Teufel Move Pro – kleine Kopfhörer, großer Klang

Nur circa 50 Jahre nach Erfindung der In-Ear-Kopfhörer habe ich nun beschlossen, mir auch mal welche zuzulegen. Immer auf der Höhe der Zeit halt. Okay, das war ein bisschen geflunkert, ich hatte natürlich schon mal welche, aber die haben mir so wenig zugesagt, dass ich das Konzept rundheraus ablehnte und lieber bei On-Ear-Hörern blieb. Meine bisherigen Erfahrungen mit In-Ears: Unbequem, mauer Sound, Kabelsalat (ohne Dressing) und irgendwann waren sie futsch – vom Sofa gefressen, in der Kneipe verloren, am Strand verbuddelt, vom Hund verspeist. Da ich nun aber ein recht gutes Smartphone gekauft habe und mich in der Öffentlichkeit nicht mit meinen großen offenen 400-Euro-Kopfhörern lächerlich machen will, gebe ich In-Ears eine neue Chance. Es trifft sich gut, dass die Berliner Firma „Lautsprecher Teufel“, Produzentin sehr guter Boxen und seit einigen Jahren auch immer besserer Kopfhörer, ein brandneues Produkt auf den Markt gebracht hat: Den Teufel Move Pro um 119,99 Euro UVP.

Erster Eindruck: Hohe Qualität

Schon Verpackung und Zubehör sagen mir zu. Die Teufel-Hörer kommen mit einem stabilen Hardcase zur Aufbewahrung, einer praktischen Aufwickelhilfe zur Vermeidung von Kabelsalat, auf einem Stäbchen platzierten Eartips aus medizinischem Silikon in vier verschiedenen Größen und einem Röhrchen, in dem die Aufsetzer ganz unkompliziert   gereinigt werden können (einfach Wasser mit Seife einfüllen, Eartips reintun und schütteln – fertig). Die Kopfhörer selber sind wertig verbaut, teils aus Aluminium. Die fest in den Ohrteilen sitzenden Kabel sind recht robust und bestehen aus einem flexiblen Gewebe, das zusätzlich mit einer Schutzschicht ummantelt ist, die sowohl Kabel-Knicken als auch Reibungsgeräusche effektiv unterbindet. Am Kabel befindet sich auch eine Fernbedienung, mit der man alle wichtigen Funktionen einer Music-App bedienen kann. Eingebaut ist auch ein Mikrofon, das die Kopfhörer zur Freisprecheinrichtung macht.

Klangtest: Wow!

Bevor ich näher auf die Klangeingenschaften des Move Pro eingehe, ein Hinweis: In-Ear-Kopfhörer klingen nur dann gut, wenn man sie ordentlich in die Ohren reinschiebt und die richtigen Eartips verwendet. Jedes Ohr ist ein bisschen anders, weswegen man zuerst ausprobieren muss, welcher Kopfhöreraufsatz der richtige ist. Sind die Teile nicht weit genug im Ohr, verliert man mehr als die Hälfte des Klanggenusses. Vor allem Bässe werden dann nur mehr sehr dünn dargestellt. Steckt Eure In-Ears also ordentlich tief in Eure Ohrwascheln! Und keine Angst, da kann nix passieren, solange Ihr dazu keinen Hammer benutzt.

Zum Testen nehme ich mein Smartphone, ein LG G4, und höre mich quer durch meine Musiksammlung. Die erste Überraschung ist der Bass. So einen voluminösen, gleichzeitig aber kontrollierten und bestens akzentuierten Tiefton kannte ich bislang von In-Ears nicht. Es ist verblüffend, dass die winzigen Teile das so gut hinkriegen. Die exzellent  abgemischte Platte „Exotica“ des New Yorker Jazz-Exzentrikers Kip Hanrahan ist hier ein gutes Beispiel. Der bundlose E-Bass von Jack Bruce wirkt mächtig, aber schön warm, organisch und spieltechnisch jederzeit nachvollziehbar. Es ist kein Wummer-Bass wie bei vielen billigen Kopfhörern, sondern ein zwar starker, aber stets unter Kontrolle bleibender. Dazu trägt wohl auch bei, dass der Move Pro über eine Art „Druckventil“ verfügt, dass übermäßigen Schalldruck nach außen ableitet, weshalb auch keinerlei Gefühl einer tonalen Beklemmung aufkommt und sich stattdessen eine sehr schöne, für In-ears beachtlich breite Stereobühne auftut.

