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Stress im Mömax-Restaurant

Das Möbelhaus “Mömax” schickte mir einen Gutschein, mit dem man entweder ein Wiener Schnitzel oder einen Fitness-Salat gratis haben konnte. Einzulösen in den Restaurants von Mömax. “Das ist aber nett”, dachte ich mir, und fuhr heute zur Filiale in der Klagenfurter Völkermarkter Straße. Da es 33 Grad im Schatten hatte, bestellte ich mir den Salatteller. An dem gab es nichts auszusetzen. Als ich zahlen wollte, machte die Kellnerin plötzlich Stress.

“Das geht leider nicht”.
“Was geht nicht?”
“Na sie hätten mir den Gutschein vorher zeigen müssen”.
“Auf dem Gutschein steht aber nirgends, dass der vor der Bestellung vorzuweisen sei”.
“Das ist aber so, außerdem hab ich das schon als normale Bestellung gebucht”.
“Na dann buchen sie´s zurück. Wird doch im Computerzeitalter keine Raketenwissenschaft sein”.
“Ich darf nicht”.
“Na dann holen sie bitte ihre Chefin”

Die Restaurant-Chefin kommt und beharrt darauf, dass der Salat voll zu bezahlen sei, da ich den Gutschein nicht vor der Bestellung vorgezeigt habe. Es entwickelt sich eine Diskussion, die ungefähr fünf Minuten, die sich anfühlen wie eine Stunde, dauert. Danach lässt sich die Restaurantleiterin endlich dazu herab, den Gutschein anzuerkennen. Ich mag sowas nicht. Ich mag nicht wegen 5.90 Euro rumstreiten und Alarm schlagen und streiten müssen. Das ist mir peinlich. Aber 1. habe ich nun mal wenig Geld und 2. geht es schon auch ums Prinzip. Nennt mich pingelig, aber wenn ich einen Gutschein für ein Gratisessen bekomme, dann will ich für dieses Essen auch nicht bezahlen müssen. Das Management von “Mömax” möchte ich gerne fragen: Was erhofft ihr euch davon, den Angestellten aufzutragen, bei Gutscheineinlösungen bockig zu werden? Was wäre passiert, wenn ich den Gutschein vor der Bestellung vorgezeigt hätte? Wäre der Fitnessteller um zwei Tomatenscheiben und drei Gramm Blattsalat spärlicher ausgefallen? Bringt es das? Zahlt sich so eine Geschäftspolitik der Kleinlichkeit aus? Ist es euch egal, wenn Kunden sich verarscht vorkommen, nie wieder einen Fuß in eure Restaurants setzen und ihre negativen Erfahrungen öffentlich machen? Falls ihr das alles mit “ja” beantwortet, dann möchte ich mich gerne um einen Job im höheren Management bei euch bewerben, denn Kunden mit unfreundlicher Unflexibilität verärgern und dazu noch die eigenen Angestellten wie ungute Deppen aussehen lassen, das kann ich auch, das ist ganz easy.

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Peace & Love

Mir hat ein netter Mensch ein paar Sachen über jene Person, mit der ich die vergangenen Tage über in einem eher unproduktiven Streit lag, erzählt. Sachen, die bei mir den Zorn durch Mitleid ersetzen. Daher habe ich die entsprechenden Blogeinträge gelöscht. Diverse Screenshots behalte ich aber. Sicherheitshalber. Ein großes Dankeschön an alle, die mich in dieser Sache unterstützt haben. Ich hoffe aber, dass die Angelegenheit damit erledigt ist.

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Kurz mal Pause

Ich kann mich derzeit nicht konzentrieren, daher mache ich mal Pause.

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Im Kuckucksnest, Nachtrag

Mittlerweile ist geklärt, wer mich durch einen Anruf bei der Polizei in die Psychiatrie gebracht hat. Es war, wie ich ja vermutete, ein besorgter Mensch, der den öffentlichen Facebookeintrag gesehen hatte und nach einer Diskussion mit anderen Besorgten sich dazu entschloss, das Posting der Exekutive zu melden. Es war niemand, der mich persönlich kannte, was ihn wohl davon abhielt, mich zuerst einmal anzurufen, bevor er in Aktion trat. Bin ich ihm dafür böse? Natürlich nicht, denn er wollte helfen und hat in bester Absicht gehandelt. Und es ist beruhigend, dass es den Mitmenschen nicht egal ist, wenn ein anderer In Not ist. Dass ich keine realen Selbstmordabsichten hatte, konnten jene, die das Posting lasen, ja nicht wissen. Ich möchte diese Gelegenheit auch nutzen um all jene um Entschuldigung zu bitten, die ich mit der selten dämlichen Statusmeldung in Sorge und Angst versetzt habe.

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Im Kuckucksnest, Q&A

“Wer die Hitze nicht verträgt, sollte nicht ins Wespennest scheißen”, wussten schon die alten Kelten. Als ich über meine Erlebnisse mit der Psychiatrie bloggte, war mir durchaus bewusst, dass dies nicht nur Anlass zu einer ernsthaften Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn unseres psychiatrischen Systems sein würde, sondern auch ad hominem-Attacken, Spott, Hohn und generell strunzdummen Kommentaren Tür und Tor öffnete. Nachdem die Medien auf das Thema aufgesprungen sind und es in mehreren Zeitungen sowie im Rundfunk  Berichte über meinen Blogeintrag gab, habe ich mich durch die Leserbriefe und Userkommentare gelesen und mir gedacht, daraus ob der geballten Zahl der dort vorzufindenden Dummdreistigkeiten ein kleines Questions & Answers zu basteln. Wer Ironie, Zynismus und Sarkasmus findet, ist ein toller Hecht.

Q: Wie kommen Sie denn dazu, die Psychiatrie zu verteufeln und dadurch Menschen, die psychiatrische Hilfe brauchen, Angst zu machen?

A: Mea culpa, mea maxima cupla. Ich schrieb in dem Blogbeitrag: “Dieser Text soll keine sachliche Kritik an der Psychiatrie sein. Ich habe nichts gegen die Psychiatrie an sich und würde, was ich auch anderen empfehle, bei schwerwiegenden Krisen nicht zögern, mich dort FREIWILLIG behandeln zu lassen. Das hier ist ein rein subjektiver Erfahrungsbericht, der von einer Verkettung unglücklicher Umstände handelt und wie sehr mich die Situation belastet hat.” Klarer kann man etwas gar nicht verteufeln. Ich beneide Sie um ihr hoch entwickeltes Textverständnis. Sind Sie Literaturkritiker?

Q: Sie haben sich das gefallen lassen? Sie Würstchen! Wieso haben Sie nicht ordentlich auf den Tisch gehaut, Ihren Anwalt verständigt, die Polizei nicht rein gelassen und allen mit Klagen gedroht?

A: Sie haben ja recht. Die Polizei die Tür aufbrechen zu lassen, in Handschellen zum Amtsarzt geführt werden, dort zu toben beginnen und mit Klagen drohen und später die Ärzte im Krankenhaus beschimpfen hätte sicher einen besseren Eindruck hinterlassen, als ruhig und gefasst darauf zu vertrauen, dass menschliche Kommunikation möglich ist und die Ärztinnen einen nach ein paar Tagen wieder ziehen lassen. Sie an meiner Stelle hätten, wären sie schwer verkatert und die Polizei nähme sie mit und man drohte Ihnen mit einer gerichtlichen Einweisung, sicher das Reaktionsvermögen eines Astronauten und die Schlagfertigkeit eines Karl Kraus.

Q: Ha! Ich habe jetzt mal in Ihrem Blog geblättert und herausgefunden, dass Sie offenbar schon lange unter Depressionen leiden. Was sagen Sie dazu?

Q: Ich sage, dass sich jeder Chefredakteur alle zehn Finger nach einem investigativen Rechercheur wie Ihnen abschlecken würde. Ganz ohne fremde Hilfe haben Sie in einem öffentlichen Blog mit Suchfunktion Hinweise darauf gefunden  dass ich das, wovon ich im Artikel, den Sie hier kommentieren, schrieb (dass ich nämlich unter Depressionen leide), auch schon mal in einem anderen Beitrag erwähnt habe. Ihnen gebührt mindestens der Pulitzerpreis, wenn nicht gar ein Lutscher.

