Schlagwort-Archive: Supertramp

They took the long way home

Der exzentrische niederländischer Millionär Stanley August Miesegaes, fasziniert von der Rockmusikzene, setzt sich 1969 in den vermutlich bekifften Kopf, einen Teil seines Vermögens in eine britische Band zu investieren. „Sam“, wie Miesegaes Spitzname lautet, ist zu dieser Zeit mit dem britischen Musiker Rick Davies befreundet, also gibt er dem den Auftrag, eine Gruppe zusammenzustellen. Für das Finanzielle würde Sam schon sorgen. Davies schaltet kurzerhand eine Anzeige mit dem verlockenden Titel „Musiker gesucht – einmalige Gelegenheit“ im Szenemagazin „Melody Maker“, und neben dem Gitarristen Richard Palmer und dem Drummer Robert Millar antwortet auch der blutjunge Multiinstrumentalist Roger Hodgson auf das Inserat. Als dieser beim Casting „Dear Mr. Fantasy“ von Traffic zum Besten gibt, ist Davies von der falsettartigen, aber dennoch voluminösen Stimme Hodgsons so begeistert, dass er ihn vom Fleck weg engagiert – eine weitreichende Entschiedung, wie sich einige Jahre später zeigen sollte. Die Band sucht noch einen Namen, und als Hodgson im Bücherregal von Davies den obskuren Roman „The Autobiography of a Super-Tramp“ stehen sieht, macht es „klick“.

Das erste, selbstbetitelte Album erblickt am 14 Juli 1970 das Licht der Welt und wird zunächst nur in Großbritannien und Kanada veröffentlicht. Mit gelinde gesagt mäßigem Erfolg. Schade eigentlich, denn die Platte ist eine hübsche Mischung aus versponnenen musikalischen Hippieträumen und leicht angejazzten Rockern. Roger Hodgson singt fast alle Leadvovals und spielt einen höllisch heißen Bass. Noch ist man weit von dem Stil entfernt, der die Band zu einer der erfolgreichsten aller Zeiten machen wird, aber schon hier tauchen in den Texten jene Motive auf, die später immer wieder eine Rolle spielen werden: Das Unbehagen sensibler junger Leute an der Kultur, Entfremdungsgefühle, Sinnsuche.

Vom Misserfolg entmutigt, verlassen Palmer und Millar die Band und werden durch Frank Farrel und Kevin Currie ersetzt. Man nimmt das Album „Indelibly Stamped“ auf, das am Plattencover mit dem Foto der nackten Brüste einer über und über tätowierten Frau provoziert. ,Rick Davies wagt sich nun auch selber hinters Mikrophon und singt die von ihm geschriebenen Songs, so wie Hodgson es bei seinen Liedern macht. Dennoch steht unter allen Nummern als Writers Credit „Roger Hodgson/Richard Davies“. Das sollte beiden kreativen Köpfen gleiche Einkünfte sichern und entsprach dem linken Zeitgeist. Viele Jahre später sollte Hodgson diese Entscheidung öffentlich bereuen, da die größten Hits der Band großteils aus seiner Feder stammen und Davies dennoch bis heute daran mitverdient. „Indelibly Stamped“ verkauft sich noch schlechter als der Vorgänger und der niederländische Financier zieht sich zurück, nachdem er noch die offenen Schulden der Band beglichen hat. Dennoch sind auf der Platte mit Rick Davies` „Friend in need“ und Hodgsons „Rosie had everything planned“ zwei Songs drauf, die bis heute zuweilen im Radio zu hören sind.

1973 stehen Supertramp ohne Geldgeber und ohne Plattenvertrag da und wieder verlassen zwei Mitglieder die scheinbar glücklose Kapelle. Doch Davies und Hodgson beschließen nach einem gemeinsam durchlebten LSD-Trip weiterzumachen und engagieren den amerikanischen Drummer Bob Siebenberg, den begnadeten Saxophonisten John Helliwell und den schottischen Bassisten Dougie Thompson. Das Quintett spielt Demobänder ein und schickt sie an das neu gegründete Label A&M. Die dortigen Jungmanager erkennen das Potenzial, nehmen die Gruppe unter Vertrag und erlauben ihr sogar, das neue Album sehr aufwändig und mit neuester Technik zu produzieren. Heraus kommt im Jahr 1974 „Crime of the Century“, das von vielen Kritikern als eine der besten Platten der 70er eingestuft wird und endlich den internationalen Durchbruch einleitet. Stilistisch wandeln Davies und Hodgson hier auf Progrock-Pfaden, wenn auch zugänglicher und nicht ganz so abgehoben wie die Kollegen von Genesis, Yes oder Van Der Graaf Generator zu dieser Zeit. Die Schulschwänzerhymne „School“ eröffnet die von „Teenage-Angst“ schier platzende Platte und stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines angepassten Lebens. Thematisch wie auch musikalisch nahtlos anschließend folgt der erste US-Hit der Gruppe, der Davies-Song „Bloody Well Right“. In Europa macht vor allem Hodgsons „Dreamer“ die Gruppe in den Hitparaden bekannt. Man hat endlich das Erfolgsrezept gefunden: Texte, welche die Verunsicherung und Verstörung junger Menschen angesichts der Herausforderungen das modernen Lebens auf den Punkt bringen und Melodien, die von oberster Ohrwurmqualität sind. Wer fühlt sich nicht manchmal wie „Rudy“ in einem Zug nach Nirgendwo sitzend? Wer geht schon gerne zur Schule oder ins Büro? Wer ist nicht frustriert, wenn sich die angeblich freie Welt als kaum durchlässige Klassengesellschaft entpuppt? Supertramp treffen einen Nerv, und diese Treffsicherheit wird mit kommerziellem Erfolg belohnt. „Crime of the Century“ schafft es in den USA bis auf Platz 38 der Billboard-Charts.

