steht, und sei es nur, um unseren verblüfften Enkerln zu zeigen, wie das so war mit den Hippies und ihrer Musik.

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