Q: Wie bitte ist es möglich, dass Sie im Krankenhaus weiterhin Ihre alten Medikamente nehmen konnten?

A: Das liegt an dem bedauernswerten Umstand, dass man in Österreich Menschen bei der Aufnahme in eine psychiatrische Klinik keiner Leibesvisitation unterzieht, sie nicht nackt auszieht und nicht mit Taschenlampen in all ihre Körperöffnungen leuchtet.  Es ist skandalös, dass hierzulande gewisse Mindeststandards bezüglich Menschenwürde und Menschenrecht eingehalten werden. Aber vielleicht hört die Politik auf Sie, geschätzter Menschenfreund, und verabschiedet ein Gesetz, das jede Person, bei der auch nur der leiseste Verdacht auf eine seelische Erkrankung besteht, für vogelfrei erklärt? Wir würden dann ganz gewiss in einer besseren Welt leben und Sie müssten sich nicht mehr mit solch quälenden Fragen herumschlagen.

Q: Sind sie Scientologe?

A: Ja. Außer einem Scientologen würde niemand auf die Idee kommen, einen Erlebnisbericht über einen Psychiatrieaufenthalt zu schreiben, der keine einzige Lobeshymne ist. Nur Scientologen finden es unangenehm, wenn sie von der Polizei in die Psychiatrie gebracht werden. Mehr kann ich jetzt nicht sagen, denn ich werde gleich von L. Ron Hubbards Privat-Ufo abgeholt und entschwebe zu den Sternen.

Q: Mit 41 sind sie schon in Invaliditätspension? Unglaublich! Arbeiten geht nicht, aber bloggen schon? Wie ist sowas möglich, Sie Drecksack? Sie simulieren doch?

A: Richtig. Ich führe die Fachärzte, die mir die Arbeitsunfähigkeit attestiert haben, bei jeder Kontrolluntersuchung erneut an der Nase herum. Sie jedoch, der Sie mich noch nie gesehen haben und heute zum ersten Mal von mir hörten, haben mich sofort durchschaut. Bitte lassen Sie diese phänomenalen ferndiagnostischen Fähigkeiten dem Allgemeinwohl zugute kommen! Die Welt interessiert sich zum Beispiel brennend dafür, ob Kim Yong Un einen an der Waffel hat oder bloß so tut, als ob. Und wer wenn nicht Sie könnte die Sachlage aus Ihrem Wohnzimmer heraus richtig einschätzen und dazu ein abschließendes Urteil abgeben? Wenn ich mal tage- oder wochenlang nicht blogge, liegt das natürlich nicht daran, dass ich einen depressiven Schub hätte oder mich Panikzustände quälten. Ich bin in dieser Zeit unterwegs und schlafe mit den Frauen von braven, hart schuftenden Arbeitnehmern. Oder ich verbringe ein bisschen Zeit auf meiner spanischen Finca, die ich dem Sozialstaat abgegaunert habe. Mein Meisterstück in Sachen Sozialbetrug war übrigens meine so genannte “Krebserkrankung”. Ich log dermaßen geschickt, dass ich mir die Entfernung von 30 Zentimeter Darm erschlich und auch noch acht Monate lang in den Genuss köstlicher Chemotherapien kam. AUF IHRE KOSTEN! Seien Sie dennoch beruhigt, schon 2014 wird die Invaliditätspension für Menschen unter 50 in Österreich abgeschafft. Vielleicht werden wir beide, nach meiner politisch angeordneten Wunderheilung, dann Kollegen? Oder lieber nicht. Ihr Job muss ja furchtbar sein, wenn sie jemanden darum beneiden, krank zu sein, mit sehr wenig Geld auskommen zu müssen und sozial ausgegrenzt zu werden. Sie armes Schwein!

Q: Sie schreiben selber, dass Sie unter Depressionen leiden. Wieso wundern Sie sich dann, dass man Sie in die Psychiatrie einliefert? Sind sie nicht froh darüber, wenn man Ihnen helfen will?

A: Ja eh. Depressive brauche vor allem eines, nämlich das Gefühl, man könne sie jederzeit gegen ihren Willen einliefern. Das wird denen eine Lehre sein und wird sie sicherlich heilen! Gerade Depressive und Angstkranke haben nichts so dringend nötig wie einen schockartigen Verlust von Vertrauen und Freiheit.

Q: Das haben Sie doch alles nur erfunden?

A: Ja, und die nationale und internationale Presse ist darauf ebenso hereingefallen wie meine Freunde und Verwandten. In Wirklichkeit war ich damals gar nicht in der Psychiatrie, sondern habe LSD an Kindergartenkinder  verteilt.

Q: Schämen Sie sich denn gar nicht?

A: Nein. Sie?

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Im Kuckucksnest

Vor einem Monat trank ich zu viel Bier und machte im Suff einen schweren Fehler: Ich schrieb ein Facebook-Posting, das man als Selbstmorddrohung interpretieren konnte (“Vielleicht ändert sich ja was, wenn ich mich umbringe?” – geschrieben im Kontext der der Krise geschuldeten Selbstmordwellen in Griechenland und Spanien). Als ich Tags darauf wieder halbwegs nüchtern war, löschte ich es, da ich es für eine peinliche Weinerlichkeit hielt, die noch dazu Tür und Tor zu falschen Vermutung öffnete. Gegen Mittag läutete es dann Sturm. Ich fragte mich, wer denn der Quälgeist sei, der mich da in meinem Kater stören wollte, doch als ich die Tür öffnete, war ich einigermaßen überrascht, denn da standen zwei junge Polizisten. Mir dämmerte schnell, dass deren Besuch wohl mit meinem Facebook-Gefühlsausbruch zu tun haben könnte, was mir die beiden Beamten auch bestätigten. Sie wären davon verständigt worden, dass ich mit Suizid gedroht hätte, eröffneten sie mir. Ich lachte und sagte ihnen, es sei alles in Ordnung, ich wolle mich ganz sicher nicht umbringen. Der Facebookeintrag lag außerdem schon gute zwölf Stunden zurück. Wäre es mir ernst gewesen, wären die Uniformierten wohl reichlich spät dran gewesen. Ob sie reinkommen dürften, fragten sie, und ich bejahte, ließ sie in meine Wohnung, wo weder Strick, noch Pistole, noch Rasierklingen, noch Schlaftabletten bereit lagen, da ich ja niemals vorgehabt hatte, mich wirklich aus diesem Leben zu befördern. Ich scherzte mit den Beamten, die übrigens überaus freundlich waren, und hoffte, die Sache wäre damit erledigt. Junge, lag ich falsch! Es tue ihnen ja leid, sie glaubten mir zwar, dass ich mich nicht erschießen wollte, aber ich müsse sie aufs Revier begleiten. Eine reine Formsache, versicherten sie mir, der Amtsarzt würde mich dann nach Klärung des Sachverhalts wieder nachhause schicken. Also wurde ich unter den Augen neugieriger Nachbarn von zwei Polizisten zum Einsatzfahrzeug begleitet und zur Polizeizentrale gefahren. “Ärgerlich”, dachte ich, “aber bald wird dieses Missverständnis aufgeklärt werden”. Junge, lag ich falsch!

Der Amtsarzt stellte mir keine einzige Frage. Er sah mich nicht einmal an, genauer: Er sah durch mich hindurch und sprach ausschließlich mit den Polizisten, die mich abgeholt hatten. Das war eine der erniedrigendsten Erfahrungen meines Lebens. Ich war plötzlich keine Person mehr, ich war ein armer Irrer, der es nicht einmal wert war, dass man ihn wahrnahm oder mit ihm sprach. Man sprach über mich, als ob ich nicht anwesend gewesen  wäre. Zwischen Amtsarzt und Polizisten entspann sich folgender Dialog:

“Fremdgefährdung?”