König der Mitten

Die Höhen bringt der Teufel Move Pro exzellent rüber, verschluckt keine Details, ist sehr transparent, ohne schrill zu werden. Hier zischt nix, hier schweigt aber auch kein Hi-Hat und kein Glockenspiel. Am meisten fasziniert mich jedoch die außergewöhnlich schöne Darstellung der Mitten. Wie hier Stimmen, E-Gitarren und Blasinstrumente klingen, ist Spitzenklasse, wie man sie sonst nur von sehr teuren On-Ear-Kopfhörern kennt. Das macht den Teufel Move Pro nicht nur für Pop- und Rockmusikfans interessant, sondern auch für Jazzliebhaber. Einzig bei sehr komplexen Klassikstücken mit großem Orchester vermisst man ein bisschen die Leistung von teuren On-Ears, aber angesichts der Bauweise liefert der Move Pro auch in dieser Disziplin beeindruckende Ergebnisse. Rock, Folk, Jazz, Hiphop, Schlager – all das beherrschen die Move pro fast im Schlaf. Selbst komplexe Percussion-Instrumente heben sich gut vom Rest des Sounds ab, man hört polyrhythmische Schlaginstrumente und kann zwischen ihnen gut differenzieren. Ganz erstaunlich für eine Gerät um rund 120 Euro.

Umfangreich ausgestattet

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Telefonieren

Die Freisprecheinrichtung mittels eingebautem Mikrophon funktioniert klaglos. Ich konnte Anrufer tadellos verstehen und das eingebaute Mikrofon ist so gut, dass von mir Angerufene den Unterschied zum normalen Handy-Mikro nicht bemerkten.

Überlegenswert: Kopfhörerverstärker anschaffen

Ich habe die Move Pro auch an der sehr guten Soundkarte meines PC angeschlossen und dabei einen nochmals deutlich besseren Klang gehört. Obwohl die Teufel-Hörer mit ihren 16 Ohm an jedem halbwegs aktuellen Smartphone gut und laut genug aufspielen, merkt man mit besseren Tonquellen, das noch viel mehr in ihnen steckt. Mein LG G4 ist kein schlechter Music-Player, aber auch nicht der beste. Ich denke, ein eigener kleiner Kopfhörerverstärker könnte aus den Teufel Move Pro noch einiges herauskitzeln. Das ist aber ein Tipp für Audiophile, der akustische Normalverbraucher wird auch so schon bestens bedient.

Vergleich mit anderen Kopfhörern

Ich kann hier keinen großen Klangvergleich anstellen, da ich derzeit nur zwei weitere In-Ears hier rumliegen habe, aber für einen kleinen Eindruck reicht das wohl. Als Konkurrenten treten also an: Der Sennheiser Momentum In-Ear (99 Euro) und der Sony MDR-EX750 (179 Euro). Der für sich genommen sehr feine Senni muss sich dem Teufel leider in jeder Hinsicht geschlagen geben. Alles, was der Sennheiser gut macht, macht der Teufel um ein Eck besser. Es liegen zwar keine unendlichen Weiten zwischen den beiden Geräten, aber doch eindeutig wahrnehmbare. Überraschenderweise behauptet sich der Teufel auch gegen den deutlich teureren Sony, wenn auch mit etwas geringerem Vorsprung. Der MDR-EX750 ist übrigens technisch recht ähnlich aufgebaut, hat wie der Teufel Neodym-HD-Treiber und sogar eine vergleichbare Überdruck-Abfuhr. Doch während der Japaner ein wenig dazu neigt, die Bässe unten abzuzwacken und die Höhen oben zu beschneiden, macht das der Teufel nicht, sondern stellt das ganze Frequenzband dar. Da ist sicher auch einiges an persönlichen Klangvorlieben im Spiel, aber für mich gewinnt der Teufel recht klar gegen Sony und Sennheiser.

Pro: Wirklich gute In-Ear-Kopfhörer, die nicht nur mit hervorragenden Klangeigenschaften punkten, sondern auch mit guter Verarbeitung und umfangreichem, durchdachtem Zubehör. Sie gehören mit Sicherheit zu den Besten ihrer Klasse.

