Vorsicht: Bissige Arme!

Margrethe Vestager, Wettbewerbskommissarin der EU, wurde deutlich: „Das ist illegal“. Gemeint war die Praxis von EU-Mitgliedsstaaten wie Luxemburg oder Irland, Konzernen eine Gewinnversteuerung zu ermöglichen, die so dermaßen unter internationalen Gepflogenheiten liegt, dass sie einer staatlichen Förderung und damit einer Wettbewerbsverzerrung gleichkommt. Luxemburg soll jetzt nach dem Willen der EU-Kommission 250 Millionen Euro Steuernachzahlung von Amazon einfordern. Der Weltmarktführer im Internethandel habe dank einer luxemburgischen Spezialgesetzgebung nur ein Viertel der an sich fälligen Steuern bezahlt. Irland, das von der EU dazu verpflichtet wurde, von Apple nicht weniger als 13 Milliarden Euro an unlauteren Steuervorteilen zurückzufordern, weigert sich seit einem Jahr, dem nachzukommen. Die EU will Irland nun mittels eines Verfahrens beim Europäischen Gerichtshofs zwingen, die ausstehenden Steuern einzutreiben.

Das verdient einen Extra-Absatz: Die EU will Irland per Gerichtsbeschluss dazu zwingen, Steuern einzutreiben, die Irland zustehen.

Hätte es noch eines Nachweises bedurft, herauszufinden, ob im Kapitalismus überraschenderweise tatsächlich das Kapital regiere, so hat die irische Regierung ihn erbracht. Wer nun gähnt und „das ist doch nix Neues“ sagt, hat einerseits recht. Andererseits erleben wir in Österreich gerade einen Wahlkampf, in dem ganz viel von Facebookgruppen, Fake-Facebookgruppen und Fake-Fake-Facebookgruppen die Rede ist und ganz wenig von der auch hierzulande ungeheuerlichen Steuergesetzgebung und den diesbezüglich noch ungeheuerlicheren Plänen von ÖVP und FPÖ.

Wenn in diesem Wahlkampf von Geld die Rede ist, dann nur von dem, das man denen, die schon genug davon haben, schenken möchte. Woher die Geschenke kommen sollen? Natürlich vom Ausländer, denn der, so allen voran die ÖVP, kriege ebenso zu viel wie die Überflüssigen, die von Arbeitslosengeld oder Mindestsicherung existieren müssen. Wo wenig ist, ist in der Masse dennoch einiges zu holen, und daher soll es Menschen, die von 40 Euro Taschengeld im Monat (Asylbewerber) oder von 800 Euro (Mindestsicherungsbezieherin) „leben“, genommen und den „Leistungsträgern“ gegeben werden. In Teilen von Österreich, deren Landesparlamente von ÖVP und FPÖ dominiert werden, macht man das schon. So wurde kürzlich einer Niederösterreicherin die Mindestsicherung auf 220 Euro gekürzt, da sie in eine Notschlafstelle für von Obdachlosigkeit bedrohte Frauen gezogen war, was den allerchristlichsten ÖVPlern und den sozialnationalistischen FPÖlern als „Wohngemeinschaft“ gilt, und wo Gemeinschaft ist, da braucht es keinen schnöden Mammon mehr. Wie die Predigt in der Kirche füllt Gemeinschaft zwar nicht den Magen, aber wärmt das Herz.

Glaubt man den Umfragen und geht es nach dem Willen der Zeitungsbesitzer, bekommt Österreich demnächst eine Regierung unter dem zackigen Gelfrisurmodel Sebastian Kurz. Der soll, gestützt auf die strammen Schultern freiheitlicher Burschenschafter, aufräumen mit sozialromantischem Unsinn wie der Idee, in einem der reichsten Länder der Welt solle niemand von existenzieller Not bedroht sein. Not macht mobil, Not macht Beine. Freilich nicht immer so, wie es den Christen und Rassisten gefällt. Wird die Not nämlich zu groß, dann legt sich nicht jeder Mensch still zum Sterben hin, sondern so mancher kommt auf die Idee, dorthin zu gehen, wo weniger Not ist. Und lebt er schon dort, wird aber dennoch ins Elend gezwungen, während andere auf Instagram Fotos ihrer neuesten Villa posten, dann denkt er vielleicht daran, so eine Villa mal besuchen zu gehen und sich dort zu nehmen, was ihm zuvor verwehrt wurde. „Gute Geschäfte für die Sicherheitsindustrie“, denkt da der Christsoziale und Sozialnationale, allein: Der Pechvogel aus dem Kreis der Villenbesitzer, der sich im Kofferraum des Autos seiner Entführer wiederfindet, wird sich womöglich fragen, ob die nicht wirklich gute Sicherheitslage die letzte Umverteilung von unten nach oben wirklich wert war.

Sie werden sich nicht durch solche Überlegungen, die zu haben Verstand zu besitzen voraussetzt, von ihren Vorhaben abbringen lassen. Aber „this Land is your land, this land is my land“ werden sie auch nicht mehr singen können, denn es wird dann Gegenden geben, wo sich so eine Gelfrisur oder Narbenfresse ohne Polizeikonvoi nicht mehr blicken lassen kann ohne Gefahr für Leib und Leben. Das wird niemandem ein Trost sein, es wird nur sein. Wer seine Gated Community verlassen will, wird am schwer bewachten Ausgang ein Schild vorfinden mit der Aufschrift „Vorsicht: Bissige Arme!“

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Teufel Definion 5 – Bezahlbares High End

Zu Lautsprechern und Kopfhörern gibt es fast so viele Meinungen, wie es Ohren gibt. Bei höherpreisigen Geräten gibt es dann noch so was wie Audio-Sekten, die bestimmten Marken oder Bauarten ewige Treue schwören und sich in Internet-Foren mit Anhängern anderer Marken und Bauarten erbitterte verbale Schlachten liefern. Ich halte das anders. Gutes Audio-Equipment erkennt man meiner Meinung nach so: Man möchte damit seine gesamte Musiksammlung von vorne bis hinten neu hören, weil alles besser klingt als zuvor. Das unterschiedet gute von schlechten Boxen oder Kopfhörern, nicht aber der Preis, der Markenname oder das Bauprinzip.

Mit den Definion 5 von „Lautsprecher Teufel“ höre ich mich seit gut einem Monat durch all meine Platten, meine digitale Musikbibliothek und verlustfreie Streamingdienste. Ich höre meine Musik, wie ich sie nie zuvor gehört habe. Zwar hatte ich durchaus damit gerechnet, dass die Definion 5 eine ganz gute Box ist, die große Überraschung aber war, dass sie meine bisherigen Wiedergabegeräte dermaßen klar auf die Ränge verweist, dass dabei ein Wow-Effekt eingetreten ist, wie ich ihn zuletzt beim Umstieg von billigen Regalboxen auf große Standlautsprecher hörte oder als ich erstmals Kopfhörer der 200-Euro-Preisklasse gekauft hatte. 20 Jahre lang taten meine Lautsprecher „Elac Limited One“, die fast baugleich mit der Edition One sind und in Hi-Fi-Kreisen einen sehr guten Ruf haben, beste Dienste. Mit Kopfhörern wie dem Rs2e von Grado, dem HD-800 von Sennheiser und dem Beyerdynamic T1 meinte ich überdies, all meine Bedürfnisse nach möglichst hoher Auflösung abgedeckt zu haben. Überraschenderweise lösen die Definion 5 ein ganzes Eck besser auf und ich höre mit ihnen Details, die mir sogar mit den genannten Musik-Mikroskopen entgangen waren. Und im Vergleich zu den Elac-Boxen, die unter Einberechnung der Inflation damals gleich viel kosteten wie die Teufel heute, sind die Definion 5-Speaker in etwa vier Mal so gut. Ich schreibe das nicht leichtfertig und ich werde im Folgenden versuchen, es etwas genauer zu begründen.