“Nein”.

“Selbstgefährdung?”

“Können wir nicht ausschließen”.

Der Amtsarzt griff zum Telefon und mir wurde langsam heiß, denn ich begann zu begreifen, dass ich meine Wohnung so schnell nicht wiedersehen würde. Ob noch ein Bett frei sei, hörte ich ihn fragen, und dann forderte er, man solle eine Ambulanz schicken. Die Polizisten  bedeuteten mir, ich solle aufstehen und am Gang vor dem Arztzimmer Platz nehmen. Ich sagte “auf Wiedersehen” zum Amtsarzt, doch der blickte bloß missmutig in die Akten eines anderen Falls. Er dachte wohl, mit Irren redet man nicht, man antwortet nicht mal auf eine höfliche Verabschiedungsfloskel. Vielleicht hatte der Mann aber auch nur einen besonders stressigen Tag? Nach ein paar Minuten kam dann der Rettungswagen, der mich ins Krankenhaus bringen sollte, und der von der Polizei dorthin eskortiert wurde. Man weiß ja nie, vielleicht wäre ich ohne Polizeieskorte aus dem fahrenden Wagen gesprungen oder hätte dem Sanitäter die Haut vom Gesicht gefressen? Ich fühlte, wie sich eine Panikattacke anschlich, doch ich konnte sie mit Müh und Not unterdrücken. Alles, was ich an diesem Tag gewollte hatte, war, in Ruhe meinen Kater auszukurieren. Und jetzt saß ich in einem Krankenwagen, der mich gegen meinen Willen in die Psychiatrie transportierte. Noch hatte ich die Hoffnung, dass wenigstens die Psychiater mir zuhören würden und mir glaubten, dass ich keine Selbstmordabsichten hatte. Junge, lag ich falsch!

Auf der psychiatrischen Station des Klinikum Klagenfurt angekommen, brachten mich ein Pfleger und die zwei Polizisten, die mir seit Mittag nicht von der Seite gewichen waren, zu einer Ärztin. Ich versuchte zu erklären, dass ein Missverständnis vorliege, dass ich besoffen Unsinn geschrieben hatte und dass ich nie vorgehabt hatte, mir das Leben zu nehmen. Es war nicht gerade ein vertrauliches Gespräch. Die Polizisten, ein Pfleger und eine Krankenschwester hörten zu. Die Psychiaterin schaute mich an und stellte mir dann eine Frage: “Bleiben sie freiwillig hier oder müssen wir einen richterlichen Unterbringungsbeschluss einholen?” Jetzt wurde mir ein bisschen übel. Richterliche Unterbringung! Bilder von verrammelten Fenstern, Zwangsjacken und Gitterbetten erschienen vor meinem inneren Auge. Ich war nun extrem verängstigt und entschloss mich, für die unfreiwillige Freiwilligkeit zu optieren. Ich hatte nicht viel Ahnung von der Psychiatrie, aber eines war mir bewusst: Würde ich nun laut werden und starrsinnig auf meiner Freilassung bestehen, wäre die Diagnose “hat keine Krankheitseinsicht” oder “ist akut suizidgefährdet” schnell zur Hand und man würde mich in die geschlossene Abteilung stecken. Als kooperativer Patient kam ich in die offene Psychiatrie, wo man mir ein Bett zuwies und mich mit meinen ins Rasen kommenden Gedanken allein ließ. “Na gut, dann bleibe ich halt, die werden mich wohl 24 Stunden beobachten und dann wieder ziehen lassen”, bildete ich mir ein. Junge, lag ich falsch!

Ich erkundete meine Umgebung. Ich war in einem Sechsbettzimmer untergebracht. Neben mir hatte sich ein anderer Patient auf seinem Bett in Fötusstellung zusammengerollt. Drei Zimmer gab es auf der Station, alle belegt mit jeweils sechs Patienten. Zwei Zimmer waren für Frauen, eines für uns Männer. Am Gang gab es einen Unisexwaschraum und eine Unisextoilette. Die Betten waren alt und ohne Möglichkeit einer elektrischen Einstellung, es gab ein großes Esszimmer, wo auch der einzige Fernseher stand. Man gab mir Medikamente. Viele Medikamente. Sechs Stück über den Tag verteilt. Ich griff zum Handy und informierte meine Verwandten und Bekannten darüber, was mir passiert war. Früh ging ich zu Bett und hoffte auf die Visite am folgenden Tag. “Vielleicht kann ich in einem vertraulichen Arzt-Patienten-Gespräch endlich klar machen, dass ich hier nicht hergehöre”, dachte ich mir. Ich lag natürlich falsch.

Am nächsten Morgen schluckte ich brav die Medikamente, die beim Frühstück ausgeteilt wurden (Cipralex, Neuroleptika, Antiepileptika…), und wartete auf die Visite. Ich lernte rasch, dass Warten die Hauptbeschäftigung in der Psychiatrie ist. Warten und lesen. Oder warten und schlafen. Es gibt keine Gesprächstherapie, nur Medikamente. Als ich schließlich dran kam, stellte sich die Visite als weniger vertraulich heraus, als ich gedacht hatte, denn neben der Ärztin war auch eine Krankenschwester im Zimmer. Erneut versuchte ich zu erklären, dass ich kein potenzieller Selbstmörder sei. “Aber ohne Grund schreibt man doch keine Selbstmorddrohung auf Facebook”, meinte die Ärztin. Ich gab zu, dass ich seit vielen Jahren an Depressionen und Angststörungen litt, betonte aber, dass ich noch nie versucht hatte, mein Leben zu beenden. Es brachte nichts. Auch in den folgenden Tagen nicht. Für jeden Versuch meinerseits, meine Nicht-Selbstgefährdung zu beweisen, kamen sofort neue “Vorwürfe”. Ja, Vorwürfe, denn diese Visiten erinnerten mich ein wenig an Polizeiverhöre, bei denen einem ein Geständnis aus der Nase gekitzelt werden soll. Mir ging es inzwischen rasant schlechter, ich hatte keinen Appetit mehr, war extrem unruhig, hatte beunruhigend hohe Blutdruckwerte, Schweißausbrüche und Angstzustände, war müde und gleichzeitig schlaflos. Als ich das bei einer der nächsten Arztvisiten zur Sprache brachte, konfrontierte mich die Ärztin mit den Werten einer Blutuntersuchung, in der ein relativ hohes Level eines Medikaments, das ich seit Jahren nahm, festgestellt worden war und meinte, es sei kein Wunder, dass es mir so schlecht ginge, ich litte nämlich unter einem Entzug. Das ginge ja nun gar nicht, dass ich jenes Medikament so lange genommen hätte, und ich sollte die Chance nutzen, hier  davon loszukommen. Interessant: Aus einer zwangsweisen Selbstmordverhinderung sollte nun eine zwangsweise Medikamentenumstellung samt Entzug werden. Blöd nur, dass die furchtbaren Symptome, unter denen ich litt, gar kein Entzug sein konnten, da ich das bewusste Beruhigungsmittel immer noch nahm. Es waren die Nebenwirkungen der neuen Medikation, vor allem jene von Cipralex.