Contra: Das Wechseln der Eartips ist eine elende Fummelei, die an ein Gedulds- oder Geschicklichkeitsspiel grenzt, aber das ist bei vielen In-Ears so und kein Problem von Teufel allein. Klassik-Fanatiker könnten eventuell mit einem Gerät um 500 Euro besser bedient sein.

Konkurrenten: In-Ear-Kopfhörer in der Preisklasse zwischen 150 und 300 Euro.

Tl; dr: Die Teufel Move Pro sind großartige In-Ear-Kopfhörer, die zwar nicht ganz billig sind, aber eine Leistung bringen, die weit über dem liegt, was andere Geräte der Preisklasse zeigen. Klang, Verarbeitungsqualität und Zubehör stimmen und machen die Move pro zu einem echten Tipp für Musikfreunde, die auch unterwegs nicht auf guten Sound verzichten wollen. Lautsprecher Teufel bietet damit erneut einen sehr innovativen, hochwertigen und fair kalkulierten Kopfhörer an.

Team_Zivilisation vs Team_Gina_Lisa

Als Gina-Lisa Lohfink vorigen Montag in Berlin wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde, waren die Sozialen Medien nicht nur voll sexistischen Hohns und abgrundtief bösartigen Hasses auf das It-Girl und Frauen generell, sondern auch voller trotziger Justizschelte, Rechtsstaatsverachtung und pseudofeministischem Radikalismus. Der Blog „Mädchenmannschaft“, eine Art Zentralorgan des postmodernen Gefühlsfeminismus, heulte auf: „Wie sieht Vergewaltigungskultur aus? Genau so“. Weil ein Berliner Gericht zum Schluss kam, Lohfink habe zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt, schloss die „Mädchenmannschaft“, in Hinkunft würden sich weniger Frauen trauen, Vergewaltigungen anzuzeigen. Auch die Sozialistische Jugend Österreichs blieb nach dem Urteil unbeirrt im „Team_Gina_Lisa“ und postete auf Facebook ein Meme des Inhalts: „Wenn am Schluss die Betroffene einer Vergewaltigung bestraft wird“. Dass ein deutsches Gericht unter den Argusaugen der Öffentlichkeit aufgrund recht klarer Indizien und Beweise festgestellt hatte, dass gar keine Vergewaltigung stattgefunden habe – es war den österreichischen Nachwuchslinken ebenso egal wie den Demonstrantinnen vor dem Gerichtsgebäude, die den antizivilisatorischen Slogan skandierten: „Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, schafft sie ab!“

Ein Feminismus, der zu einer barbarischen Regung verkommen ist, ist keiner mehr. Und es ist nichts anderes als Barbarei wenn man fordert, das Recht Banden zu überantworten, rechtsstaatliche Grundprinzipien über Bord zu werfen und auch Unschuldige einzusperren, solange das nur die eigene gesellschaftspolitische Agenda voranzubringen verspricht. Da schimmert die alte Krankheit durch, die immer wieder alle möglichen politischen Bewegungen heimgesucht hat, tragischerweise gerade auch linke, nämlich die Bereitschaft zur Inhumanität im Namen der guten Sache. Dass der Zweck die Mittel heilige ist jener moralische Kurzschluss, der immer wieder Menschen, manchmal Millionen von ihnen, Freiheit und Leben gekostet hat. Der klassische Feminismus war nicht so und ist nicht so. Der wollte und will die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts aufheben, die Unterdrückung der Frau beenden und geschlechtsbezogene Privilegien abschaffen. Für eine nicht verübte Vergewaltigung nicht bestraft zu werden, ist aber kein Privileg, sondern ein Menschenrecht.

Die beunruhigende Tatsache, dass mittlerweile an die 60 Prozent aller wahlberechtigten Männer rechtsextreme oder autoritäre Parteien wählen, wird allzu gerne abgetan damit, dass die halt dumm seien, rückständige primitive Machos auf der Suche nach dem Übervater, der ihre Vorrechte wiederherstellt. Auf den Gedanken zu kommen, das könnten wenigstens teilweise Leute sein, die von der peseudofeministischen Durchkriminalisierung der sexuellen Geschlechterverhältnisse verunsichert sind und sich ungern als Macker und Vergewaltiger beschimpfen lassen, scheint mittlerweile verpönt zu sein. Natürlich sind das tatsächlich oft Männer, die den antifeministischen Backlash anstreben, die wieder Verhältnisse wie in den 50er Jahren wollen, die sich nach der vermeintlichen Klarheit des alten patriachalen Autoritarismus sehnen. Aber nicht alle. Einige haben wohl nur die Schnauze voll von einer Feminismusvariante, die Männern nur mehr mit Hass und Generalverdacht begegnet.

