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Strache hat euch lieb

Die Österreicher haben gewählt. Und wie. Nur mehr wenige Prozentpunkte liegen die Sozialdemokraten vor der FPÖ, die keine gewöhnliche Rechtspartei ist, sondern deren Mitglieder und Funktionäre immer wieder durch Berührungspunkte mit dem Neonazismus auffallen. Ein interessanter Aspekt des Wahlkampfes war der Missbrauch des christlichen Zentralbegriffs “Nächstenliebe” durch die FPÖ, die ihn pervertierte, indem sie von den Empfängern dieser speziellen Form der Liebe einen Nationalitätennachweis verlangte. Nächstenliebe gelte exklusiv für “unsere Österreicher”, plakatierten die Freiheitlichen.  Mit dem genuin positiven Gefühl Liebe hat das natürlich nichts zu tun, nicht mit Nächstenliebe, noch sonst einer Form echter Liebe. Die blaue Version von “Liebe” ist nichts als verkleideter Hass, sie ist das Beschwichtigen des Zukurzgekommenen, dem es ein finsterer Trost ist, dass andere noch viel weniger haben sollen als er, das Politikwerbung gewordene Verhältnis des gewalttätigen Vaters zu den Kindern, von denen er eines nicht ganz so arg prügelt wie die anderen, was ihm auf immer die Zuneigung dieses einen Kindes bringt, da es meint, in Relation geringer dosierte Misshandlung sei ein Liebesbeweis.

Und dennoch hat die Kampagne funktioniert. Das konnte nur in einer Gesellschaft stattfinden, in der die Warenwerdung ihrer Individuen, deren Degradierung zu Konsumentinnen und Arbeitskräften, so weit fortgeschritten ist und solche Verwüstungen in den Seelen angerichtet hat, dass noch der leiseste Abklatsch von Gefühl, noch die trübseligste Parodie von Liebe eine Sehnsucht bedienen kann. Wer trotz aller Sonntagsreden genau weiß, dass sich sein Wert nur mehr in unmenschlichen Kategorien wie Profit und Rentabilität bemisst, der ahnt, dass in diesem extrem lieblosen System seine Existenz keinen Pfifferling mehr wert ist, sobald sie sich für andere nicht mehr auszahlt. Der Mensch im entwickelten Kapitalismus ist gefangen in einem Leben, das ihm widerstrebt, von dem er zumindest einen starken Verdacht hat, was es wirklich ist, ein Zahlenspiel nämlich, bei dem er den kürzeren ziehen muss und in dem er nur mitspielen darf, solange er noch einen Nutzwert hat. Wenige Blicke in die Altersheime, in die Irrenanstalten und in die Weltgegenden, deren Nützlichkeitsphase für das Kapital abgelaufen oder noch nicht erschlossen ist, machen ihm klar, was mit den Überflüssigen passiert. Das ist eine Situation, an der jedes fühlende und denkende Wesen irre werden muss. Und in dieser Verzweiflung, in diesem Prozess des Verrücktwerdens an den Verhältnissen, da die nackte Panik Besitz von ihm ergreift, bietet ihm plötzlich jemand an, ihn zu lieben. Es ist nur verbal und es ist nur geheuchelt, sicher, aber es ist mehr, als die anderen anbieten. Die anderen haben für das verzweifelte Subjekt immer nur dessen eigene Optimierung für den kapitalistischen Verwertungsprozess im Angebot, sagen: “Da, machst du Volkshochschule bist du besser bezahlt”, aber Strache duzt ihn, offeriert ihm die Wärme des Rudels und damit die wohlige Aussicht, dass es da draußen Omega-Tiere gibt, die zu schikanieren auch dem bislang Entmachteten gestattet sein werde.

Die christlichen Kirchen konnten dem Wahlkampf mit der Nächstenliebe-Perversion bloß mit knirschenden Zähnen und schaumgebremster Kritik zusehen. Zu unglaubwürdig waren sie bereits geworden, zu klar war ihnen, dass Straches Zielgruppe zumindest eine Ahnung davon hatte, ein Gespür wenn man so will, dass es in den vergangenen 2000 Jahren mit der Realität der durch die Kirchen gelebten Liebe so weit nicht her gewesen ist. Die meisten Menschen kriegen es wenigstens durch Fernsehen oder Filme irgendwann im Laufe ihres Lebens mal mit, dass auch die Kirchen die Nächstenliebe niemandem zukommen ließen, der den weltlichen Mächten im Wege gestanden war. Und die politische Konkurrenz der FPÖ zeigte offen, dass sie die völlige Dominanz marktwirktschaftlicher Logik akzeptiert und inkorporiert hatte. Auch wenn viele Leute ganz oft so tun, als seien sie nichts als Wölfe, vornehmlich aus Angst, für Schafe gehalten zu werden, so sind sie doch im Grunde keine Raubtiere, sondern Menschen mit Empathie, die genau wissen, dass es falsch und brutal und lieblos ist, wenn zum Beispiel SPÖ und ÖVP Invaliden ihre Renten wegnehmen. Weil es aber kein ernst zu nehmendes politisches Angebot gibt, das solche Schweinereien offen ablehnt, wenden sich die Menschen an den, der Liebe und “soziale Wärme” und Mitgefühl wenigstens schauspielert, statt Grausamkeit und Egoismus als die höchsten menschlichen Tugenden zu feiern. Der Trick mit der “Liebe” funktioniert, weil die anderen Parteien nicht begreifen, dass der Mensch weder Tier, noch Maschine ist.