Es vergingen fünf Tage und ich bekam langsam echte Angst, dass ich sterben könnte, denn zu den immer stärker werdenden Nebenwirkungen der Medikation kam eine Art Krankenhauskoller. Ich hatte wenige Jahre zuvor immerhin acht verdammte Monate mit Krebs im Krankenhaus gelegen, großteils in einem Isolierzimmer, in dem man vor Einsamkeit und Beklemmung fast verrückt wird, und hatte seither eine Phobie gegen Krankenhausaufenthalte, vor allem gegen erzwungene. Immerhin hatte ich den Schock der Einlieferung überwunden und kam nun langsam wieder in die Gänge, begann damit, mich über meine Rechte zu informieren. Ich rief einen befreundeten Richter an, der mir erklärte, dass es in meinem Fall keinen Anlass für eine Zwangsunterbringung gäbe, da kein Richter eine solche nur aufgrund eines Facebook-Postings verfügen würde. Dermaßen argumentativ gestärkt machte ich mich bereit, für meine Freiheit zu kämpfen, und bei der Visite am sechsten Tag machte ich mit Nachdruck klar, dass mir dieser Krankenhausaufenthalt eher schadete, dass ich zwar seit 20 Jahren depressiv, aber nie suizidgefährdet gewesen war und dass ich keine Lust hätte, im Krankenhaus einen Zwangsentzug zu machen. Die behandelnde Ärztin war plötzlich sehr kooperativ und teilte mir mit, sie würde meine Entlassungspapiere noch am selben Tag unterschreiben, was sie dann auch tat. Nach einer knappen Woche auf der Psychiatrie war ich wieder ein freier Mensch. Allerdings einer, der nun den “Makel” eines nicht ganz freiwilligen Psychiatrieaufenthalts in den Akten stehen hat und auch einer, dessen Hausarzt und dessen niedergelassener Psychiater beide einen Brief vom Krankenhaus bekamen mit der dringenden Aufforderung, meine medikamentöse Einstellung zu ändern. Was sie auch machten.

Ich weiß, dass mir weder die Polizisten, noch der Amtsarzt und schon gar nicht die Ärztinnen und Pfleger im Krankenhaus etwas Schlechtes antun wollten. Sie alle haben in der Absicht gehandelt, mir zu helfen. Dennoch war das eine sehr schlimme Erfahrung, denn ich hätte zuvor nicht im Traum gedacht, dass man so schnell gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Klinik landen kann. Der Entzug der persönlichen Freiheit gehört zum Schlimmsten, was ein Mensch erleben kann. Ich würde die Erfahrung, die ich gemacht habe, all jenen wünschen, die am Stammtisch dumm davon daherreden, dass Haftstrafen eh nicht so schlimm seien. Für mich immerhin hat die Sache neben der starken Verunsicherung, die das Hineingeraten in die Mühlen einer Gesundheitsbürokratie nach sich zog, auch positive Auswirkungen. Seit damals trinke ich keinen Alkohol mehr, da ich einen solchen Kontrollverlust nicht mehr erleben möchte, und es ist wohl auch in der Tat an der Zeit, neue Medikamente zu probieren und von den Beruhigungsmitteln loszukommen. Die Frage, ob andere darüber zu entscheiden haben, welche legalen Medis ich einwerfe und ob eine erzwungene Umstellung medizinisch sinnvoll ist, möchte ich hier gar nicht weiter erörtern. Dennoch möchte ich den Menschen, der mein Facebook-Posting bei der Polizei gemeldet hat, fragen, warum er oder sie sich nicht die “Mühe” gemacht hat, mich vorher zu kontaktieren und nachzufragen, ob es mir wirklich ernst sei mit dem Suizid? Ich stehe im Telefonbuch und bin auch via E-Mail und Blog und eben Facebook erreichbar. Es war vermutlich gut gemeint, aber ich bitte um Verständnis dafür, dass ich nicht gerade sehr dankbar für diesen traumatisierenden Trip bin.

Nachtrag 1: Dieser Text soll keine sachliche Kritik an der Psychiatrie sein. Ich habe nichts gegen die Psychiatrie an sich und würde, was ich auch anderen empfehle, bei schwerwiegenden Krisen nicht zögern, mich dort FREIWILLIG behandeln zu lassen. Das hier ist ein rein subjektiver Erfahrungsbericht, der von einer Verkettung unglücklicher Umstände handelt und wie sehr mich die Situation belastet hat.

Nachtrag 2: Soeben erschien im “Standard” ein interessanter Artikel zum Thema. “Mit subtilem Zwang in die Psychiatrie”.

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A year in hell

Im Jahr 2009…

Seit zwei Tagen schon liegt eine tote Ratte im Rinnsal vor dem Haupteingang der onkologischen Abteilung des Klagenfurter Landeskrankenhauses. Sie verwest in der Sommerhitze, und wir Krebspatienten schauen ihr dabei zu. Wir wissen, dass es einigen von uns bald ähnlich ergehen wird, dass von uns bald nur noch eine lebloser Körper übrig sein wird, ein Festmahl für Würmer und Maden. Ärzte und Besucher erschrecken kurz, wenn sie den von Fliegen umschwirrten Kadaver sehen, manche tänzeln verlegen darum herum, einige lachen, andere stoßen Laute aus, die ihrem Ekel Ausdruck verleihen sollen. Am vierten Tag kommt endlich jemand vom Servicepersonal und entfernt das kleine Bündel Fell und Knochen, das von der Ratte noch übrig ist.

Während ich die Szene beobachte, sitzt neben mir eine ältere Dame auf der Sitzbank in der Sonne und beklagt sich über ihre Kinder und Enkel, weil die sie nie besuchen kämen. Es ist Hochsommer 2009 und ich mache gerade meine dritte Chemotherapie durch. Hier sitze ich, abgemagert, meine Glatze unter einer Wollmütze verbergend, benommen von all dem Gift, das man in mich hineinpumpt, und mir ist, als triebe ich in einem Schlauchboot mitten auf dem Pazifik. Ein Gefühl tiefster Einsamkeit und totaler Machtlosigkeit. Wie bin ich hierher geraten?

Krebs, das ist doch wie ein spielgelverkehrter Lottogewinn, ein bizarrer Skifahrerunfall auf der Streif oder die Passion von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo – er trifft immer andere, er wird im nachmittäglichen Valiumfernsehprogramm bequatscht, er tötet manchmal Promis und allenfalls noch den Cousin der Schwägerin des Steuerberaters des Zahnarztes, der ohnehin zu viel geraucht hat. Krebs, das ist nichts für unsereinen, der ist so weit weg, der betrifft uns vielleicht irgendwann einmal, wenn wir sehr alt sind und, an der Opiumpfeife nuckelnd, bedächtig nicken, während unsere Enkelkinder die drei Nobelpreise auf dem Kaminsims in der Stadtvilla bewundern, und dann murmeln wir, mehr zu uns selbst, fast zufrieden in uns hinein: “Es war ein gutes Leben, jetzt darf er anklopfen”.

Leider ist Krebs fast immer wie ein männlicher Pornodarsteller, der es nicht mehr bringt: Er kommt zu früh. Zumindest empfinde ich das so, jetzt, da ich hier sitze und auf den Befund starre, als könne wiederholtes Lesen ungeschrieben machen, was dort steht: “Malignes Burkit-Lymphom”. Eine kurze Recherche auf Wikipedia sorgt auch nicht für bessere Stimmung: “Das Burkit-Lymphom ist einer der am schnellsten wachsenden humanen Tumore und hat eine außerordentlich hohe Zellteilungsrate”. Außerdem, so Tante Wiki, sei diese Krebsart fast exklusiv in Schwarzafrika anzutreffen. Und bei HIV-Patienten im Endstadium. Dass ich als Nicht-Afrikaner ohne HIV somit ein medizinisches Kuriosum bin, quasi an einem abenteuerlichen Exzentrikerkrebs leide, ist kein echter Trost.

Das Propofol hat mich fast ausgeknockt, aber dann, mitten in der Koloskopie, werde ich mit einem Schlag hellwach, denn ich höre den Arzt Worte sagen, die meinen Puls trotz des starken Beruhigungsmittels auf Trab bringen: “Bösartig”, sagt er, und dann die Stimme der Krankenschwester: “Aber er ist doch noch so jung”. Was ist bösartig? Wofür bin ich noch zu jung? Nach der Darmspiegelung muss ich lange 20 Minuten auf einem Krankenbett liegen, bis die Wirkung des Tranquilizers nachgelassen hat, aber ich bin putzmunter, ich war noch nie so wach wie jetzt. Dann endlich spricht der Arzt mit mir. Er wirkt sehr ernst, sehr besorgt, genau so wie die Arztdarsteller in Krankenhausfernsehserien, die ihren Patientendarstellern grimmige Nachrichten überbringen. Er habe einen Tumor gefunden, sagt er, ganz oben im Darm, am Übergang zum Magen. Genaueres werde erst der Laborbefund der eingeschickten Gewebeproben zeigen, aber nun sei eine Computertomographie dringend ratsam.

