Schlagwort-Archive: Persönliches

Danke für den Fisch

Der Lindwurm hat gut lachen, denn der Lindwurm hat wieder alle Zähne im Maul. Und das verdankt er auch jenen großartigen Menschen, die ihn mit einer Spende unterstützt haben. “Aber was, der hat das Geld sicher zum Brandweiner getragen”, höre ich manchen schon sagen. Nix! Wer dem Lindwurm spendet, tut wahrhaft Gutes, das gespendete Geld kommt dort an, wo es ankommen soll, in Lindwurms Gebiss nämlich, und das kann ich beweisen.

rechnung

Ihr seht, verehrenswerte Leserinnen und Leser, Spenderinnen und Spender: Ich bin vertrauenswürdig, ich habe mir keinen Ferrari mit Eurer Kohle gekauft. Ich danke allen, die was gaben, noch einmal herzlich, und weil ich jetzt wieder pleite bin, möchte ich niemanden, der noch in den virtuellen Klingelbeutel einzahlen möchte, mit Gewalt davon abhalten.

Dass ich mir den neuen Zahnersatz teilweise mit Zuwendungen meiner Leser finanzieren konnte, ist ein schönes Gefühl, eine Bestätigung dafür, dass dieser Blog nicht völlig sinnlos ist, dass manche ihn lesen und manche das Gelesene sogar ernst nehmen. Ich weiß, dass ich es dem Publikum nicht gerade sehr leicht und angenehm mache. Es gibt hier nur selten was zu lachen, keine süßen Katzenfotos, keine Kochrezepte. Der Blog ist islamkritisch aber nicht islamophob, links aber nicht parteipolitisch, fortschrittlich aber nicht kommunistisch, liberal aber nicht (sonderlich) wirtschaftsliberal, psychiatriekritisch aber nicht antipsychiatrisch, mit Israel solidarisch aber nicht blind in Israel vernarrt, kritisch und manchmal auch theoretisch aber nicht antideutsch. Nichts und niemand ist hier sakrosankt, keine Religion, kein Staat, keine Partei, keine Ideologie. Ich denke, dass alles und jeder kritisch hinterfragt werden sollte, immer wieder auf´s Neue, dass das Leben ein einziger langer Lernprozess ist und dass am Ende doch das übrig bleibt, was schon kreative Menschen in Wien einst postulierten: Für leiwand, gegen oasch. Darüber, was nun leiwand sei und was oasch, lässt sich gut streiten, aber ich denke doch, dass es da ein paar Basics gibt, von denen ich niemals abweichen werde: Das Eintreten für ein Leben in Würde für jeden Menschen und für die Einhaltung der Menschenrechte; die Achtung vor der persönlichen Freiheit des Individuums; der Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Misogynie und Homophobie; das Auftreten gegen die Anmaßungen von Weltbeherrschungsfantasien, seien diese religiöser oder ideologischer Natur; und generell das Hinterfragen von Autorität. Ich hätte es mir einfacher machen  und zum Beispiel mein eigenes Leben und meine eigenen Probleme nie thematisieren können. Ich hätte hinter einem Pseudonym versteckt und ohne Impressum hübsch klugscheißen können, bis sich sich Balken der Blogosphäre biegen, aber das wäre dann nicht der Lindwurm, wie er sein soll. Der soll nämlich durchaus auch mal persönlich sein, der soll auch zeigen, dass da ein Mensch hinter den Texten steckt und kein allwissender Übertyp.

In diesem Sinne und falls ihr vorher nix mehr von mir lest: Danke fürs Lesen, danke fürs Spenden. Angenehme Feiertage und einen guten Rutsch ins Jahr 2014. 

