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High zur Pride-Parade

Wer Geld hat, kann sich ein schönes Leben machen, wer keines hat, geht vor die Hunde oder wird vom Repressionsapparat durch Einsperren oder Umbringen entsorgt. Das ist weltweit so üblich, mit Ausnahme einiger gerade untergehender sozialstaatlicher Inseln vielleicht. Natürlich stehen die Chancen, durch Arbeit oder Geschäfte zu so viel Geld zu kommen, dass es zumindest zum Überleben reicht, dort besser, wo die Wirtschaft brummt, was die Hauptursache moderner Migrationsbewegungen ist, aber prinzipiell herrscht durch die Globalisierung des Kapitalismus überall auf der Welt die Bemessung des Wertes menschlicher Existenz nach ihrer Rentabilität. Ist also alles die gleiche Sauce? Nein, denn der Menschen will ja mehr als bloß überleben, der möchte auch noch ein bisschen Spaß haben und, wenn es geht, lieben oder wenigstens Liebe machen. Und seine Meinung möchte er ebenso sagen dürfen wie er die Freiheit schätzt, zum Gott seiner Wahl zu beten. Wo der Mensch das alles darf, ist er freier als dort, wo er es nicht darf. Er bleibt zwar Gefangener des ökonomischen Zwangs, aber er darf sich zumindest darüber beschweren und er wird nicht verfolgt, bloß weil seine Art zu lieben, zu feiern oder zu glauben anderen nicht passt.

Wie steht es um die Liebe? In den USA dürfen Männer Männer lieben und Frauen Frauen, und wer das verbieten will, wird politisch nicht mehr ernst genommen. In Russland steht die bloße Äußerung der Meinung, Homosexualität sei nichts Schlechtes, unter Strafe, in China werden LGTB-People trotz gesetzlicher Liberalisierungen weiterhin massiv diskriminiert, in vielen islamisch dominierten Ländern steht auf gleichgeschlechtliche Liebe der Tod, etliche afrikanische Staaten ahnden Homosexualität mit drakonischen Gefängnisstrafen. Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem offen gelebte Homosexualität weitgehend akzeptiert wird.

Und wie ist es ums Feiern bestellt? In den USA, obwohl lange der Hauptscharfmacher im “Krieg gegen Drogen”, liberalisieren immer mehr Bundesstaaten ihre Drogengesetze. In Colorado dürfen Erwachsene seit kurzem legal Marihuana erwerben, andere Bundesstaaten werden folgen. 57 Prozent aller US-Bürger sind laut Umfragen für eine bundesweite Freigabe von Cannabis. In Russland gibt es für den Besitz kleiner Mengen Hasch zwar nur Geld- oder kurze Haftstrafen, aber schon wer nur einen Joint verkauft, wandert für mindestens sieben Jahre in den Knast. In vielen islamischen Staaten ist Alkohol verboten und auf Drogenbesitz stehen jahrelange Haftstrafen oder gar der Tod. In China werden jährlich rund 500 Menschen hingerichtet, weil sie mit Drogen, meist Cannabis, gehandelt haben. In Israel ist Hasch illegal, aber niemanden juckt das und fast jeder raucht es.

Wenn ich die Verfolgung und Diskriminierung Homosexueller falsch und die Kriminalisierung von Kiffern doof finde, ist es dann so abwegig, dass ich Amerika für fortschrittlicher halte als das, was derzeit als geopolitische Alternative bereitsteht? Wenn schon überall Kapitalismus sein muss, dann wenigstens eine Variante, die es gestattet, high zur Pride-Parade zu gehen statt nüchtern im Knast zu sitzen.

 

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Exponiert Euch!

