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Im Renault auf dem “Highway To Hell”

Manchmal ist Arbeitslosigkeit ein Segen. Hätte der gelernte Bäcker Charles Chick Belford Scott im Schottland der Nachkriegszeit einen Job gefunden, wäre er wohl nie nach Australien ausgewandert, und sein Sohn Ronald Belford Scott, genannt “Bon”, hätte niemals die Gebrüder Angus und Malcom Young getroffen, ebenfalls Söhne von Auswanderern. Wir haben es also der beschissenen britischen Wirtschaftslage der frühen 50er Jahre zu verdanken, dass AC/DC eine musikalischen Autobahn zur Hölle gebaut haben, auf der wir noch heute gerne fahren.

Beginnings and Endings

Der junge Scott macht seine erste Bekanntschaft mit der Musik über den Klavierunterricht, den er aber nicht mag. Auch das Akkordeon kann den Nachwuchsmusiker nicht begeistern. Er trommelt lieber und pfeift auf dem Dudelsack seines Alten. Bald entdeckt er den Rock´n´Roll und ab diesem Zeitpunkt interessiert ihn nichts mehr anderes. Schule und anderen bürgerlichen Kram lässt er links liegen, genau wie seine späteren Kollegen Angus und Malcom Young. Mit diversen australischen Bands steigt er in die Welt der Profimusiker ein und schafft trotz diverser Rückschläge den Weg bis ganz nach oben. Noch ahnt er nicht, dass auf dem Gipfel Gevatter Tod auf ihn lauert. Er genießt, was das Leben einem jungen Musiker zu bieten hat: Drogen, Frauen und vor allem Alkohol in verbrecherischen Mengen.

Der 18. Februar 1980 ist ein verregneter Halbwintertag. Bon und sein Kumpel Alistar Kinnear gehen im Londoner Club “The Music Machine” Scotts Lieblingsbeschäftigung nach: Sie saufen wie durstige Rindviecher. Bon hat schon einen Liter Bourbon im Blut, ist aber noch gut zu Fuß und flirtet mit ein paar Mädels an der Theke. Die Stimmung ist entspannt und Scott genehmigt sich noch einen weiteren Liter Whisky. Zwei Stunden später ist er wirklich streichfähig – man könnte auch sagen: breit wie ein irischer Dockarbeiter nach Feierabend – und klappt auf seinem Barhocker zusammen. Kinnear kann ihn nur mit Mühe zu seinem blauen Renault 5 schleppen. Als man vor der Wohnung von Alistar ankommt, ist Scott dermaßen blau, dass er nur noch wirres Zeug stammelt und nicht vom Fleck zu bewegen ist. Kinnear lässt ihn also im Renault sitzen und geht zu Bett. Acht Stunden später wacht er mit einem Mordskater auf und merkt, dass Scott noch immer nicht in der Wohnung ist. Er geht nachsehen und findet Bon auf der Rückbank des Autos. Überall ist Erbrochenes. Alistar will Bon wecken, doch bei dem setzt schon die Leichenstarre ein. Scott wurde 33 Jahre alt.

Die Rockwelt ist geschockt. Gerade erst hatten die australischen Hartbrettbohrer mit dem Album “Highway to Hell”, aus dem gleich drei Hitsingles ausgekoppelt wurden, den großen Durchbruch geschafft. Endlich Ruhm, Reichtum und das ganze Pipapo, und dann kratzt der Frontman ab! Auch Kollege Ozzy Osbourne (von Black Sabbath) ist entsetzt und verarbeitet seinen Frust in dem Song “Suicide Solution”, der ihm später noch viel Ärger mit dem amerikanischen Christen-gegen-Metal-Lynchmob einbringen sollte. Bon Scott hatte immerhin erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Angus Young gegenüber hatte er nämlich mal erwähnt, dass er erst dann sterben wolle, wenn er berühmt geworden sei. Der Unfall hat vermutlich nur vorweggenommen, was ohnehin bald passiert wäre. Auch wenn Scott nicht in jener Nacht im Schlaf erstickt wäre, hätte es wohl nicht mehr lange gedauert, bis er den Löffel abgeben hätte müssen. Seine Leber war nach 15 Jahren Extremsaufen zerfressen, das Herz geschwächt. Freunde und Bekannte beobachten im Laufe des Jahres 1979 besorgt, wie sich Bons Gesundheitszustand rasant verschlechtert. Sein Hausarzt gibt ihm noch “zwei bis drei Jahre” .