PR-Gelaber und Unboxing

Die Berliner Firma Teufel brachte die Definion 5 vor knapp vier Jahren als ihr neues Top-Modell auf den Markt und sparte bei dessen Vorstellung nicht mit Eigenlob und Superlativen. Die Box sei ein „brutal anderer Lautsprecher, der sich über Konventionen hinwegsetzt“, hieß es im Pressetext. Es handle sich um einen „High-End-Stereo-Lautsprecher mit kompromisslos unverfälschter Wiedergabe“. Die patentierte „Synchronized Coaxial Acoustic-Technik“ sorge für eine Wiedergabequalität, die „in puncto Räumlichkeit, Feindynamik und Präzision neue Maßstäbe“ setze. Klingt hübsch, aber was steckt hinter dem Marketing-Sprech? Und hält das Produkt, was die PR verspricht?

Teufel liefert die Boxen wie versprochen bis zur Haustür. Wenn die Haustür aber wie in meinem Fall drei Stockwerke weiter unten ist und das Haus keinen Lift hat, kann das mit diesen Brocken, die mit Verpackung fast 35 Kilo wiegen, zu einem logistischen Problem werden. Ich konnte den Lieferwagenfahrer zum Glück überreden, mir beim Hinauftragen behilflich zu sein. Schält man die Definion 5 aus der Verpackung, fällt einem sogleich die exzellente Verarbeitungsqualität auf. Das Gehäuse der Box besteht aus MDF, also einem mitteldichten Holzwerkstoff, der von vielen Herstellern wegen seiner hohen Biege- und Zugfestigkeit für den Bau hochwertiger Lautsprecher verwendet wird. Die weiße Lackierung ist makellos und wird auf der Vorderseite durch eine schwarze Blende ergänzt. Nirgendwo sieht man eine Schraube, nicht einmal die Anschlüsse auf der Rückseite stecken, wie bei den meisten anderen Herstellern, in einer aufgeschraubten oder geklebten Fassung, sondern kommen direkt aus dem Gehäuse. Die Standfüße bestehen aus massivem Metall und ruhen auf Puck ähnlichen Absätzen, die die Box sehr gut vom Boden entkoppeln. Wie von Teufel gewohnt, ist die Montage selbsterklärend und kann auch von einer Person bewältigt werden. Die Definion 5 hat vier Anschlüsse. Man kann sie also mit einem Verstärker allein betreiben oder auch mit einem Verstärker und einem Vorverstärker.

Das Erblühen einer Schönheit

Natürlich war ich ganz heiß darauf, die Definion 5 sofort anzuschließen und Probe zu hören. Nach der Verkabelung legte ich auch gleich los und speiste den Verstärker mit einer elend langen Playlist – und ging dann für einige Stunden außer Haus. Warum? Weil die Teufel-Spitzenboxen wie alle anderen High-End-Tonwiedergabegeräte direkt aus dem Karton nicht fair beurteilt werden können. Sie brauchen eine Einspielzeit, die mindestens 24 Stunden betragen sollte, besser noch 50. Direkt nach dem Anschließen klang die Definion ein bisschen so wie ich am frühen Morgen – theoretisch auf Zack, aber irgendwie lustlos und fast beleidigt, in die Gänge kommen zu müssen. Das Schöne daran ist, dass die Box stündlich besser wird und man dann live dabei sein kann, wie sie nach und nach aufblüht. Nach ungefähr zwei Wochen war der Speaker so weit, dass ich anfangen konnte, ihn fair zu kritisieren.

Äußere Werte

Die Definion 5 ist wirklich hübsch. Trotz ihrer 1,1 m Höhe, 21,8 cm Breite und 37 cm Tiefe wirkt sie zwar nicht direkt mager, aber doch schlank genug, um nicht das Wohnzimmer zu dominieren als wäre sie eine übergewichtige Hausbesetzerin. Der Corpus der Box verjüngt sich nach hinten trapezförmig. Eine schöne Abwechslung zur jahrzehntelang vorherrschenden rechteckigen Form, die nicht nur originell aussieht, sondern auch stehende Wellen und innere Reflexionen minimieren soll. Eine Form übrigens, die andere Hersteller von High-End-Boxen auch immer öfter verwenden. Auf der Vorderseite lachen uns drei Tieftöner sowie die in Koaxialbauweise ineinander verbauten Mittel- und Hochtöner an. Teufel findet das Front-Design offenbar so gelungen, dass man gar keine Abdeckung beilegt. Ich vermisse sie nicht, aber wer kleine Kinder oder Katzen zuhause hat, riskiert eventuell, dass diese sich an den empfindlichen Treibern zu schaffen machen. Abgesehen davon ist die Box optisch unaufdringlich und sollte sich in jeden Wohnraum harmonisch einfügen können. Die Definion 5 ist eine geschlossene Box, hat also keine Bassreflex-Öffnung.

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Innere Werte

Die Definion 5 schluckt eine Dauerbelastung von 250 Watt und kann als Impulsbelastung auch 100 Watt mehr ertragen. Die Empfindlichkeit liegt bei 85 dB. Diese Zahlen bedeuten, dass man zum Anfeuern der Box einen Verstärker braucht, der mindestens 50 Watt sinus auf zwei Kanälen leisten kann. Mit weniger Saft lässt man die ungeheuren Potenziale des Lautsprechers brach liegen. Wenn es sein muss, geht die Definion bis zu einer Lautstärke von 104 Dezibel. Ich habe die Box abwechselnd mit dem Marantz PM7005-Stereoverstärker und dem AV-Reciever VSX-930 von Pioneer betrieben. Obwohl der Marantz deutlich teurer ist als der Mittelklasse-Verstärker von Pioneer, waren die Ergebnisse nicht wie Tag und Nacht, sondern überraschend ähnlich. Und obwohl mich manche Audiophile jetzt kreuzigen werden: Ich hatte den Eindruck, dass die 165 Watt, die der AV-Reciever an die Boxen lieferte, einen kleinen Tacken besser klangen als die 80 Watt vom dezidierten Stereo-Verstärker.

Den Frequenzgang gibt Teufel mit 42 Hz bis 22 kHz an. Am Papier klingen 42 Hz nicht nach einer Tiefbass-Orgie, und in der Tat gibt es Konkurrenzprodukte, die mit Bassreflex-Konstruktionen tiefer in den Tonkeller steigen als die Definion 5 – am Papier zumindest. In der Praxis vermisst man hier kein bisschen Bass, sondern hat es im Gegenteil mit einer der bassstärksten Boxen ihrer Preisklasse zu tun, oder genauer: ihrer Klasse. Die Definion spielt nämlich eher in der Liga von Boxen um 8.000 Euro und mehr als in der um 1.400, die sie pro Stück kostet. Die Basswiedergabe ist eines der Filetstücke dieses Lautsprechers. Der Bass ist dank der geschlossenen Bauweise extrem exakt und pegelfest und rutscht auch bei hohen Lautstärken nie ins Schwammige ab. Da gleich drei Tieftöner vorhanden sind, ergibt sich in Summe eine große Membranfläche, aber die Aufteilung auf drei kleinere Töner hat den Vorteil der viel höheren Präzision. Die Tieftöner spielen auch recht weit in die Höhe, was den Übergang zu den Mitten ungeheuer flüssig macht und vor allem Stimmen eine äußerst lebensechte Charakteristik verleiht.

Meisterklasse

Der technische Höhepunkt der Definion 5 ist freilich ihr Koaxialreiber. Auf Deutsch heißt das, dass Mittel- und Hochtöner im selben Chassis stecken. Teufel ist hier sogar noch weiter gegangen als viele andere Hersteller und hat für den Hochtöner eine Flachmembran verwendet, die ohne mechanische Abgrenzung sozusagen frei im Mitteltöner schwebt. In der Praxis ergibt das zwei große Vorteile gegenüber anderen Konstruktionen. 1. kommen Mittel- und Hochtöne zeitgleich beim Hörer an und 2. nähert man sich damit dem Lautsprecher-Ideal der Punktschallquelle an. Punktschallquellen sind seit langem der heilige Gral der Lausprecher-Baukunst. Vereinfacht gesagt ist eine Box, die nahe an der Punktschallquelle dran ist, in der Lage, einen Raum fast unabhängig von ihrer Positionierung mit Klang zu füllen. Die Definion 5 ist zwar, wie alle anderen Lautsprecher unter 100.000 Euro, keine „echte“ Punktschallquelle, aber sie ist so nahe dran, dass man es hören muss, um es zu glauben. Das Koaxial-Prinzip verwenden ansonsten nur Kleinserienhersteller oder Edel-Firmen wie Tannoy und Vienna Acoustics. Ein Bekannter von mir besitzt Tannoy-Lautsprecher der „Cambridge“-Reihe, die pro Stück 25.000 Euro kosten. Ich hoffe, er ist nicht beleidigt, falls er das hier liest, aber die Definion 5 steht diesen Luxus-Modellen kaum nach. In der Tat sind diese mehr als zehnmal so teuren Tannoy jene Boxen (die ich kenne), die der Definion am ähnlichsten klingen. Die große Leistung von Teufels patentierter „Synchronized Coaxial Acoustic-Technik“ ist das nahezu perfekte Timing der Box. Da wabert kein Bass den Mitten hinterher, da kommt keine Mitte vor den Hochtönen beim Hörer an – alles ist wie aus einem Guss und verleiht der Musik dadurch eine Lebhaftigkeit, ein Live-Feeling, wie es nur ganz wenige andere Boxen können und in dieser Preisklasse vielleicht keine andere.