2013 war das Jahr der großen Paranoia. Der ehemalige Berufsspitzel Edward Snowden verkündete, was jeder wissen konnte, der nicht vor 25 Jahren auf einer unbewohnten Insel ohne Kommunikationsmittel gestrandet war, und wurde dafür als größter Aufklärer seit mindestens Immanuel Kant gefeiert. Eine höchst bemerkenswerte Allianz, die von “BILD” zur “Zeit”, von unorthodoxen Linken zu den Rest-KPs, von Flüchtlingshelfern zu Polizeigewerkschaften, von den Grünen zu H.C. Strache, von Sozialdemokraten zu Katholiken, von Freigeistern zu den Kirchen, von jungen Bobo-Bürgerlichen zu deren rechtskonservativen Eltern, von Leitartikvollkotzern zu Feuilletonschönschreibern, von Facebookuserinnen zu den Piraten, von Unterschriftstellern zu Kulturschaffenden, von Muslimen zu Islamophobikern, von der Tea-Party zu manchen Demokraten, von CSU-Wählerinnen zu den Nazis und von den Nazis zu Jürgen Elsässer reichte, gab sich furchtbar empört darüber, dass Geheimdienste tun, was diese schon immer taten: Freund und Feind aushorchen, Industriegeheimnissen hinterherschnüffeln, mit gefälschten oder auch richtigen Informationen und durch deren gezielte Veröffentlichung Einfluss nehmen, Handelsabkommen befördern oder hintertreiben, reale Kriege  vorbereiteten oder verhindern und so weiter und so fort. Spionagekram as usual. Weshalb also die große Aufregung? Weil sich jeder ein bisserl zu wichtig nimmt und befürchtet, die NSA würde es gerade auf ihn abgesehen haben und ihm durch die Webcam beim Wichsen zuschauen? Weil das von Angela Merkel so putzig benamste “Neuland” vielen doch neuer und daher unheimlicher ist, als man dachte? Weil wir mit den Füßen aufstampfen und schreien: “Wanzen sind ja okay, aber beim E-mail hört der Spaß auf”? Oder geht es, einmal mehr, bloß darum, dass wir es nicht mögen, wenn sich der mächtigste Staat dieser Welt auch als solcher aufführt? Mir persönlich ist die NSA nicht unangenehmer als ihr russischer/chinesischer/deutscher/französischer Gegenpart. Sie alle spielen ihre Machtspiele und sie alle möchten dabei im Dunkeln bleiben. Wir wollten das ja, sonst hätten wir die entsprechenden Politikerinnen nicht gewählt, sonst hätten wir mal Schluss gemacht mit der Herrschaft, die immer gierig ist nach Informationen über jene, über die sie herrscht. Ich weiß, dass es arrogant klingt, aber keine einzige von Snowdens “Enthüllungen” hat mich überrascht oder schockiert. Die, die herrschen, haben immer schon die neuste Technik zur Absicherung ihrer Herrschaft eingesetzt und sie haben schon immer behauptet, dies diene allein dem Wohl der Beherrschten.

Freilich ist die Fratze des Überwachungsstaates hässlich, und sie erscheint umso hässlicher, je genauer man hinsieht, wer im Fokus der Schnüffeleien steht. Dazu sollte man natürlich frei sein von der gelenkten Hysterie, die zu der eingangs erwähnten dummen Volksgemeinschaft gegen die “Amis” führt, frei auch von der mittlerweile zur Epidemie gewordenen Blindheit gegen wirkliche Machtverhältnisse und frei vom  massenpsycholgischen Stockholmsyndrom, das den Fließbandarbeiter und die Krankenpflegerin dazu treibt, Angela Merkel und BMW zu bemitleiden, weil die von ihren amerikanischen Gegenstücken ausspioniert werden. Es sind trotz gegenteiliger Berichterstattung nicht die ökonomischen Eliten, denen die Überwachung so richtig den Tag versauen kann, sondern die Armen und von Armut Gefährdeten. Deren Daten werden abgeglichen und darauf hin analysiert, ob so ein Bezieher von Mindestsicherung oder Hartz IV nicht vielleicht irgendwo einen Euro zuviel hat, für dessen Besitz oder Erwerb man ihm die Leistungen streichen könnte. Krankenkassen, Grundbuchämter, Finanzämter, die Jugendwohlfahrt, Arbeitsämter, Ärzte und Krankenhäuser usw. werden so engmaschig miteinander vernetzt, dass kein “Sozialbetrüger” mehr entkommen kann  (“Sozialbetrüger”, darauf haben sich Europas Gesellschaften verständigt, ist der Bedürftige, der um einen Betrag von 20 Euro über irgendwelchen Regelsätzen liegt und dies nicht den Ämtern meldet, nicht aber der Industrielle, der Milliardenförderungen bezieht, faktisch keine Steuern zahlt und trotz steigender Gewinne Massenentlassungen veranlasst). Überwacht wird seit langem und ganz selbstverständlich auch, ob krank geschriebene Arbeitnehmerinnen nicht heimlich gesund sind. Der Datenschutz ist für Transferleistungsbezieher faktisch außer Kraft gesetzt. So wie sich die Mächtigen seit jeher gegenseitig bespitzeln aus geopolitischen wie auch wirtschaftlichen Interessen, werden auch das Proletariat und das Prekariat schon seit langem genau überwacht. Nur ersteres löst Empörung aus. Die, die sich vor Wut gar nicht mehr einkriegen, wenn davon berichtet wird, dass “feindliche” Nationen oder Blöcke “unsere” Politikerinnen oder Konzerne aushorchen, finden es ganz in Ordnung, wenn der arbeitslos gewordene Nachbar sich vor dem Staat nackt ausziehen muss. Das ist nicht immer eine Tateinheit, aber doch so oft, dass kein Zweifel darüber bestehen kann, dass die meisten Kritikerinnen der Überwachung gar nicht die Überwachung an sich schlecht finden, sondern sich nur dann darüber ereifern, wenn chauvinistische Gefühle im Spiel sind.