Ein Jahr später legen Davies und Hodgson mit „Crisis? What Crisis“ den nächsten Longplayer nach, der aber bei weitem nicht so ausgefeilt durchkomponiert und produziert ist wie die Vorgängerplatte und auch keinen echten Hit enthält. Einzig das fragil-schöne „A Soapbox Opera“ und das Swamp-rockige „Ain`t Nobody but Me“ retten die Scheibe vor der Bedeutungslosigkeit. Nach zwei Jahren Studiopause kommt 1977 „Even In The Quietest Moments“ heraus und der von Hodgson komponierte Feelgood-Song „Give A Little Bit“ wird zum ersten Welthit der Band. Das simple Liebeslied ist dermaßen mitreißend und bezaubernd, dass es noch über 30 Jahre später in den FM-Stations aller Welt rauf und runter gespielt wird, ohne dass der Charme des Songs totzukriegen wäre. Dass zu dieser Zeit gerade der Punk die Musikwelt revolutioniert, geht an Davies und Hodgson spurlos vorbei, was ihnen auch gar nicht weiter schadet. Supertramp sind so „anti-punk“, wie es nur geht, und das gefällt ihren Fans.

1979 kommt „Breakfast in America“, das Werk, das den Musikern die Rente sichern sollte. Der Megaseller trumpft mit einem Hit nach dem anderen auf („The Logical Song“, „Goodbye Stranger“, „Take The Long Way Home“, der Titelsong…) und erreicht fast überall in der westlichen Welt Gold- und Platinstatus, obwohl die Lieder von zerbrechenden Ehen, geplatzten Immigrantenträumen und der Sinnlosigkeit des Konsumentendaseins handeln. Oder gerade deswegen? Die nunmehrigen Weltstars schieben 1980 das famose Livealbum „Paris“ nach, doch innerhalb der Band kriselt es, weil sich die Gattinnen von Davies und Hodgson spinnefeind sind und man breits heftig über die Tantiemenaufteilung streitet. Das letzte Album mit Hodgson, „Famous Last Words“, gerät trotzdem ausgesprochen wohl und bietet mit „It´s Raining Again“ erneut einen weltweiten Nummer-1-Hit. Danach verlässt Hodgson die Band und veröffentlicht sein Solodebut, „In The Eye Of The Storm“, das sich annehmbar verkauft. Die zurückgelassenen Kollegen machen als Supertramp weiter und das anspruchsvolle, mit Prog- und Jazzelementen glänzende Konzeptalbum „Brother Where You Bound“ wird zu einem letzten künstlerischen und kommerziellen Welterfolg. Danach ist die Luft entgültig raus. Supertramp spielen noch zwei Platten ein, die wie Blei in den Regalen liegen, und auch Hodgson gewinnt am Musikmarkt keinen Blumentopf mehr. Sowohl Supertramp, als auch Hodgson tingeln von Zeit zu Zeit durch die Lande und zehren von alten Großtaten, machen sich zum Teil auch lächerlich (Hodgson wird Juror der kanadischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“) und jeder Versuch einer Reunion scheitert trotz des immer noch vorhandenem Interesse der Fans an den Egos der ehemaligen Hitfabrikanten.


Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

40 Jahre Supertramp

Die Band Supertramp feiert heuer ihren 4o. Geburstag. Einen ensprechenden Artikel habe ich hier veröffentlicht. Anbei eine kleine musikalische Reise durch die Bandgeschichte…

“It´s A Long Road” (1970):

“Friend In Need” (1971):

“Hide In Your Shell” (1974):

“Lady” (1975):

“Give A Little Bit” (1977):

“Take The Long Way Home” (1979):

“Dreamer” (1980):

“Put On Your Old Brown Shoes” (1982):

“Had A Dream”  (1984)*:

“Cannonball” (1985):

“You Make Me Love You” (1987)*:

“It´s Alright” (1987):

“In Jeopardy” (1997)*:

“C´est What” (1997):

“Along Came Mary” (2000)*:

“Dead Man´s Blues” (2002):

*Roger Hodgson solo

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized