Teufel Real Blue TWS: In-Ear-Bluetooth-Kopfhörer mit feingeistigem Wumms

Obwohl ich persönlich kein Fan von In-Ear-Kopfhörern bin, sind diese eines der am schnellsten wachsenden Marktsegmente im Kopfhörerbereich. Die meisten Menschen mögen, was bequem und praktisch ist, und In-Ears sind halt beides: Ungemein praktisch, optisch unaufdringlich, platzsparend und im Gegensatz zu großen Over-Ears quasi in jeder Situation einsatzbereit. Schon aus Rücksicht auf die sich ändernden Konsumgewohnheiten muss ich mir als Kopfhörertester auch die einen oder anderen In-Ears anhören. Im Fall der Real Blue TWS, der neuen kabellosen Ohrstöpsel-Kopfhörer der Berliner Firma Teufel, war das überraschenderweise aber mehr Spaß als Pflicht.

149,99 Euro verlangt Teufel für den Real Blue TWS. Das ist nicht wenig, aber noch im leistbaren Bereich. Allerdings gibt es zwischen 80 und 250 Euro auch einiges an Konkurrenz. Wie schlägt sich das neue Produkt der Berliner Sound-Experten also?

Klang: 1+

Fangen wir diesmal mit dem an, was normalerweise am Schluss besprochen wird, nämlich mit dem Sound. Der ist gut. Nein, der ist sogar sehr gut. Überraschend sehr gut. Überraschend, weil ich einen dermaßen sauberen und packenden Klang von Bluetooth-In-Ears um 150 Euro absolut nicht erwartet hätte. Was mir da zu Ohren kam, klang ausgesprochen „high-endig“, aber mit einem hohen Spaß-Faktor. Für den Spaß sorgt der sehr starke Bass, der ohne Mühe in den Tieftonbereich hinunter gräbt und bis in den Oberbass hinauf muskulös, aber trotzdem unverzerrt und unverfälscht zulangt. Dieser Bass, der Tiefton-Fanatiker ebenso begeistern sollte wie audiophile Feingeister, ist sicher das Ass im Ärmel des Real Blue TWS, sein Alleinstellungsmerkmal. Was mich aber begeisterte ist die Fähigkeit der Teufel-In-Ears, neben dem Bass die Mitten und Höhen klar und detailgetreu wiederzugeben. Selbst bei Musikstücken, in denen viele Instrumente und Stimmen gleichzeitig um Aufmerksamkeit heischen, erzeugt der Real Blue TWS keinen Soundbrei, sondern behält stets die Kontrolle und erlaubt tiefe Einblicke in das akustische Geschehen. Auch große Dynamiksprünge zeigt der TWS klar auf und bildet sie mühelos ab. Das liegt auf nahezu demselben Niveau wie einige meiner liebsten kabelgebundenen Kopfhörer wie zB Denon AH-D7200 oder Meze 99 Classic. Der Teufel spielt also tonal in der Klasse von Kopfhörern aus der Preisregion von 300 bis 600 Euro mit, und allein dafür schon kriegt er von mir eine Kaufempfehlung.

Die aktive Geräuschunterdrückung (ANC) funktioniert ebenfalls sehr gut und steht wesentlich teureren Modellen nicht nach. Aktiviert man das ANC, werden Außengeräusche effektiv ausgeblendet, ohne dass es zu negativen Begleiterscheinungen wie Rauschen oder „Verdünnung“ der Musik käme. Schaltet man die Ambient Sound-Funktion ein, kriegt man Umgebungsgeräusche klar ans Ohr weitergereicht. Auch in diesem Bereich spielt der Teufel also ganz vorne mit. Unter der Haube werkt der Kopfhörer mit Bluetooth 5.2 und dem Codec AAC. Das erlaubt zwar kein echtes High-Res, aber doch eine Streaming-Qualität, die der CD nahe kommt.

Funktionalität: 1

Bluetooth-In-Ears kauft man aber nicht nur für deren Klang. Auch die Handhabung muss passen, die Akkuleistung und die Sprachqualität beim Telefonieren. Und natürlich auch die aktive Geräuschunterdrückung.

Die Laufleistung des Real Blue TWS ist sehr gut, wenn auch nicht revolutionär gut. Ohne Case laufen sie zwischen sechs und acht Stunden, je nachdem, ob man das ANC anhat oder nicht. Mit dem aufgeladenen Case verlängert sich die Laufzeit auf 18 (mit ANC) bis 25 Stunden. Die Kopfhörer können im Ladecase bis zu knapp dreimal mit frischer Energie versorgt werden. Das sind gute Werte, allerdings keine weltbewegenden, denn in etwa so lange halten die meisten In-Ears dieser und höherer Preisklassen.

Das Ladecase ist mit Magneten ausgestattet, was zuverlässlich dazu führt, dass man die Earbuds richtig hineinlegt. Das Case selbst hat einen USB-Anschluss und ein Ladekabel. Ein eigenes Ladegerät liefert Teufel wie die meisten anderen Firmen nicht mit, aber USB-Anschlüsse sind vom Handy-Ladegerät über diverse Ports in modernen Autos bis notfalls hin zum Laptop ja quasi überall. Gut: Drei LEDs zeigen den aktuellen Ladestand des Case an.

Teufel legt dem Real Blue TWS vier verschieden große Ear-Tips bei, die aus antibakteriellem Silikon gefertigt werden. Da sollte für jeden Gehörgang die richtige Größe dabei sein. Bei mir war die mittlere Größe die bequemste. Und obwohl ich In-Ears normalerweise nicht sehr schätze, konnte ich den Real Blue TWS stundenlang problemlos im Ohr haben.

Von der Bedienung hängt es oft ab, ob man Bluetooth-Kopfhörer gerne benützt oder ob man sie nervig findet. Teufel hat das ganz gut gelöst.

-Zweimal auf den rechten oder linken Earbud klopfen: Die Musik pausiert

-Dreimal auf den rechten Earbud tippen: Nächster Titel

-Dreimal links tippen: Ein Titel zurück.

-Zweimal auf den rechten oder linken Earbud tippen: Anruf annehmen.

-Zweimal rechts oder links tippen: Anruf beenden.

-1,5 Sekunden den Finger auf den rechten Earbud legen: Anruf ablehnen

-1,5 Sekunden Finger auf den linken Earbud legen: ANC an. Nochmal dasselbe: Ambient Sound ein. Weitere 1,5 Sekunden drücken; ANC aus.

Foto © Teufel

Verarbeitung und Qualitätsanmutung: 2+

Der Teufel Real Blue TWS sieht schick aus und die verwendeten Materialien wirken hochwertig. Freilich ist hier noch Luft nach oben. Das Ladecase ist zum Beispiel relativ lieblos aus Hartplastik fabriziert. Wie edle Schmuckstücke schauen die Earbuds auch nicht aus. Wem der Bling-Faktor sehr wichtig ist, muss wohl zu wesentlich teureren Produkten greifen. Das heißt aber nicht, dass die Real Blue TWS hässlich wären. Vor Regenspritzer, Schweiß und Staub brauchen sich Besitzer des Real Blue TWS übrigens nicht zu fürchten, gegen all das ist er nämlich geschützt.

Fazit: Teufel liefert einmal mehr überzeugende Qualität zum fairen Preis. Der Real Blue TWS hat mich mit mit seiner Abstimmung, die dank des fantastischen Basses viel Spaß macht, dabei aber trotzdem fein auflöst, begeistert. Es dürfte schwer sein, in der Preisklasse und sogar noch in ein bis zwei Preisklassen höher etwas zu finden, das klar besser ist.

Disclaimer: Die Firma Teufel hat mir den Real Blue TWS für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Teufel nahm keinerlei Einfluss auf den Inhalt dieses Textes.

Ollo Audio S4X: Profi-Kopfhörer made in EU mit Hifi-Wow-Faktor

Habt ihr auch diesen einen Kumpel, der sich nie flashig-modisch kleidet, sondern eher unauffällig-erdig? Der auf Partys mehr der Beobachter ist als die Stimmungskanone? Der einem nie Honig ums Maul schmiert, sondern immer die Wahrheit sagt, auch wenn diese weh tut? Und mit dem man aber, wenn man ihn besser kennenlernt und ihm den guten Stoff gibt, den tollsten Spaß überhaupt haben kann, gerade weil er einem sagt, was andere sich nicht zu sagen trauen? So wäre der Kopfhörer S4X von Ollo Audio, wäre der ein Mensch.

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

Vor ein paar Jahren wollte der slowenische Schlagzeuger und Ingenieur Rok Gulič, Drummer der Band Sabalmoza, zuhause einige Songs auf seinen Monitorlautsprechern abmischen. Da er nachts arbeitete, weckte er dabei mehrmals seine Frau und seine kleinen Kinder auf. Die waren nicht amüsiert und Rok suchte nach Kopfhörer-Alternativen zu seinen Abhör-Boxen. Kein einziger Kopfhörer konnte seinen Ansprüchen genügen. Er experimentierte herum und verlegte unter anderem eine Tonspule unter seinem Sessel. Als er den Körperschall spürte, kam ihm die Idee, selber Kopfhörer zu bauen, mit denen man tatsächlich auch mixen und mastern kann. Kopfhörer, die so clever gebaut sind, dass sie mit exakt berechneten Resonanzen den Schalldruck von Nahfeld-Monitoren nachempfinden können. Zusammen mit dem Toningenieur Mitja Sajovic und einigen Freundinnen und Freunden gründete Gulič im Startup-Hub Primorski tehnološki park die Firma Ollo Audio. Nach rund vier Jahren intensivster Forschung stellte Ollo seine ersten zwei Kopfhörer vor, den geschlossenen S4R und den halboffenen S4. Der S4R ist für Aufnahmesessions gedacht, der S4 zum Mixen und Tracken. Von der Welt der Consumer-Electronics fast unbemerkt, schlugen die beiden Kopfhörer unter Studio-Profis und Musikern hohe Wellen. Angespornt vom Erfolg arbeiteten Gulič & Co an der Entwicklung ihres bisherigen Flagschiffs, dem S4X, der den S4 ersetzt und den ich heute besprechen will.

Foto: Bernhard Torsch

Der Öko-Kopfhörer

Ein Prinzip von Ollo Audio ist, so umweltfreundlich wie möglich zu produzieren. Der einzige Kunststoff, den man in Ollos Produkten findet, ist der aus ultradünnem PET 25u bestehende Treiber. Alles andere ist aus Metall, nautischem Leder und Holz, zusammengehalten von Schrauben und Nieten. Das amerikanische Walnuss-Holz stammt sogar von zertifiziert nachgepflanzten Bäumen. Die kleine Schachtel, in der der S4X ankommt, ist aus Pappe und natürlich biologisch abbaubar. In der Schachtel sind nur der Kopfhörer, das Kabel sowie ein Eigentümer-Zertifikat mit Seriennummer und, wichtiger, ein Blatt Papier, auf dem die Frequenzkurve des Kopfhörers abgebildet ist. Nicht die Frequenzkurve aller S4X-Modelle wohlgemerkt, sondern die des Kopfhörers in der Schachtel. Jeder Ollo-Kopfhörer wird nämlich vor Auslieferung an die Kunden einzeln geprüft und gemessen, jeder Treiber wird individuell an das Gehäuse angepasst. Mehr Sorgfalt und Transparenz seitens einer Firma geht fast gar nicht.