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? Womöglich bösartig? Gibt es Metastasen? Ich hatte doch bloß Sodbrennen? Tatsächlich, so werde ich bald erfahren, hat sich der Krebs symptomlos angeschlichen, das Sodbrennen hatte nichts damit zu tun. Es ist reiner Zufall, dass man den Tumor entdeckt hat. Glück, um genau zu sein, und dass man neben guten Ärzten auch Glück braucht, um eine Krebserkrankung zu überleben, werde ich nur allzu bald lernen. Und die Redewendung vom “Glück im Unglück” wird für mich bald eine unerwartete Aktualität bekommen, zum ersten Mal direkt nach dem CT-Scan, denn der Krebs hat noch keine sichtbaren Filialen in anderen Organen eröffnet. Dann kommt der Befund: Es ist bösartig, es ist lebensbedrohend, es muss herausgeschnitten werden.

Was für eine Operation! Man hat mir 30 Zentimeter meines Darms mitsamt dem darin nistenden Tumor entfernt. Ich schlage meine Augen auf, ich bin glücklich, weil ich noch da bin, obwohl desorientiert und, ohne meine Brillen, nicht in der Lage, meine Umgebung wahrzunehmen, doch ich weiß, dass ich in einem Aufwachraum bin, genauer: in einem Aufwachsaal, denn ich höre das Stöhnen und Wehklagen mehrerer Leute. Es überrascht mich, dass Menschen tatsächlich “au weh” rufen, und nicht bloß “au”, oder “ah”. Einer ist besonders hartnäckig und stößt wie ein Mantra aus der Hölle andauernd den Ruf “au weh, au weh” aus. Man rollt mich in ein Krankenzimmer, wo ich meine Gattin und meine Eltern anlächeln kann, aber was wir reden, vergesse ich schnell, die Narkose wirkt nach und lähmt mein Gehirn. Ein paar Stunden später bin ich voll da, und bin in eine Folterkammer geraten, in der ein sadistischer Henker die Schmerzschraube immer straffer anzieht. Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas erlebt, es ist, als würde man mir glühende Speerspitzen in den Bauch rammen, und ich begreife, warum Soldaten im Krieg nichts so sehr fürchten wie einen Bauchschuss. Ich rufe um Hilfe, ich flehe die Krankenschwestern an, mir Schmerzmittel zu geben, aber die sagen nur, dass die Morphiumpumpe, ein antiquiert wirkendes Gerät, an das ich angeschlossen bin, ohnehin schon auf die höchste vertretbare Stufe eingestellt sei. Eine sehr junge Nachtdienstärztin kommt und ist ratlos, ich stöhne, schreie, die Minuten wollen nicht vergehen, geschweige denn die Stunden. Aber kurz bevor ich den Verstand verliere ist die Nacht dann doch vorbei und man fährt mich in die Palliativabteilung. Dort stellt man fest, dass beim Abklemmen meiner Bauchnerven ebenso Mist gebaut wurde wie beim korrekten Anschluss der Morphiumschleuder. Man sticht mich nun in die richtige Stelle am Rückgrat, und rasch sind die Schmerzen fast weg, dann schließt man mich an ein mobiles Morphiumgerät an, bei dem ich selbst die Dosis regulieren kann.

Schon zwei Tage nach der Operation darf ich wieder essen. Und ich habe wieder Verdauung. Eigentlich unfassbar. Gerade erst hat man mir einen halben Meter Darm entfernt, trotzdem arbeitet der Körper, als wäre nichts Gröberes passiert. Mein Respekt vor den Leistungen der Chirurgen wächst ebenso wie meine Ehrfurcht vor der Natur. Dann will die Onkologin mit mir sprechen. Sie bringe gute Nachrichten, behauptet sie. Man habe das Geschwür rechtzeitig entfernen können, bevor es streuen konnte. Ob dies bedeute, dass die Sache damit erledigt wäre, will ich wissen. Die Ärztin lächelt milde. Nein, nun müsse man leider eine stationäre Chemotherapie beginnen. Ungefähr acht Monate lang werde diese dauern. Einen Großteil dieser Zeit würde ich auf der Isolierstation verbringen müssen. Acht Monate. Isolierstation. Mir wird schwindelig. Dann sage ich, in der Hoffnung auf Beruhigung: “Aber wenigsten ist so eine Chemo ja nicht wirklich gefährlich, oder?” Die Ärztin schaut mir in die Augen. “Das kann ich leider nicht bestätigen und schon gar nicht versprechen”. Ich muss mich hinlegen.

Noch vor Beginn der Chemo fange ich an, ein Online-Tagebuch über meine Erlebnisse mit der Krankheit zu schreiben. Ich blogge über meine Ängste, meine Schmerzen, über den Alltag im Krankenhaus, und ich stoße auf unerwartet hohe Resonanz. Tageszeitungen berichten über mein “Krebstagebuch”, tausende Leser interessieren sich im Laufe der Monate für meine Erlebnisse und ich bekomme E-Mails von vielen Leidensgenossinnen und -genossen. Das Schreiben hilft mir, bei Verstand zu bleiben, so wie es auch hilft, mit anderen Patienten auf der Krebsstation zu reden. Da ist Tim aus Deutschland, den es vor Jahren nach Kärnten verschlagen hat. Tim ist 24 Jahre jung und hat Hodenkrebs. Und Metastasen in der Lunge. Wir treffen einander oft bei der Sitzbank vor der Onkologie – um zu rauchen. Und zu reden. Tim ist lustig, gescheit, frisch verliebt. Nach seiner Behandlung, sagt er, will er mit seiner Freundin schön Urlaub machen, in einem teuren Wellnesshotel. Wir tauschen Telefonnummern aus und plaudern öfters per Handy. Nach drei Wochen in der Isolierstation will ich wissen, wie es Tim geht. “Unter der von ihnen gewählten Rufnummer ist uns kein Teilnehmer bekannt”.

Und dann gibt es Karin aus Wien. Die hat mir eine Mail geschickt, nachdem sie im Internet auf meine Berichte gestoßen ist. 29 Jahre ist sie alt und leidet an Brustkrebs. Wir schreiben einander häufig. Sie hat Angst, teilt sie mir mit. Dann hören die E-Mails plötzlich auf. Für immer. Es ist ein bisschen so, wie wenn man in einer mondlosen Nacht durch den Wald taumelt, dort jemanden mit einer Kerze in der Hand trifft, kurz mit ihm spricht, dann weiterstolpert, und wenn man sich umdreht, weil man noch etwas sagen will, ist die Kerze erloschen und der Mensch verschwunden, als hätte er nie existiert.

Nach jedem Behandlungszyklus muss ich einige Wochen in einem Isolierzimmer verbringen, weil die Chemo mein Immunsystem ausschaltet. Schon ein grippaler Infekt könnte lebensgefährlich sein. Hier herrscht die totale Hygiene, der Raum ist so steril, dass es nicht einmal ein WC gibt, weil zu befürchten ist, dass Bakterien die Rohre heraufkriechen. Stattdessen muss ich mich an Urinflaschen und an den Leibstuhl gewöhnen. Das ist erniedrigend. Ich sehe nie ein menschliches Gesicht, denn alle Ärzte, Pflegerinnen und Besucher, die in meine winzige Welt kommen, müssen einen Mundschutz tragen. Das laute, konstante Brummen der Luftreinigungsanlage ist der Soundtrack zu diesem Horrorfilm, ergänzt durch die Klickgeräusche des Infusionsgeräts, die immer wieder in alarmierendes Piepsen übergehen, wenn sich Luftbläschen im Infusionsschlauch bilden. Nicht selten kommt es vor, so erzählt mir eine Krankenschwester, dass Patienten in diesen Zimmern einen Nervenzusammenbruch erleiden. Das überrascht mich nicht.