Wie soll man nun aber auf den ständig steigenden Durst der Regierungen, Behörden und Ämter nach Informationen reagieren? Welche Chance hat das Individuum noch, sich der dauernden und immer intimer werdenden Überwachung zu entziehen? Entziehen kann man sich gar nicht, reagieren kann man sehr wohl. Aber nicht so, wie es manche hilflos versuchen, durch Verzicht auf Handy und Internet zum Beispiel, denn das nützt genau gar nix. Wer sozialversichert ist, ein Bankkonto besitzt, Arbeitnehmer ist, irgendwo wohnt, ein Auto fährt, sich mal außer Haus bewegt, mal krank wird, einkaufen geht, kurz: wer lebt, der wird auch erfasst. Reagieren kann man nur paradox, das heißt so zu leben und zu handeln, dass kenntlich wird, dass man sich nicht einschüchtern lässt. Man sollte sich bei Facebook und Twitter anmelden und dort so viel wie möglich von sich preisgeben, mit keiner Meinung hinterm Berg halten. Man sollte Blogs unter Klarnamen schreiben und in Internetforen mit Klarnamen auftreten. Es geht schon lange nicht mehr darum, die totale Überwachung zu verhindern, es geht nur mehr darum, den Überwachern zu zeigen, dass man keine Angst vor ihnen hat. Der Aufruf unserer Zeit sollte nicht lauten “empört euch”, sondern “exponiert euch”! Die Lust von Regierungen, Parteien, Konzernen und Arbeitgebern nach Information sorgt dafür, dass es noch nie so einfach war, denen die Meinung zu geigen. Sie wollen wissen, was wir denken, also lasst es uns ihnen sagen! Ein Nebeneffekt ist, dass die schon jetzt in ihrer eigenen Informationssucht fast ersaufen, sie kommen mit all den Daten gar nicht mehr so leicht klar, wie sie uns weismachen wollen. Die NSA zum Beispiel ist dabei, sich selbst zu lähmen. Anderen Diensten wird es nicht viel besser ergehen. Wir werden weder die Technik, die die Überwachung ermöglicht, abschaffen können, noch wirksame Gesetze dagegen erwirken. Selbst wenn die Spitzel rechtlichen Beschränkungen unterliegen, hält sie das nicht vom Spitzeln ab. Der Glaube an den Datenschutz ist einer von Kindern. Regierungen, Geheimdienste, Polizei, Ämter und private Schnüffler haben sich noch nie an die Regeln gehalten, die zuvor in Parlamenten beschlossen wurden, sie finden immer Mittel und Wege, diese zu umgehen. Es gibt keine Kontrollinstanz, die nicht korrumpiert oder ignoriert werden könnte. Der Kampf um den Datenschutz ist von vorneherein verloren, dieser Krieg ist schon lange vorbei. Wir sind gläserne Menschen geworden und werden das immer bleiben, nun müssen wir lernen, das zu akzeptieren und zu unserem Vorteil zu wenden. Schluss mit Ängsten und Schamgefühlen, das bringt alles nichts. Schreit eure Meinungen hinaus, seid stolz auf das, wovon man euch einredet, ihr solltet es verbergen und müsstet dessen Veröffentlichung fürchten! Wer euch feindlich gesinnt ist, wird ohnehin alles über euch herausfinden, was er für nützlich hält. Konspiration ist vergeudete Energie, also seid laut und auffällig!

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House of Psycho-Representatives