Ein hübscher und bequemer Panzer

Der handgefertigte Ollo S4X gehört zu den am besten konstruierten Kopfhörern, die ich je in Händen gehalten und auf dem Kopf getragen habe. Das selbst justierende Kopfband erinnert ein wenig an ähnliche Mechanismen, wie sie zB AKG gerne einsetzt, wirkt aber stabiler. Die Ohrpolster bestehen aus weichem Kunstleder und haben eine Velours-Oberfläche. Der Anpressdruck ist genau richtig. Der Kopfhörer sitzt fest auf dem Kopf, aber ich konnte selbst nach acht Stunden und mehr keinerlei unangenehmen Druck feststellen. Und ich bin Brillenträger! Der Tragekomfort liegt auf einem Level mit den bequemsten Kopfhörern, die ich bislang hören konnte (Meze Empyrean, AKG K812, Beyerdynamic DT770/880/990, Sennheiser HD800) und übertrifft in seiner Preisklasse fast alle anderen. Gerade Sennheiser könnte sich hier was abschauen, denn deren preislich vergleichbare 600er-Linie (HD600, HD650, HD660S) ist berüchtigt für ihren viel zu straffen Anpressdruck und ihre schlechten Ohrpolster. Fast jedes Review dieser Sennheiser-Modelle beinhaltet ein paar Tipps, wie man die Hörer weniger schmerzhaft macht, und das ist, mit Verlaub, ein Armutszeugnis für die Sennheiser-Ingenieure. Dass die Sennheiser-Hörer fast zu 100 % aus Plastik bestehen, spricht auch nicht gerade für einen guten Gegenwert für Kopfhörer, die zwischen 250 bis 600 Euro kosten. Der Ollo dagegen sitzt out of the box perfekt am Kopf. Außerdem ist die Verarbeitung ein Gedicht. Ja, er sieht ein bisschen retro aus, aber das passt zum ökologischen Anspruch und mir gefällt das Design sehr gut. Hat was von Grado, nur halt stabiler und viel bequemer. Die Ohrpolster sind „gerade noch over ear“, könnte man sagen. Meine Ohren passen in die nicht allzu großen Muscheln ganz hinein, aber es ist ein bisschen knapp. Für Menschen mit Dumbo-Lauschern könnte der S4X vom over- zum on-ear werden, aber die Polster sind so weich, dass auch das nicht stören sollte. Mit 350 Gramm ist der S4X nicht der leichteste Hörer seiner Klasse, aber doch leicht genug, um nach kurzer Zeit zu vergessen, dass man ihn trägt. Und vor allem wesentlich leichter als diverse Magnetostaten wie zum Beispiel die Audezes, die gerne mal weit mehr als einen halben Kilo wiegen.

Technik und Preis

Der S4X ist ein elektrodynamischer Kopfhörer mit Neodym-Magneten und einer zweilagigen Treiberspule. Mit einer Impedanz von 32 Ohm und einer Effizienz von 108dB ist er sehr leicht zu betreiben und braucht nicht unbedingt einen eigenen Kopfhörerverstärker. Allerdings reicht er den Unterschied zwischen zB einem Laptop-Soundkartenausgang und meinem andern Test-Equipment (Marantz SR7013, Pro-Ject Head Box RS) doch recht deutlich an die Ohren weiter. Es liegen keine Welten dazwischen, aber ein halbwegs okayer DAC ist empfehlenswert.

Verbunden wird der S4X an jeder Ohrmuschel mit einer 2,5mm-Klinke, was ich sehr begrüße, da man recht einfach Ersatzkabel findet, sollte das beigepackte mal den Geist aufgeben oder mit seinen zweieinhalb Metern zu kurz oder zu lang sein. Der Hörer ist symmetrisch, man kann sich also selber aussuchen, welche Ohrmuschel die rechte und welche die linke sein soll. Nur an den Kabelenden sind kleine „R“ und „L“-Markierungen angebracht, nicht aber am Kopfhörer selbst. Ganz egal, wie manche Reviewer behaupten, ist das aber nicht, da die Anschlüsse an den Ohrmuscheln leicht nach vorne versetzt sind, weswegen man zwar die Rechts-Links-Zuweisung umkehren kann, dann aber auch leicht nach hinten zeigende Kabel hat.

Die Ohrmuscheln lassen sich 360 Grad rotieren, was man zB auch von Grado kennt oder auch von High-End-Modellen wie dem Meze Empyrean, aber ich rate von allzu viel drehen ab, droht dann doch die Gefahr des Kabelbruchs. Ollo Audio warnt übrigens als einziger mir bekannter Hersteller davor, zu fest auf flach auf dem Tisch liegende oder am Ohr sitzende Ohrmuscheln zu pressen, da dies die Treiber beschädigen könnte. Eine etwas seltsame Warnung, denn wer drückt schon aus Jux und Tollerei so fest gegen die Hörmuschel, dass der Treiber kaputt werden könnte? Ollo Audio hat nichtsdestotrotz großes Vertrauen in seine Produkte, denn die Firma gibt eine fünfjährige Garantie. Außerdem kann jeder Käufer sein Gerät einmal einschicken, sollte es ein wichtiges mechanisches Upgrade geben. Ollo bringt den Hörer dann auf den neusten Stand. Kundenservice schreibt Ollo überhaupt groß. So gibt es eine 30-tägige Testphase, während der man den Kopfhörer bei Nichtgefallen zurückschicken kann und sein Geld erstattet bekommt. Wer knapp bei Kasse ist, dem bietet Ollo eine zinsfreie Teilzahlungsmöglichkeit an. Der S4X kostet 399 Euro und liegt damit in einem heißt umkämpften Preissegment.

Klang: „Brutal Ehrlich“? Jep

Ollo Audio bewirbt den S4X als „brutal ehrlich“ und als Tool für Profis. Auf der Website von Ollo Audio kommen viele Produzenten von Weltrang zum lobenden Wort, aber keine „Audiophilen“. Das ist kein Zufall. Ollo wendet sich in erster Linie an Menschen, für die Musikproduktion ihr Beruf ist. Das merkte ich, als ich zum ersten Mal Musik mit dem S4X hörte. Es klang anders als alles andere, was ich je gehört hatte. Das liegt an der tatsächlichen und nicht nur vorgetäuschten Neutralität des Hörers. Hier wird vom Bass bis zu den tieferen Höhen keine Frequenz bevorzugt, der S4X ist tatsächlich flach und trocken. Er ist wirklich neutral, und echte Neutralität klingt anders, als viele Hobby-Audiophile sich das vorstellen. Kopfhörer, die für den Consumer-Markt als „neutral“ oder „transparent“ beworben werden, sind in Wahrheit meist Rosstäuscher, die Detailreichtum mit einer übermäßigen Anhebung der hohen Frequenzen faken. Das mag toll klingen, aber es ist eben nicht neutral.

Der Ollo klingt, wenn man von anderen Herstellern kommt, zunächst einmal sehr warm, also mit starkem Bass und nach vorne geschobenen Mitten. Das liegt daran, dass die meisten anderen Kopfhörer Tiefbass entweder gar nicht darstellen können oder, um gefälliger zu wirken, in den Hintergrund rücken. Der Ollo hat da einen ganz anderen Ansatz. Er will einem zeigen, was tatsächlich in einem Mix drin ist, und das geht nur, wenn die Frequenzen gleichberechtigt nebeneinander tönen. Das wirkt zunächst „warm“ oder „dunkel“, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, entdeckt man das wahre Talent des S4X: Er befeuert einen mit Details, die vom Tiefbass bis zu den Höhen reichen und die für viele 08/15-Konsumenten wohl zuviel des Guten sein dürften. Das Hörerlebnis ist tatsächlich so ähnlich, wie vor zwei sehr sehr guten Nahfeld-Monitorboxen zu sitzen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber ich persönlich liebe es! Mit keinem anderen Kopfhörer konnte ich bislang die kleinsten Nuancen, die einen guten von einem schlechten oder durchschnittlichen Mix und Mastering unterscheiden, so klar heraushören wie mit dem S4X. Für mich ist das weit mehr Segen als Fluch, aber nicht alles ist Sonnenschein und Strandparty und wir wollen uns den Ollo mal im Detail anhören!

Foto: Bernhard Torsch

Bass

Wer Bass liebt und auch die von vielen anderen Kopfhörern in diesem tonalen Bereich oft verschwiegenen oder vermantschten Details hören will, kommt hier voll auf seine Rechnung. Der Ollo geht mühelos in den tiefsten Keller und zeigt einem das Timbre und die tonalen Varianten im Bereich unter 80Hz. Aber: Er peppt Bass nicht auf. Den berühmten „Slam“ habe ich auf anderen Hörern schon hübscher erlebt. Das bedeutet nicht, dass er S4X nicht heftig zulangt, er tut es halt sehr technisch und trotz der grundsätzlich warmen Charakteristik sehr exakt und ohne was hinzuzufügen. Das heißt nicht, dass der Ollo nicht mitreißend klingen würde. Ich habe mit ihm oft genug headgebangt. Wenn die Musik und der Mix es hergeben, ist der feine Herr nämlich ein ziemlich harter Rocker, und seine Linearität lässt Kickbass und Bassgitarre eine im Himmel geschlossene Hochzeit mit E-Gitarren, Keyboards und Gesang konsumieren. Im Ernst: Das ist wunderschön!

Mitten

Hier erinnert der Ollo S4X an die legendären Mitten der 600er-Serie von Sennheiser. Er macht es aber besser. Ich habe mit dem Ollo wesentlich mehr Details im Mittenspektrum wahrgenommen als mit dem HD600 oder auch dem Beyerdynamic DT1990. Das „Negative“: Fehler in diesem Bereich werden ohne Rücksicht auf Verluste demaskiert. Eine Gitarrist hat einen unpassenden Reverb verwendet? Der Ollo zeigt das schmerzhaft auf. Eine Band ist noch nicht wirklich gut aufeinander eingespielt, wie zB die Doors auf ihrem Debutalbum? Und dazu noch eher hastig als aufmerksam produziert? „Break On Through“ klingt entsprechend flach und kratzig und unprofessionell (mit jedem Doors-Album wird das besser – man kann also so richtig nachvollziehen, wie die Produzenten immer mehr Arbeit in den Mix steckten und wie die Band technisch besser wurde).

Höhen

Der S4X hat unaufdringliche, aber in vollem Umfang vorhandene Höhen. Die Höhen sind so, wie Rolls Royce früher zur Frage nach den PS sagte: „Ausreichend“. Al Koopers ätherische Orgel auf Bob Dylans „Visons Of Johanna“ ist ein guter Test für die Fähigkeit eines Kopfhörers, Höhen wiederzugeben, die das menschliche Gehör mit zunehmendem Alter immer schlechter wahrnimmt. Hier ist Entwarnung angesagt: Alles ist vorhanden. Natürlich könnten manche Benützer versucht sein, dem S4X mit EQ noch mehr Höhen abzuringen, aber meiner Meinung nach wäre das Selbstbetrug, Die Höhen des S4X sind genau richtig, ein EQ jagt die Musik nur durch einen Filter und verzerrt das, was real da ist. Dass der Ollo nicht schrille Höhen hat, ist übrigens Absicht, denn überzeichnete Höhnen ermüden das Gehör am meisten, und der Ollo ist für Profis gedacht, die den ganzen Tag lang mit ihm arbeiten.