Sigi Maron und der Nachbarsohn

Anfang der 80er Jahre in einem Kärntner Dorf. Ich war 12 oder 13 und durchlebte gerade meine erste regressive Phase, die sich darin manifestierte, dass ich nach der zwar aufschlussreichen, aber letztlich in den Wirrnissen der frühen Pubertät auch nur bedingt hilfreichen Lektüre von Fromm, Marx, Bakunin und Nietzsche die Welt der Schundromane entdeckte. Mein Favorit unter den Groschenheften war „Geisterjäger John Sinclair“, die aufregende und nicht enden wollende Saga um einen Helden und seinen Karate beherrschenden asiatischen Buddy, die gemeinsam okkulte Ärsche traten. Autor Helmut Rellergard, der sich in den späten 60ern den Beatles-Song „Paperback Writer“ zu Herzen genommen hatte, wusste genau, wie man Leser süchtig macht. Es traf sich gut, dass der Sohn eines Nachbarn, der rund zehn Jahre älter war als ich, Hunderte Ausgaben dieser Romanserie besaß und willens war, die mir zu leihen. Neben einer Vorliebe für literarischen Trash entdeckte ich zu jener Zeit auch die Musik. Ein Onkel hatte mich mit Neil Young, den Stones und Blood, Sweat & Tears angefixt und ich gierte nach mehr, nach immer neuem Stoff. Eines Tages bemerkte ich, dass der Nachbarsjunge nicht nur Heftromane, sondern auch eine umfangreiche Plattensammlung besaß, welche er ebenfalls großzügig zu verleihen bereit war. Doch seine LP-Sammlung war anders. Statt Beatles, Supertramp, Bad Company oder Led Zeppelin hatten die Künstler Namen wie Konstantin Wecker, Georg Danzer, Arik Brauer, Schmetterlinge – und Sigi Maron. Ich schnappte mir eine Platte von Maron, auf deren Cover das Wrack eines verunfallten Taxis zu sehen war, trabte zurück in mein kleines Zimmer und legte sie auf. Die ersten Riffs von „He, Taxi“ füllten den Raum und als Maron zu singen begann, änderte sich für mich alles.

Marons Lieder waren zornig, obszön, zärtlich, direkt und poetisch und verschoben für mich die Grenzen dessen, was Dialekt sprachlich zu leisten im Stande war, um hunderte Kilometer. Und sie trafen mich genau ins Herz. Diese Songs über erschossene Kriegsdienstverweigerer („Andrea“), über sexuell belästigte Arbeiterinnen („Seavas Mariedl“) und die Brutalität der Psychiatrie („Ziaglroter Pavillon“) waren das Gegenteil des üblichen popmusikalischen Eskapismus. Maron nannte die Dinge beim Namen und sein Zorn über das Unrecht war der meine. Seit ich angefangen hatte, zu denken, empfand ich Ungerechtigkeit als schwer erträgliche Zumutung. Und das Unrecht war konkret. Der von Nachbarn und mit unser aller Wissen im Keller eingesperrte geistig Behinderte, dessen Klagerufe manchmal durch das Dorf hallten; die in jedem Wirtshaus stattfindende Hitler-Nostalgie; der prügelnde Lehrer; der höchst geachtete Pfarrer, der die Ministranten unter seinen Rock zu greifen nötigte; Hunger in der Dritten Welt, Krieg, Waldsterben, Mathematikunterricht, Hausaufgaben und die erste unerwiderte Liebe! Das alles sollte es nicht geben und im Kommunismus würde alles besser sein. Vielleicht. Oder auch nicht. Der Kommunist Sigi Maron wusste natürlich, wie trostlos die Praxis im Ostblock war und sang über den Realsozialismus: De Stern ausn Ostn / de wüllst endlich kostn / Du huckst im Trocknen und sogst: „Des is eh ois ned woa“.