Living Rock´n Roll

Bon hat immer gefährlich gelebt. 1973 baut er in Australien mit seinem Motorrad einen Unfall und liegt drei Tage lang im Koma und monatelang im Krankenhaus. Dadurch verliert er seinen Job als Drummer bei der Bluesrock-Partie “Fraternity”, mit der er auch in England und Deutschland gespielt hat, und muss fortan von Gelegenheitsjobs leben. Er jobbt als Briefträger und Chauffeur. Unter anderem fährt er Bands zu ihren Auftritten, auch eine räudige junge Gruppe namens AC/DC, bei der damals noch Dave Evans hinterm Mikro steht, und deren Auftritte regelmäßig in Massenschlägerein enden. Als Evans mit dem Management nicht mehr klarkommt und sich mit den Youngs anlegt, wird er gefeuert. Scott sieht seine Chance – und ergreift sie; Malcom und Angus merken schnell, dass dieser tätowierte Typ der perfekte Frontman ist. Den Job hat er nicht nur wegen seines Talentes bekommen, sondern wohl auch deswegen, weil er den älteren Bruder von Angus und Malcom kannte, der als erster der Youngs ins Musikgeschäft eingestiegen war und später etliche AC/DC-Scheiben produzieren sollte. Die Tatoos hatte Scott übrigens nicht aus modischen Gründen, sondern weil er eine Zeit lang auf einem Fischkutter gearbeitet hatte, und wie wir alle wissen, haben Seeleute drei Hobbies: Gras rauchen, Tätowieren und Analsex.

Scott ist fast zehn Jahre älter als seine Bandkollegen und fungiert daher für diese als so etwas wie ein großer Bruder. Er legt den Youngs schon mal nackte Groupies ins Bett, um die Gitarristen “zu Männern” zu machen, und verführt sie zu brutalen Trinkgelagen. Alkohol hin oder her – im Konzert gibt Bon alles, singt sich die schwarze Seele aus dem Leib, bläst den Dudelsack und trägt Angus auf den Schultern ins Publikum. Fast alle Showelemente, mit denen AC/DC noch heute glänzen, werden schon in den 70er Jahren entwickelt, vor allem die Eckpfeiler des Gleichstrom/Wechselstrom-Universums: No Bullshit, purer Rock, reine Lebensfreude. Das alles aufgebaut auf einem soliden Fundament granitharter Riffs und garniert mit augenzwinkerndem Lausbubencharme. Diese Mischung setzt sich in den späten 70ern trotz Disco-Sound im Äther und gegen die Kunststudenten, die sich als Punks verkleiden, durch. Das Publikum spürt, dass diese Band “echt” ist, eine schuftende, schwitzende Ansammlung von Rockarbeitern. Das sind AC/DC bis heute geblieben, und Bon Scott, zur Linken Satans sitzend, schaut sicher mit Wohlwollen auf die coole Entwicklung seiner Band herab

Back In Black

Beim Begräbnis im heimatlichen Australien beschwören die Young-Brüder lautstark das Ende von AC/DC, doch sie haben nicht mit Mama Scott gerechnet. Die resolute Dame sagt den Jungs, dass sie gefälligst weitermachen sollen, denn Bon hätte es sicher auch so gewollt. Die Band heuert also Brian Johnson, Ex-Sänger der Gruppe “Geordie” und notorischer Mützenträger, an, der nicht nur stimmlich, sondern aus als Textschreiber durchaus an Scott heranreicht. Dann kommt mit “Back in Black” ein Meisterwerk heraus, das die Ex-Garagenband endgültig in den Götterhimmel des Hardrock katapultiert.

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Hallo Satan, Zeit zu gehen

Man kann wahrlich nicht behaupten, dass Robert Johnson am 8. Mai 1911 mit einem goldenen Löffel im Arsch geboren wird. Seine Großeltern waren noch jene Sorte Malocher, von denen bis heute mancher Arbeitgeberpräsident träumt: Sklaven, die sich auf den Baumwollplantagen ihrer weißen Eigentümer zu Tode hackelten. Seine Mutter hat sechs Töchter und zwei Söhne von zwei verschiedenen Männern, und von beiden wird sie sitzen gelassen. Die mittellose Frau unterschreibt einen Vertrag bei einer Leiharbeiterfirma (ja, das gibt´s schon damals) und schuftet sich fortan auf den Feldern im amerikanischen Süden den Buckel wund. Vier Jahre lang zieht sie mit ihrer Kinderschar von Farm zu Farm, untergebracht in denselben Baracken, in denen schon die Sklaven lebten.