Die Bühne

Oh boy, das ist jetzt ein bisschen schwierig. So sehr ich alles andere am S4X liebe, so eng ist die Bühne. Es ist eine der engsten Bühnen, die ich je gehört habe, in etwa auf einer Stufe mit dem HD600 von Sennheiser. Wer eine breite und weite Bühne haben muss, sollte zu anderen Geräten greifen, zum Beispiel zum AKG K712 oder 812. Anders gesagt. Wenn der AKG K812 und der Sennheiser HD800 die weitesten Bühnen auffahren, ist der Ollo deren exaktes Gegenstück. Instrumente und Stimmen sind dennoch auf vorbildliche Weise getrennt und festzumachen. Die Darstellung ist also extrem genau, selbst wenn die Musik, vor allem klassische mit Orchester, sich beengt anhört. Aber es ist ein eigenwilliges Hörerlebnis. Einmal mehr erinnert es an Nahfeld-Monitore – oder auch an eine sehr gute Jukebox. Der Ollo engt Stereo nie auf Mono ein, aber er lässt kaum mal einen Ton von sehr weit außen oder auch oben/unten kommen. Zu dieser Charakteristik trägt natürlich auch bei, dass der S4X kein offener Kopfhörer ist, sondern ein ganz spezielles Zwischending zwischen geschlossen und offen. Auch halboffen wäre nur die halbe Wahrheit, da Ollo Audio nicht in diesen Kategorien denkt und produziert. Ollo geht es fast ausschließlich um die Kontrolle über das Resonanzverhalten und die Wellen in den Ohrmuscheln. Daher ist im S4X auch jede Menge akustisches Dämmmaterial verbaut. Das engt die Bühne ein, sorgt aber für die in dieser Preisklasse einmalige Kontrolle über den Sound.

Dynamik

Dies ist ein weiterer Bereich, in dem es zweifellos bessere Kopfhörer gibt. Vor allem, wenn man audiophile Maßstäbe anlegt. Der S4X ist nicht undynamisch, aber die Sprünge von leise zu laut kommen nicht mit all den Bells & Whistles daher, wie zB auf einem LCD4 oder einem Meze Empyrean. Auch in der Preisklasse des S4X gibt es da Hörer, die Dynamik dramatischer darstellen, etwa den Hifiman Sundara oder sogar den DT880 von Beyerdynamic. Aber: Der S4X wird nicht dafür gebaut, Musik möglichst „schön“ klingen zu lassen, sondern möglichst neutral, also so, wie es die Aufnahme hergibt. Der Ollo fügt nichts hinzu, nimmt aber auch nichts weg. Hat eine Aufnahme echte Dynamiksprünge, zeigt sie der S4X natürlich. Er überbetont sie nur nicht.

Verzerrung

Ich habe keine Angabe über die THD (Total Harmonic Distortion) des S4X gefunden, aber sie muss sehr niedrig sein. Bei nicht verzerrten Aufnahmen verzerrt er auch bei hohen Lautstärken nicht und wenn der Verstärker oder eine andere Quelle in der Lage ist, absolute Stille wiederzugeben, dann bleibt der S4X auch absolut stumm. Das hat durchaus das Niveau von Flagschiffen wie dem AKG K812 oder dem Grado RS1.

Für wen ist der S4X?

Wem kann ich den S4X von Ollo Audio empfehlen? In erster Linie allen, die professionell Audio-Inhalte produzieren. Das ist einer der besten, wenn nicht DER beste Studiokopfhörer, die ich je gehört habe. Er ersetzt keine Monitorlautsprecher, aber er kommt verdammt nahe ran. Falls jemand nicht gerade in Abbey Road arbeitet, sondern Demos oder Youtube-Videos bearbeitet, kann der Ollo tatsächlich ausreichen, um eine sehr gute Ahnung davon zu haben, wie das Endprodukt klingen wird.

Und was ist mit Audiophilen, also denen, die Kopfhörer zum Vergnügen verwenden? Nun, wer meinen Geschmack teilt, also Neutralität und Detailreichtum über das ganze Frequenzband hinweg liebt, sollte sich den Ollo S4X holen! Ich mag halt HiFi, kurz für High Fidelity, also die möglichst realistische Wiedergabe einer Aufnahme. Viele Audiophile lieben aber gerade eine spezielle, nicht gerade dem Original treue Wiedergabe. Auch denen würde ich einen Test des S4X empfehlen, da er anders ist als alle anderen Kopfhörer. Wer aber NUR basslastige Kopfhörer oder NUR höhenlastige liebt, wird mit dem S4X nicht glücklich. Als Hauptkonkurrenz sehe ich die schon erwähnte 600er-Produktlinie von Sennheiser und die DT1990 und DT1770 von Beyerdynamic. Beide raucht der Ollo in der Pfeife. Sorry, er ist wirklich klar besser als die erwähnten Konkurrenten. Je nach Aufnahme ist der Ollo sogar gleich gut wie einige Überdrüber-Hörer zwischen 1.000 und 4.000 Euro. Für den Ollo spricht auch, dass er von einem innovativen Unternehmen in der EU produziert wird.

Fazit

Der Ollo Audio S4X ist ein ultra-neutraler Kopfhörer, der aber dennoch Spaß-Potenzial hat. Er ist meiner Meinung nach einer der besten und interessantesten Kopfhörer in ALLEN Preisklassen, vor allem aber für 399 Euro. Er ist großartig und ökologisch nachhaltig gebaut, kann leicht repariert werden, fühlt sich super angenehm in der Hand und vor allem auf dem Kopf an und klingt mit vielen Musikstücken kein Bisschen schlechter als diverse High-End-Modelle jenseits der 1.000-Euro-Grenze.

Disclaimer: Ich habe den Ollo Audio S4X gekauft und einen Rabatt für Kritiker bekommen. Ollo Audio hat in keiner Weise Einfluss auf den Inhalt dieses Reviews genommen.

Tronsmart Apollo Air: Solider Mittelklasse-In-Ear mit aktueller Technik und gutem Klang

Tronsmart, gegründet 2013 in Chinas Tech-Metropole Shenzhen, ist eine weitere chinesische Firma, die den globalen Audiomarkt mit der Formel „viel Qualität um relativ wenig Geld“ aufrollen will. Im Gegensatz zu anderen Herstellern wie etwa Hifiman hat Tronsmart aber nicht die High-End-Klientel im Visier, sondern den Alltagskonsumenten, der nicht hunderte oder gar tausende von Euros hinblättern will, um das audiophile Nirwana zu erreichen, sondern einfach nur ein gut klingendes Gerät möchte, das ihn beim Pendeln zur Arbeit, beim Sport oder beim Gamen beschallt. Tronsmart bietet daher Kopfhörer und Bluetooth-Lautsprecher der Einsteiger- bis Mittelklasse an. Nichts, was die Bank sprengt, aber alles mit dem Anspruch, gut oder immerhin gut genug zu sein.

Der In-Ear-Kopfhörer Apollo Air, der für rund 60 Euro zu haben ist, passt genau zu diesem Konzept. Er ist solide verarbeitet, hat technisch alles an Bord, was man sich nur wünschen kann, und klingt auch noch okay. Eine klare Kaufempfehlung also? Hm, nicht so schnell!

In der Packung

Geliefert wird der Apollo Air mit den Earbuds, einer Ladebox, einem USB-C-Ladekabel, einer englischen, aber eigentlich selbsterklärenden Anleitung sowie drei verschiedenen Aufsätzen für die Earbuds. Das Ladekabel ist mit 30 Zentimeter nicht gerade übermäßig lang geraten, aber für den Einsatz an PC, Laptop oder an der USB-Buchse im Auto sollte das ausreichen.

Foto © Bernhard Torsch

Verarbeitung und Komfort

Den Apollo Air gibt es entweder in weißer oder schwarzer Klavierlackoptik. Er fühlt sich stabil und leicht, aber nicht unbedingt luxuriös an. Die Ladebox hat einen leichtgängigen magnetischen Verschluss, ist mit 6cm Länge, 3cm Höhe und 3,5 cm Tiefe sehr handlich und hat an der Vorderseite eine LED, die während des Ladens rot leuchtet. Daneben ist eine Taste, mit der man den Apollo Air gleich mit dem Smartphone oder einem anderen Bluetooth fähigen Gerät paaren kann. Tronsmart stellt drei Aufsätze für die Buds zur Verfügung: Kleine, mittelgroße und große. Mir persönlich sind schon die kleinen fast zu groß, aber ich bin ehrlich gesagt auch nicht der größte Fan von In-Ears und daher vielleicht ein bisschen zu empfindlich. Hat man erst einmal die richtige Position gefunden, trägt sich der Tronsmart aber überraschend bequem im Ohr und er sitzt recht fest. Der Apollo Air hat eine IP45-Zertifizierung, was in etwa heißt: Leichte Wasserspritzer oder Schweiß sind kein Problem, aber richtig wasserdicht ist er nicht.

Bedienung

Den Apollo bedient man über Touch-Gesten. Die wichtigsten habe ich zusammengefasst.

-Zwei Sekunden den Finger auf die Touchoberfläche des linken Buds legen: Ein Song zurückspringen

-Dasselbe am rechten Bud: Einen Song vorsspringen.

-Doppeltes Tippen auf die rechte oder linke Touchfläche: Play/Pause/Play

-Ein Tap rechts: Lauter

-Ein Tap links: Leiser

-Dreifach-Tap: Ambient an. Erneuter Dreifach-Tap: ANC an. Weiterer DreifachTap: ANC aus.

Telefonieren: Doppelter Tab = Anruf annehmen oder beenden. Doppeltab und Finger drauf lassen = Anruf ablehnen.

Laufzeit

In der Ladebox ist der Apollo Air binnen 2,5 Stunden voll aufgeladen und sollte dann bei durchschnittlicher Lautstärke ca fünf Stunden durchhalten. Die Box selber enthält einen Akku, womit man die Box auch unterwegs und ohne Anschluss zum Aufladen der Buds verwenden kann. Das funktioniert ca drei bis vier Mal, bevor die Box wieder an den Strom muss. In der Praxis kam ich auf mehr als fünf Stunden pro Ladung, nämlich auf knapp über sechs, aber ich höre Musik ja auch nicht mit gesundheitsschädlicher Lautstärke.

Klang

Tronsmart prahlt auf seiner Website, dass der Apollo Air 10mm-Treiber aus dem exotischen Material Graphen habe und den „industry leading“ Chip QCC3046 von Qualcomm verbaut habe. Der QCC3046 ist gut, gehobene Mittelklasse, „industry leading“ ist er nicht. Aber er kann schon einiges, etwa Bluetooth 5.2, aptX und True Stereo. Das heißt, dass hier tatsächlich jeder Earbud individuell angesteuert wird und nicht eine Bud zu Bud-Verbindung aufgebaut werden muss. Das sollte theoretisch für eine höhere Tonqualität sorgen und ist ein Feature, das man ansonsten nur in deutlich teureren Wireless In-Ears findet.

Hat man den Apollo Air soweit in den Gehörgang gepresst, wie es physisch möglich ist, spielt dieser günstige kabellose In-Ear mit einer für seinen Preis sehr guten Tonalität auf. Die Bässe sind satt und fett, aber nicht unkontrolliert. Sie bluten kaum in die Mitten und haben sogar eine annehmbare Tiefbasswiedergabe. Die Mitten sind präsent und nicht, wie oft bei „Spaßkopfhörern“, in den Hintergrund gedrängt. Stimmen und Instrumente im Mittenspektrum haben nicht das Timbre und die physische Power, wie man sie mit High-End-Kopfhörern kriegen kann, aber sie klingen auch nicht blechern oder verzerrt. Die Höhen sind völlig ausreichend, um die dort oft versteckten Details hören zu können. Dennoch schafft es der Apollo Air, die Hochtöne so zu zügeln, dass sie nicht mit Zischlauten und Fiepsen nerven. Das ist insgesamt für knapp 60 Euro und für einen kabellosen In-Ear eine gute Vorstellung. Klar, wenn es NUR um den Klang geht, kriegt man schon was Besseres in der Preisklasse. Da ist nämlich schon ein Grado SR60 drin. Okay, der ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was Käufer von kabellosen In-Ears wollen, also ein archaisch wirkender Over-Ear ohne die geringste Isolierung und mit einem fetten Kabel, aber rein vom Sound her kann der Tronsmart da nicht mit. Ein Kritikpunkt, der aber die meisten In-Ears betrifft: Das menschliche Ohr ist von Mutter Natur so gebaut, dass es Fremdkörper loswerden will. Langsam, aber sicher wandern die Buds also aus dem Gehörgang raus und man muss sie wieder reinstopfen. Es besteht nie die Gefahr, dass sie rausfallen, aber der Sound verändert sich halt zum Negativen, je weiter die Buds vom Trommelfell entfernt sind.