Diese kleine Betrachtung soll nun die Wählerinnen und Wähler der FPÖ nicht freisprechen vom Vorwurf, Trottel und Arschlöcher zu sein. Sie soll bloß ein Versuch sein auf die einst schon von Arik Brauer gestellte Frage zu antworten “Warum ist er so dumm?”

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Ihr Rücktritt bitte, Herr Darabos

Jetzt ist Österreichs Verteidigungsminister Norbert Darabos rücktrittsreif. Ja, erst jetzt. Nicht weil er den israelischen Außenminister Avigdor Lieberman als “unerträglich” bezeichnet hat. Auch nicht wegen seiner gewagten These, Israel stelle “offenbar Außenfeinde wie den Iran oder auch die Palästinenser in den Vordergrund, um von inneren sozialen Problemen abzulenken”.  Beides ist grenzwertig und beides sind Aussagen, die ein österreichischer Minister sich verkneifen sollte, aber beides wäre noch kein Rücktrittsgrund. Diesen lieferte Darabos jedoch heute im ORF-Mittagsjournal. Da sagte er nämlich, er verwahre sich gegen den Vorwurf, Israel einseitig angegriffen zu haben, da er ja  das Regime von Präsident Mahmoud Ahmadinejad “genauso hart kritisiert” hätte . Damit sagt Darabos deutlich, dass er die Demokratie Israel mit der Diktatur Iran auf eine Stufe stellt. Wer wie ich von Darabos eine Klarstellung erwartet hatte, bekam diese auch, wenn auch anders, als erhofft. Der Minister stellte klar, dass es in ihm genau so daher denkt, wie in einem politisch noch naiven Mitglied der Sozialistischen Jugend und im denkfaulen europäischen Mainstream überhaupt sobald es um das Thema Nahost geht. All die ziemlich komplizierten Probleme in der Region werden da auf die simple Formel heruntergebrochen: “Na die sind eh alle irgendwie gleich schuld”. Eine Demokratie, auch wenn in dieser Demokratie ein paar Ungusteln an der Regierung beteiligt sind und nicht jede politische Entscheidung dieser Regierung leiwand ist, ist aber nicht das Gleiche wie eine klerikale Diktatur, die Demokraten umbringen lässt, Schwule an Baukränen aufhängt, sich Terrorarmeen in fremden Staaten hält und generell ein menschenrechtlicher Alptraum ist. Eine Demokratie, die sich gegen einen vernichtungswilligen Feind wappnet, ist nicht in derselben Unrechtsposition wie eine Diktatur, die die Vernichtung jener Demokratie immer wieder offen ankündigt und dafür aufrüstet. Man kann an Israel so manches nicht gut finden und kritisieren, aber die sprachliche Gleichstellung dieses Staates mit dem Mullahregime ist eine unentschuldbare Entgleisung. Darabos sollte zurücktreten, bevor er noch mehr Schaden anrichtet.

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Hysterie um Darabos

Dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum nun den österreichischen Verteidigungsminister Norbert Darabos zum Rücktritt auffordert ist genauso daneben wie Darabos´peinliche Attacke auf den israelischen Außenminister Lieberman. Darabos suchte sich unter all den wirklich unerträglichen Politikern dieser Welt ausgerechnet einen israelischen aus, um den als “unerträglich” zu bezeichnen, und Shimon Samuels, Direktor für internationale Angelegenheiten des Zentrums, nimmt sich von all den wirklichen Antisemiten und Israelhassern unter den Politikern dieser Welt ausgerechnet den Antifaschisten Darabos vor. Das zeugt von einer Überhitzung der Debatte, von Realitätsverlust und fast schon Hysterie. Darf das Wiesenthal-Zentrum das? Klar darf es. Ist das klug? Nein, es ist deppert. Wasser auf den Mühlen all jener Drecksäcke und ihrer Nachplapperer, die bei jeder Gelegenheit weinerlich beklagen, man dürfe Israel nicht kritisieren. Und ein Knüppel zwischen die Beine von all jenen, die seit vielen Jahren dafür kämpfen, dass Israel als normaler Staat gesehen und akzeptiert wird. Natürlich spricht Samuels nicht für Israel, aber wir wissen ja, dass dem durchschnittlichen antisemitischen Dummbeutel, der jeden Juden überall mit Israel gleichsetzt, Fakten egal sind. Daher hat, selbst wenn es schwer fällt und die Versuchung groß ist, auch ein Sprecher des Wiesenthal-Zentrums sein Hirn einzuschalten bevor er was sagt. Mit dem Hochschaukeln der Affäre ist Israel ebenso wenig gedient wie den österreichischen Juden. Darabos ist Verteidigungsminister eines Kleinstaates mit einem lächerlichen Militär, unbedeutend eigentlich, und so entbehrlich seine Wortspenden zu Israel auch waren, muss man sie doch aushalten können, vor allem wenn man mitdenkt, dass Darabos eben einer ist, von dem man mit Sicherheit sagen kann, dass er kein Antisemit und kein verkappter Nazi ist. Genauso, wie man es auch als Freund Israels aushalten muss, wenn ein österreichischer Politiker mal nicht jeden israelischen Minister und jede politische Aktion Israels großartig findet.

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