Hier passiert das Schlimmste der ganzen Behandlungszeit, denn zum wochenlangen Eingesperrtsein, zum Schrumpfen der Welt auf sechs Quadratmeter kommen die Nebenwirkungen der Chemo hinzu. In meinem Fall die zerstörerische Wirkung des Giftcocktails auf die Schleimhäute. Essen wird fast unmöglich, Reden tut weh, mildes Mineralwasser fühlt sich an wie brennendes Benzin. Starke Schmerzmittel auf Opiatbasis helfen. Schlimmer als die starken Schmerzen ist aber die Summe kleinerer Unannehmlichkeiten. Das Erste und Letzte, was ich jeden Tag spüre, sind die Spritzen, mit denen mir Blut abgenommen wird. Da ich eine Intensiv-Chemo bekomme, werden mir bei jedem Behandlungszyklus eine Woche lang jeden Tag sechs Liter Chemie in den Körper gejagt, gefolgt von so genannten Ausspüllösungen, was zur Folge hat, dass ich nicht mehr durchschlafen kann, da ich alle 30 Minuten wach werde und Wasser lassen muss.

Antibiotika in rauen Mengen, allergische Reaktionen gegen eben diese Antibiotika, juckende Ausschläge, der Lärm der Luftfilter, andauernd Angst vor einer Lungenentzündung oder anderen für mich in diesem Zustand tödlichen Nebenerkrankungen – spätestens nach der dritten Runde hat man das alles so furchtbar satt und weiß doch, dass es keine Alternative dazu gibt. Man muss durchhalten.

Zwei Tage vor Weihnachten 2009 ist die Chemo nach sechs langen Runden endgültig überstanden. Und ich lebe noch, stehe immer noch aufrecht im Ring. Nach einem letzten PET-CT bekomme ich die wohl schönste Nachricht, die ein Arzt einem Patienten überbringen kann: Keine Spur mehr von Krebsaktivität zu sehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich “geheilt” wäre. Onkologen sprechen nicht von Heilung, sie sprechen bestenfalls von totaler Remission , was bedeutet, dass der Krebs zwar noch irgendwo im Körper versteckt sein mag, aber keine Aktivitäten mehr entfaltet, dass er sozusagen schläft. Die Freude darüber wird überschattet von etwas anderem: Kurz zuvor, während des letzten Chemozyklus, ist meine Ehe zerbrochen. Krebs macht unter anderem auch einsam, denn die Krankheit ist mit so viel Ängsten besetzt, dass viele Menschen davor zurückscheuen, den Patienten auch nur zu besuchen. Manche trauen sich nicht einmal, anzurufen. Für die engsten Verwandten ist die Belastung extrem, fast ebenso hoch wie für den Kranken selbst.

Umso dankbarer bin ich jenen, die sich nicht abschrecken haben lassen und mir in all der langen Zeit Mut zugesprochen haben. Überstehen konnte ich das alles nur aus zwei Gründen: Einerseits habe ich mich als seelisch stärker entpuppt, als ich zu Beginn der Behandlung zu hoffen gewagt hatte. Andererseits waren die Ärztinnen und das Pflegepersonal menschlich großartig. Mit so viel Empathie, so einer bedingungslosen Bereitschaft, alles zu tun, um mir das Leben zu erleichtern, hatte ich nicht gerechnet. Egal ob Oberarzt, Krankenschwester oder Reinigungskraft – nie habe ich in all den Monaten auch nur ein böses Wort gehört, immer waren alle freundlich und zuvorkommend zu mir, auch dann, wenn es mir richtig schlecht ging und ich entsprechend grantig war. Dieses menschlich erstklassige Verhalten der Belegschaft der Klagenfurter Onkologie hat mich während meines Behandlungsjahres am meisten beeindruckt. Wenn man schon so eine schlimme Krankheit erleiden muss, dann bitte in den Händen dieses Teams! Ein gutes Jahr nach dem Ende meiner Behandlung lautet der Befund meiner Kontrolluntersuchungen immer noch “komplette Remission”. Ich habe den Krebs nicht “besiegt”, wie es in Boulevardzeitungen gerne heißt, sondern überlebt.

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Cortez The Killer und Verkehrsfunk

“Cortez The Killer” im Autoradio, die Version von der “Live Rust”, die gegen Ende hin diesen unerwarteten Abstecher in die Karibik unternimmt, indem Neil Young zu reaggaeesken Gitarrenriffs den Jamaikaner macht (“He came dancing across di water, man), und ich denke, dass Karl Fluch schon gerne zeigt, das er viele ganz doll komplizierte Wörter kennt, die er auch dann mal in eine Plattenbesprechung packt, wenn sie nicht viel Sinn ergeben, denn was bitte soll “subkutane Dynamik” bedeuten? Mediziner wissen sicher, was subkutan ist, nämlich zum Beispiel das Fettgewebe am menschlichen Arsch, der gemeine Durchschnittsleser wird ein Wörterbuch zu Rate ziehen müssen. Oder, was wahrscheinlicher ist: Er lässt das bleiben und interpretiert “subkutane Dynamik” ganz nach eigenem Gusto. Ich muss an eine Szene aus dem Lucky Luke-Comic “Auf nach Oklahoma” denken.

“Verwenden Sie den Ausdruck INFAM nicht ein wenig oft? Seit sie ihn im Wörterbuch gefunden haben, nehmen Sie ihn immer wieder”. 

“Das ist ein hübsches Wort, zumal es die Leser nicht verstehen. Jeder kann sich dabei vorstellen, was er will”. 

Ansonsten ist gegen Karl Fluch aber wenig zu sagen. Er hat Musikgeschmack und kann sich zumeist gut ausdrücken. Ich lasse “Cortez The Killer” von vorne beginnen und gleite über die Landstraße, hoffend, dass jetzt bloß nicht der Verkehrsfunk dazwischentrötet wie ein besoffener Jugendlicher, der im Kino den falschen Saal angesteuert hat, nun “Yo Tambien” statt “Transformers II” guckt und eine der rührendsten Sexszenen der Filmgeschichte mit Furzgeräuschen und höhnischem Kichern kommentiert. Der Verkehrsfunk, das ist hierzulande der Populärmusiksender Ö3, der sich mit Überlautstärke und gespielter Hektik mit Meldungen über Staus oder eben keine Staus dazwischenschaltet, ohne Rücksicht darauf, dass man gerade in etwas anderes völlig versunken ist, in ein interessantes Feature über eine im Exil verstorbene Lyrikerin zum Beispiel, in den Höhepunkt von Ravels Boléro, oder eben in “Cortez The Killer”. Sicher, man könnte diese Dreinquatschfunktion im Autoradio auch deaktivieren, aber ob der ungestörte Kulturgenuss es wert ist, ungewarnt in einen Geisterfahrer zu knallen, ist eine dieser schwierigen Abwägungen, die man im Leben treffen muss.

Der Text von “Cortez The Killer” verlangt dem Hörer auch eine Entscheidung ab, nämlich die, ihn entweder schön oder fetzendeppert zu finden. Irgendwie ist er ja beides. Die wunderbare Musik nützt natürlich dem vom Künstler gewollten Eindruck, man habe es hier mit großer Lyrik zu tun, der nackte Text aber ist stellenweise unfreiwillig komisch mit seiner fast an Karl-May erinnernden Edle-Wilde-Romantik. Die Zeile “They offered life in sacrifice so that others could go on” klingt für sich genommen ja noch okay, denn was wären Revolutionen, Widerstandskämpfe, Unabhängigkeitskriege, aber auch Krankenhäuser ohne Aufopferungsbereitschaft? Der Kontext jedoch rückt den Satz von einer allgemein akzeptablen Aussage hin zu einer idiotischen, denn es geht hier um Opferbereitschaft im Dienste religiösen Wahns, um die Entscheidung, sich Ermorden zu lassen, um die Götter gnädig zu stimmen, und damit komme ich nicht gut klar, das finde ich scheiße. Und historisch akkurat ist das auch nicht, denn zwar gab es das freiwillige Selbstopfer, aber die Azteken haben vorrangig Gefangene aus unterworfenen Stämmen rituell getötet. Nicht wirklich sympathisch. Aber die Musik macht alles gut. Die flimmernde Melodie, die sich ins Bewusstsein sägende Gitarre! Und natürlich ist der Text von einem Hippie für Hippies, also keinesfalls wörtlich zu nehmen, er soll nur Assoziationen wecken, lose Wegbeschreibungen anbieten für die frei durch alle möglichen Bilderwelten driftende Fantasie. Das kann er wirklich gut, der Neil Young. Nicht ganz so gut wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Robyn Hitchcock, aber dafür rockt der Mann (vor allem, wenn Crazy Horse dabei sind, die beste Begleitband der Welt).