The Sound of Awesome

Soviel zur Theorie. In der Praxis verblüfft mich die Definion 5 mit einer Linearität und Neutralität, die atemberaubend ist. Die Grundabstimmung der Box ist zwar leicht warm, also mit einer sanften Bassbetonung, aber weder ist das ein zu groß geratener Ghettoblaster noch verschluckt der Lautsprecher Details in den Mitten und Höhen. Wenn ich die Definion 5 mit einem Satz beschreiben müsste dann vielleicht so: Sie klingt wie ein extrem guter Monitor, der aber auch Spaß macht. Hierzu eine kleine Warnung: Die Definion 5 ist definitiv „audiophil“. Sie ist also nix für Leute, denen es nur auf möglichst lautes „Bummbumm“ ankommt. Der Bass ist zwar mächtig, aber nicht aufdringlich. Das merkt man, wenn man die Box mal richtig aufdreht. Da ist kein unangenehmes Wabern oder Grummeln, man kriegt keine Schläge in die Magengrube verpasst. Eben wie bei sehr guten Monitoren meint man fast, dass kaum ein Unterschied zwischen laut und leise zu vernehmen ist – bis man plötzlich merkt, dass der Sessel unter einem vibriert und die anderen Möbel unter dem Schalldruck leise Stöhngeräusche von sich geben. Während die Box nichts aus der Ruhe bringt und der Zuhörer auch bei hohen Pegeln enorme Präzision geboten kriegt, rückt wahrscheinlich schon die Polizei an wegen einer Ruhestörungs-Meldung.

Die Definion 5 macht Bass, wenn die Aufnahme Bass hat, bläst aber keinen bassarmen Track zu einem vermeintlich basslastigen auf. Das gilt auch für alle anderen Frequenzen. Wie jeder gute Lautsprecher oder Kopfhörer macht die Teufel-Box aus schlecht aufgenommener Musik keine gute. Sie ist zwar relativ gnädig, aber kann ihre Natur als High-End-Gerät halt nicht verbergen. Klar, sie spielt auch schlecht gemasterte Musik in schlechter MP3-Qualität ab, aber sie verhält sich dabei ein bisschen so wie eine Opern-Diva, die man bittet, doch mal „An der Nordseeküste“ zu singen. Sie macht es, aber sie gibt subtil zu erkennen, dass sie zu Höherem bestimmt ist. Richtige Spielfreude kriegt sie mit gut gemischtem Material in guter Qualität. Wer behauptet, zwischen MP3 und Lossless oder High-Res keinen Unterschied hören zu können, wird von der Definion eines Besseren belehrt. Um ein praktisches Beispiel zu bringen: Klar klingt Spotify auch mit der Definion super, aber wenn man dann einen verlustlosen Streamingdienst wie Qobuz oder Tidal verwendet, merkt man Unterschiede, die man mit schlechteren Boxen nie gehört hätte. Sporify klang für mich mit der Definion 5 okay, aber halt auch ein bisschen „falsch“, gleichzeitig zu dünn und wie mit Loudness aufgeblasen. Auf Tidal oder Qobuz geschwenkt kriegten dieselben Tracks plötzlich viel mehr Körper und Energie.

In der Praxis

Hier nun ein paar Beispiele dafür, wie sich die Definion 5 im echten Leben schlägt.

Nirvana: „Smells Like Teen Spirit“ (CD). Unfassbar! Ich bin wieder 20 Jahre jung. Krist Novoselic‘ drängende Basslines und Dave Grohls Drums knallen so wuchtig in den Raum, dass ich meine Kinder freiwillig dem Jugendamt übergeben würde, wenn ich welche hätte. Kurt Cobains Gitarre sägt und schreit und jault bei den berühmten Breaks jammervoll auf. So wurde das aufgenommen, so gibt es die Definion 5 auch wieder. Ich drehe die Lautstärke immer weiter auf und werde vom Sound richtiggehend in den Sessel gepresst, ohne aber das Gefühl zu haben, bedrängt zu werden.

Richard Thompson, Doppelalbum „You? Me? Us?“ (High Res). Die zweite Platte, auf der Thompson nur von akustischer Gitarre, einem Kontrabass und manchmal einer Geige begleitet singt, ist ein packendes Erlebnis. Es mag wie ein abgenudeltes Klischee klingen, aber das hörte sich tatsächlich so an, als säße Thompson wenige Meter entfernt im gleichen Raum auf einem Barhocker, zwei Meter links von ihm der Mann mit dem Stehbass und in der Mitte die Violinistin. Man hört das so intensiv und lebendig, als wäre es tatsächlich live. Jede kleinste Modulation der Stimme, jedes Vibrato, jede Anstrengung bei höheren Tönen transportiert die Definion 5 so glaubhaft, dass man fast meint, Thompsons Stimmbänder anschwellen und wieder entspannen zu sehen.

Bei „All Ireland“ von Roy Harper, zugespielt als 16-Bit/44,1 kHz-CD, hat man bei geschlossenen Augen tatsächlich den Eindruck, der Künstler sitze weniger Meter vor einem auf einem Barhocker. Jeder Akkord der zwei akustischen Gitarren, jede einzelne Saite ist exakt zu hören und die Stimme des Sängers bekommt einen Corpus, der auf schlechteren Boxen schlicht nicht zu vernehmen ist.

How Does It Feel“, ebenfalls von Roy Harper (Flac). Am Ende des Stücks spielt eine zweite Gitarre eine Reihe von einzelnen Töten, die auch gute Lautsprecher gerne halb verschlucken. Die Definion 5 arbeitet jeden einzelnen dieser Töne ganz klar heraus und gibt den Anschlägen genau das Volumen, das sie haben und brauchen.

The Beatles, „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, Bluray. Ich höre akustische Gitarren im Mix, die ich nie zuvor gehört habe. Wenn Lennon, McCartney und Harrison im Chor singen, ist jede Stimme eindeutig herauszuhören und zuzuordnen. Die ganze Platte wirkt warm und lebendig. Zuletzt hörte ich sie so, als ich sie zum allerersten Mal hörte.

Richard Strauss, „Also sprach Zarathustra“, London Symphony Orchestra, LP. Die Definion bewältigt die enormen Dynamiksprünge mühelos. Ich schließe die Augen und sehe das gesamte Orchester vor mir, höre auch die hinteren Reihen ganz klar. Die Pauken fetzen mächtig, sind aber unter Kontrolle, und kein Instrument säuft im Mix ab.

War, „Smile Happy“, CD. Diese Aufnahme der Funk-Soul-Combo aus Kalifornien erstrahlt auf der Definion 5 in einem Glanz, wie ich ihn nicht mehr kannte, seit ich die Nummer einst in einer Diskothek gehört hatte. Von der Bassdrum zu den Snares, vom Bass zu den harmonierenden Saxophonen und Trompeten – das hat einen Körper, das ist massiv! Und wie bei anderen Stücken auch bedrängt einen die Teufel-Box nicht, sondern nimmt einen in den Arm, umschmeichelt einen von allen Seiten mit Klang. Ja, das ist ganz groß, das ist ein Erlebnis.

Und Filme? Ja, auch Filme!