Telefonie-Qualität

Der mit nicht weniger als sechs Mikrophonen ausgestattete Apollo Air sorgt dafür, dass einen der Gesprächspartner gut versteht. Und man selber hat da keinerlei Verständnisproblem, denn der Tronsmart reicht Anrufe ohnehin klar ans Ohr weiter.

Aktive Geräuschunterdrückung (ANC)

Tronsmart wirbt mit bis zu 35 Dezibel Geräuschunterdrückung über den gesamte Frequenzbereich. In der Praxis kommt das in etwa hin. Wobei das ANC vor allem gegen tiefere Frequenzen effektiv ist. Natürlich gibt es da Besseres, aber das kostet halt auch doppelt oder dreimal so viel. Für die 50 bis 60-Euro-Preisschiene ist das ANC sehr gut. Und: Der Ambient-Modus ist fein! Den empfehle ich allen Joggerinnen und Radfahrern oder auch nur Fußgängern. Dieser Modus lässt einen die Musik genießen, leitet aber Außengeräusche leicht verstärkt durch die Buds weiter. Das ist ein tolles Feature für mehr Sicherheit im Straßenverkehr (oder wenn man mit dem Apollo Air TV guckt und das Baby im Nebenzimmer pennt).

Die App

Tronsmart bietet auch eine kostenlose App an, mit der man aber nicht allzu viel anstellen kann. Man kriegt eine Art rudimentären Equalizer, von dem ich aber die Finger lassen würde, da jede andere Einstellung außer „Default“ grauenhaft klingt. Runterladen sollte man sich App trotzdem, weil man nur mit ihr Firmware-Updates für den Apollo Air beziehen kann.

Fazit: Der Apollo Air von Tronsmart bietet viel Technik und eine gute Soundqualität für einen sehr fairen Preis. Er ist kein echter Preisbrecher oder gar Flagship-Killer, aber man kriegt mit ihm modernste und vor allem problemlos funktionierende Technik, eine passable Verarbeitung, einen guten, wenn auch nicht weltbewegenden Klang und praktische Features.

Foto © Bernhard Torsch

Disclaimer: Der Kopfhörer wurde mir von der Firma Tronsmart kostenlos für Testzwecke zur Verfügung gestellt, Tronsmart hatte aber keinen Einfluss auf den Inhalt des Reviews.

Beyerdynamic DT770 Pro – lohnt der sich noch im Jahr 2021?

2024 wird die Firma Beyerdynamic 100 Jahre alt. Wer sich so lange auf dem Audio-Markt hält, macht wohl einiges richtig. Das gilt auch für Produkte, die fast unverändert seit bald 40 Jahren verkauft werden, wie zum Beispiel den Kopfhörer DT770, der zusammen mit seinen Geschwistern DT880 und DT990 im Jahr 1985 auf den Markt kam und sich bei Tontechnikern wie auch Hifi-Fans immer noch großer Beliebtheit erfreut. Natürlich hat Beyerdynamic die alte DT-Linie im Laufe der Jahrzehnte immer wieder ein bisschen angepasst und getunt, aber im Grunde haben wir hier den gleichen Kopfhörer, der in die Geschäfte kam, als Madonna gerade zum Weltstar wurde und Ostdeutschland noch sicher hinter Mauern und Zäunen eingeschlossen war.

Foto © Beyerdynamic

Wie sagen unsere englischsprachigen Freunde? If ain’t broken don’t fix it! Frei übersetzt: wenn etwas funktioniert, verschlimmbessere es nicht! Die DTs haben ihren bis heute anhaltenden guten Ruf nicht ohne Grund. Ich selbst besaß zwölf Jahre lang einen DT990 und habe den immer noch in bester Erinnerung. Er war super bequem gebaut, extrem stabil, hatte trotz des nicht abnehmbaren Kabels, über das ich etliche Male mit den Rädern des Bürosessels drüber gefahren bin, nie einen Wackelkontakt und er klang wunderbar. 2015 beschlossen die Chefs bei Beyerdynamic, es wäre an der Zeit, vom Trend zu immer teureren Kopfhörern zu profitieren und ließen die Modelle DT1770 Pro, DT1990 Pro sowie die zweite Generation des Flaggschiffs T1 auf die Welt los. Und da ist ihnen irgendein Upsie passiert, denn ich habe sowohl den T1 als auch den DT1990 besessen und ich war nicht nur nicht begeistert, sondern regelrecht enttäuscht und zornig. Ich vermute, die viel beworbenen „Tesla“-Treiber, die in diesen neueren Beyerdynamics zum Einsatz kommen, sind schlicht und einfach eine Fehlentwicklung. Der T1.2 klang nur mit Musik gut, die sparsam instrumentiert war. Sobald eine größere Band oder gar ein Orchester ins Spiel kam, wirkte er überfordert und produzierte vor allem im Hochtonbereich einen krächzenden und krachenden Sound-Schrott, der an einen 15-Euro-Kopfhörer erinnerte und nicht an ein fast 1.000 Euro teures Spitzenmodell. Der DT1990 war kaum besser. Ein bisschen souveräner in den Höhen, aber auch heftig zum Übersteuern und Krächzen neigend. Und ja, ich habe die mit ausreichend Verstärker-Energie gefüttert. Der DT1990 entwickelte trotz abnehmbaren Kabels übrigens schon nach nur eineinhalb Jahren einen Wackelkontakt, der eine Hörmuschel komplett ausfallen ließ. Mein Vertrauen in Beyerdynamic war erschüttert und ich suchte mein akustisches Heil vorerst anderswo.

Mit dem AKG K812 (rund 1.000 Euro) und dem Meze Empyrean (3.000 Euro) fand ich, wonach ich so lange gesucht hatte: Audiophile Perfektion. Der AKG spielt extrem gut auflösend, aber er foltert einen nie mit völlig übertriebenen Hochtönen, wie es der T1 und der DT1990 machen (der berüchtigte Beyer-Peak). Musik mit dem AKG K812 zu hören, könnte man so beschreiben: Man steht in einer mond- und sternenlosen Nacht im tiefsten Wald. Es ist so finster, dass man die Hand vor Augen nicht sieht. Setzt dann die Musik ein, ist es, als würde im Dorf nebenan ein Feuerwerk in die Luft geschossen werden. Jede einzelne Farbe erstrahlt vor dem pechschwarzen Nachthimmel, und jede Nuance jeder einzelnen Farbe ist ganz klar zu erkennen. Es ist akustische Analytik auf höchstem Niveau, die aber dennoch nicht ermüdend wirkt. Der Meze Empyrean wiederum ist nicht Technik, sondern Schwarze Magie, Teufelswerk. Egal, welche Musik man ihm füttert, er streut Feenstaub oder Einhorntränen drauf und sie klingt fantastisch. Alles, was man mit dem Meze hört, klingt erhaben, majestätisch, imperial. Und weil er mit Magie arbeitet, verändert er sich auch von Song zu Song. Er kann alles und spielt alles, und allem verleiht er noch diese extra Portion Gravitas und Patina.

Verarbeitung und Komfort

Kann ein technisch fast 40 Jahre alter Kopfhörer, der noch dazu kaum 130 Euro kostet, mit solchen Sound-Kanonen mithalten? Ich habe es ausprobiert und mir den DT770 gekauft. Der kommt in einer simplen Verpackung und ohne Zubehör. Der Hörer selbst wirkt, wie von den alten DTs gewohnt, extrem gut gebaut und stabil. Er besteht aus einem Kopfband und Gabeln aus Metall. Das Kopfband ist mit abnehmbarem Leder gepolstert. Nicht dick, aber ausreichend. Die Ohrmuscheln sind aus Hartplastik, das eine interessante Maserung aufweist, und die Ohrpolster bestehen aus Velours. Das Kabel ist drei Meter lang und fix verbaut. Es ist dünn, aber stabil und flexibel. Gesamteindruck: Ein Panzer.

In Sachen Komfort ist Beyerdynamic verlässlich gut. Ich habe den DT770 direkt aus der Schachtel mehr als acht Stunden getragen und hatte nicht das geringste Problem. Kein Zwicken, kein Drücken, kein Jucken. Der Hörer hat zwar nicht die größten Polster, aber meine Ohren stießen nie irgendwo unangenehm an. Überraschend bei einem Kopfhörer, der als Arbeitsgerät für das Studio beworben wird: Die Ohrpolster sind sehr mikrofonisch. Schon wenn man nur gähnt hört man, wie sie sich knarzend dehnen. Ähnliches passiert, wenn man isst, kaut oder den Kopf schüttelt. Ich hoffe, das wird noch besser, sobald der Kopfhörer erst einmal „eingeritten“ ist, aber ich muss es erwähnen, da man sich, falls es nicht weggeht, zwar womöglich daran gewöhnen kann, es aber bei keinem Kopfhörer in keiner Preisklasse vorkommen sollte, schon gar nicht bei einem, der ein „Pro“ sein will.

The Sound of good old Beyer

Der Sound hat mich einerseits überrascht, andererseits aber willkommen geheißen wie einen alten Freund. Überraschend ist, dass ich, vom Meze Empyrean und vom AKG K812 kommend, nie das Gefühl hatte, vom Weltcup in die Regionalliga abgestiegen zu sein. Die Vertrautheit ergab sich daraus, dass der DT770 meinem geliebten DT990 recht ähnlich ist. Ja, der 770 ist geschlossen, der 990 offen, aber die Grundsignatur ist nicht so unterschiedlich, wie man meinen könnte. Der schönste Trick, den der DT770 beherrscht, ist der Bass. Dieser Kopfhörer kann als einer der wenigen unter 1.000 Euro echten Tiefbass darstellen, also Frequenzen von 50Hz abwärts, und zwar mit Wumms und nicht nur ganz zart. Ja, es gibt noch basslastigere Kopfhörer, aber wenige, die den Bass nicht nur mit Gusto abbilden, sondern auch mit Finesse. Der Tiefbass grummelt tief unten vor sich hin, der normale Bass ist saftig und, was mich beim geschlossenen Design überrascht hat, sehr kultiviert. Man kann zB einen E-Bass von einer Bassdrum problemlos auseinanderhalten, ebenso eine Tuba von einem Kontrabass, auch wenn sie dieselben Noten spielen. Okay, man muss ein bisschen konzentrierter hinhören als zB am Emyprean, aber die Differenziertheit ist da. Bravo, DT770!

Die Mitten sind ein bisschen zurückhaltender als zB einem Sennheiser HD650 oder einem Hifiman Sundara (um auch mal Beispiele zu bringen, die preislich näher am Beyer liegen als der Empyrean), aber sie saufen nicht im Mix ab. Ich höre in Stimmen, sowohl männlichen wie auch nicht allzu hohen weiblichen, die ganze Bandbreite, die verschiedenen Timbres und Phrasierungen. Es springt einen nicht so an wie bei mittenbetonten Kopfhörern, aber es geht auch nicht unter. Manchmal merkt man die U-Form des Sounds, wenn man zB genau weiß, dass eine E-Gitarre, die gerade im rechten Stereobereich spielt, eigentlich lauter sein sollte, aber verschwunden ist sie halt auch nicht, und das ist dann insgesamt okay.

Die Höhen sind, je nach Geschmack, das Sahnehäubchen oder die Achillesferse aller Beyerdynamic-Kopfhörer. Auch der DT770 hat den Beyer-Peak, also eine Überbetonung ab ca 7-8 Khz, die den Sound besonders luftig und detailliert wirken lässt, aber empfindliche Menschen unter den daraus manchmal folgenden scharfen bis überschärften „S“-Lauten bei Gesang oder einem Zisch-Effekt bei hohen Percussion-Instrumenten leiden lässt. Was bei T1 und DT1990 tatsächlich oftmals kaum zu ertragen ist, ist beim DT770 zum Glück nicht so arg. Ich hatte sogar den Eindruck, der geschlossene Beyer spielt genau bis zur Grenze, ab der es unangenehm werden könnte, überschreitet sie aber nur sehr selten.

Die Schwäche des DT770 ist das, was eigentlich seine Stärke sein sollte: Er ist mit den meisten Musikstücken sehr neutral und nicht sehr dynamisch. Das heißt, dass zB der Wow-Effekt, wenn nach einem leisen Intro eine laute Band einsteigt, nicht so stark ist wie bei Kopfhörern, die mehr auf Genuss getrimmt wurden statt auf Exaktheit. Ein Vorteil ist das sicher bei der eigentlichen Aufgabe des 770, nämlich beim Recording und vor allem beim Tracking. Während einer Aufnahme und später, wenn man einen Song nach Fehlern absucht, SOLL einen ja kein Wow-Faktor von der Arbeit ablenken. Das gesagt habend, muss ich aber festhalten, dass das nur auffällt, wenn man direkt zuvor Kopfhörer wie den Empyrean gehört hat. Für sich allein genommen ist der DT770 durchaus auch spaßig und dynamisch. Fast ein wenig erschrocken bin ich über die Bühne des Beyer. Die ist nämlich für einen geschlossenen Kopfhörer recht groß, sowohl vertikal wie horizontal, und sogar Tiefenstaffelung kann er ordentlich darstellen.

Fazit

Abschließend bleibt zu sagen, wie sehr mich der günstige Beyerdynamic für sich einnehmen konnte. Eine großartige Tonqualität, eine sehr gute Verarbeitung und zum aktuellen Preis nur mit wenig ernsthafter Konkurrenz. Sucht man in der Preisregion, könnte man eventuell die Grados SR60 und SR80 als dynamischere und „rockigere“ Alternativen empfehlen, und wer es lieber neutral, aber mit weiterer Bühne und weniger Bass hat, kann mit dem AKG702 ein Schnäppchen schießen. Die Firma Beyerdynamic muss sich freilich die Frage gefallen lassen, warum ein 40 Jahre alter 130-Euro-Kopfhörer in vielen Belangen besser klingt und schlichtweg besser IST, als andere ihrer Produkte, die vier bis zehnmal soviel kosten.

Valco VMK20: Der beste Bluetooth-Kopfhörer des Jahres

Seit einigen Monaten geistert ein neuer Name durch die Kopfhörerwelt: Valco. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die finnische Firma massiv auf Social Media-Plattformen für ihre Produkte wirbt. Genauer: Für ihr Produkt, Einzahl. Valco bietet einen Bluetooth-Kopfhörer an. Zunächst war das der VMK19, der mit seinen Holzeinlagen auf den Hörmuscheln einen gewissen ländlich-nordischen Charme versprühte und sich dank seiner offenbar recht annehmbaren Höreigenschaften rasch zu einem Geheimtipp entwickelte (außerhalb Finnlands, denn in Finnland selber ist Valco ein großer Player). Aktuell bieten die Finnen exklusiv das Nachfolgemodell Valco VMK20 an, das statt Holz nun mit einem elegant wirkenden Stoffbezug aufwartet und gegenüber dem Vorgängermodell einige Verbesserungen erfahren haben soll. Das kann ich freilich nicht beurteilen, da ich nur den VMK20 zum Testen hier habe. Also schauen wir einmal, was man bei Valco für 169 Euro (Versand inklusive) bekommt!

Die Firma

Valco produziert erst seit 2019 Kopfhörer und gehört somit zum wachsenden Kreis kleiner europäischer Hersteller, die den Branchenriesen wie Sony, Bose, Sennheiser usw. Konkurrenz machen wollen. In immer mehr Ländern poppen diese kleinen Firmen auf: Meze Audio in Rumänien, Ollo Audio in Slowenien, Austrian Audio in Österreich… es ist fast eine Entwicklung wie beim Bier, wo ja auch immer mehr kleine Craft-Brauereien den großen Konzernen die Stirn bieten. Eine erfreuliche Sache, die Europa wenigstens in Sachen Audio-Technik wieder technisch aufholen lässt. Valco aus Finnland unterscheidet sich von anderen kleineren Firmen vor allem durch ihre Marketing-Strategie. Die ist gnadenlos humoristisch, aber auch grundehrlich. Ob in kurzen Videos, in Inseraten oder beim Webauftritt – bei Valco reiht sich Witz an Witz. Das ist sympathisch, könnte aber auch nach hinten losgehen. Glücklicherweise ist der Humor in 99 % aller Fälle gelungen und tatsächlich lustig. Und Valco zieht das bis ins letzte Detail durch. Sogar die Bedienungsanleitung ist reinste Comedy – und gleichzeitig exakt und super leicht verständlich.

Produkt, Lieferumfang, Bauqualität und Daten

Hält man den Valco VMK20, der in einem stabilen Hardcase samt USB-Ladekabel, Klinken-Kabelanschluss und Flugzeugadapter, geliefert wird, in Händen, fällt sofort die hohe Qualitätsanmutung auf. Der Kopfhörer, der sich platzsparend zusammenfalten lässt, ist stabil gebaut und macht einen hochwertigen Eindruck. Nichts quietscht oder knarzt. Die Ohrpolster aus Proteinleder sind Over-Ears, umschließen also das ganze Ohr, und zumindest bei mir hat das auch problemlos geklappt, ohne dass irgendwas zwicken würde oder sich zu eng anfühlte. Die Einstellung der Länge erfolgt über einfaches Schieben oder Drücken der Ohrmuscheln, die dann mit einem befriedigend klingenden Klicken am Kopfband aus Metall entlanggleiten. Das Kopfband selber ist mit Kunstleder ummantelt und bietet ausreichend Komfort auf der Rübe. Der graue Stoffbezug auf den Ohrmuscheln wirkt edel und erinnert ein bisschen an klassisches europäisches HiFi-Design. Technisch bringt der Valco VMK20 folgendes mit: Bluetooth 5.0 mit den Audio-Codecs APTX LL, SBC und AAC; Aktives Noice Cancelling mit vier Mikrophonen; integrierter Verstärker der Klasse AB mit DSP; 40-Millimeter-Treiber; Akku mit bis zu 45 Stunden Laufzeit nach vollem Aufladen (Ladezeit maximal drei Stunden von 0 auf 100 %); Freisprechfunktion mit eigenem Mikrophon und Rauschunterdrückung; Siri und Google werden unterstützt. Der Kopfhörer wiegt schlanke 250 Gramm.

Klang

Der Valco VMK20 sieht also gut aus, ist technisch voll auf der Höhe der Zeit und kann alles, was man von einem modernen Bluetooth-Kopfhörer erwartet. Aber hübsches Aussehen und gute Daten auf dem Papier sind bekanntlich gerade in der Welt der Audiowiedergabegeräte oft nur die halbe Miete – und manchmal gar nur reines Blendwerk. Entscheidend ist, zumindest für mich, immer noch der Klang. Und hier erlebte ich eine Überraschung. Um die zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen.

Mein derzeitiger Lieblingskopfhörer ist der Meze Empyrean, ein magnetostatischer High-End-Hörer um schlanke 3.000 Euro. Nicht wenige, darunter auch ich, meinen, das sei einer der besten Kopfhörer der Welt. Von so einem Hörerlebnis auf einen Bluetooth-Kopfhörer umzusteigen, der gerade mal 169 Euro kostet, ist zumeist eine Garantie für eine saftige Enttäuschung, ein akustischer Abstieg als würde man gerade noch den Engeln gelauscht haben und fände sich plötzlich im Probekeller einer drittklassigen Black-Metal-Band wieder. Ich war also darauf vorbereitet, die Sache professionell anzugehen und dem Valco VMK20 nicht anzukreiden, dass er nicht wie der Empyrean klingt. Und dann… klang der Valco verdammt ähnlich wie der Meze. Natürlich nicht gleich, natürlich nicht annähernd so majestätisch wie das rumänische Wunderwerk mit seinen isodynamischen Doppeltreibern, aber die Klangcharakterisitik war verblüffend ähnlich. Noch einmal: Ich sage NICHT, dass der Valco VMK20 gleich gut klingt wie der Meze Empyrean, aber er klingt wie ein naher Verwandter. Ich war so verblüfft, dass ich noch einmal auf die Website von Valco ging, in der Hoffnung, dort eine Erklärung für dieses Erlebnis zu finden, und siehe da, ich fand sie, denn Valco schreibt: „Unser Audioguru Jasse ‚Jazmanaut‘ Kesti nahm die besten High-End-Kopfhörer der Welt (seiner Meinung nach Meze Empyrean) als Referenz und schneiderte das Klangprofil von Valco VMK20 in diese Richtung, bis er Regenbögen pinkelte.“ Ha! Ich bin offenbar sehr wohl qualifiziert, Kopfhörer zu beurteilen, wenn mir diese Ambition Valcos, den Klang des Meze nachzuempfinden, sofort auffällt. Yeah, ich bin doch noch nicht taub und meine Ohren sind doch besser als die von vielen anderen Audio-Testern!

Okay, genug des Eigenlobes, zurück zum Valco VMK20. Der klingt… fantastisch. Ich habe noch keinen besseren Bluetooth-Kopfhörer erlebt. Das heißt nicht, dass es keinen besseren gibt und dass er allen anderen gleich gut gefällt wie mir, doch Tests sind nun einmal auch ein bisschen subjektiv. Aber nicht nur, denn natürlich kann ich nach jahrzehntelanger Erfahrung mit Kopfhörern und Lautsprechern und als (Hobby)Musiker wohl genauer beurteilen, ob ein Gerät was kann oder ob es suckt. Nachdem ich den VMK20 mit meinem Smartphone über Bluetooth verbunden habe (was super leicht ging), habe ich Tidal angeworfen und dort meine üblichen Verdächtigen angespielt, die ich immer nehme, um zu schauen, wie die Grundcharakteristik des Kopfhörers ist, wie tief der Bass reicht, wie sauber die Mitten sind und wie hoch er nach oben reicht – und ob das alles gut zusammenpasst oder zu einem grauen Brei verschwimmt. Es mussten also Steely Dan, die Beatles und War ran, und schon nach einem kurzen Reinhören in Wars „All Day Music“ war ich baff. Der Bass war genau so, wie ich ihn bei diesem Stück haben will: Extrem tief hinunter spielend und trotzdem klar texturiert. Die akustische Gitarre schwebte fein gezeichnet über dem Geschehen und die Stimme stand klar und abgegrenzt im Zentrum, während die komplexen Rhythmen von Schlagzeug und Bongos frei und ohne zu vermantschen groovten. So muss das sein, so kann das sein, wenn ein Hersteller technisches Können und, ja doch, Liebe in sein Produkt einbringt.

Die positiven Eindrücke verfestigten sich mit jedem Stück Musik, das ich über Bluetooth mit dem Valco VMK20 hörte. Valco arbeitet ja mit dem finnischen Mastering-Studio Kesthouse zusammen, und das hört man. Der VMK20 geht klanglich klar in Richtung High-End, was vielleicht manchem Basshead nicht gefallen mag, aber das Herz jedes Audiophilen erfreuen sollte. Dem Valco mangelt es nicht an Bass, aber er schenkt allen anderen Frequenzen dieselbe Aufmerksamkeit. Dabei ist eine in dieser Preisklasse bislang nicht gehörte Linearität herausgekommen, die aber nie langweilig wirkt. Der VMK20 ist aber kein Mastering-Kopfhörer, sondern durchaus einer zum Spaß haben, denn mittels DSP-Zauberei haben die Ingenieure von Valco dem neutralen Grundcharakter einen überraschend großen Schuss der Magie von High-End-Kopfhörern eingehaucht. Natürlich kommt man mit DSP nicht ganz an das heran, was etwa der Meze Empyrean bieten kann, aber man kommt auf ungefähr 65 Prozent davon, und das bei einem Achtzehntel des Preises! Über Bluetooth betrieben klingt der Valco nahezu gleich gut wie ein AKG K812, ein Beyerdynamik DT1990 oder sogar ein Sennheiser HD800.

Und jetzt ein kleines Aber: Der Valco klingt so gut, weil er ein fantastisches Tuning seines eingebauten DSP hat. Betreibt man ihn mit Kabel, umgeht also den eingebauten Verstärker, ist er immer noch gut, aber halt „nur“ mehr so gut wie alle anderen in seiner Preisklasse und knapp darüber und darunter. Dann ist es vorbei mit 65 % Meze Empyrean oder 90 % AKG K812, dann klingt er mehr nach Philips X2, Sennheiser HD650 oder Beyerdynamik DT990. Das ist immer noch sehr gut, aber nicht mehr atemberaubend gut. Freilich ist er ja nicht in erster Linie für das Hören am Kabel gedacht, sondern für den Bluetooth-Einsatz, und da steckt er meiner Meinung nach alles in die Tasche, was ich bislang unter 1.000 Euro gehört habe.

Valco macht sympathischerweise auch kein Geheimnis daraus, dass sein hervorragender Klang der Abstimmung seiner digitalen Signalprozessoren zu verdanken ist. Es ginge ja auch nicht anders. Man kann nicht um 169 Euro eine Hardware verkaufen, die so gut ist wie eine um 1.500 oder 3.000, und wirtschaftlich überleben. Da muss man eben digital tunen. Aber für den Endverbraucher ist das kein Nachteil, denn ob jetzt physische Treiber oder DSPs die Musik machen, wird allenfalls Hardcore-Audiophile interessieren. Und auch die können, wenn es um Kopfhörer für den mobilen Einsatz geht, digitale Hexenkunst verzeihen, solange der Kopfhörer ihre Ohren nicht beleidigt. Und das tut der Valco VMK20 nicht, sondern er klingt so natürlich und klar, als wäre da kein DSP am Werk, sondern bei Vollmond von japanischen Mönchen zusammengeschraubte Röhren.

Zusammenfassung

Der Valco VMK20 ist für mich die Überraschung des Jahres. Ein Kopfhörer, der in der Realität BESSSER ist, als es die (tolle) Werbung vermuten ließe. Ein Bluetooth-Kopfhörer, dessen Abstimmung so gut ist, dass er sogar mich vollkommen überzeugte, obwohl ich normalerweise kabelgebundenes Equipment bevorzuge. Ein Kopfhörer, der das bislang beste Preis-Leistungs-Verhältnis hat, das ich je erlebt habe. Ein Kopfhörer, dessen Technik ebenso überzeugt wie seine Optik, seine Materialqualität und sein Sound. Von mir gibt es daher eine klare Kaufempfehlung und zwei Daumen nach oben.

Disclaimer: Die Firma Valco hat mir den VMK20 für den Testzeitraum kostenlos zur Verfügung gestellt, aber keinerlei Einfluss auf meine Bewertung genommen. Okay, Valco, darf ich jetzt meinen Hund zurückhaben? Bitte??

Kopfhörer „Supreme On“: Des Teufels neue Kleider

Die Produkte der Berliner Sound-Schmiede „Lautsprecher Teufel“ sprachen viele Jahre lang eine Design-Sprache, die den Namen des Herstellers spiegelte: Sie waren schwarz oder schwarz gemischt mit rot. Das hatte einen hohen Wiedererkennungswert, aber wir leben im Zeitalter von Instagram & Co und Unterhaltungselektronik ist nun ein Mode-Accessoire wie alles andere auch. Für Kopfhörer erfand man den Begriff „Fashion-Can“, und obwohl das zunächst abwertend als Ausdruck der Verachtung strenger Audiophiler gegenüber Kopfhörern, die mehr schick waren als sie gut klangen, gemeint war, ist daraus eine wertfreie Bezeichnung für Headphones geworden, die nicht nach Studiotechnik aussehen, sondern nach optischer Alltagstauglichkeit.

Fashionable

Der brandneue „Supreme On“ von Teufel ist so ein „Fashion Can“. Er ist gleich in sechs Farben erhältlich: In „Night Black“, „Sand White“, „Space Blue“, „Moon Grey“, „Ivy Green“ und „Pale Gold“. Das klingt nicht zufällig nach den fantasievollen Namen, die Smartphone-Hersteller ihren Modellen geben, denn genau das möchte der Supreme On sein: Der schicke Begleiter zum schicken Smartphone. Damit das nicht nur gut aussieht, sondern auch gut klingt, hat Teufel die aktuellste Technik verarbeitet: Bluetooth 5.0, aptX, AAC und natürlich NFC. Mit der „ShareMe „-Funktion lassen sich zwei Kopfhörer ohne Kabel mit einer Quelle verbinden und der Akku hält bei mittlerer Lautstärke bis zu 30 Stunden lang. Außerdem merkt der Kopfhörer, ob er gerade auf jemandes Ohren sitzt oder nicht. Nimmt man ihn ab, pausiert er automatisch die Musikwiedergabe. Setzt man ihn wieder auf, spielt er weiter.

Preis, Verarbeitung, Leistung

Knapp 150 Euro verlangt Teufel für sein neuestes Produkt. Ist es das wert? Kurze Antwort: Ja. Etwas ausführlicher: der Supreme On ist für seine Preisklasse außergewöhnlich gut verarbeitet, technisch voll auf der Höhe der Zeit und musikalisch keinem Konkurrenten bis in die 300-Euro-Preisklasse unterlegen. Die weichen Kunstleder-Ohrpolster liegen angenehm auf den Lauschern, ohne zu viel Druck aufzubauen, und die Optik ist verdammt schick. Das Design erinnert ein bisschen an die zeitlose Eleganz skandinavischer Formsprache. Zum Lieferumfang gehören ein 120 cm langes Klinkenkabel, mit dem sich der Supreme On auch ohne Bluetooth betreiben lässt, ein USB-Ladekabel sowie eine kleine Transporttasche. Der einzig negative Punkt in Sachen Verarbeitung ist das meiner Meinung nach etwas kurz gehaltene Kopfband. Ich habe zugegebenermaßen einen festen Quadratschädel, aber ich musste die weiteste Einstellung wählen, damit der Supreme On bequem auf meinen Ohren ruhte. Ja, AUF den Ohren, denn er ist ein On-Ear-Kopfhörer, kein Over-Ear. Bequem ist er aber. Auch als Brillenträger konnte ich ihn stundenlang benützen, ohne dass mich etwas zwickte. Technisch hatte ich beim Test keinerlei Probleme. Der Supreme On ließ sich mit allen Ausgabegeräten problemlos verbinden und auch die Steuerung mittels des clever designten kleinen Joysticks an der Ohrmuschel klappte problemlos. Man lernt sehr schnell, damit umzugehen, und danach kommen einem die meisten anderen Steuerungs-Methoden anderer Hersteller albern und schlecht durchdacht vor. Ein Schalter, mit dem alle Funktionen zu steuern sind – so muss das sein!

Der Klang

Das schönste Design und die beste Verarbeitung sind freilich nicht viel wert, wenn der Klang nicht stimmt. Zum Glück hat Teufel hier keine faulen Kompromisse gemacht. Der Supreme On mit seinen dynamischen 40-Millimeter-HD-Treibern ist ein erfreulich musikalischer und erstaunlich neutraler Kopfhörer. Seine knackigen Bässe, die vor allem im wichtigen Mittelbass-Segment überzeugen, übertönen nie die Mitten, sondern legen ein festes Bass-Fundament, auf dem der Supreme On dann mit klaren, minimal zurückgenommenen Mitten die Stimmen von Sängerinnen und Sängern sowie die Instrumente sehr hübsch darstellen kann. Alles ist gut ortbar und die Stereo-Bühne ist für einen On-Ear-Bluetooth-On-Ear-Kopfhörer sehr gut. Auch die Höhen haben mich in den meisten Fällen überzeugt. Sie sind glasklar und nur bei extrem schrillen Aufnahmen ein bisschen grell. Damit gibt sich der Supreme On tonal erwachsen und sollte mit seinem Mittelweg zwischen Spaß und Linearität auch Leute, die hohe Ansprüche haben, zufriedenstellen.

Wer seinen Sound gerne ein bisschen pimpen mag, kann das mit der Teufel Headphones App tun. Die ist im Google Play Store und im iOS-Store erhältlich und hat einen ordentlichen Equalizer an Bord. Mit der App lassen sich auch die einzelnen Funktionen des Supreme On neu zuweisen oder gänzlich ein- oder ausschalten.

Der Supreme On hat kein aktives Noise Cancelling, aber er hält Außengeräusche dennoch gut fern. Auch umgekehrt geht die Schalldämpfung voll in Ordnung, denn die Umgebung kriegt fast nichts von der Musik mit, die man mit dem Gerät hört.

Fazit: Der Supreme On von Lautsprecher Teufel ist mit seinen 149,99 Euro ein weiterer Preis-Leistungs-Schlager der Berliner Soundspezialisten und überzeugt mit hochwertiger Verarbeitung ebenso wie mit einem Klang, der spaßig genug ist, um Party zu machen, und fein genug, um auch mal anspruchsvollere Musik zu genießen.

Meze Empyrean – Eine Audienz beim König der Kopfhörer

Mit dem knapp 3.000 Euro teuren Empyrean hat die rumänische Kopfhörer-Manufaktur Meze Audio ihre Version eines Flagschiff-Geräts vorgestellt. Kann der Empyrean seinen Preis rechtfertigen? Fragen wir ihn doch einfach!

Überblick

Lindwurm: Eure königliche Hoheit, manche Audiophile haben Sie als den besten Kopfhörer der Welt bezeichnet. Aber dazu kommen wir vielleicht später noch. Zunächst eine Frage, die ich stellen muss. Sie kosten echt 2.999 Euro? Warum sollte jemand so viel Geld für einen Kopfhörer ausgeben? Wie rechtfertigen Sie diesen wahrlich königlichen Preis?

Meze Empyrean: Ich bin im Gegensatz zu vielen anderen High-End-Tech-Geräten wunderschön, jedes Exemplar von mir wird per Hand von Meistern ihrer Kunst zusammengebaut, ich bin einer der best konstruierten Kopfhörer aller Zeiten, extrem angenehm zu tragen, in meine Entwicklung flossen Jahre von Forschung und Innovation und ich bin einzigartig.

Lindwurm: Was macht Sie denn einzigartig? Soviel ich weiß sind Sie ein sehr guter magnetostatischer Kopfhörer der Oberklasse, aber damit sind Sie nicht allein, da gibt es ja durchaus Konkurrenz wie beispielsweise Hifiman oder LCD.

Meze Empyrean: Kein anderer Kopfhörer hat Treiber, die meinen gleichkommen. Ich habe nicht nur ein gewöhnliches magnetisches Treibersystem, sondern patentierte isodynamische Hybridtreiber, die von der Firma Rinaro exklusiv für mich gebaut werden.

Lindwurm: Äh, was heißt das auf Deutsch?

Meze Empyrean: Das heißt, sehr vereinfacht gesagt, dass in jeder Ohrmuschel zwei magnetostatische Treiber die Membranen zum Schwingen bringen, was eine noch viel genauere Abbildung der Musik erlaubt, als bei gewöhnlichen Treibermembranen.

Kupferne Schönheit:

Lindwurm: Okay, darauf kommen wir noch zu sprechen. Was mir auffällt – Sie sehen anderes aus als alle Kopfhörer, die ich kenne. Sehr attraktiv, aber WIRKLICH anders.

Meze Empyrean: Das liegt daran, dass mein Schöpfer, der Designer Antonio Meze, keine Angst vor Neuem hat und der Meinung ist, dass ein Luxusgegenstand – und ein solcher bin ich – auch geschmackvoll luxuriös aussehen darf. Ich bringe einen Touch von niveauvoller Ästhetik in einen Bereich, der ansonsten von kühler bis hässlicher Tech-Nüchternheit geprägt ist.

Lindwurm: Das trägt wohl auch ein bisschen zum nicht gerade niedrigen Preis bei?

Meze Empyrean: Ein wenig, aber teuer bin ich vor allem, weil ich durchwegs aus höchstwertigen Materialen zusammengebaut werde. Allein um die Rahmen für die Ohrmuscheln aus Aluminium zu fräsen, braucht es 20 Stunden – pro Stück! Die Muscheln selber werden ebenfalls aus einem ganzen Block Aluminium herausgefräst. Das ist sehr arbeits- und zeitintensiv. Klar koste ich dann mehr als ein Kopfhörer, der aus Plastik ist und in China von Robotern zusammengeschraubt wird. Ich werde übrigens so gebaut, dass man jedes einzelne Teil reparieren oder ersetzen kann. Falls bei mir, was unwahrscheinlich ist, mal was kaputt geht, ist das mit einigen Handgriffen wieder ins Lot gebracht. So gesehen bin ich nicht nur ein König, sondern sogar unsterblich. Ich werde außerdem in einem stabilen Metallkoffer geliefert und mit verschieden wählbaren Kabelvarianten.

Lindwurm: Ah, daher wohl auch der Name. „Empyrean“ heißt ja soviel wie „im Empyreum wohnend“ oder „aus dem Empyreum kommend“. Das Empyreum gilt als jener Ort im Himmel, wo Gott und die Engel wohnen.

Meze Empyrean: Exakt. Natürlich wollen meine Erschaffer mit dem Namen auch eine klare Ansage machen. „Hört her, dieser Kopfhörer ist himmlisch!“

Der Sound

Lindwurm: Genug der Höflichkeiten. Wie klingen Sie denn nun, Herr Eymparean?

Meze Empyrean: Bevor ich ins Detail gehe – wussten Sie, dass ich sozusagen zwei Kopfhörer in einem bin?

Lindwurm: Wie bitte? Erklären Sie das!

Meze Empyrean: Nun, ich werde mit zwei Paar Ohrpolstern ausgeliefert. Eines aus Leder, das andere aus Alcantara. Mit den Lederpolstern klinge ich warm, die Bässe steigen in die tiefsten Keller und sind ein bisschen betont, wenn auch präzise, die Mitten sind ungeheuer seidig und genau und die Höhen zeigen jedes Detail, kommen aber nie störend oder schrill rüber. Mit den Lederpolstern bin ich, falls mit die Analogie gestattet ist, ein Rolls Royce. Sie werden kein angenehmeres Hörerlebnis finden, das verspreche ich. Zieht man aber die Alcantarapolster auf, verwandle ich mich in einen Supersportwagen. Alles strafft sich und wird klarer, härter, noch genauer. Mit diesen Polstern bin ich extrem analytisch und schnell, aber immer noch alltagstauglich. Zwei Soundsignaturen in einem Kopfhörer – das ist doch eine Ansage, oder? Außerdem sind die Ohrpolster extrem leicht zu wechseln. Da muss man nichts drehen und winden und in irgendwelche Laschen ziehen. Die Polster haften magnetisch an den Ohrmuscheln und sind super leicht zu entfernen und wieder anzubringen. Das System habe ich mir übrigens patentieren lassen.

Lindwurm: Das ist in der Tat etwas, wovon sich viele andere Hersteller eine Scheibe abschneiden könnten (ich rede vor allem mit Dir, Beyerdynamic!). Sind Sie, Herr Empyrean, schwer anzutreiben? Muss ich, falls ich Sie kaufe, auch noch tausende Euro in einen oder gar mehrere Kopfhörerverstärker investieren?

Meze Empyrean: Mit 32 Ohm Widerstand und einer Empfindlichkeit von 100 db auf 1 mw bin ich da überhaupt nicht anspruchsvoll. Man kann mich sogar an ein Smartphone oder einen Laptop anstecken und ich werde schon sehr gut klingen. Freilich gilt für mich, was für alle anderen guten Kopfhörer gilt – je besser der Verstärker, desto schöner klinge ich. Aber das heißt nicht, dass der Verstärker besonders teuer sein muss. Schon an den Kopfhörerbuchsen guter AV-Receiver oder Stereo-Verstärker entfalte ich 95 % meines Potenzials. Wer die restlichen 5 % will, sollte ein bisschen mit verschiedenen Verstärkern experimentieren, aber wie gesagt: Ich bin in Sachen Verstärkung nicht so energiehungrig und wählerisch wie manche meiner Kollegen. Aber eines sollte ja schon angesichts meines Erscheinungsbildes klar sein: ich bin nicht dafür gedacht, beim Joggen oder in der U-Bahn getragen zu werden. Ich bin für den Feierabend gedacht, wenn man ein schönes Stück Musik auflegt, sich vielleicht einen guten Whiskey einschenkt, die Füße hochlegt und einfach nur im Sound versinken will.

Lindwurm: Wie würden Sie ihre Klangcharakteristik beschreiben?

Meze Empyrean: Mit einem Wort als „einzigartig“. Mit mehren Worten als „enorm musikalisch, verführerisch, cinematisch, unaufgeregt aber blitzschnell, extrem gut auflösend aber nie klinisch kalt. Ich bin nicht brutal neutral, sondern habe eine unverwechselbare Sound-Signatur. Die im Gegensatz zu einigen meiner Konkurrenten den Hörer nicht durch ein steriles Bombardement mit Details eines Musikstücks ermüdet. Die Details sind freilich alle vorhanden, und Sie werden mit mir Sachen hören, die sie in Stücken, die sie seit Jahrzehnten kennen, mit anderen Kopfhörern nicht gehört haben, aber bei mir wächst alles zu einem organischen Ganzen zusammen, eben zu Musik statt zu Musiktheorie.

Lindwurm: Wie unterscheiden Sie sich von günstigeren Top-Modellen wie dem AKG K812, dem Sennheiser HD800, dem Beyerdynamic T1? Und wie halten sie mit teureren Kollegen wie dem LCD-4 oder dem Focal Utopia mit?

Meze Empyrean: Wenn sie die genannten Herrschaften von AKG, Sennheiser und Beyerdynamic kennen, werden Sie wissen, dass diese zwar sehr fein auflösen, aber im Vergleich zu mir recht dünn klingen. Dieses Trio, das übrigens dynamische Treiber hat statt magnetostatische, ist ohne Zweifel gut, aber wer mich im Vergleich hört wird zugeben müssen, dass ich alles, was die können, noch viel besser kann und darüber hinaus halt noch jeder Musik meine ganz eigene Würze verleihe. Mit mir klingt alles, wirklich alles noch deutlich exakter, runder und, verzeihen Sie den schwammigen Begriff, schöner. Eine weit in den Hintergrund gemischte E-Gitarre, die mit dem HD800 nur als eine Art Insektenbrummen links hinten zu hören ist, ist bei mir ganz klar eine E-Gitarre, und zwar so klar, dass man erkennt, wie sie angeschlagen wird, welches Timbre sie hat und ob der Gitarrist mal fester, mal zärtlicher über die Saiten fährt. Was die AKG, die Sennheiser und die Beyerdynamics darstellen können, kann ich bis ins letzte Detail kenntlich machen, und zwar ohne klinisch kühle Detail-Protzerei. Was LCD-4 oder Focal Utopia und andere Kollegen in derselben oder gar höheren Preisklasse betrifft: Ich behaupte, dass ich mit denen nicht nur mithalten kann, sondern sie in einigen Fällen sogar übertreffe. Aber es ist natürlich klar, dass wir hier nicht nur von objektiven Fähigkeiten sprechen, sondern vor allem von persönlichen Vorlieben. Gut, ja extrem gut sind in meiner Preisklasse und darüber wie auch knapp darunter alle Kopfhörer. Aber ich meine, ich bin ein sehr guter Mittelweg zwischen dem dunklen und warmen LCD-4 und dem äußerst hellen und detaillierten Focal Utopia. Wir Spitzenkopfhörer sind die besten unserer Art und können im Prinzip alle alles, aber nicht alle können so viel gleich gut wie ich. DAS ist, meine ich, das beste Argument dafür, mich statt der anderen zu kaufen. Ich habe vielleicht einen Hauch weniger Tiefbass als ein LCD-4 und ein Härchen weniger Höhen als der Utopia, aber mit mir klingt halt auch gerade deswegen fast alles exzellent. Ich komme dem Ideal des „Alleskönners“ sehr nahe. Meine Macher haben mich meiner bescheidenen Meinung nach besser abgestimmt als die Macher der Konkurrenz es mit ihren Produkten tut.

Lindwurm: Beeindruckend. Aber können Sie auch… Motörhead?

Meze Empyrean: Sie wären überrascht. Ich kann nämlich alles und bin auf fast magische Art wie ein Chamäleon bei der Musikwiedergabe. Hören sie zum Beispiel „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss in der Aufnahme des Chicagoer Symphonieorchesters unter Fritz Reiner! Das dumpfe Grollen der Cellos vor dem triumphalen Einstieg von Pauken und Trompeten, die ungeheuren Dynamiksprünge, die ich ohne die geringste Schwierigkeit darstellen kann – es wird Sie ganz weit weg führen vom Stress des Alltags und hinein in einen Konzertsaal. Und dann legen Sie Metal auf, von mir aus auch Motörhead, und staunen, wie dieser gerade noch so kompetente Klassik-Kopfhörer zu rocken anfängt! Mit welcher Leichtigkeit ich rasend schnelle Kickbässe wiedergebe, wie klar (und klar verzerrt) Lemmys Bass klingt! Welche Präsenz der verrauchte, hüstel, Gesang hat! Also ja, ich kann auch Motörhead, so wie ich auch Jazz und Folk und EDM und Oper kann.

Lindwurm: Muss man Sie laut hören, um sie genießen zu können?

Meze Empyrean: Um Gotteswillen, nein! Ich bin auch bei leiser und mittlerer Lautstärke in der Lage, alles zu liefern, was der Hörer haben will. Aber seien Sie gewarnt! Ich verzerre selbst bei Maximallautstärke nicht. Schlechtere Kopfhörer warnen die Zuhörer ja mit angestrengtem Krachen vor gefährlich lauten Tönen. Ich vertraue darauf, dass meine Käufer klug genug sind, mich nur selten so laut zu spielen, wie ich es kann, wenn ich muss.

Komfort

Lindwurm: Da Sie ja auch Metal können – wie steht es um den Sitz am Kopf? Kann man mit ihnen headbangen?

Meze Empyrean: Ich sitze fester am Kopf, als es sich zunächst anfühlt. Man kann mich auch mittels eines sehr robusten und exakten Schiebemechanismus an jede Kopfform anpassen. Ich sag’s mal so: Bei ganz hartem headbanging falle ich natürlich runter – so wie die meisten anderen Kopfhörer auch. Aber ich sitze stabil und kann ein Mitwippen mit der Musik und ein bisschen rhythmisches Kopfschütteln durchaus vertragen. Ich bin auch sehr bequem. Wenn Sie mich ausprobieren werden Sie mir zustimmen, dass es nur ganz wenige andere Kopfhörer gibt, mit denen man stundenlang Musik hören kann, ohne dass irgendwo was zwicken würde. Die Alcantara-Ohrpolster finden viele meiner Fans ein bisschen angenehmer auf Dauer als die Lederpolster, aber auch das liegt letztlich am persönlichen Empfinden.