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Ich und der Asozialminister

Ja Sozialminister Hundstorfer, altes Sektionshaus, dass ich dich einmal persönlich treffe! Nein, nicht gleich wieder wegrennen, jetzt bleibst du da und hörst mir ein bisserl zu! Lass uns reden, lass uns zum Beispiel über deinen Auftritt in der Sendung “Im Zentrum” am vergangenen Sonntag sprechen! Da hast du wieder einmal die Abschaffung der Invaliditätspension als tollstes Ding seit mindestens dem großen britischen Eisenbahnraub verkauft, und wie immer, wenn du von dieser Großtat in Sachen Sozialabbau berichtest, hast du so komisch über das ganze Gesicht gestrahlt, fast wie ein Schüler, der es dem strengen Lehrer endlich einmal recht gemacht hat. Blöd nur, dass der Lehrer, “Im Zentrum” in Gestalt einer Vertreterin der Industriellenvereinigung anwesend, auch mit dieser Leistung nicht zufrieden war und sie allenfalls als ersten Schritt zum Rentenantritt erst ab 105 gesehen hat. Aber eine Aussage von dir über die Invaliditätsrente ist mir besonders aufgefallen, und zwar diese: “Es geht nicht nur um Gesundheit, es geht auch um psychische Erkrankungen”. Da ist der Mund dem Hirn mal wieder davongaloppiert und hat hinausposaunt, was du und deine Technokratenkumpel wirklich über seelisch Kranke denken, dass die nämlich gar nicht so richtig krank seien, sondern halt allenfalls ein wenig verpeilt. Ich werde dir jetzt ein bisschen was über psychische Erkrankungen erzählen, lieber “Genosse” und Zwetschkenröster, und…nein, nicht genervt auf die Uhr schauen! Zuhören! Was meinst du? Ich solle jetzt bloß aufpassen, was ich sage, denn das könnte mir noch einmal peinlich sein? Ich könnte mich damit angreifbar machen, zum Gespött gar? Mein lieber Hundstorfer, was denkst du, mit wem du hier redest? Ich habe die Welt bereits Anteil an den intimsten Details meiner Krebserkrankung haben lassen, wieso also sollte ich nicht auch von meinen seelischen Qualen sprechen? Nur weil  das als Stigma gilt in diesem Land? Weißt du was? Das ist mir sowas von egal mittlerweile. Also hergehört!

Bei mir fing es irgendwann in der Kindheit an. Ich entwickelte massive Phobien gegen gewisse Gegenstände und Orte, Ängste, die so stark waren, dass ich mich übergeben musste, sobald ich in die Nähe eines dieser Gegenstände oder Orte kam. Das war ein großer Spaß, denn vielleicht kannst du dir ausmalen, wie so etwas ankam im Österreich der 70er Jahre, in einem von der Nazipsychiatrie geprägten Land und in den Schulen, die von  in der NS-Zeit ausgebildeten Lehrern dominiert wurden. Aber ich habe mich bemüht und eine halbwegs normale Pubertät hinbekommen, gegen deren Ende sich freilich schon die ersten Symptome jener Krankheit meldeten, die mir bis heute das Leben zur Hölle macht: Depression. Aber noch waren die Schübe selten, ich maturierte und fand mich bald im Berufsleben wieder, wo ich sogar recht erfolgreich war. Zwischen 20 und 25  ging es mir fast gut und ich begegnete psychisch kranken Menschen mit der Ignoranz aller so genannten Gesunden, die nicht verstehen können, warum sich so ein Mensch nicht einfach “zusammenreißt”. Dann aber, ungefähr im Alter von 25, biss sie so richtig zu, die Depression, und das war ein Schmerz, der sich mit nichts vergleichen lässt, nicht einmal mit Tumorschmerzen, die ich später dann ja auch noch erleben durfte. Während der Anfälle hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden vor lauter tiefster Hilflosigkeit und Verzweiflung, und wissen´s was, Herr Minister? Das Blöde ist, dass die Depressionen nicht höflich anklopfen und sagen: “Pass auf, jetzt rollen wir an”. Nein, die sind so plötzlich da wie ein Wetterumschwung im Hochgebirge, von einer Minute auf die andere machen sie aus einem humorvollen und produktiven Menschen ein wimmerndes Wrack, das sich nicht einmal mehr die Schuhe zusammenbinden kann, weil das Schuhezusammenbinden eben so verdammt sinnlos und schwer erscheint, so wie auch alles andere sinnlos und schwer erscheint, bis hin zum Essen und Trinken. Während einer depressiven Episode konnte ich nicht aus dem Haus gehen und verbarrikadierte mich zwischen sich stapelndem Abfall, den zu entsorgen mir als unlösbare Aufgabe erschien. Natürlich begab ich mich in Behandlung, und zwar in psychiatrische und psychotherapeutische, mit medikamentöser Unterstützung. Vor allem die Medikamente halfen auch, nur halt immer nur für maximal zwei, drei Monate, dann hatte sich der Körper darauf eingestellt und es war ganz genau so übel wie zuvor. Keine Ahnung, warum das bei mir so ist, aber es ist so.

Nun ging ich auf die 30 zu, litt seit fast zehn Jahren an den verdammten Depris, aber ich kämpfte weiter, und ich erlebte ja immer wieder ein paar Wochen, in denen es mir gut zu gehen schien, in denen ich meinte, der Alptraum sei überstanden. Aber das war er nicht, und dann, ich war 32 und ein so genannter Leistungsträger, also Inhaber eines stressigen, verantwortungsvollen Berufs, saß ich während der Mittagspause in einem Kaffeehaus und bekam plötzlich keine Luft mehr, das Herz begann zu rasen, ich kriegte Todesangst, die anderen Lokalgäste riefen die Rettung und ich wurde mit Tatü und Tata ins Krankenhaus eingeliefert, wo sich die extrem beängstigenden Symptome nach ca 30 Minuten legten, wo man mich gründlichst untersuchte und…nichts fand. Ab diesem Tag wiederholten sich die Anfälle immer wieder und nie fand ein Arzt eine körperliche Ursache. Erst nach dem dritten oder vierten Krankenhausaufenthalt dämmerte es einer Ärztin, dass es sich hierbei wohl um Panikattacken handelte. Das zu wissen war zwar teilweise erleichternd, sind Panikattacken doch nicht lebensgefährlich, aber das änderte nichts daran, dass mein Leben unerträglich wurde. Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, da ich beim Anblick eines offenen Platzes sofort einen Anfall bekam. Ich konnte keinen Supermarkt mehr betreten, ohne Herzrasen zu bekommen. Diese Scheiße ging so weit, dass ich mich nicht einmal mehr in der eigenen Wohnung sicher fühlte und mich im abgedunkelten Badezimmer einschloss, weil ich überall sonst von dieser wahnsinnig machenden Angst überfallen wurde, von diesen kaum zu beschreibenden Gefühlen der Beklemmung und des herannahenden Todes. Natürlich verlor ich damals meinen Job, denn für Alkoholiker mag man in Österreich Verständnis haben, nicht aber für einen Depressiven, der unter massiven Angstzuständen leidet.