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Brieflein an die Regierung

Liebe österreichische Bundesregierung

Du hast ja beschlossen, dass ich ab 2014 keine Invaliditätspension mehr bekomme, da ich unter 50 Jahre alt bin. Ich würde es aber total nett finden wenn du mir sagen könntest, was dann aus mir werden soll. Denn der Arbeitsmarkt ist nicht nur generell im Arsch, liebe Regierung, du weißt auch ganz genau, dass kein Arbeitgeber jemanden mit meiner Krankengeschichte einstellen wird. Ein Jahr mit Krebs im Krankenhaus, ständige Nachuntersuchungen, seit 20 Jahren depressiv, seit 13 Jahren Angstzustände, einmal Zwangspsychiatrierung durch die Polizei – um so einen werden sich die Personalchefs prügeln und Oben-Ohne-Kämpfe im Schlamm liefern. Was also erwartet einen wie mich? Ja sicher, du sagst, du wirst mich “rehabilitieren”. Du wirst schaffen, was die Ärzte bislang nicht geschafft haben, du wirst mich heilen. Wie wird das ablaufen? Sechs Wochen Reha-Klinik und danach ärztliche Kontrolle darauf, ob die Depris und die Angst eh verschwunden sind? Und falls die nicht verschwinden, wieder zwangsweise in die Psychiatrie? Und danach die Frage: “Sind sie jetzt gesund oder müssen wir sie weiter hier festhalten”? Genau so wird das doch laufen, oder? Und für meinen “Fall” wird ein AMS-Beamter, pardon, AMS-Kundenbetreuer zuständig sein, der nicht die geringste Ahnung von seelischen Erkrankungen hat und grundsätzlich darauf trainiert ist, Arbeitssuchende als zu bestrafende faule Schweine zu sehen, nicht wahr? Und das AMS wird mich dann in Kurse schicken. Kurse wie diese: “Wie bewerbe ich mich richtig”, “Deutsch für Anfänger”, “der Computer – das fremde Wesen”, “elektronische Post, ein Wunder”. Und dann wird man versuchen, mich an Arbeitgeber zu vermitteln, die nicht mal genug Jobs für Gesunde anbieten können oder wollen. Und wenn das nix wird, was ja abzusehen ist, wie geht es weiter? Zuerst mal Arbeitslosengeld, dann die “Mindestsicherung”? Ja doch, genau das willst du ja, Regierung. Menschen wie ich sollen nicht 14 mal eine kleine IV-Pension bekommen, sondern zwölf mal die noch viel geringere “Mindestsicherung”. Aber zuvor willst du diese Menschen noch quälen und in Panik versetzen und in furchtbare Existenzangst stürzen. So macht das eine Regierung, die aus Sozialdemokraten und Christsozialen besteht. Und Menschen wie ich müssen wohl auch noch froh sein, dass man uns nicht gleich erschießt oder in Arbeitshäuser sperrt, gell?

Liebe Grüße

Ein von eurer Menschenliebe begeisteter Bürger

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Abzockerklitsche Telering

Ich staunte kürzlich nicht schlecht, als mir der Mobilfunkprovider Telering (T-Mobile) zur Belohnung dafür, dass ich Kunde blieb und einen neuen Tarif wählte, eine Rechnung von über 80 Euro ins Haus schickte. Nicht mal zehn Euro  davon entfielen auf Gesprächsgebühren, der Rest setzte sich aus der “Servicepauschale”, der Grundgebühr für den neuen Tarif sowie der “Bearbeitungsgebühr für den Tarifwechsel” zusammen. Das war aber eh nur die branchenübliche Verarsche. Richtig ärgerlich wurde es, als Telering diesen Betrag am vergangenen Dienstag mangels Deckung nicht von meinem Konto abbuchen konnte, denn schon heute lag eine Mahnung inklusive zehn Euro Mahnspesen in meinem Briefkasten. Bedenkt man nun, wie lange Überweisungen brauchen und wie lange ein Brief zur Zustellung braucht, ergibt sich folgendes Bild: Telering kann den Betrag nicht vom Konto buchen und sendet  eine SMS mit dem Inhalt “bitte zahlen sie den Betrag ein”, wartet aber eine eventuelle Überweisung gar nicht erst ab sondern schickt SOFORT ein Mahnschreiben aus, um unter allen Umständen die zehn Euro Mahngebühr kassieren zu können. Und das ist nun wirklich lupenreines Kunden-Abrippen, das sich durch nichts entschuldigen lässt. So agiert kein seriöses Unternehmen, so gehen Abzockerklitschen vor.