Obige Zeilen stammen aus Marons Dylan-Cover „Zum Denken Ka Zeit“. Sigi schaffte das Kunststück, den epischen Rundumschlag „No Time To Think“ nicht nur verlustfrei einzudeutschen, sondern die Intensität des Originals, dieser Generalabrechnung mit dem Spätkapitalismus und der Zerstörung des Menschen durch politische Maschinerien und bürokratische Apparate, durch Ideologien und Wahnsinn, noch zu steigern. Ich war ein junger Mensch voller Sorgen und Ängste, und der Song war so, als hätten Dylan und Maron ihn für mich geschrieben. Die Botschaft: Es ist alles vorbei, noch bevor es begonnen hat. Du hast keine Chance. Niemand hat eine. Es bleibt nur, in Würde die Entwürdigungen zu ertragen, den Kopf hoch zu halten, während die Jauche schon bis zu den Schultern reicht. Sigi Maron konnte derlei Verzweiflung in Worte fassen, weil er selbst oft verzweifelt war. Durch Kinderlähmung an den Rollstuhl angewiesen, bekam er mit voller Wucht zu spüren, was diese Gesellschaft in Wirklichkeit und abseits der Sonntagsreden für Menschen übrig hat, die nicht so funktionieren wie die Mehrheit und deren Verwertbarkeit eingeschränkt ist. Auf die warten Heime und Anstalten und Sozialbauten ohne Rampe und Lift. Maron gab nicht auf, sondern nutzte seine außerordentliche sprachliche Begabung für poetische Gegenangriffe auf die Arroganz und Ignoranz der sogenannten Gesunden, auf die Gemeinheit der Bürokraten, die stumpfe Gier der Karrieristen und Kapitalisten, die Dummheit der meisten Politiker. Er sang für jene, die ganz unten standen  in der Hackordnung der Warengesellschaft und denen daher andauernd auf den Kopf geschissen wurde.

Auf einer der Maron-Platten, die ich mir vom Nachbarsjungen ausgeliehen hatte, hatte Sigi ein Autogramm gekritzelt. Der Nachbarsohn war nämlich in der Sozialistischen Jugend aktiv gewesen und die hatte mal ein Maron-Konzert in Villach organisiert. Dieser Jungsozialist, von dem ich mir die ersten Platten von Maron, den Schmetterlingen und anderen linken Liedermachern und Bands geborgt hatte, trat wenige Jahre später der FPÖ bei und wurde ein strammer Rechter, der gar nicht hart genug gegen „Ausländer“, „Sozialschmarotzer“ und andere Feindbilder der Freiheitlichen vom Leder ziehen konnte. Ein bizarrer Persönlichkeitswandel, der mich bis heute verblüfft. Wie man rechtsextrem werden kann, nachdem man Lieder wie „Aum Tog Geh I Mit Blumen“ gehört hatte, einem Song, in dem Maron die Kumpanei zwischen Straßennazis und Justiz thematisierte, verstand ich nicht und verstehe ich bis heute nicht. Irgendeine schwere Kränkung mag im Spiel gewesen sein, etwas, was nur verstehen kann, wer es selbst erleidet, aber letztlich bleibt es ein Rätsel.

Ich habe Sigi Maron nie persönlich kennengelernt, doch wir wurden Facebookfreunde. Fast zwei Jahre lang war Sigi dort aktiv, und ich fühlte mich ungeheuer geschmeichelt, wenn er mal einen Beitrag von mir likte oder sich gar auf einen Chat einließ. Natürlich ist Facebook ein Filter, der einen den anderen Menschen nur erahnen lässt, aber ein bisschen was vom wirklichen Sigi Maron durfte ich erleben, und dafür bin ich dankbar. Wie jeder Künstler war Maron auch ein Mensch, der die Genialität seines Werks naturgemäß nicht andauernd als Person darstellen konnte. Auch Künstler müssen mal aufs Klo, auch der beste Liedermacher des deutschsprachigen Raums verlinkt mal Unsinn. Irgendwann war Maron wieder weg von Facebook, da er wichtigeres zu tun hatte. Manch einen altklugen Kommentar unter seinen Postings bereue ich heute sehr, da keine Gelegenheit mehr ist, dafür um Entschuldigung zu bitten. Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte, war ich erschüttert, aber nicht überrascht. Er war ja, wie einst die frühen russischen Revolutionäre, ein „Toter auf Urlaub“, da er mit einem Aorta-Riss lebte, der ihn jederzeit umbringen konnte. Aber Tote auf Urlaub sind wir alle und niemand entrinnt dem Unvermeidbaren. Die Frage ist nur, wie man das kurze Gastspiel auf dieser Erde gestaltet und ob man die Zeit dafür nützt, die Welt ein wenig besser oder ein wenig schlechter zu machen. Sigi Maron hat die Welt besser gemacht. Weniger sprachlos, weniger trostlos, weniger dumm.