Nein, lieber Hundstorfer, ich habe damals nicht aufgegeben. Ich habe mich in Behandlung begeben, habe Therapien gemacht, Medikamente geschluckt, von denen nur eines, nämlich Valium, so weit wirkte, dass ich überhaupt den Weg von meiner Wohnung zum Psychiater schaffte. Ich gab mich auch im Berufsleben noch nicht geschlagen, suchte nach Arbeitsmöglichkeiten, bekam auch welche, denn ich war  nicht der Schlechteste in dem, was mein Lebensunterhalt war, im Schreiben nämlich. Freunde halfen, verschafften mir Jobs, doch ich habe jeden einzelnen dieser Unterstützer enttäuscht, denn auch wenn ich es manchmal für einige Monate schaffte, mit der Hilfe hoher Dosen Valium scheinbar zu funktionieren, kam doch immer wieder der Zusammenbruch, der erzwungene Rückzug von der Welt, kamen Panikattacken und tiefste Depressionen, Zustände, in denen ich den Verstand zu verlieren glaubte weil sie dermaßen unerträglich waren. Meine Ehe ging langsam in die Brüche, und ich kann meiner damaligen Gattin keinen Vorwurf machen, sie hielt so lange zu mir, wie sie es ertragen konnte, aber nicht nur für mich, auch für sie war das kein lebenswertes Leben mehr. Urlaub? Ging nicht, ich konnte ja oft genug nicht einmal die eigenen vier Wände verlassen. Andere Freizeitaktivitäten? Keine Chance. Ich konnte kein Kino besuchen, keine Autofahrt von mehr als 20 Kilometer durchhalten, konnte nicht ausgehen. Und in diesen Jahren verlor ich nach und nach fast meinen gesamten Freundeskreis. Nicht, weil der aus lauter Arschlöchern bestanden hätte, sondern weil die eben damit nicht klar kommen konnten, dass ich nicht mehr der Alte war, dass ich den Anschluss an die Welt verlor, dass ich immer negativ war. Dann, im Jahr 2008, suchte ich in meiner inzwischen auch materiellen Verzweiflung um eine Invaliditätspension an und bekam diese auch befristet zugesprochen, nachdem ich diverse Rehabilitationsmaßnahmen absolviert hatte. Der Aufenthalt in der Reha-Klinik für seelische Gesundheit war übrigens ein schönes Erlebnis, denn zum ersten Mal war ich unter Menschen, denen es ähnlich schlecht ging wie mir und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mein Leiden würde ernst genommen werden und ich müsse mich nicht schämen. Auch nach der Reha blieb ich in psychiatrischer Behandlung, reduzierte meinen Valiumgebrauch auf ein Minimum und kämpfte jeden verdammten Tag darum, mein Leben in den Griff zu bekommen. Ich begann eine bis heute andauernde “Konfrontationstherapie”, suchte also absichtlich Orte auf, von denen ich wusste, dass dort Panikattacken wahrscheinlich waren, und stand die verdammten Anfälle durch. Manchmal brachte das scheinbare Fortschritte, dann war es wieder so, als finge alles von vorne an. Oder um es für dich, Hundstorfer, verständlich auszudrücken: Manchmal kann ich im Supermarkt einkaufen, manchmal muss ich mich dort zum Entsetzen der anderen Konsumenten auf den Boden hocken und warten, bis das verdammte Herzrasen und die blöde Atemnot vorbeigehen.

Alles wurde ein wenig besser, als ich die Invaliditäspension bekam, denn die ermöglichte mir zumindest das finanzielle Überleben, wenn auch auf niedrigem Niveau. Wie niedrig? Nun, nach Abzug der Fixkosten bleiben mir 150 Euro im Monat zum Leben, also für Lebensmittel, Medikamente und alle anderen außerplanmäßigen Ausgaben. Aber immerhin konnte ich eine Zeit lang damit rechnen, dass ich jeden Monat Geld überwiesen bekommen würde und nicht verhungern müsste. Du, Hundstorfer, kannst dir vermutlich nicht ausmalen, was mir dieses Element der Stabilität und Sicherheit bedeutet hat. Aber weiter im Text. Die Tinte auf dem Zuerkennungsbescheid für meine Rente war noch nicht trocken, da marschierte der nächste Schicksalsschlag in mein Leben: Krebs. Ein Lymphom. Acht Monate Chemotherapie der härtesten Sorte. Und 30 Zentimeter Darm hat man mir entfernt. Ich verbrachte das ganze Jahr 2009 im Krankenhaus, auf der Onkologie, oft wochenlang eingeschlossen in einem Isolationszimmer, geplagt von schrecklichen Schmerzen und fast täglich mehrmals wiederkehrenden Panikattacken und Platzangst-Anfällen. Und erfüllt von einer abgrundtiefen Hoffnungslosigkeit. Aber ich überlebte, ich spazierte aus diesem Krankenhaus wieder heraus. Körperlich gezeichnet und psychisch noch mehr beschädigt als zuvor, aber am Leben. Danach verging die Zeit mit diversen Versuchen, Texte zu verkaufen, was manchmal gelang, öfters aber nicht, und dem Totschlagen der Zeit zwischen den Kontrolluntersuchungen im Krankenhaus einerseits und den zweijährig stattfindenden Untersuchungen in der Pensionsversicherungsanstalt andererseits. Ich war aber immer noch gewillt zu leben, obwohl das Damoklesschwert eines wiederkehrenden Krebses über mir schwebte, obwohl sich die Depressionen und Angstzustände nicht besserten, obwohl ich meine Frau und meinen Freundeskreis verloren hatte, obwohl ich finanziell nur mit größer Mühe über die Runden kam.

Ja, trotz alledem wollte ich nicht aufgeben. Aber du, Hundstorfer, hast nun fast geschafft, was Depressionen, Panikzustände und Krebs nicht geschafft hatten, dass ich nämlich wirklich nicht mehr weiter weiß. Denn mit deiner großartigen Pensionsreform, die Menschen wie mir ab 2014 die Invaliditätspension aberkennen wird, ist jedes Gefühl von Sicherheit verflogen. Seit diese “Reform” verabschiedet wurde von dir und den anderen Pseudosozialdemokraten schlafe ich kaum mehr und wenn  ich schlafe, schrecke ich immer nach kurzer Zeit hoch mit Herzrasen und Schweißausbrüchen und Atemnot. Du und deinesgleichen, ihr wollt mich und andere wie mich ab 2014 auf den Arbeitsmarkt jagen, uns “jobfit” machen, uns “Reha-Geld” statt Rente zahlen, was im Klartext bedeutet, uns von dem Wenigen, was wir bekommen, noch einiges wegzunehmen. Ihr wollt uns in Kurse setzen, wo wir lernen, wie man eine Bewerbung schreibt, obwohl ihr, falls es euch interessieren würde, ganz genau wissen könntet, dass keine Firma Menschen wie mich einstellen wird. Nicht mit einer solchen Krankengeschichte. Ich hab es ja versucht, ich wollte Nebenjobs finden, weil ich mit der Rente kaum über den Monat komme, aber nicht einmal die Regale im Supermarkt wollten sie mich betreuen lassen nachdem sie den Auszug von der Krankenkasse gesehen hatten. Also wie, Hundstorfer, soll das gehen mit der Wiedereingliederung in den heiligen Arbeitsmarkt? Einen Markt, auf dem nicht mal GESUNDE Menschen ab einem gewissen Alter mehr eine Chance haben? Wirst du mich wunderheilen, oh heiliger Gewerkschaftsfunktionär? Wirst du schaffen, was 15 Jahre Therapie nicht vollbrachten? Oder ist es dir einfach nur egal, was aus mir und anderen wie mir wird? Hauptsache, du kannst der Industriellenvereinigung und den Ratingagenturen berichten, du hättest das Pensionsantrittsalter erhöht, ganz so, wie es diese Herrschaften wünschen? Gratuliere, weit hast du es gebracht, weit hat es die Sozialdemokratie gebracht. Was wird der nächste Schritt sein? Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen? 

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Happy Birthday to me

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