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Stress im Mömax-Restaurant

Das Möbelhaus “Mömax” schickte mir einen Gutschein, mit dem man entweder ein Wiener Schnitzel oder einen Fitness-Salat gratis haben konnte. Einzulösen in den Restaurants von Mömax. “Das ist aber nett”, dachte ich mir, und fuhr heute zur Filiale in der Klagenfurter Völkermarkter Straße. Da es 33 Grad im Schatten hatte, bestellte ich mir den Salatteller. An dem gab es nichts auszusetzen. Als ich zahlen wollte, machte die Kellnerin plötzlich Stress.

“Das geht leider nicht”.
“Was geht nicht?”
“Na sie hätten mir den Gutschein vorher zeigen müssen”.
“Auf dem Gutschein steht aber nirgends, dass der vor der Bestellung vorzuweisen sei”.
“Das ist aber so, außerdem hab ich das schon als normale Bestellung gebucht”.
“Na dann buchen sie´s zurück. Wird doch im Computerzeitalter keine Raketenwissenschaft sein”.
“Ich darf nicht”.
“Na dann holen sie bitte ihre Chefin”

Die Restaurant-Chefin kommt und beharrt darauf, dass der Salat voll zu bezahlen sei, da ich den Gutschein nicht vor der Bestellung vorgezeigt habe. Es entwickelt sich eine Diskussion, die ungefähr fünf Minuten, die sich anfühlen wie eine Stunde, dauert. Danach lässt sich die Restaurantleiterin endlich dazu herab, den Gutschein anzuerkennen. Ich mag sowas nicht. Ich mag nicht wegen 5.90 Euro rumstreiten und Alarm schlagen und streiten müssen. Das ist mir peinlich. Aber 1. habe ich nun mal wenig Geld und 2. geht es schon auch ums Prinzip. Nennt mich pingelig, aber wenn ich einen Gutschein für ein Gratisessen bekomme, dann will ich für dieses Essen auch nicht bezahlen müssen. Das Management von “Mömax” möchte ich gerne fragen: Was erhofft ihr euch davon, den Angestellten aufzutragen, bei Gutscheineinlösungen bockig zu werden? Was wäre passiert, wenn ich den Gutschein vor der Bestellung vorgezeigt hätte? Wäre der Fitnessteller um zwei Tomatenscheiben und drei Gramm Blattsalat spärlicher ausgefallen? Bringt es das? Zahlt sich so eine Geschäftspolitik der Kleinlichkeit aus? Ist es euch egal, wenn Kunden sich verarscht vorkommen, nie wieder einen Fuß in eure Restaurants setzen und ihre negativen Erfahrungen öffentlich machen? Falls ihr das alles mit “ja” beantwortet, dann möchte ich mich gerne um einen Job im höheren Management bei euch bewerben, denn Kunden mit unfreundlicher Unflexibilität verärgern und dazu noch die eigenen Angestellten wie ungute Deppen aussehen lassen, das kann ich auch, das ist ganz easy.

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Peace & Love

Mir hat ein netter Mensch ein paar Sachen über jene Person, mit der ich die vergangenen Tage über in einem eher unproduktiven Streit lag, erzählt. Sachen, die bei mir den Zorn durch Mitleid ersetzen. Daher habe ich die entsprechenden Blogeinträge gelöscht. Diverse Screenshots behalte ich aber. Sicherheitshalber. Ein großes Dankeschön an alle, die mich in dieser Sache unterstützt haben. Ich hoffe aber, dass die Angelegenheit damit erledigt ist.

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Kurz mal Pause

Ich kann mich derzeit nicht konzentrieren, daher mache ich mal Pause.