1915 trifft sie Roberts leiblichen Vater wieder, der sich der Familie erbarmt und sie bei sich in Memphis aufnimmt. Als Kind wird Johnson Zeuge von Alkoholexzessen und sexuelle Eskapaden. Und von spontanen Musikeinlagen besoffener Freunde seiner Eltern. Als Teenager beginnt er sich für die Mundharmonika zu interessieren, nachts schleicht er sich raus, um in den berüchtigten und von den Weißen gefürchteten „Jook-Houses“ alten Schwarzen zuzuhören, die über Frauen, Schnaps und Marihuana singen. Zum ersten Mal hört der junge Mann den Lockruf des Blues, der ihm ein Leben jenseits der Schufterei auf den Plantagen und den Highway-Baustellen verheißt.

Zunächst versucht Robert Johnson aber, ein bürgerliches Leben zu führen. Er heiratet die 16-jährige Virginia Travis, mietet einen kleinen Schuppen, den er stolz „Farm“ nennt und will nichts anders als mit ehrlicher Arbeit Geld verdienen und mit seiner Liebsten viel Nachwuchs in die Welt zu setzen. Das kleine Proletarierglück zerbricht jedoch, als Virginia und ihr Baby im Kindbett sterben. Johnson schmeißt alles hin und haut ab nach Hazlehurst, Mississippi, einer Stadt, die trotz Rezession boomt, weil der Staat gerade Autobahnen in der Region baut. Es gibt Jobs und Männer, die genug Geld verdienen, um sich am Wochenende in den zahlreichen Bars der Stadt zu besaufen. Dort wird Livemusik geboten, ein perfektes Parkett für Johnson, um sein Talent auf die Probe zu stellen. Als er bei einem Auftritt mit seiner Harp auch zur Gitarre greift, wird er von der Bühne gebuht. „Du kannst einfach nicht spielen, Mann“, attestiert ihm ein Freund.

Da Robert Johnson kaum Geld mit seiner Musik verdient, setzt er sein gefälliges Aussehen ein und heiratet heimlich eine 20 Jahre ältere Frau, die ihn vergöttert, finanziell unterstützt und alle seine Verrücktheiten toleriert. Anfang 1930 bricht Robert zu einer Reise in den Süden Mississippis auf, angeblich, um seinen Vater zu besuchen. Als er nach Monaten zurückkehrt, spielt er Gitarre wie kein anderer, schreibt Songs mit Texten, die man einem Mann mit kaum vier Jahren Schulbildung nicht zutrauen würde und kriegt jede Frau rum, die er begehrt. Da man sich diese rasante Persönlichkeitsveränderung nicht erklären kann, geht bald das Gerücht um, Johnson habe im Süden seine Seele an den Teufel verkauft. Robert schweigt über diese Zeit und schreibt stattdessen den Song „Crossroads“, in dem es, oberflächlich betrachtet, darum geht, dass ein Kerl an einer Kreuzung steht und auf eine Mitfahrgelegenheit wartet. In der Mythologie des schwarzen Südens, die durchdrungen ist von christlicher wie auch von afrikanischer Volksgläubigkeit, ist allerdings genau die einsame Straßenkreuzung jener Ort, an dem man den Teufel beschwören kann.

Robert fördert das Gerücht mit Songs wie dem unsterblichen „Me and the devil blues“, einer Nummer, die wie kaum eine andere das raue Blues-Feeling einfängt („Me and the Devil / we was walkin’ side by side / And I’m goin’ to beat my woman / until I get satisfied “). Johnson wird zu einem begehrten Act der Bluesszene und 1936 darf er endlich eine Platte aufnehmen. Die Firma RCA zahlt ihm ganze zwölf Dollar pro Song. Zwischen 1936 und 1938 bannt der angebliche Satans-Jünger karge 29 Lieder auf Vinyl, aber die Quantität ist nicht entscheidend. Die Stücke sind voller poetischer Kraft und musikalischer Faszination, dass sie bis heute immer neue Generationen von Musikern in ihren Bann ziehen. Und Johnson hat ein Gitarristen-Talent, für das ein Eric Clapton glatt ein paar Finger eintauschen würde.