Dianne Reidy, die Stenotypistin des US-Repräsentantenhauses, nutzte die chaotischen Zustände während des Budgetstreits, um sich zum Rednerpult zu schleichen und zu sagen, was ihr offenbar am Herzen gelegen war: Sie lobte Gott und Jesus, beklagte, dass die USA kein Gottesstaat seien und merkte an, die Verfassung sei von Freimaurern geschrieben worden.  Sicherheitskräfte entfernten die Frau rasch vom Rednerpult, die Polizei kam und brachte Dianne in eine psychiatrische Klinik, wo sie “auf ihren Geisteszustand hin untersucht” werden soll. Ich bin nun kein großer Freund von religiöser Verblendung, aber wie genau soll wohl diese “Untersuchung” ablaufen? Ist sie “geisteskrank”, wenn sie an ihrer Meinung festhält? Muss sie ihre Behauptung, die US-Verfassung sei von Freimaurern verfasst worden, widerrufen, um als “gesund” zu gelten? Das wäre pikant, hat sie damit doch teilweise recht. Freimaurer sind bis heute stolz darauf, dass wichtige Mitautoren der amerikanischen Verfassung aus ihren Reihen stammten, und der Stolz ist verständlich, ist das doch einer der großartigsten Rechtstexte der Menschheit. Oder muss Dianne Reidy “nur” klarstsellen, dass sie die USA eh für einen Gottesstaat hält, obwohl das doch offenkundig keiner ist? Oder besteht der Verdacht auf eine mit Freiheitsentzug zu sanktionierende Geisteskrankheit darin, dass sie es gewagt hat, in ein Mikrophon zu sprechen, das nicht für Stenotypistinnen gedacht war, sondern für Berufspolitiker? Jedenfalls zeigt der Vorfall erneut, wie schnell man in unseren angeblich so freien Gesellschaften seine persönliche Freiheit verlieren kann, sobald man auch nur ein ganz klein wenig originelles Verhalten an den Tag legt. Und natürlich wird mit zweierlei Maß gemessen. Wäre zB Bill Gates zufällig anwesend gewesen und hätte die Gelegenheit genutzt, irgendetwas Philantropisches ins Mikrophon zu sagen, wären die Zeitungen voll von Meldungen über den “amüsanten Zwischenfall”. Die Sekretärin jedoch wird verhaftet und in die Psychiatrie gebracht.

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Demokratiefetischisten und Diktaturverharmloser

Demokratie, verstanden als Herrschaft der Mehrheit, ist kein Wert für sich. Es gibt kein Menschenrecht darauf, Menschenrechte auf demokratischem Wege abzuschaffen. Ein demokratisch gewählter und bei demokratischen Wahlen immer wieder bestätigter Nazi bleibt ein Nazi. Demokratisch legitimierte Konzentrationslager bleiben Konzentrationslager. Verbrechen, Unmenschlichkeit und Verstöße gegen die Menschenrechte hat man auch dann nicht zu akzeptieren, wenn 99 Prozent der Wähler dafür gewesen sein sollten. Wer nicht versteht, dass es Werte gibt, die wichtiger sind als Mehrheitsbeschlüsse, der soll zu Ägypten und Syrien und überhaupt zur Weltpolitik schweigen. ich denke, Barack Obama ist so einer, der besser das Maul halten sollte. Am besten zusammen mit der verlogenen deutschen Polit-Elite, die immer nur dann den Pazifismus entdeckt, wenn Militäreinsätze westlicher Staaten den eigenen Weltmachtfantasien in die Quere kommen. Was für eine Bande! Einerseits Obama, der Demokratie immer total super findet, ganz egal, was da zusammengewählt wird, anderseits die Deutschen, die nicht nur beim Export Weltmeister sind, sondern auch darin, Diktatoren und Despoten vor Marschflugkörpern zu bewahren. Und solche Leute führen die sogenannte Freie Welt?

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Typisch Amis?

Wenn Edward Snowden etwas erreicht hat, dann nicht die Aufklärung einer angeblich unwissenden und unschuldigen Welt über die ach so überraschende Gewohnheit von Spionen, zu spionieren, sondern eine massive Verstärkung der Vorurteile jener Leute, die entgegen aller Evidenz die USA immer schon als Hort der Unfreiheit und der außer Rand und Band geratenen Sicherheitsbehörden empfunden haben. “Da sieht man´s mal wieder, so sind die Amis”, geht das kollektive Raunen durch Blätterwald und Eckkneipe, ein Raunen, das jene gerne zur Massenempörung anschwellen sehen würden, die ein echtes Interesse an einem schlechten Image der Staaten haben. In China lacht sich ein Parteibonze, der eben mal ein paar tausend Menschen per Federstrich in ein Arbeitslager geschickt und ein paar hundert andere zum Tod durch Genickschuss verurteilt hat, vermutlich gerade tot angesichts der Stimmung weiter Bevölkerungskreise in Westeuropa, wo das vermeintliche Wissen über Amerika vornehmlich aus amerikanischen Paranoiathrillern stammt, die, nebenbei bemerkt, extra für die eher wenig gut gebildeten US-Bürger gemacht werden, die Yokels abseits der großen Städte, die hinter allem Unbill des Lebens nie die eigene Beschränktheit, aber umso öfter Verschwörungen finsterer Anzugträger in Washington, New York oder L.A. vermuten und daher willig ins Kino laufen, wenn ihre Sicht der Dinge dort bestätigt wird. Diese Rednecks sind mit ihrem oft genug antisemitisch grundierten Verfolgungswahn jenen Figuren überraschend ähnlich, die sich in Europa als Intellektuelle fühlen, sobald sie Schlechtes über Amerika reden oder schreiben. Als Intellektueller fühlt sich bei uns auch der, der sagt oder schreibt, was das Publikum hören mag. Und so ist ja der Mainstream hierzulande, ganz egal, ob rechts oder links, im Zweifel gegen Amerika, und in dieser Gegnerschaft kann man sich treffen, politische (Schein)Gegensätze überwinden und mit dem inneren Barbaren Frieden schließen. Das macht verständlich, wenn Menschen, die sich für links halten, Geschirrtücher für die Hisbollah stricken, wenn angebliche Progressive Spenden für den Djihad sammeln und wenn vorgebliche Fortschrittliche jeden mit ihren fair produzierten Palästinenserschals am liebsten erwürgen würden, der nicht einstimmt in das antiameriikanische Geheul.

Ähnlich ressentimentverstärkend wirkt derzeit auch der Fall um George Zimmerman, der in Florida im Zweifel vom Vorwurf, er habe Trayvon Martin absichtlich erschossen, freigesprochen wurde. “Rassismus” schallte es fast einhellig aus europäischen Zeitungskommentaren, obwohl keiner der Kommentatoren beim Prozess dabei gewesen ist. Ich war auch nicht dort, ich habe keine Ahnung, ob die Geschworenen rassistische Motive hatten, ich weiß nur, dass in diesem Prozess einer der wichtigsten strafprozesslichen Grundätze überhaupt zur Anwendung kam: “Im Zweifel für den Angeklagten”. Dieser Grundsatz ist mir so wichtig, dass es mir lieber ist, es laufen ein paar böse Jungs frei herum, als dass Unschuldige im Knast verrotten. Ja freilich wird der Mann auch einen guten Anwalt gehabt haben, womit wir zum nächsten antiamerikanischen Klischee kämen: Ohne guten Anwalt sei man vor US-Gerichten verloren. An dem Klischee ist sogar was dran, nur: Das ist wirklich keine exklusiv amerikanische Party. Wer sich in Österrreich keinen Anwalt, geschweige denn einen guten leisten kann, muss  hoffen, nie vor ein Strafgericht zitiert zu werden, und den ganzen zivilrechtlichen Kram von Nachbarschaftsstreitigkeiten über Bekämpfung von Verleumdung bis zum Einklagen einfachster Rechte kann man sich auf eine Postkarte ans Christkind malen (es sei denn, eine Gewerkschaft, eine Kammer oder eine NGO springt für einen ein). In den USA ist der Zugang zum Recht in vielen Fällen leichter und barriereärmer als in Europa.

Auch das Bild vom bösen brutalen Cop, das wir aus so vielen Filmen zu kennen meinen, hat mit der amerikanischen Realität nicht sehr oft etwas zu tun. Wer in den USA war wird häufig davon berichten können, dass die dortigen Polizisten meist sehr höflich, sehr korrekt und sogar freundlich sind. Klar gibt es auch dort Polizeibrutalität in allen Facetten, aber tendenziell sind die US-Bullen doch weniger willkürlich und bürgerfeindlich als bei uns. Es ist in Amerika zum Beispiel die Regel und nicht die Ausnahme, dass Polizisten friedliche Kiffer einfach in Ruhe kiffen lassen, statt sie zu belästigen. Viele US-Bundesstaaten sind in Sachen Cannabis-Liberalisierung viel weiter als das angeblich fortschrittliche Europa, wo, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Konsum einer völlig harmlosen Spaßdroge nach wie vor mit allem, was die Schikanegesetze  zwischen Inhaftierung und Führerscheinentzug hergeben, bestraft wird. Nicht überall in Amerika geht es diesbezüglich locker zu, aber doch an erstaunlich vielen Orten, und es sind dort keineswegs nur die “Liberals”, die die Prohibition durch einen vernünftigen Umgang mit Rauschmitteln ersetzen wollen. Auch viele Republikaner finden das rational und setzen sich für die Entkriminalisierung ein, denn, und jetzt müssen Amerikahasser tapfer sein, es gibt unter Republikanern Politiker, die weiter links stehen als jeder ihrer europäischen Kollegen und es gibt unter Demokraten heftige Rechtsblinker. Und Unabhängige gibt es auch noch, teils ganz ganz linke und ganz ganz rechte. Und was ein weiteres Vourteil betrifft, nämlich jenes, dass die Amerikaner prüde seien: Wer das ernsthaft meint, der sollte mal die Folsom Street Fair besuchen gehen! Und danach soll er noch einmal was von den prüden Amis daherreden! Die Vereinigten Staaten von Amerika sind verdammt groß und verdammt vielfältig, aber an vielen Orten dort kann man eine Ahnung davon bekommen, warum John Mayall seinen ersten US-Aufenthalt so besang: “The cops were in their cars but the never bothered me / A new magic world, I never felt so free”.

Also eh alles super in Amerika? Na sicher nicht! Es gibt sehr viele Dinge, die mir an den Vereinigten Staaten gar nicht gefallen, vom Hang zu drakonischen Strafen über den großen Einfluss der Religion bis hin zum mangelhaft ausgebauten Sozialstaat fielen mir tausende Sachen ein, die ich persönlich dort nicht so toll finde, aber ich respektiere es, wenn Menschen andere Meinungen haben als ich und eine andere Politik bevorzugen als ich es an ihrer Stelle vielleicht täte. Ich bin gegen Todesstrafe und jahrzehntelange Haftstrafen, und das sage ich auch immer wieder öffentlich, aber ich werde den Amerikanern sicher nicht vorschreiben, wie sie ihr Justizsystem gestalten sollten (das wäre übrigens für mich der einzige Grund, Snowden Asyl zu gewähren, nämlich das womöglich brutale Strafmaß, das ihn erwarten könnte). Ich freue mich darüber, dass Obama den Zugang zur Krankenversicherung massiv ausgebaut hat, aber ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, denen die Freiheit von staatlicher Bevormundung über alles geht, manchmal sogar über das, wovon man denkt, es sei doch in ihrem eigenen Interesse. Und mit dem Stichwort Freiheit nähern wir uns womöglich dem Kern dessen, was viele Amerikahasser so fuchsig macht, nämlich das Misstrauen vieler US-Bürgerinnen gegenüber dem Staat und vor allem gegen das Auftreten des Staates als autoritäres Kindermädchen, das schon mal gegen den Willen der Betroffen eingreift, natürlich nur “zu derem Wohl”. Dieser Unterschied in der Staatswahrnehmung geht bis ins Persönlichste, und so kommt es auch, dass in Amerika toleriert wird, was hierzulande gleich Ämter und Polizei und Psychiatrie auf den Plan ruft. Exzentrisch zu sein bis zum Rumspinnen ist jenseits des Teichs meist okay, solange der exzentrische Rumspinner keinen Dritten gefährdet.

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Terror in Boston und Arschlochösterreicher

Der achtjährige Martin ist stolz, denn sein Vater hat gerade den Bostoner Marathon bewältigt.  Er läuft zur Ziellinie und umarmt Papa. Dann geht er zurück zu seiner Mutter und seinen Schwestern. Die Bombe explodiert. Martin stirbt. Die Explosion reißt seiner Schester ein Bein ab und verletzt seine Mutter schwer. Zwei weitere Menschen sind sofort tot, Hunderte müssen in Krankenhäuser gebracht werden. Der City-Marathon, eine sportliche Großveranstaltung ohne fanatische Fans, die einander tot prügeln oder rassistische Gesänge anstimmen, ohne Hurrapatriotismus und ohne Männlichkeitswahn, dafür mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus allen sozialen Schichten und aus verschiedenen Ländern, die, angefeuert von vielen Tausenden, zusammenkommen, um gemeinsam an ihre körperlichen Grenzen zu gehen, endet in einem Blutbad. Jeder Terroranschlag ist widerwärtig und macht einen traurig und wütend. Besonders fassungslos ist man, wenn die Mörder Ziele wählen, die für Lebensfreude und ein friedliches Zusammenkommen stehen. Wie die Olympischen Spiele 1972, oder eben wie eine große Laufveranstaltung. Terroristen haben keine Achtung vor dem menschlichen  Leben, daher wählen sie mit Vorliebe Ziele, die für Lebendigkeit stehen: Israelische Schulbusse, irakische Basare, amerikanische Welthandelszentren, deutsche Diskotheken, italienische Bahnhöfe, afghanische Schulen… . Jeder Mensch, der noch nicht völlig verroht ist, muss sich zutiefst verletzt fühlen, wenn auf diese Weise Leben ausgelöscht werden, und er wird keine Entschuldigungen oder Relativierungen gelten lassen. Ein Blick auf die Leserkommentare der Tageszeitungen zeigt jedoch, wie verbreitet der Typus des kalten Unmenschen, der kein Mitleid mehr kennt, inzwischen ist. Dieser Typ Mensch kann nicht einfach mal sein Maul halten, nein, er muss seinen geistigen Dünnpfiff gerade dann verbreiten, wenn das Blut der Opfer noch nicht mal getrocknet ist.