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A year in hell

Im Jahr 2009…

Seit zwei Tagen schon liegt eine tote Ratte im Rinnsal vor dem Haupteingang der onkologischen Abteilung des Klagenfurter Landeskrankenhauses. Sie verwest in der Sommerhitze, und wir Krebspatienten schauen ihr dabei zu. Wir wissen, dass es einigen von uns bald ähnlich ergehen wird, dass von uns bald nur noch eine lebloser Körper übrig sein wird, ein Festmahl für Würmer und Maden. Ärzte und Besucher erschrecken kurz, wenn sie den von Fliegen umschwirrten Kadaver sehen, manche tänzeln verlegen darum herum, einige lachen, andere stoßen Laute aus, die ihrem Ekel Ausdruck verleihen sollen. Am vierten Tag kommt endlich jemand vom Servicepersonal und entfernt das kleine Bündel Fell und Knochen, das von der Ratte noch übrig ist.

Während ich die Szene beobachte, sitzt neben mir eine ältere Dame auf der Sitzbank in der Sonne und beklagt sich über ihre Kinder und Enkel, weil die sie nie besuchen kämen. Es ist Hochsommer 2009 und ich mache gerade meine dritte Chemotherapie durch. Hier sitze ich, abgemagert, meine Glatze unter einer Wollmütze verbergend, benommen von all dem Gift, das man in mich hineinpumpt, und mir ist, als triebe ich in einem Schlauchboot mitten auf dem Pazifik. Ein Gefühl tiefster Einsamkeit und totaler Machtlosigkeit. Wie bin ich hierher geraten?

Krebs, das ist doch wie ein spielgelverkehrter Lottogewinn, ein bizarrer Skifahrerunfall auf der Streif oder die Passion von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo – er trifft immer andere, er wird im nachmittäglichen Valiumfernsehprogramm bequatscht, er tötet manchmal Promis und allenfalls noch den Cousin der Schwägerin des Steuerberaters des Zahnarztes, der ohnehin zu viel geraucht hat. Krebs, das ist nichts für unsereinen, der ist so weit weg, der betrifft uns vielleicht irgendwann einmal, wenn wir sehr alt sind und, an der Opiumpfeife nuckelnd, bedächtig nicken, während unsere Enkelkinder die drei Nobelpreise auf dem Kaminsims in der Stadtvilla bewundern, und dann murmeln wir, mehr zu uns selbst, fast zufrieden in uns hinein: “Es war ein gutes Leben, jetzt darf er anklopfen”.

Leider ist Krebs fast immer wie ein männlicher Pornodarsteller, der es nicht mehr bringt: Er kommt zu früh. Zumindest empfinde ich das so, jetzt, da ich hier sitze und auf den Befund starre, als könne wiederholtes Lesen ungeschrieben machen, was dort steht: “Malignes Burkit-Lymphom”. Eine kurze Recherche auf Wikipedia sorgt auch nicht für bessere Stimmung: “Das Burkit-Lymphom ist einer der am schnellsten wachsenden humanen Tumore und hat eine außerordentlich hohe Zellteilungsrate”. Außerdem, so Tante Wiki, sei diese Krebsart fast exklusiv in Schwarzafrika anzutreffen. Und bei HIV-Patienten im Endstadium. Dass ich als Nicht-Afrikaner ohne HIV somit ein medizinisches Kuriosum bin, quasi an einem abenteuerlichen Exzentrikerkrebs leide, ist kein echter Trost.

Das Propofol hat mich fast ausgeknockt, aber dann, mitten in der Koloskopie, werde ich mit einem Schlag hellwach, denn ich höre den Arzt Worte sagen, die meinen Puls trotz des starken Beruhigungsmittels auf Trab bringen: “Bösartig”, sagt er, und dann die Stimme der Krankenschwester: “Aber er ist doch noch so jung”. Was ist bösartig? Wofür bin ich noch zu jung? Nach der Darmspiegelung muss ich lange 20 Minuten auf einem Krankenbett liegen, bis die Wirkung des Tranquilizers nachgelassen hat, aber ich bin putzmunter, ich war noch nie so wach wie jetzt. Dann endlich spricht der Arzt mit mir. Er wirkt sehr ernst, sehr besorgt, genau so wie die Arztdarsteller in Krankenhausfernsehserien, die ihren Patientendarstellern grimmige Nachrichten überbringen. Er habe einen Tumor gefunden, sagt er, ganz oben im Darm, am Übergang zum Magen. Genaueres werde erst der Laborbefund der eingeschickten Gewebeproben zeigen, aber nun sei eine Computertomographie dringend ratsam.