Nach den Plattenaufnahmen scheint der Weg für Johnson frei, als größter schwarzer Bluesmusiker Karriere zu machen. In einer heißen Julinacht 1938 tritt er gemeinsam mit Sonny Boy Williamson in einer Bar in Greenwood auf. Nach dem Gig flirtet der schwer bekiffte und schon angetrunkene Johnson trotz der Warnungen Williamsons heftigst mit der Frau des Barkeepers. Irgendemand stellt Robert eine offene Flasche Whiskey hin, und der gönnt sich sofort einen kräftigen Zug aus der Pulle. Willisamson warnt ihn noch davor, aus einer schon angebrochenen Flasche zu trinken, aber es ist zu spät. Robert wird schlecht, er beginnt zu halluzinieren, stürzt zu Boden, stößt ein unheimliches Geheule aus und bleibt schließlich regungslos liegen. Jemand hatte den Schnaps mit Strychnin versetzt. Der Mord wird nie aufgeklärt, die Verdächtigungen reichen vom eifersüchtigen Barmann bis hin zu einer verlassenen Flamme Johnsons. Die Aberglaubens-Fraktion ist sich natürlich sicher, dass der Satan in dieser Nacht die Seele des Blues-Musikers geholt hat. Die Polizei legt den Fall rasch zu den Akten, weiße Gesetzeshüter haben in den Südstaaten der 30er Jahre schließlich „besseres“ zu tun als den Tod eines “Niggers” aufzuklären.

Was bleibt, sind 29 Songs und eine Vita, die den Maßstab für alle Möchtegern-Bluesmen gesetzt hat. Johnson hat vorgelebt, dass guter Blues immer zwei Seiten hat: Einerseits Befreiung und Triebabfuhr, anderseits Alkoholsucht, massiver Drogengebrauch, mörderische Frauengeschichten und grundsätzlich ein unbürgerliches Leben, dass recht oft ein kurzes sein kann. Robert Johnson wurde 27 Jahre alt.

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Imagine

Ich schiebe eine CD in den Player, es ist “Abbey Road” von den Beatles, 2009 remastered und aufpoliert, und wähle Track eins. Ein mächtiges Bass-Riff wummst aus den Lautsprechern, und John Lennon haucht “shoot me”. Vier Mal wiederholt er die Aufforderung, ihn zu erschießen. Mark Chapman muss den Song auch gehört haben, vielleicht sogar noch am Abend des 8. Dezember 1980. Hm, “They´re gonna crucify me” und “Shoot me” – gibt es so etwas wie Vorahnungen? Oder doch nur blöde Zufälle?

Mother

Der trunksüchtige Matrose Alfred Lennon hat seine Frau Julia geschwängert, am 9. Oktober 1940 kommt sie mit einem Sohn nieder. Er wird John getauft. Und Winston, denn es ist Krieg und Julia patriotisch. Erste Wahrnehmungen von Baby-Lennon: Sirenengeheul, Panik und Angstschreie im Luftschutzkeller, während die Nazis Liverpool bombardieren. Fünf Jahre später bekommt John einen Halbbruder, weswegen sein Vater die Familie verlässt. Mama ist überfordert, aber lebenslustig, also schiebt sie John zu ihrer Schwester ab. 15 Jahre später gibt es eine kurze Phase, in der sich Mutter und Sohn wieder gut verstehen. John beginnt langsam Vertrauen zu fassen. Dann verunglückt Julia Lennon bei einem Autounfall tödlich. Ein Glück, dass John, auch dank seiner Mutter, die ihn mit Rock´n´Roll-Schallplatten versorgt hatte, etwas entdeckt hat, auf das er sich verlassen kann: Musik.

Mit 15 hört John zum ersten Mal Elvis, ein Erweckungserlebnis für den ziellosen und schlechten Schüler. Jetzt weiß er, was und wohin er will. Mit 16 gründet er seine erste Band, ein Jahr später trifft er Paul McCartney. Beide erkennen sofort das Genie des anderen, beide haben vor kurzem ihre Mutter verloren, beide sind mit einem an Skrupellosigkeit grenzenden Ehrgeiz ausgestattet. Kurz darauf findet Lennon den scheuen jungen Gitarristen George Harrison “recht talentiert” und engagiert ihn für die Gruppe, die er noch als “seine” betrachtet.

Das Schlagzeug bedient noch Pete Best, den Bass Stuart Sutcliffe, Ringo Starr wird erst 1962 zur Band stoßen. Anders, als viele noch heute glauben, war der Band, die zunächst “The Quarrymen”, dann “Johnny And The Moondogs”, dann “The Silver Beatles” und schließlich “Beatles” hieß, kein Übernachterfolg beschieden. Stattdessen gab es jahrelanges Tingeln in Kleinbussen von Gig zu Gig, miese Zimmer in Stundenhotels, karge Gagen, Geldnot, Dosenravioli, Begleitbandjobs, demütigende Auditions. 1960 kommt die Reifeprüfung in Gestalt eines Langzeitengagements im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli. Unterhaltungsmusiker in den Kneipen auf der Reeperbahn zu sein, das bedeutet, bis zu zehn Stunden am Stück durchspielen zu müssen, vor besoffenen Matrosen und Zuhältern, und es bedeutet Amphetamine gegen die Erschöpfung, Alkohol gegen das Lampenfieber, Prostituierte gegen die Einsamkeit. John Lennon offenbart erstmals öffentlich seine dunkle Seite. Er lässt sich auf Schlägereien ein, zeigt auf der Bühne den Hitlergruß, verhält sich nun oft auch Freunden gegenüber mies.

Doch nach Hamburg sind John und die restlichen Boys abgehärtet. Zurück in England, übernimmt Brian Epstein das Management der Beatles – und bringt die Band mit dem Produzenten George Martin zusammen, fädelt den ersten Plattenvertrag ein, holt den erfahrenen Berufsmusiker Richard Starkey, genannt Ringo, und wird für Lennon zu einer Art Vaterersatz. Dann folgt, was allgemein bekannt ist: Die Beatles werden zur künstlerisch und kommerziell erfolgreichsten Band aller Zeiten.

Wie geht man damit um, vom Arbeiterkind zum Superstar aufgestiegen zu sein? Wie verändert es jemanden, wenn man die Plätze eins bis fünf der US-Hitparade gleichzeitig belegt und Polizeischutz braucht, weil man sonst von der Zuneigung hysterischer Massen buchstäblich erdrückt würde? Paul, George und Ringo genießen den Ruhm, John schwankt zwischen Größenwahn (“populärer als Jesus”) und Depressionen. Vor allem, als er die literarisch hochwertigen Texte von Bob Dylan hört, beschleichen ihn Zweifel bezüglich seiner eigenen Fähigkeiten. Und ausgerechnet er, der von vielen für den “wilden Beatle” gehalten wird, führt das – relativ betrachtet – bürgerlichste Leben der Fab Four .

Er ist seit 1962 verheiratet und hat bereits einen Sohn. Er will einerseits die Familie, die er selbst nicht hatte, andererseits ödet ihn das Leben mit der biederen Cynthia bald an. John sieht nicht ohne Neid, dass sich Paul McCartney mittlerweile selbstsicher in Londons Kunst- und Avantgardeszene bewegt und von dort ständig neue Ideen mitbringt. Da will Lennon nicht abseits stehen, also weg von Haus und Hof, hin zu Literatur, Film, Haschisch und LSD. Lennon kann brutal und verletzend sein. Das bekommt nicht nur seine Noch-Ehefrau zu spüren.

Baby You´re A Rich Man

Als George Harrison einmal nicht zu einer Probe erscheint, schlägt John vor, ihn zu feuern und stattdessen Eric Clapton zu engagieren. Einmal springt McCartney für Ringo am Schlagzeug ein. Daraufhin Lennon: “Ringo der beste Schlagzeuger der Welt? Dass ich nicht lache, er ist ja nicht einmal der beste Drummer bei den Beatles.” Andererseits schreibt er für Brian Epstein, der unter der Homophobie seiner Umwelt leidet, das mitfühlende “You´ve Got To Hide Your Love Away” und das aufmunternde “Baby You´re A Rich Man”. Doch Epstein begeht mitten im Sommer der Liebe, für den Lennon mit “All You Need Is Love” den Soundtrack schreibt, Selbstmord. Wieder ein schwerer Verlust.

1968 lernt John Yoko Ono kennen – und rasch auch lieben. Die Fluxus-Künstlerin gibt ihm all das, was er immer gesucht hat: Geborgenheit, eine Partnerin auf intellektueller Augenhöhe, Inspiration, Disziplin. Bald macht er alles mit ihr gemeinsam und nimmt sie zum Missvergnügen seiner Beatles-Kollegen auch zu Aufnahmesessions ins Studio mit. Es ist jedoch nicht so, wie es später legendenhaft verbreitet wird, dass nämlich Yoko der Spaltpilz wäre. Ganz im Gegenteil, ist etwa McCartney Johns neuer Flamme gegenüber durchaus herzlich eingestellt. Es sind die Bandmitglieder selbst, die immer schlechter miteinander können.

1970 sind die Beatles dann endgültig erschöpft, McCartney verkündet einseitig das Ende der Band, jahrelange Rechtsstreitigkeiten zwischen den ehemaligen Freunden folgen, und jeder Beatle veröffentlicht noch im Jahr der Trennung ein Soloalbum. Johns Platte “Plastic Ono Band” ist die persönlichste: er verarbeitet darauf diverse Traumata von der Kindheit bis zur chaotischen Beatles-Trennung. Im Song “God” hören wir das neue Glaubensbekenntnis des John Winston Lennon: “I Just believe in me, Yoko and me”.

Imagine

Nach Urschreitherapie, überwundener Heroinsucht und Emanzipation als Solokünstler engagieren sich John und Yoko für den Weltfrieden, die Frauenbefreiung, die Black Panther, die IRA und alles, was sonst gerade angesagt ist. Und Lennon schreibt die ultimative Utopistenhymne “Imagine”. “Imagine no possessions”, singt der Multimillionär. Das mag nach Heuchelei klingen, aber der Song ist so schön und in seiner gespielten Naivität dermaßen überzeugend, dass er allein schon dafür ausreichen würde, Lennon einen Stockerlplatz bei der großen Songwriterweltmeisterschaft zu sichern.

Gegen den Ex-Mitstreiter McCartney führt John den berüchtigten “War of songs”. Paul beginnt mit ein paar Spitzen gegen John, die er auf seinem Album “RAM” unterbringt. John schießt mit dem bitterbösen “How Do You Sleep” zurück (“…the only thing you done was ,yesterday”).

Doch entgegen allen Gerüchten und öffentlichen Hahnenkämpfen bleiben die beiden Freunde, jammen 1974 sogar gemeinsam (wovon es ein ziemlich schreckliches Bootleg gibt), und als Lennon Yoko für eineinhalb Jahre verlässt und während dieser Zeit nicht nur das großartige Album “Walls And Bridges” einspielt, sondern sich auch dem totalen Alkohol- und Drogenexzess hingibt, bittet Ono Paul darum, ihren Mann zur Rückkehr zu überreden. Das gelingt auch.

Reumütig zu Yoko zurückgekehrt und erneut Vater geworden kündigt John 1976 an, sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen und sich nur mehr um die Familie kümmern zu wollen.

(Just Like) Starting Over

Nach vier Jahren Hausmann-spielen hört Lennon im Frühjahr 1980 die McCartney-Single “Coming Up” im Radio und entschließt sich, doch wieder Musik zu machen. Er und Yoko schreiben viele Songs und gehen im August ins Studio. Heraus kommt das sehr gefällige Werk “Doubly Fantasy”. Währenddessen bahnt sich eine Sensation an: Alle vier Ex-Beatles erklären sich dazu bereit, ein gemeinsames Konzert zu geben, um einen geplanten Dokumentationsfilm über die Band zu bewerben.

Doch am 8. Dezember bittet Mark Chapman, ein psychisch verwirrter Sektenaussteiger, John um ein Autogramm. Lächelnd schreibt Lennon seinen Namen auf eine LP. Chapman geht jedoch nicht seines Wegs, sondern lauert vor Johns Haus, dem Dakota-Gebäude, gegenüber vom Central Park. Als Lennon ein paar Stunden später nach Hause gehen will, schießt ihm Chapman vier Mal in den Rücken. “Der Bastard hat mich erwischt”, sagt John, ehe er auf der Fahrt ins Krankenhaus verblutet.

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