“Der Standard”:

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“Die Presse”:

presse

presse2

presse5

presse3

 

“Kleine Zeitung”:

kleine1.1

kleine

kleine2

kleine3

 

“Kurier”:

kurier

kurier2

kurier3

 

usw….

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Obama und Amerikas “Change”

Als im Jahr 1998 der Afroamerikaner Morgan Freeman im Blockbuster “Deep Impact” den US-Präsidenten spielte, war in vielen Filmkritiken zu lesen, dass dies wohl der utopischste Aspekt dieses Science-Fiction-Filmchens sei. Erst in “frühestens 60 Jahren” würden die USA einen Schwarzen als Präsidenten akzeptieren, hieß es in einer der Besprechungen. Und jetzt, im Jahr 2012, wurde soeben der Afroamerikaner Barack Obama zum zweiten Mal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Die Zeiten ändern sich eben schneller als es viele voraussehen, hoffen oder – im Falle vieler Konservativer –  befürchten. Gestern hat das neue Amerika, das Amerika der Frauen, der Hispanics, der Schwarzen, der Jugend, der Patchworkfamilien, der Schwulen und Lesben, kurz: das Amerika des Multikulturalismus gewonnen und das alte Amerika, das Amerika der weißen Männer, hat verloren. Das alte Amerika hat sich zwar nach Obamas erster gewonnener Wahl lautstark aufgebäumt, in Gestalt der Tea Party viel Lärm gemacht und sich als schweigende Mehrheit aufgespielt, doch das hat sich als Illusion erwiesen. Und die Republikaner sind dieser Illusion auf den Leim gegangen, was Mitt Romney die Wahl gekostet hat. In Verkennung der Realität haben die Reps einen Abwehrkampf gegen die ihnen unangenehmen  Veränderungen der US-Gesellschaft geführt und die Advokaten der wohlhabenden weißen Mittel- und Oberschicht gespielt, obwohl diese Schicht immer kleiner wird, und das führte dazu, dass die Grand Old Party am Ende des Wahlabends nicht mehr sehr groß, dafür aber richtig alt aussah. Obama und seine Leute haben hingegen schon 2008 geschnallt, wie tiefgreifend sich die Struktur der amerikanischen Gesellschaft seit den 80er Jahren verändert hatte und setzten daher auf “Change”, also auf Wechsel, Veränderung, und in der jüngsten Kampagne auf “Foreward”, also vorwärts.

Wer die USA nur oberflächlich und aus europäischen Medien kennt, den hat den “Change” in Amerika sicher überrascht. Wer aber genauer hingesehen hat in den vergangenen Jahren, der hat bemerkt, dass abseits der lautstarken Tea Party und unbeeindruckt vom Gekeife rechter Demagogen eine Art Kulturrevolution stattgefunden hat. Und das liegt nicht nur an der Demoskopie, am unaufhaltsamen Abstieg der weißen Männer als bestimmende Kraft im Lande, sondern da geschieht viel mehr als das, nämlich eine immer mehr Fahrt aufnehmende Liberalisierung. Es gibt keine populären Fernsehserien und keine Hollywoodblockbuster mehr, die den Wertewandel nicht widerspiegeln würden, einen Wandel weg von traditionellen konservativen Lebensentwürfen und Haltungen hin zu Toleranz und Realismus. Statt die alte Welt, also die Welt vor den 60er Jahren mit ihren weißen Männern in der Hauptrolle, stets auf neue zu reproduzieren, zeigt die Unterhaltungsindustrie immer öfter farbige oder weibliche Helden, gemischtrassige Paare, Schwule und Lesben, Juden und Muslime, alleinerziehende Mütter und nicht traditionelle Familien als Normalfälle. Rechte Kommentatoren werfen den Machern dieser Serien und Filme gerne vor, sie würden Ideologie verbreiten, aber genau das Gegenteil ist wahr. Es sind die Rechten, die ihre eigene Ideologie als Realität imaginieren, während die Drehbuchschreiber bloß die Realität aufgreifen und verarbeiten. Realität ist zum Beispiel, dass immer mehr US-Bundesstaaten über Volksabstimmungen ihre Marihuana-Gesetze liberalisieren. Realität ist, dass die Befürworter der Todesstrafe in immer mehr Umfragen nur mehr knapp in Führung liegen. Realität ist, dass eine für Konservative wohl erschreckende Toleranz gegenüber alternativen Lebensstilen und Sexualitäten um sich greift. Realität ist, dass die Mehrheit der Amerikaner nicht mehr rassistisch ist. Und all das haben die Republikaner verschlafen. Genauer gesagt: Gegen all das stemmt sich eine Minderheit innerhalb der republikanischen Partei, und dieses Pissen gegen den Wind führte nun dazu, dass die Wahl verloren ging.