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? Womöglich bösartig? Gibt es Metastasen? Ich hatte doch bloß Sodbrennen? Tatsächlich, so werde ich bald erfahren, hat sich der Krebs symptomlos angeschlichen, das Sodbrennen hatte nichts damit zu tun. Es ist reiner Zufall, dass man den Tumor entdeckt hat. Glück, um genau zu sein, und dass man neben guten Ärzten auch Glück braucht, um eine Krebserkrankung zu überleben, werde ich nur allzu bald lernen. Und die Redewendung vom “Glück im Unglück” wird für mich bald eine unerwartete Aktualität bekommen, zum ersten Mal direkt nach dem CT-Scan, denn der Krebs hat noch keine sichtbaren Filialen in anderen Organen eröffnet. Dann kommt der Befund: Es ist bösartig, es ist lebensbedrohend, es muss herausgeschnitten werden.

Was für eine Operation! Man hat mir 30 Zentimeter meines Darms mitsamt dem darin nistenden Tumor entfernt. Ich schlage meine Augen auf, ich bin glücklich, weil ich noch da bin, obwohl desorientiert und, ohne meine Brillen, nicht in der Lage, meine Umgebung wahrzunehmen, doch ich weiß, dass ich in einem Aufwachraum bin, genauer: in einem Aufwachsaal, denn ich höre das Stöhnen und Wehklagen mehrerer Leute. Es überrascht mich, dass Menschen tatsächlich “au weh” rufen, und nicht bloß “au”, oder “ah”. Einer ist besonders hartnäckig und stößt wie ein Mantra aus der Hölle andauernd den Ruf “au weh, au weh” aus. Man rollt mich in ein Krankenzimmer, wo ich meine Gattin und meine Eltern anlächeln kann, aber was wir reden, vergesse ich schnell, die Narkose wirkt nach und lähmt mein Gehirn. Ein paar Stunden später bin ich voll da, und bin in eine Folterkammer geraten, in der ein sadistischer Henker die Schmerzschraube immer straffer anzieht. Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas erlebt, es ist, als würde man mir glühende Speerspitzen in den Bauch rammen, und ich begreife, warum Soldaten im Krieg nichts so sehr fürchten wie einen Bauchschuss. Ich rufe um Hilfe, ich flehe die Krankenschwestern an, mir Schmerzmittel zu geben, aber die sagen nur, dass die Morphiumpumpe, ein antiquiert wirkendes Gerät, an das ich angeschlossen bin, ohnehin schon auf die höchste vertretbare Stufe eingestellt sei. Eine sehr junge Nachtdienstärztin kommt und ist ratlos, ich stöhne, schreie, die Minuten wollen nicht vergehen, geschweige denn die Stunden. Aber kurz bevor ich den Verstand verliere ist die Nacht dann doch vorbei und man fährt mich in die Palliativabteilung. Dort stellt man fest, dass beim Abklemmen meiner Bauchnerven ebenso Mist gebaut wurde wie beim korrekten Anschluss der Morphiumschleuder. Man sticht mich nun in die richtige Stelle am Rückgrat, und rasch sind die Schmerzen fast weg, dann schließt man mich an ein mobiles Morphiumgerät an, bei dem ich selbst die Dosis regulieren kann.

Schon zwei Tage nach der Operation darf ich wieder essen. Und ich habe wieder Verdauung. Eigentlich unfassbar. Gerade erst hat man mir einen halben Meter Darm entfernt, trotzdem arbeitet der Körper, als wäre nichts Gröberes passiert. Mein Respekt vor den Leistungen der Chirurgen wächst ebenso wie meine Ehrfurcht vor der Natur. Dann will die Onkologin mit mir sprechen. Sie bringe gute Nachrichten, behauptet sie. Man habe das Geschwür rechtzeitig entfernen können, bevor es streuen konnte. Ob dies bedeute, dass die Sache damit erledigt wäre, will ich wissen. Die Ärztin lächelt milde. Nein, nun müsse man leider eine stationäre Chemotherapie beginnen. Ungefähr acht Monate lang werde diese dauern. Einen Großteil dieser Zeit würde ich auf der Isolierstation verbringen müssen. Acht Monate. Isolierstation. Mir wird schwindelig. Dann sage ich, in der Hoffnung auf Beruhigung: “Aber wenigsten ist so eine Chemo ja nicht wirklich gefährlich, oder?” Die Ärztin schaut mir in die Augen. “Das kann ich leider nicht bestätigen und schon gar nicht versprechen”. Ich muss mich hinlegen.

Noch vor Beginn der Chemo fange ich an, ein Online-Tagebuch über meine Erlebnisse mit der Krankheit zu schreiben. Ich blogge über meine Ängste, meine Schmerzen, über den Alltag im Krankenhaus, und ich stoße auf unerwartet hohe Resonanz. Tageszeitungen berichten über mein “Krebstagebuch”, tausende Leser interessieren sich im Laufe der Monate für meine Erlebnisse und ich bekomme E-Mails von vielen Leidensgenossinnen und -genossen. Das Schreiben hilft mir, bei Verstand zu bleiben, so wie es auch hilft, mit anderen Patienten auf der Krebsstation zu reden. Da ist Tim aus Deutschland, den es vor Jahren nach Kärnten verschlagen hat. Tim ist 24 Jahre jung und hat Hodenkrebs. Und Metastasen in der Lunge. Wir treffen einander oft bei der Sitzbank vor der Onkologie – um zu rauchen. Und zu reden. Tim ist lustig, gescheit, frisch verliebt. Nach seiner Behandlung, sagt er, will er mit seiner Freundin schön Urlaub machen, in einem teuren Wellnesshotel. Wir tauschen Telefonnummern aus und plaudern öfters per Handy. Nach drei Wochen in der Isolierstation will ich wissen, wie es Tim geht. “Unter der von ihnen gewählten Rufnummer ist uns kein Teilnehmer bekannt”.

Und dann gibt es Karin aus Wien. Die hat mir eine Mail geschickt, nachdem sie im Internet auf meine Berichte gestoßen ist. 29 Jahre ist sie alt und leidet an Brustkrebs. Wir schreiben einander häufig. Sie hat Angst, teilt sie mir mit. Dann hören die E-Mails plötzlich auf. Für immer. Es ist ein bisschen so, wie wenn man in einer mondlosen Nacht durch den Wald taumelt, dort jemanden mit einer Kerze in der Hand trifft, kurz mit ihm spricht, dann weiterstolpert, und wenn man sich umdreht, weil man noch etwas sagen will, ist die Kerze erloschen und der Mensch verschwunden, als hätte er nie existiert.

Nach jedem Behandlungszyklus muss ich einige Wochen in einem Isolierzimmer verbringen, weil die Chemo mein Immunsystem ausschaltet. Schon ein grippaler Infekt könnte lebensgefährlich sein. Hier herrscht die totale Hygiene, der Raum ist so steril, dass es nicht einmal ein WC gibt, weil zu befürchten ist, dass Bakterien die Rohre heraufkriechen. Stattdessen muss ich mich an Urinflaschen und an den Leibstuhl gewöhnen. Das ist erniedrigend. Ich sehe nie ein menschliches Gesicht, denn alle Ärzte, Pflegerinnen und Besucher, die in meine winzige Welt kommen, müssen einen Mundschutz tragen. Das laute, konstante Brummen der Luftreinigungsanlage ist der Soundtrack zu diesem Horrorfilm, ergänzt durch die Klickgeräusche des Infusionsgeräts, die immer wieder in alarmierendes Piepsen übergehen, wenn sich Luftbläschen im Infusionsschlauch bilden. Nicht selten kommt es vor, so erzählt mir eine Krankenschwester, dass Patienten in diesen Zimmern einen Nervenzusammenbruch erleiden. Das überrascht mich nicht.