Ich betreibe mit der Definion 5 ein 4.0-Surround-System für Filme und Multichannel-Musik. Die Firma Teufel wird das jetzt nicht gerne hören, aber die Stimmwiedergabe bei der Definion ist dermaßen gut, dass ich in meinem gut 20 Quadratmenter großen Zimmer keinen Center-Speaker vermisse. Stimmen sind sehr konturiert und klar gezeichnet. Und der Bass reicht mir persönlich völlig aus, so dass ich auch nicht dringend einen Subwoofer brauche. 5.1-Systeme oder 7.1, 9.1 oder gar Dolby Athmos machen ehrlich gesagt in einem relativ kleinen Raum nicht viel Sinn. Wer einen Raum extra für Heimkino hat, der braucht natürlich Center und Subwoofer, aber für den gelegentlichen Filmgenuss im Wohnzimmer? Nope, braucht man nicht. Da die Definion durch ihre Koaxial-Technik sehr breit strahlt, muss man auch nicht im exakten Sweetspot sitzen, um das volle Stereo- oder Surround-Erlebnis zu kriegen. Wer das bodenlose Grummeln eines Subs vermisst, sollte sich hier klar sein, dass er einen Woofer braucht, der mindestens 800 Euro kostet. Ansonsten riskiert man, dass die wunderbare Soundlandschaften, die die Definion erschließen, durch einen schlampigen Tiefton versaut werden.

Chinesische Wertarbeit

Die Definion 5 sind Made in China. Von deutschen Ingenieuren entworfen und patentiert, aber halt nicht in Deutschland zusammengebaut. Mich persönlich stört das nicht, denn ich finde es gut, dass auch Chinesen einen Job haben und ihre Familie ernähren können. Und dass sie sich irgendwann die gleichen Lautsprecher kaufen können wie wir Westler. Made in China ist außerdem schon lange kein Indiz für Qualitätsmängel mehr. Teufel gewährt nicht ohne Grund zwölf Jahre Garantie auf die Definion 5. Zu bedenken ist auch, dass durch den Direktvertrieb, den Teufel als Verkaufsmodell gewählt hat, und die Herstellung in Fernost Kosten wegfallen, die durchaus 100 Prozent des Endpreises ausmachen können. Für manchen Lautsprecher, der Made in Germany ist und den man im Laden nebenan kauft, zahlt man also das Doppelte. Das kann auch Vorteile haben. Neben allfälligem Wirtschafts-Partriotismus auch den, dass man dann halt einen Serviceberater in der Nachbarschaft hat. Allerdings ist der Teufel-Kundenservice ziemlich auf Zack.

Compared to what?

Ist die Definion 5 also die beste Box in ihrer Preisklasse? Das traue ich mich nicht zu sagen, weil ich zwar einige Konkurrenzprodukte gehört habe, aber nicht alle, und weil der Geschmack der Menschen sehr unterschiedlich ist. Was ich aber zu behaupten wage, ist dies: Teufels teuerster Lautsprecher geht ganz klar in Richtung High End und Audiophilie und ich kenne einige Speaker, die deutlich mehr kosten und deutlich weniger können. Wer wissen will, ob die Definion 5 was für ihn ist, sollte sie Probe hören, und zwar nicht eine halbe Stunde lang, sondern ein paar Wochen lang. Teufel bietet ja eine achtwöchige Probezeit an, während der man die Lautsprecher einfach zurückschicken kann. In der Preisklasse der Definion habe ich zum Beispiel die Nuvero 110 und 140 der Firma Nubert gehört. Das sind tolle Lautsprecher, aber für meinen Geschmack klangen die ein bisschen zu hell. Die Klipsch Palladium PF-37F hat auch ihre Stärken, zum Beispiel eine extreme „Brutalität“ der Darbietung vor allem bei elektrischen Gitarren, geht aber bei Klassik eher unter und es ist recht schwer, sie richtig im Hörraum zu positionieren. Am ähnlichsten und ähnlich angenehm klangen für mich noch die Tannoy, aber die kosten das Zehnfache der Teufel. Ein kleiner Geheimtipp sind die Teufel Definion 3. Die habe ich auch gehört und sie bringen in etwa 75 Prozent der Definion 5, kosten aber 1.000 Euro weniger. Die Definion 3 hat allerdings auch nicht die tollen massiven Standfüße, die die Definion 5 hat, und 25 Prozent Sound sind halt 25 Prozent Sound.

Teufel Definion 5, Preis: 2.799.99 Euro (Paar). Erhältlich bei https://www.teufel.de

Die neue A1-Serviceline: Ein Drama in einem Akt

*tuut tuut*
A1-Roboter: „Heute sind wir bei unseren Kunden besonders beliebt. Daher kann es zu längeren Wartezeiten kommen. Wollen sie trotzdem dranbleiben, dann sagen sie bitte ‚ja'“
Konsumententrottel: „Ja“
A1-Roboter: „Tasten drücken war gestern. Sagen sie uns einfach, was ihr Anliegen ist“.
Konsumententrottel: „Festnetz-Internet“
A1-Roboter: „Haben wir sie richtig verstanden? Sie interessieren sich für unsere Handy-Tarife?“
Konsumententropttel: „Nein!“
A1-Roboter: „Das tut uns leid. Bitte sagen sie uns noch einmal deutlich ihr Anliegen“
Konsumententrottel: „INTERNET!!“
A1-Roboter: „Sie interessieren sich also für Internet?“
Konsumententrollel (leicht gereizt): „Jaaaa?“
A1-Roboter: „Tut uns leid, das haben wir leider nicht verstanden“
Konsumententrottel: „Grrrr, INTERNET, INTERNET“
A1-Roboter: „Sie möchten also eine Internetstörung melden?“
Konsumententrottel: „NEIN, fucking scheiße, NEIIIIN. FESTNETZINTERNET, VERTRAG!“
A1-Roboter: „Wenn Sie eine Störung ihres Internetanschlusses melden möchten, drücken sie bitte die 1. Wenn sie sich für unsere Produkte interessieren, drücken sie bitte die 2. Wenn sie Fragen zu ihrem Vertrag haben, drücken sie bitte die 3“.
Konsumententrottel (zu sich selbst, während er die Taste 3 drückt); „Ich dachte, Tasten drücken wäre gestern?“
A1-Roboter: „Sie haben Fragen zu ihrem Vertrag? Wir verbinden sie in Kürze zu einem unserer Mitarbeiter“.
Konsumententrottel: „Pfuh, na endlich“!
A1-Roboter legt einfach auf. Konsumententrottel greift weinend nach einem Beruhigungsmittel.
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„Einfach so hart zuschlagen, dass es keine Kläger mehr gibt“ – ein Land im Blutrausch

Das ZDF hat auf Facebook auf die Widersprüche hingewiesen, in die sich Hamburgs Oberbürgermeister Olaf Scholz verwickelt.

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Mehr hat der Sender nicht gebraucht. Darunter erleichterte sich das Volksempfinden, als hätten wir anno 68.

Ohrfeigen für linke Gören

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Schusswaffengebrauch gegen das linke Gesindel

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Fester draufhauen

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Chaoten haben keine Rechte

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Merkel ist schuld

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Fake News. So sad.

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Mehr Gewalt gegen das subversive Gesindel

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Merkel ist schuld, Teil 2

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Auf´s Maul hauen, zur Markierung

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Volksfront!

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Wegsperren!

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Totschlagen!

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Als der WDR die Hosen runterließ und darunter ein kleiner Antisemit zum Vorschein kam

Als der WDR den Film „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner nach Wochen der Weigerung doch noch zeigte, tat er das auf eine beispiellose Weise. Auf seiner Website veröffentlichte der Sender eine Art Beipackzettel, den man frech „Faktencheck“ nannte, dessen Fakten aber großteils keine waren, sondern nur Statements, ganz so, als wäre die Doku ein gefährliches Medikament, ein Fläschchen Gift, und im Anschluss an den Film ließ man notorische „Israelkritiker“ wie Norbert Blüm über den Film zu Tribunal sitzen. Die ganze Vorgehensweise, die ganze Attitüde des WDR war von ungeheurer und durch nichts gerechtfertigter Überheblichkeit, der Überheblichkeit deutscher Besserwisser, die nichts besser wissen und die ihr Unwissen mit Zähnen und Klauen vor der Aufklärung zu verteidigen suchen. Die Botschaft war: „Okay, wir senden das, denn sonst steigt uns die allmächtige Juden-Lobby aufs Dach, aber wir machen deutlich, dass wir die Doku für Mist halten“. Was der WDR da veranstaltete, war zutiefst paranoid und von genau dem Antisemitismus geprägt, die Schroeders Film aufzeigt.

Was ist Antisemitismus?

Um die Ungeheuerlichkeit dieser Vorgänge zu verstehen muss man zuerst begreifen, was Antisemitismus ist. Antisemitismus ist unter anderem das Beharren des Dummen nicht nur auf seinem vermeintlichen Recht, unhinterfragt dummes Zeug denken und sagen zu dürfen, sondern auch sein Begehren, die Dummheit der Intelligenz als gleichwertige Geistesleistung beigestellt zu sehen. Antisemitismus ist Projektion und Fantasie und demnach, wie Adorno es ausdrückte, das Gerücht über die Juden. Antisemitismus kann Symptom eines Wahns sein, einer pathologischen Fehlinterpretation der Realität, aber es wäre falsch und psychisch Kranken gegenüber unfair, ihn als krankhaft im psychiatrischen Sinne abzutun. Der Wahn des Antisemiten ist ein gesellschaftlicher Wahn, dessen pathischer Charakter nur während jener Phasen erforschbar und somit bewusst wird, in denen Gesellschaften es ihren Intellektuellen erlauben, sich mit eben diesen Gesellschaften tiefgreifend kritisch zu befassen und an die Wurzeln ihrer Destruktivität zu gehen. Üblicherweise korreliert das mit dem Ausmaß an Offenheit einer Gesellschaft oder ihrer historischen Entwicklungsstufe. Je enger, autoritärer und letztendlich totalitärer die Gesellschaft, desto beschränkter die Hervorbringungen ihrer Denkerinnen und Denker, umso unhinterfragter und unbehandelter die Eiterungen von Wahn und Fantastik. Der Hass auf Juden, primärer und sekundärer Antisemitismus – das wuchert dort, wo nur ein Gott der Größte sein soll und/oder wo nur eine Ideologie unhinterfragt herrscht am mächtigsten. Wenig überraschend fanden und finden Antijudaismus und Antisemitismus fruchtbarsten Boden stets, wo Totalität und Absolutheit die Räume für das Denken schließen. Ein womöglich unterschätzter Grund für das neuerliche Erstarken des im kulturellen Hintergrundrauschen stets mitsummenden Antisemitismus ist die Transformation des gesamten Planeten in eine Kultur des totalen Marktes. Der Glaube an die Alternativlosigkeit des kapitalistischen Absolutismus führt zu einer Verengung und Verarmung des Denkens und wo eng und ärmlich gedacht wird, ist auch Antisemitismus, der sich dann bei Apologeten wie vermeintlichen Kritikern der Zustände gleichermaßen in die Argumentation einschleicht, also aus dem Hintergrundrauschen hervortritt und mit zunehmender Verblödung der Gesellschaft immer unverschämter formuliert wird.

Der Neid auf Israel

Der Hass auf Juden und, seit über 70 Jahren, auf ihren Staat Israel hat viel mit dem Zurückdrängen visionären und utopischen Denkens zugunsten einer pseudorationalen ideologischen Behübschung trostloser Zustände zu tun. Zionismus ist Utopie als Realität, der Beweis für die Machbarkeit des angeblich Unmachbaren. Die schiere Existenz der Juden nach Jahrtausenden der Verfolgung und mehreren, in der Shoah gipfelnden Versuchen der Ausrottung ist auf mehrere Arten eine Kränkung des falschen Bewusstseins. Die Juden überstanden nicht nur tatsächlich tausendjährige Reiche wie das römische, sie überlebten als Gemeinschaft auch das zwölfjährige der Nazis. Und nach dem größten Verbrechen, der größten von Verbrechern verursachten Katastrophe des jüdischen Volkes, dem gut die Hälfte des europäischen Judentums zum Opfer fiel, gründeten die Juden einen Staat und kehrten dorthin zurück, physisch wie emotional, von wo man sie einst vertrieben hatte. Das Judentum hat den Holocaust nicht nur überlebt, es war danach stärker als je zuvor, denn man hatte sich an Theodor Herzls Motto gehalten: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Es ist kein Zufall, dass die ersten Sympathien für Israel und die erste konkret lebenswichtige Unterstützung mit Waffen aus dem realsozialistischen Block kamen. Ende der 1940er Jahre lebten dort trotz Stalin noch Kommunisten, die das Bestreben, eine Utopie zur Realität zu machen, nachvollziehen konnten und die die nahe Verwandtschaft der sozialistischen und zionistischen Träume noch verstanden. Es ist kein Zufall, dass Israel jahrzehntelang sozialistisch geprägt war und dass linke Projekte wie der Kibbuz das Land durchzogen und geistig mitbestimmten. Noch heute, nach der kapitalistischen Wende im Land und dem politischen Rechtsrutsch, ist Israel ein Staat, in dem scheinbar Unmögliches möglich wird und Märchen in die Realität übertreten. Sicher, die Märchen der heutigen Zeit drehen sich um Geschäftsideen, Geldverdienen und teilweise um religiös unterfütterte Siedlungsvorhaben, aber sie sind immer noch beseelt von der Möglichkeit der Realisierung, vom unglaublichen Optimismus im Angesicht schwerster Hindernisse. Das beunruhigt und kränkt die angeblich Vernünftigen, deren Vernünftigkeit keine Vernunft ist, sondern die Kapitulation vor den herrschenden Verhältnissen. Das befeuert den Antisemitismus unter vermeintlich Linken, die den Juden nie verziehen haben, nicht auf die Weltrevolution gewartet zu haben, die den Israelis ihre Tatkraft immer neideten und die ihre eigenen Träume dadurch enttäuscht sehen, dass der jüdische Staat sich ständig verändert und anpasst, um zu überleben. Dass dies und nichts anderes der Sinn und die Daseinsberechtigung Israels ist, nämlich durch eine jüdische Staatlichkeit zu garantieren, dass Juden nie wieder abgeschlachtet werden, weil angeblich zivilisierte Staaten im Ernstfall dem Morden einfach zusehen, ist großen Teilen der aktuellen Linken nicht vermittelbar, nicht intellektuell und nicht emotional.

Schroeders Film zeigt nur auf, was jeder wissen kann, der sich mit der Materie ein bisschen eingehender befasst, dass nämlich Antisemitismus nicht nur bei Neonazis zu finden ist, sondern den gesellschaftlichen Mainstream und seine Ränder durchfließt wie eine Sepsis die Blutgefäße. Antisemiten, die sich selbst für keine halten, reagieren auf solcherlei Aufklärung gereizt, mit aggressiver Abwehr und mit Angriffen auf die Aufklärer. Genau das ist rund um „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ geschehen. WDR, Arte und viele Politiker verhielten sich exakt so, wie es leider zu erwarten war. Sie alle haben bewiesen, dass eine Haltung, die Antisemitismus wirklich durchwegs kritisiert und ihn auch dort aufspürt und bloßstellt, wo er nach Eigen(fehl)einschätzung der Kritisierten nicht sein könne, die Aggression der Ertappten auslöst, und diese Aggression resultiert aus der traurigen Tatsache, dass der Antisemitismus viel stärker und tiefer im Unbewussten vergraben weiterwirkt, als es gerade die deutschen vorgeblichen Weltmeister in Sachen Geschichtsaufarbeitung wissen oder wahr haben wollen.

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Teufel Boomster: Mobiler Klang-Gigant und bester seiner Klasse

Es ist wieder Sommer und damit die Zeit für Gartenpartys, Baden, Campen, Grillen und was man sonst noch alles im Freien anstellen kann. Weil all das mit Musik noch ein bisschen schöner ist, sind portable Soundsysteme seit vielen Jahren beliebt. Ich bin ein alter Sack und habe die Blütezeit der originalen Boom-Boxen, auch Ghettoblaster genannt, noch erlebt. Ihr wisst schon, das waren diese teils enorm fetten Stereokassettenspieler, die man lässig auf der Schulter trug, um beim Schlendern durch die Hood eben diese mit seiner Lieblingsmusik zu belästigen. Dann ersetzte die CD langsam die Kassette, danach der MP3-Stick die CD und heute wird schon mehr als die Hälfte aller Musik per Streaming konsumiert. Jedes Smartphone bietet inzwischen Zugang zu Dutzenden Streaming-Diensten und mittels immer größerer Speicher kann man sogar seine gesamte Musiksammlung in ein einziges Handy packen. Die Elektronik-Hersteller haben ihr Angebot angepasst und bieten seit ein paar Jahren Bluetooth-Lautsprecher an, die man vom Mobiltelefon aus ansteuern kann und die die Musik je nach Größe und Fähigkeit der Geräte mal besser, mal schlechter abspielen. Der Boomster des Berliner Herstellers Lautsprecher Teufel spielt gut. Er spielt sogar sehr gut.

Schick, aber massiv

Der kleinste und handlichste Bluetooth-Lautsprecher ist der Boomster nicht. Mit seinen gut drei Kilo Lebendgewicht und seinen Abmessungen, die in etwa einem besseren Ghettoblaster der 80er Jahre entsprechen, passt er in keine noch so große Hosentasche. Wer also was ganz Kleines und Zartes sucht, sollte sich anderswo umsehen (auch Teufel selbst bietet kleinere mobile Speaker an). Wem aber die Tonqualität wichtiger ist als kompakte Ausmaße, der sollte dem Boomster eine Chance geben. Es ist nun auch nicht so, dass der Boomster total schwer zu transportieren wäre. Drei Kilo sollte selbst der größte Schwächling stemmen können. Außerdem hat das Teil einen guten Tragegriff aus Metall. Wer es noch bequemer haben will, kann als Zubehör auch eine Tragetasche erwerben, in die der Boomster passgenau reingeht und die man mit ihren Aussparungen am Boxengitter und an den Bedienelementen auch als zusätzlichen Schutz verwenden kann, zum Beispiel bei feuchtfröhlichen Partys. Nicht dass das unbedingt nötig wäre, denn der Boomster ist nicht nur extrem stabil gebaut, seine Anschlüsse sind auch gegen Staub und Spritzwasser resistent.

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Nach dem Auspacken fiel mir zuerst auf, wie robust und dennoch stilsicher der Boomster daherkommt. Massiv aber schick. Wäre er ein Mensch, wäre er so was wie ein sehr modebewusster Türsteher. Alles ist aus Metall oder hochwertigem ABS-Kunststoff. Die Verarbeitung ist sauber, überall ist alles fest verschraubt und auf Haltbarkeit getrimmt. Die Inbetriebnahme stellt einen Menschen, der nicht gerade erst aus dem Urwald gekommen ist, vor keine Rätsel. Sogar ohne die Bedienungsanleitung, die Teufel-typisch sehr verständlich und logisch ist, erkennt man sofort die Power-Taste, das Bluetooth-Zeichen, die Lautstärkeregelung und die Radiotasten. Die Anschlüsse für Strom, Aux (3,5 mm Klinke) und das Fach mit der Wurfantenne sind hinter schützenden Gummiabdeckungen verborgen. Das Fach mit dem Akku, den man übrigens auch gegen acht AA-Batterien tauschen kann, ist in einem verschraubten Fach an der Rückseite untergebracht. Nach dem Auspacken habe ich den Boomster zunächst an die Steckdose gehängt und dann mein Handy verbunden, was kein Kunststück war. Einfach die Bluetooth-Taste am Boomster drücken und dann das Handy die neue Bluetoothverbindung suchen lassen. Klappe bei mir so schnell, dass ich nicht mal NFC brauchte, was der Boomster ebenfalls an Bord hat. Bis zu acht verschiedene Bluetoothverbindungen kann sich Teufels mobiler Edel-Lautsprecher merken. Die Bedienelemente am Boomster sind übrigens Touch-Tasten, keine physischen Knöpfe. Mir persönlich gefällt das, da ich es zeitgemäß finde. Auch das Einrichten der Radiofunktion geht leicht von der Hand. Man drückt die FM-Taste und der Boomster sucht sich durch die Stationen. Hat man eine, die man mag, drückt man eine von drei nummerierten Tasten daneben und schon ist der Sender gespeichert. Kleiner Kritikpunkt: Es wäre praktisch, hätte der Boomster eine kleine Senderanzeige, denn ohne diese ist der Suchvorgang ein bisschen umständlich. Da das Radio aber nicht die Hauptfunktion des Geräts ist und der Suchlauf selber sehr rasch geht, ist das verzeihlich. Drei Lieblingssender kann man speichern.

Klassenbester Sound

Nun zum Wichtigsten: Wie klingt der Boomster? Kurze Antwort: Mich hat schon lange kein Audio-Gerät so begeistert. Das liegt nicht daran, dass es keine besseren Boxen gäbe oder ich keine besseren kennen würde, sondern am genauen Gegenteil. Gerade WEIL ich Boxen kenne, die tausende Euros kosten, hat mich der vergleichsweise kleine und günstige Boomster aus den Socken gehauen. Natürlich klingt er nicht so wie zwei Standboxen um je 2.000 Euro oder mehr, aber er klingt besser als alles, was ich in der Preisklasse unter 500 Euro bislang gehört habe, und für bis zu 500 Euro kriegt man schon recht ordentliche Kompaktanlagen und Standboxen der Einsteigerklasse.

Bereits nach den ersten Tönen des Beatles-Songs „Don´t Let Me Down“, den ich auf den Boomster streamte, staunte ich über den fetten, aber bestens konturierten Bass, der aber nicht dröhnte oder waberte, sondern genau so klang, wie er soll. Ich schaute kurz auf die fünfstufige Basseinstellung am Lautsprecher und sah, dass der Subwoofer-Regler auf Stufe Zwei steht. Da ginge also noch viel mehr, wenn man denn wollte. Ich wollte aber gar nicht, denn Stufe Zwei war schon sehr, sehr gut. Aber Bass, selbst guter Bass, ist nur die halbe Miete. Umso erfreulicher, dass der Boomster die Tieftöne ganz fein in die Gesamtfrequenzen einwebt und auch die Mitten und Höhen nicht vernachlässigt. Im Gegenteil. John Lennons Gesang klang so präsent und klar, wie ich ihn zuletzt mit meinen 700 Euro teuren Grado-Kopfhörern erlebt hatte. E-Piano und Schlagzeug kamen ebenfalls ganz klar und souverän rüber. Musik bekommt auf dem Boomster eine warme, aber detailreiche Präsentation und sie wirkt überhaupt nicht so, als käme sie aus einem vergleichsweise kleinen Lautsprecher. Wie macht der Boomster das? Nun, während viele andere Bluetooth-Speaker mit maximal zwei oder drei Tönern antreten, bringt der Boomster gleich fünf mit. Zwei für die Mitten, zwei für die Höhen und einen Downfire-Subwoofer. Das macht sich so was von bezahlt! Klar, der Boomster wirkt besonders mit Eletronic und Hiphop groß, aber er kann eben auch jede andere Musikrichtung. Ich habe Chorgesang getestet, Klassische Konzerte, Schlagermusik, Metal, Blues und Folk – das alles klang nicht nur gut, sondern angesichts der Preisklasse hervorragend. Würde man mir den Boomster im Blindtest vorspielen, würde ich auf eine gute Stereoanlage der oberen Mittelklasse tippen.

Er kann auch leise. Und laut. Sehr laut.