„Die Sau liquidieren“ – Postings auf Norbert-Hofer-Unterstützerseite

Unter einem öffentlich einsehbaren Beitrag der Facebookgruppe „Wir unterstützen Norbert Hofer“ über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel waren am Sonntag folgende Postings zu sehen:

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Von Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer und der FPÖ liegt bis dato keine eindeutige Distanzierung von dieser „Unterstützergruppe“ und den dort verbreiteten Ansichten vor.

 

 

Ein Versprechen an die Terroristen

Ihr, die ihr euren Wahnsinn „Gott“ nennt und ins Paradies gelangen wollt, indem ihr auf Erden eine Hölle erschafft, seid versichert: Da ist kein Gott und da ist kein Paradies nach dem Tod.

Ihr, die ihr wenigstens einmal im Leben groß sein wollt, indem ihr im Namen eures nicht existenten Gottes Massenmord verübt, seid versichert: Niemand wird sich an eure Namen erinnern. Man wird euer nur als namenlose Mordbuben gedenken.

Ihr, die ihr nachts in die Häuser von Juden einbrecht und dort Kinder erstecht, seid versichert: Israel wird nicht weichen, sondern leben und gedeihen.

Ihr, die ihr Frauen und Mädchen entführt und vergewaltigt und verkauft wie Vieh, seid versichert: Der Tag wird kommen, an dem diese Frauen und Mädchen frei sein werden, denn sie wurden nicht vergessen. Ihr aber, die ihr entführt und vergewaltigt und versklavt, werdet sterben oder euer Leben im Kerker beschließen.

Ihr, die ihr in Palästen hockt und die Mörder finanziert, seid versichert: Eure Uhren ticken, die Zeit läuft ab. Der Wahnsinn, dessen Verbreitung ihr so großzügig finanziell unterstützt, ist zu wahnsinnig geworden. Man wird ihn mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Ihr, die ihr den Krieg wollt, seid versichert: Ihr bekommt ihn.

Innenminister Sobotka und die Drogen-Verwirrung

Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) hat in einem Interview mit der Austria Presse Agentur folgende Behauptung aufgestellt: „Bei Suchtmitteldelikten werden 99 Prozent durch Nichtösterreicher begangen“.

Das ist eine knackige, wenn auch sprachlich holprige Ansage. Was sagt die Kriminalitätsstatistik dazu? Die aktuellsten Daten, die auf der Homepage des Innenministeriums abrufbar sind, finden sich im „Suchtmittelbericht 2014“.

Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz 2014: 30.250

Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz gegen Tatverdächtige ohne österreichische Staatsbürgerschaft 2014: 8.349

Vielleicht habe ich ja in Mathematik gepennt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass 8.349 NICHT 99 Prozent von 30.250 sind.*

Kann natürlich sein, und um eine gute Ausrede solle man nie verlegen sein, der Herr Innenminister meinte sämtliche Suchtmitteldelikte auf der ganzen Welt. Dann könnte das mit den 99 Prozent Nichtösterreichern schon hinkommen. Aber für die ganze Welt ist der österreichische Innenminister nicht zuständig.

Wenn, wovon jeder vernunftbegabte Mensch ausgehen muss, Sobotka die Situation in Österreich gemeint hat, und falls die APA ihn wahrheitsgemäß zitiert hat, dann hat er die Unwahrheit gesagt. Nicht über das Wetter oder sonst etwas unwichtiges, sondern über den eigenen politischen Verantwortungsbereich. Das sollte ein Innenminister, der unter anderem für die Polizei zuständig ist, nicht tun dürfen, ohne zurücktreten zu müssen.

*Update: Die Presseabteilung des Innenministeriums gab auf Anfrage des Lindwurms zu Protokoll, dass Minister Sobotka mit den 99 Prozent nur die seit 1. Juni wegen des novellierten Tatbestandes des öffentlichen Suchtmittelhandels festgenommenen Personen gemeint habe. Er sei verkürzt zitiert worden.