Hier passiert das Schlimmste der ganzen Behandlungszeit, denn zum wochenlangen Eingesperrtsein, zum Schrumpfen der Welt auf sechs Quadratmeter kommen die Nebenwirkungen der Chemo hinzu. In meinem Fall die zerstörerische Wirkung des Giftcocktails auf die Schleimhäute. Essen wird fast unmöglich, Reden tut weh, mildes Mineralwasser fühlt sich an wie brennendes Benzin. Starke Schmerzmittel auf Opiatbasis helfen. Schlimmer als die starken Schmerzen ist aber die Summe kleinerer Unannehmlichkeiten. Das Erste und Letzte, was ich jeden Tag spüre, sind die Spritzen, mit denen mir Blut abgenommen wird. Da ich eine Intensiv-Chemo bekomme, werden mir bei jedem Behandlungszyklus eine Woche lang jeden Tag sechs Liter Chemie in den Körper gejagt, gefolgt von so genannten Ausspüllösungen, was zur Folge hat, dass ich nicht mehr durchschlafen kann, da ich alle 30 Minuten wach werde und Wasser lassen muss.

Antibiotika in rauen Mengen, allergische Reaktionen gegen eben diese Antibiotika, juckende Ausschläge, der Lärm der Luftfilter, andauernd Angst vor einer Lungenentzündung oder anderen für mich in diesem Zustand tödlichen Nebenerkrankungen – spätestens nach der dritten Runde hat man das alles so furchtbar satt und weiß doch, dass es keine Alternative dazu gibt. Man muss durchhalten.

Zwei Tage vor Weihnachten 2009 ist die Chemo nach sechs langen Runden endgültig überstanden. Und ich lebe noch, stehe immer noch aufrecht im Ring. Nach einem letzten PET-CT bekomme ich die wohl schönste Nachricht, die ein Arzt einem Patienten überbringen kann: Keine Spur mehr von Krebsaktivität zu sehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich “geheilt” wäre. Onkologen sprechen nicht von Heilung, sie sprechen bestenfalls von totaler Remission , was bedeutet, dass der Krebs zwar noch irgendwo im Körper versteckt sein mag, aber keine Aktivitäten mehr entfaltet, dass er sozusagen schläft. Die Freude darüber wird überschattet von etwas anderem: Kurz zuvor, während des letzten Chemozyklus, ist meine Ehe zerbrochen. Krebs macht unter anderem auch einsam, denn die Krankheit ist mit so viel Ängsten besetzt, dass viele Menschen davor zurückscheuen, den Patienten auch nur zu besuchen. Manche trauen sich nicht einmal, anzurufen. Für die engsten Verwandten ist die Belastung extrem, fast ebenso hoch wie für den Kranken selbst.

Umso dankbarer bin ich jenen, die sich nicht abschrecken haben lassen und mir in all der langen Zeit Mut zugesprochen haben. Überstehen konnte ich das alles nur aus zwei Gründen: Einerseits habe ich mich als seelisch stärker entpuppt, als ich zu Beginn der Behandlung zu hoffen gewagt hatte. Andererseits waren die Ärztinnen und das Pflegepersonal menschlich großartig. Mit so viel Empathie, so einer bedingungslosen Bereitschaft, alles zu tun, um mir das Leben zu erleichtern, hatte ich nicht gerechnet. Egal ob Oberarzt, Krankenschwester oder Reinigungskraft – nie habe ich in all den Monaten auch nur ein böses Wort gehört, immer waren alle freundlich und zuvorkommend zu mir, auch dann, wenn es mir richtig schlecht ging und ich entsprechend grantig war. Dieses menschlich erstklassige Verhalten der Belegschaft der Klagenfurter Onkologie hat mich während meines Behandlungsjahres am meisten beeindruckt. Wenn man schon so eine schlimme Krankheit erleiden muss, dann bitte in den Händen dieses Teams! Ein gutes Jahr nach dem Ende meiner Behandlung lautet der Befund meiner Kontrolluntersuchungen immer noch “komplette Remission”. Ich habe den Krebs nicht “besiegt”, wie es in Boulevardzeitungen gerne heißt, sondern überlebt.

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