Ein gutes Wiedergabegerät erkannt man unter anderem daran, dass es auch bei mittleren und leisen Lautstärken nicht blechern oder matt klingt, sondern immer noch voll und voluminös. Der Boomster kann das. Auch bei Zimmerlautstärke und weit darunter hört man immer noch die warmen Bässe, kann man immer noch die Instrumente schön zuordnen. Und wie ist es, wenn man so richtig aufdreht? Dann staunt man erst recht, denn der Boomster fängt nie an zu schlagen oder zu dröhnen. Er wird ganz einfach furchtbar laut bzw. schön geil laut und bleibt dennoch gelassen und linear. Ein Gartenfest beschallen? Kann er. Ein 25-Quadratmenter-Zimmer mit Musik füllen? Kann er. Im Partykeller musizieren? Kann er. Einen in der Küche zu Ravels „Bolero“ richtig mitgehen lassen? Kann er. Ich traue mich zu sagen, dass man für den aktuellen Preis von 329,99 Euro schlicht kein besseres mobiles Bluetooth-Abspielgerät auf dem Markt findet. Ich weiß, das liest sich jetzt alles ein bisserl arg nach übermäßiger Begeisterung, aber genau das Gefühl hat der Boomster bei mir verursacht: Überraschung und Begeisterung. Und es ist eine Zeit lang her, seit ich diesen Wow-Faktor erleben durfte.

Wenn der Boomster am Strom hängt, lädt er seinen Akku. Ist der voll, spielt er zehn Stunden lang am Stück bei mittlerer Lautstärke. Mittlere Lautstärke meint beim Boomster übrigens ca 50 Dezibel, was schon so manche Unterhaltung deutlich übertönt. Dreht man ihn auf, kommt er an die 100 Dezibel heran und kann damit schon gegen Flugverkehr anbrüllen oder für Disco-Lautstärken sorgen. Sollte eine Party mal länger als zehn Stunden dauern und man hat keine Steckdose zur Hand, kann man den Akku auch rausnehmen und findet dann ein Fach für Batterien vor. Mit acht AA-Batterien gibt der Boomster noch mal sechs Stunden lang durchgehend Laut. Man dürfte kaum ein anderes Gerät dieser Klasse finden, das mobil länger durchhält. Es ist viel wahrscheinlicher, dass zuerst das Handy den Geist aufgibt, aber auch da kann der Boomster helfen, denn man kann an ihm Smartphones an der USB-Buchse aufladen! Zwar ist der Boomster nun schon zwei Jahre auf dem Markt, aber er ist technisch immer noch auf der Höhe der Zeit. Bluetooth 4.0 mit aptX und NCF dürften noch für viele Jahre eine sehr gute Übertragungsqualität und Zukunftssicherheit bieten. Ach ja, man kann sein Handy oder andere Tonquellen auch per 3,5-Millimeter-Klinke anschließen. So gibt der Boomster auch den Lautsprecher für MP3-Player, CD-Walkman und ähnliche Geräte. Theoretisch ist er sogar als Soundbar für einen Fernseher zu gebrauchen, obwohl es da Lösungen gibt, die besser auf Filmton abgestimmt sind.

Fazit: Der Boomster von der Berliner Firma „Lautsprecher Teufel“ hat mich richtig begeistert und überrascht. Ich gebe das Testexemplar nicht mehr her. Der Boomster bleibt bei mir und wird mir im Sommer ein treuer Begleiter im Freien sein und mir im Winter in der Küche oder im Schlafzimmer was vorsingen.

Pro: Der beste Bluetooth-Lautsprecher unter 500 Euro. Klingt wie eine gute Stereoanlage der oberen Mittelklasse. Sehr robust und dennoch optisch ansprechend. Der Akku hält lange durch. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist extrem gut.

Contra: Nicht der kleinste und handlichste Bluetooth-Speaker. Eine Anzeige für Radiosender wäre fein, fehlt aber. Eine Fernbedienung könnte auch nicht schaden (obwohl man sie nicht so sehr vermissen wird, da man das meiste eh per Smartphone regelt).

 

Von der blütenreinen Unschuld und den bösen fremden Männern – letzte Anmerkungen zum Fall Götz Schrage

Je geschickter das fortschreitende soziale Unrecht unter der unfreien Gesellschaft der Zwangskonsumenten sich versteckt, desto lieber zeigt es im Bereich nicht-sanktionierter Sexualität seine Zähne und bedeutet den erfolgreich Nivellierten, dass die Ordnung im Ernst nicht mit sich spaßen lässt. (Theodor W. Adorno, „Das alte Unwahre“, 1964)

Die „Kronen Zeitung“, Österreichs auflagenstarkes Megaphon des ungesunden Volksempfindens, ist empört, und dieses eine Mal dürfte die Empörung nicht geheuchelt sein. Die Kampagne der Zeitung gegen den Wiener SPÖ-Bezirksrat Götz Schrage führte nicht zum erwünschten Ergebnis, nämlich zum erzwungenen Rücktritt des Politikers oder gar zu dessen Ausschluss aus der Partei. Die sozialdemokratischen Entscheidungsträger, die in ersten Reaktionen noch bereit schienen, dem von rechts aufgebauten Druck nachzugeben, kamen zu Sinnen, bremsten die Moral-Scharfrichter aus den eigenen Reihen ein und beließen Schrage unter der Auflage, in Zukunft behutsamer mit seinen Worten umzugehen und mit seinen Fähigkeiten als Fotograf Wiener Frauenprojekte zu unterstützen, im Amt. Ratio und innerparteiliche Solidarität obsiegten gegen Hysterie und blindwütiges Moralisieren. Das ist gut für die die Sozialdemokraten und schlecht für die „Krone“ und andere Agenten der Regression. Wenn der Verstand einsetzt, verliert die Hetze, verliert das Spiel mit meist unbewussten Ressentiments, verlieren Populisten und verliert die „Krone“.

Für Götz Schrage und die SPÖ ist der Fall damit ebenso erledigt wie für ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger, die Schrages Entschuldigung schon früh angenommen und sich den „Hängt-ihn-höher“-Rufen nie angeschlossen hat.

Causa finita also? Für mich nicht. Die Reaktionen auf ein tatsächlich harmloses Facebook-Posting haben nicht nur ein erschreckendes Unwissen über die Definition dessen, was Sexismus ist, an den Tag gebracht, sondern auch erneut gezeigt, wie schnell viele Leute ihren ansonsten durchaus vorhandenen Verstand auszuschalten bereit sind, sobald es um Sexualität geht. Und in Schrages Textlein ging es um Sexualität, nicht um Sexismus. Die Unfähigkeit oder auch der bösartige Unwillen, das voneinander zu unterscheiden, ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich für ungeheuer frei und tolerant hält, die aber in weiten Teilen nach wie vor autoritär ist und daher für jedes überwundene Tabu ein neues einführt, auf dass der süße Wahn der eigenen moralischen Überlegenheit gegenüber dem Andersartigen ewig weiter gehen möge. Die Identifikation mit der herrschenden Moral, die die Moral der Herrschenden ist, wandelt sich allenfalls in Anpassung an sich ändernde Herrschaftsverhältnisse, doch ihr Wesen und Wirken, die Herstellung von Gruppenkonsens gegenüber dem Nicht-Identischen und somit die Versicherung gegenüber sich selbst und der Herrschaft, dieser keinesfalls gefährlich werden zu wollen und somit keine Schläge der Obrigkeit herauszufordern, bleiben bestehen.

An dieser Stelle möchte ich, dass wir uns noch einmal Schrages angeblich sexistisches Posting durchlesen: „Elisabeth Köstinger als neues Gesicht und neue Generalsekretärin einer neuen Bewegung? Aus autobiographischen und stadthistorischen Motiven möchte ich schon anmerken, dass die jungen Damen der ÖVP Inneren Stadt aus den frühen 80er Jahren, die mit mir schliefen, weil sie mich wohl für einen talentierten Revolutionär hielten, genauso aussahen, genauso gekleidet waren und genauso sprachen. Da hängt sicher noch ein Burberry Schal im Vorzimmer bei Elisabeth Köstinger. Ich muss das wissen als Experte.“ Man beachte die grammatikalische Konstruktion! Nicht er schlief mit diesen Frauen, sondern sie mit ihm. Das ist nicht dasselbe. Schrage gibt den Frauen sprachlich eine aktive Rolle. Diese Frauen haben, und nichts anderes ergibt eine ehrliche Textanalyse, aktiv ihre Sexualität ausgelebt, haben die Initiative übernommen, haben sich Schrage zur Befriedigung ihrer eigenen Lust ausgesucht. Eine Lustbefriedigung, bei der womöglich auch Klassengegensätze eine Rolle spielten, der Reiz des Verpönten, die Erotik des gesellschaftlich Unerwünschten, in diesem Falle eine Affäre von Bürgerfrauen mit einem „Proleten“, der noch dazu in einer damals bekannten Band spielte und damit der Alptraum aller gut bürgerlichen Schwiegermütter war. Auch die Reaktionen, die es in den vergangenen Tagen auf Schrages Facebookeintrag gab, erzählten viel mehr von Standesdünkel und Klassengegensätzen als von Sexismus. Bei vielen Wortmeldungen schwang recht deutlich jene Abscheu, jener Ekel mit, der Autoritäre bei dem Gedanken befällt, ein Mann, der nicht dazu gehört, der nicht Teil ihres „Stammes“ ist, habe sich „widerrechtlich“ an den „eigenen“ Frauen vergriffen.