Wie aber ist Obamas Wiederwahl aus linker Sicht zu bewerten? Haben jene recht, die immer sagen, es sei letztlich unerheblich, wer im Weißen Haus sitze, da dort doch am Ende des Tages immer nur ein Vertreter des Kapitals regiere? Ich sehe das nicht so. Natürlich ist Obama kein Marxist oder auch nur Sozialdemokrat, aber es ist MIR nicht gleichgültig, ob 60 Millionen Amerikaner eine Krankenversicherung haben oder nicht. Und es kann der Welt nicht gleichgültig sein, ob der mächtigste Mann der Erde eher zu friedlichen Lösungsansätzen tendiert oder zum Krieg. Wobei ich an dieser Stelle meine konservativen bis rechten Freunde beruhigen will: Auch Obama ist kein naiver Träumer. Auch Obama wird einen nuklear bewaffneten Iran nicht akzeptieren. Auch Obama wird das Problem des islamistischen Terrorismus nicht ignorieren. All das hat er bereits in seiner ersten Amtszeit bewiesen und daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Sieht man sich die Entwicklung  der vergangenen vier Jahre an, so ist das weltpolitische Gewicht der USA eher wieder erstarkt als weiter zurückgegangen. Obama ist konzilianter und rhetorisch gemäßigter als es ein George Bush war, aber er ist keineswegs ein geopolitischer Hippie. Dennoch ist seine Wiederwahl auch ein positives Signal für progressive Kräfte rund um den Globus und ein Hoffnungsschimmer für all jene, die auch in Europa gerne einen “Change” weg vom Austeritätswahnsinn a la Merkel und Cameron hin zu einer realistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik hätten.

 

 

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Don´t step on the grass, Sam!

Hey, US-Repräsentantenhausdeppen mit eurer durchgeknallten Prohibitionspolitik: Dieser Song ist für euch!

Starin’ at the boob tube, turnin’ on the big knob
Tryin’ to find some life in the waste land
Fin’ly found a program, gonna deal with Mary Jane
Ready for a trip into hate land
Obnoxious Joe comes on the screen
Along with his guest self-righteous Sam
And one more guy who doesn’t count
His hair and clothes are too far out

While pushin’ back his glasses Sam is sayin’ casually
“I was elected by the masses”
And with that in mind he starts to unwind
A vicious attack on the finest of grasses

Well it’s evil, wicked, mean and nasty
(Don’t step on the grass, Sam)
And it will ruin our fair country
(Don’t be such an ass, Sam)
Well, it will hook your Sue and Johnny
(You’re so full of bull, Sam)
All will pay that disagree with me
(Please give up you already lost the fight, alright)

Misinformation Sam and Joe
Are feeding to the nation
But the one who didn’t count counted them out
By exposing all their false quotations
Faced by a very awkward situation
This is all he’d say to save the day

Well it’s evil, wicked, mean and nasty
(Don’t step on the grass, Sam)
And it will ruin our fair country
(Don’t be such an ass, Sam)
Well, it will hook your Sue and Johnny
(You’re so full of bull, Sam)
All will pay that disagree with me
(Please give up you already lost the fight alright)

You waste my coin Sam, all you can
To jail my fellow man
For smoking all the noble weed
You need much more than him
You’ve been telling lies so long
Some believe they’re true
So they close their eyes to things
You have no right to do
Just as soon as you are gone
Hope will start to climb
Please don’t stay around too long
You’re wasting precious time

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To serve and protect?

Wahrheitsgetreu muss es heißen: “To serve the rich and to protect the economic elite”…

 

 

 

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Murdered by the state

Heute Nacht wird in den USA ein möglicherweise unschuldiger Mann hingerichtet werden. Troy Davis soll einen Polizisten ermordet haben, doch außer widersprüchlichen Zeugenaussagen, von denen etliche später widerrufen wurden, gibt es keine stichhaltigen Beweise. Keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatwaffe. Wie es aussieht, werden alle nationalen und internationalen Proteste nichts nützen und Herr Davis wird morgen tot sein.

Und da wir gerade beim staatlich sanktionierten Umbringen sind: Im Iran wurde heute der 17-jährige Molla Soltani vor einer gröhlenden Menschenmasse öffentlich hingerichtet. Er ist bereits der (mindestens) dritte Minderjährige, der heuer im Mullahstaat an den Galgen kam. Insgesamt sollen 2011 im Iran bislang schon 202 Menschen gehenkt worden sein.

Anbei ein paar Songs, gewidmet allen, die Opfer des staatlich erlaubten Mordens wurden und noch werden sollen:

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