Etliche Interpretationen von Schrages Posting lassen eher Rückschlüsse auf die Fantasien und Nöte der Interpreten zu als auf jene Schrages. Ein von mir ansonsten sehr geschätzter Wiener Schriftsteller schrieb dazu zum Beispiel dies: „Der Text sagt: Solche wie die habe ich schon gfressen. Solche wie die habe ich flachgelegt. Solche wie die habe ich abgehakt. So sehen die aus. Das ist eine von denen. Damit ist kein – wie manche insinuieren – selbstbestimmter Akt von Lust gemeint. Der Sex ist hier nichts als ein Triumph. Er wird erwähnt, um die politische Kontrahentin, die Frau der anderen Partie auf ihren Platz zu verweisen. Unter mir lag sie. Damals schon. Sie wird als Frau, die eine politische Person ist, nicht wahrgenommen, sie wird auch – um einem möglichen Einwand zuvorzukommen – nicht in ihrer freien Sexualität wahrgenommen, sondern auf ihre Sexualität reduziert.“ So kann eine Exegese natürlich auch aussehen, aber damit sie so aussieht, bedarf es Vorstellungen über Sexualität, in denen diese nie unbeschwert, nie frei, nie einvernehmlich oder gar weiblich initiiert und selbstbestimmt sein kann, sondern immer nur Gewalt, Unterjochung, Schändung. Allein schon, dass Frauen in dieser Interpretation stets „unten“ liegen, erscheint mir bemerkenswert und spricht für eine eingeschränkte, rigide Sicht auf Sexualität. Viele andere, die Schrages Posting als „sexistisch“ qualifizierten, extrapolierten eigene negative Erfahrungen oder erlagen schlicht der Verblendung, dass wo von Sex die Rede sei, auch Sexismus am Werk sein müsse, da Sex im Seximus ja drin stecke.

Die nun wieder deutlich zutage getretene Unschärfe des Sexismusbegriffs in dem Sinne, dass allzu viele ihn nicht richtig zu verwenden verstehen, ist gefährlicher, als man zunächst meinen könnte. Sexismus, also die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres biologischen oder angenommenen Geschlechts, wurde erst verhältnismäßig spät als eigene Problematik im Bezugsrahmen der ökonomischen Verhältnisse und deren Formung der Verhältnisse der Menschen zueinander erkannt. Zwar hat die sozialistische Theorie, vor allem in den Schriften Engels, Luxemburgs und Goldmans, bahnbrechende Arbeit geleistet, um Sexismus überhaupt erst theoretisch dingfest machen zu können, und in sozialistisch wenigstens inspirierten Staaten wie der Sowjetunion oder Israel gab es dann auch viel weitreichendere Versuche, sich einer Art von Geschlechtergerechtigkeit anzunähern als anderswo, doch hatten auch diese Versuche mit der Hartnäckigkeit von über Jahrhunderte eingetrichterten patriarchal-tribalistischen Vorstellungswelten zu kämpfen. Dennoch kam es in den 1960er Jahren zu einem nahezu globalen Erkenntnis-Schub in den der Aufklärung verpflichteten Kreisen von Philosophie und Soziologie, der das, was zuvor allenfalls höchst Gebildeten ersichtlich war, massenkompatibel verständlich machte, dass es nämlich für die Befreiung des Menschen unabdingbar ist, ihn aus primitiven Ideenwelten heraus- und einem klareren Bild von sich und der Welt zuzuführen. Schon in den 70er Jahren wurde dieser Anspruch schwer erschüttert, als sektiererische Teile feministischer Ideologieproduktion damit begannen, Sexismus als Kampfbegriff zu reklamieren, der ausschließlich die Unterdrückung der Frau beschreiben sollte. War das angesichts der Tatsache, dass Sexismus sich in patriarchalen Gesellschaften wesentlich stärker gegen Frauen richtet als gegen Männer, zunächst durchaus nachvollziehbar, begann damit doch eine Entwertung und Entstellung des Begriffs, da er sehr schnell auch von Menschen verwendet wurde, die ihn nicht verstanden, womit ihm eine ähnliche Karriere als Idioten-Wort bevorstand wie dem „Imperialismus“.

Konservative und Rechte, deren gesamte Weltanschauung unter anderem auf realem Sexismus beruht, die also die angeblich natürlichen Hierarchien und Rollen der Geschlechter verteidigten, perpetuierten und neu erkämpfen wollten, erkannten rasch, dass simplere Gemüter beim Wort Sexismus sofort an Sex, also Sexualität denken und begannen, unterstützt von den schlichteren Geistern auf Seiten der Linken, den berechtigt negativ konnotierten Begriff auf alles anzuwenden, was mit Sex und Erotik zu tun hatte. Vor allem aber nutzten sie ihn dazu, Sexismus selektiv anzuprangern und projektiv in ihre rassistische und autoritäre Propaganda gegen alles Fremde, alles Nicht-Identische einzubauen. Endlich hatten sie ein Wort zur Hand, das aufgeklärt und „links“ klang, sich aber dazu missbrauchen ließ, die imaginierte Überlegenheit der eigenen „Kultur“ gegenüber dem ihrer Meinung nach abzuwehrendem Fremden zu betonen. Das ist kein ganz neuer Vorgang. Rassisten in den USA warnten seit der Abschaffung der Sklaverei immer wieder vor dem „sexuell aggressiven“ schwarzen Mann, den es nach unschuldigen weißen Frauen gelüste. Die Propaganda der Nazis zeichnete jüdische Männer als geile Verführer „arischer“ Mädchen. Schon die anekdotische Orientalistik hatte über Jahrhunderte Klischees von Muselmanen transportiert, die in ihren Harems gefangene Christinnen nötigten. All das war und ist gleichzeitig Reaktion und vor allem Projektion des sich seiner selbst nicht sichereren männlichen Ego auf Fremde, die vermeintlich all das tun, was man selber ganz gerne tun würde, und andererseits sexualisierte Angstlust, wie sie uns seit einigen Jahren wieder verstärkt in Fetischen wie dem oftmals rassistisch aufgeladenen „Cuckolding“ begegnet, bei dem es darum geht, dass ein Mann seiner (Ehe)Frau dabei zusieht, wie sie es mit anderen, oft einer anderen Ethnie zugehörenden und als sexuell aggressiv und „überlegen“ fantasierten Männern treibt. Wie tief derlei in der oft, aber nicht durchwegs männlichen Psyche steckt, zeigten auch die teilweise schon in Massenhysterie abgleitenden Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht im Jahr 2015. Da entstand in den Wochen und Monaten danach ein dermaßen starker Sog rechtskonservativer bis rechtsextremer rassistischer Sexualneurose, dass selbst viele jener Menschen, die bis dahin noch alle sieben Tassen im Schrank hatten, anfingen, ihre Phantasmen über ach so andersartige arabische oder afrikanische Sexualität in die Öffentlichkeit zu tragen. Jedenfalls herrschte bald große Einigkeit, dass man es eindeutig mit Sexismus ganzer Ethnien zu tun gehabt habe, nicht aber mit sexualisierter Gewalt einzelner Täter und vor allem mit Trickdiebstählen, die sexuelle Übergriffe zur Ablenkung benutzten.

Jedenfalls ermöglichen es diese unzulässigen Ausweitungen und damit Entwertungen des Sexismus-Begriffs genau jenen gesellschaftlichen Kräften, die realen Sexismus als integralen Bestandteil ihrer Ideologie vertreten, ihr eigenes Wirken zu verschleiern und die real sexistischen Verhältnisse zu beschönigen.