Lindwurm: Okay, das klingt alles fantastisch, aber jetzt mal ganz ehrlich – gibt es auch Punkte, die gegen Sie sprechen, Herr Empyrean?

Meze Empyrean: Für viele wird mein Preis natürlich ein No-Go sein. Aber wer mich mal gehört hat (und ein bisschen was von Musik und Musikwiedergabe versteht), wird sich in mich verlieben und versuchen, das Geld irgendwie aufzutreiben. Sonst? Nun, ich bin kein Straßenkopfhörer. Auch im Büro sollte man mich eher nicht einsetzen, falls man es mit mehreren Kollegen teilen muss, denn ich leake doch ordentlich Sound nach außen. Bluetooth und ähnlichen Quatsch kann ich auch nicht, will ich aber auch gar nicht. Ich bin kabelgebunden, weil Kabel immer noch den besten Sound liefern. Okay, hier muss ich doch was gestehen: Mein mitgeliefertes Kabel ist war sehr gut, neigt aber, falls man nicht aufpasst, zum Verknoten, da es recht starr ist. Meze Audio bietet zwar bessere Kabel an, aber für die müsste man extra bezahlen.

Lindwurm: Herr Empyrean, ich danke für das Gespräch. Gibt es noch etwas, Was sie meinen Leserinnen und Lesern zum Abschluss sagen möchten?

Meze Empyrean: Ja. Probiert mich aus! Ich glaube nicht, dass es Audiophile gibt, die mich nicht mögen. Viele werden sich in mich sogar regelrecht vernarren. Ich glaube an mich und an meine Fähigkeiten und sage daher auch nicht „nein“, wenn jemand behauptet, ich sei der beste Kopfhörer der Welt. Objektiv bin ich aufgrund meiner technischen Fähigkeiten einer der zehn besten Kopfhörer der Welt, was mich subjektiv für viele Musikliebhaber wohl zum besten machen dürfte.

Disclaimer: Meze Audio hat mir den Empyrean für den Testzeitraum geliehen. Die hier in Form eines fiktiven Interviews geschilderten Eindrücke sind meine eigenen und wurden von Meze Audio nicht beeinflusst. Ich selbst war vom Empyrean so beeindruckt, dass ich ihn kaufen werde. Und wenn ich dafür eine Milz verscherbeln muss.

Den Meze Empyrion gibt es hier: https://mezeaudio.eu/collections/all

Wenn Corona das Hirn angreift…

Weil Corona gerade auch in den Psychen vieler Menschen eine Spur der Verwüstung zieht, sich öffentliches Durchdrehen Prominenter diverser Berühmtheitsgrade in Funk und Fernsehen ebenso häuft wie dramatisches Entfreunden und Blocken auf Social Media, ein kleines Textlein dazu:

Das Corona-Virus ist wirklich. Es hat weltweit schon an die 250.000 Menschen getötet und es ist sehr ansteckend. Das ist bewiesen und mit Zahlen unterlegt. Wer das bezweifelt und glaubt, man habe es mit einer Super-Verschwörung zu tun und böse Schattenregierungen hätten hunderttausende Tote einfach erfunden, glaubt vermutlich auch daran, dass es 9/11 nicht gegeben hat, die Amerikaner nicht am Mond waren und die Regierung Gedanken lesen kann. Das darf man glauben, aber dann hat man keinen Anspruch mehr darauf, ernst genommen zu werden.

Man kann nicht behaupten, Corona sei von Bill Gates erfunden worden, um die Menschen einzusperren, damit er und seine außerirdischen Echsenwesen-Kumpel in Ruhe Kinder entführen können, um deren Blut zu trinken, und gleichzeitig darüber jammern, dass diese „Meinung“ nicht dasselbe Gewicht hat wie die von Wissenschaftlerinnen, speziell jene von Virologen. Wirre Fantasien sind nicht wissenschaftlichen Fakten gleichwertig.

Selbstverständlich darf, ja soll man jede einzelne Maßnahme der Regierungen hinterfragen und kritisieren. Wo Kritik endet, fängt blinder Gehorsam an. Wo die Debatte endet, dröhnt die Propaganda. Auch Humor muss gestattet sein, selbst zu den finstersten Ereignissen. Aber um am Erwachsenentisch mitreden zu dürfen, sollte man wenigstens ein paar Basics beherrschen. Die da wären:

-Das Virus ist real

-Einschätzungen von Virologen und Epidemiologen ändern sich nicht, weil die auf Befehl der Weltverschwörung jeden Tag was anderes sagen müssen, sondern weil das Virus noch nicht vollständig erforscht ist. Aus demselben Grund ändern sich die Behandlungsmethoden der Ärzte. Covid-19 ist ein neuartiges Coronavirus, das offenbar bereits mehrfach mutiert ist und mehrere Stämme hervorgebracht hat. Wissenschaftler sind außerdem keine unfehlbaren Götter, sondern müssen sich Wissen erarbeiten. Auf dem Weg zur Erkenntnis können und müssen sie auch irren.

-Die persönliche Freiheit hört dort auf, wo sie das Leben anderer gefährdet. Wer besoffen Auto fährt oder auf Crack ein Linienflugzeug pilotiert, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern viele andere Menschen. Dasselbe gilt für die Situation einer Pandemie. Nur weil man glaubt, das Virus stelle für einen selber keine Bedrohung dar, was übrigens ein Irrglaube ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man das Recht hätte, das Ansteckungsrisiko für andere Menschen zu erhöhen, indem man Hygiene- und andere Vorsichtsmaßnahmen ignoriert. Das macht niemanden zum starken rebellischen Kerl, sondern zum rücksichtslosen Deppen, der nicht nur sich, sondern auch andere an Leib und Leben gefährdet.

-Bill Gates ist kein Reptiloid, der das Virus erfunden hat, um allen Menschen Tracking-Chips einzupflanzen. Er ist natürlich Kermit der Frosch, der allen Menschen Software verkaufen will, aber genau weiß, dass er als Frosch nicht mal ein Bankkonto eröffnen könnte. Real ist Gates ein Monopolkapitalist, der viel zu wenig Steuern zahlt, aber immerhin einen Teil seines irrsinnigen Vermögens für den Kampf gegen Krankheiten und Hunger ausgibt. Das Problem ist nicht, dass Gates und andere eine Verschwörung gegen die Menschheit anführen würden, sondern dass wir in einem System leben, dass es zulässt, dass Menschen hunderte Milliarden Dollar besitzen können während die große Mehrheit entweder ihre einzigartige Lebenszeit verkaufen muss oder komplett leer ausgeht.

-Es gibt keine „überflüssigen“ Menschen und keine „verzichtbaren“. Wer anfängt, Menschengruppen auszusortieren, und sei es wohlmeinend als „Risikogruppe“, öffnet einem Denken Tür und Tor, das unsolidarisch und inhuman ist.

-Maßnahmen wie relativ milde Vorschriften, das Haus nach Möglichkeit nur für notwendige Erledigungen zu verlassen, sind nicht „Faschismus“, gell Herr Elon Musk? Viel eher schon Faschismus ist es, Minderheiten zugunsten des Begehrens der Mehrheit, „normal“ konsumieren und arbeiten zu dürfen, zu opfern (oder für Herrn Musks Profite).

-Selbst wenn man gar nichts weiß, sollte es einen zumindest nachdenklich stimmen, wenn die schärfsten Proteste gegen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung von Rechtsextremen kommen. Wenn Nazis und andere menschenfeindliche Drecksäcke etwas schlecht finden, ist es in 99,9 % aller Fälle gut und richtig.

AKG K812: Das Endspiel

2014 kam die damals noch österreichische Firma AKG mit einem High-End-Kopfhörer auf den Markt, der zu den schon um einiges länger im Umlauf befindlichen Spitzenmodellen von Beyerdynamic und Sennheiser aufschließen sollte. Diese und andere Firmen hatten nämlich schon vor AKG erkannt, dass sich über den HiFi-Modellen, die zwischen 250 und 500 kosteten, ein neuer großer Markt eröffnet hatte und immer mehr Audiophile bereit waren, über 1.000 Euro für Top-Kopfhörer auszugeben. AKG war also ein bisschen so wie der Typ, der zu spät zu einer Party kommt und dort dann, weil er nicht so knülle wie alle anderen ist, nicht so recht dazu passt. Dazu kommt, dass AKG kurz danach in wirtschaftliche Turbulenzen geriet, die letztlich dazu führten, dass der ehemalige österreichische Traditionsbetrieb heute einem internationalen Konsortium unter der Führung von Harman gehört. Die Produktion wurde in die Slowakei verlegt und etliche langjährige Mitarbeiterinnen verließen die Firma. Das alles trug nicht dazu bei, ein Produkt richtig zu vermarkten, das jeden Hype verdient hätte, weil es schlicht und ergreifend einer der besten Kopfhörer der Welt ist.

Nachdem AKG mit dem K712 einen Kopfhörer der Referenzklasse konstruiert hatte, der bis heute bei Studiotechnikern und Audiophilen einen guten Ruf genießt (bis auf leider vorhandene Qualitätsmängel bei der Bauweise), gab das Management von AKG seinen Ingenieuren freie Hand, um den „besten Kopfhörer aller Zeiten“ zu bauen, koste es, was es wolle. Heraus kam dabei der K812, ein wahres Monster von Kopfhörer mit einem Frequenzgang von 5Hz bis 54KHz. Die mit 53mm recht großen Treiber werden von Magneten angetrieben, die nicht weniger als 1,5 Tesla Power haben – was meines Wissens bis heute nur ganz wenige und recht exotische Hersteller überboten haben. Zum Vergleich: Der berühmte T1 von Beyerdynamic heißt so, weil er gerade mal 1 Tesla hat.

Haptik und Qualität

Auch bei den Materialien scheute AKG vor nichts, was gut und teuer ist, zurück. Der K812 besteht zu 99 Prozent aus Metall, Leder und Kunstleder. Nach dem Auspacken fühlt sich der Kopfhörer zunächst filigran an, was aber mehr am Respekt liegt, den man einem so teuren Stück entgegenbringt. Benützt man ihn täglich und, so wie ich, durchaus auch unvorsichtig, stellt sich rasch heraus: Das Teil ist bombensicher gebaut und hält allerlei Missbrauch aus. Das soll ja auch so sein, denn immerhin ist der K812 für den Einsatz in Studios gedacht, wo man ganze Nächte lang durcharbeitet und dabei nicht immer völlig konzentriert und nüchtern ist. Im Gegensatz zu anderen AKG-Modellen hat der K812 kein selbst justierendes Kopfband, sondern einen sehr soliden Klick-Mechanismus, mit dem man die gewünschte Passform einstellt. Hat man das erledigt, bleibt die Einstellung auch so, egal, ob man den Kopfhörer pfleglich behandelt oder öfters mal auf den Boden klatschen lässt. Die Ohrpolster sind aus Proteinleder, was eine gute Sache ist, denn Echtleder ist anfälliger für Verschleiß, muss immer wieder mit Ölen gepflegt werden und kann vor allem nicht so exakt in Passform gebracht werden wie Kunstleder. Der Sitz des Hörers ist gut, wenn auch nicht geeignet für extremes Headbanging, denn der Anpressdruck ist eher sanft. Zusammen mit den weichen Ohrpolstern ergibt das aber eine Langzeittauglichkeit, die ich bislang noch nicht erlebt habe. Den K812 kann man den ganzen Tag über auf dem Kopf haben, ohne dass es irgendwo zwicken oder drücken würde. Angeschlossen wird der K812 über eine Lemo-Verbindung, die wesentlich stabiler und robuster ist als zB eine Mini-XLR. Klar, ideal ist das auch nicht, denn am besten sind meistens immer noch normale 3,5-mm-Klinkenanschlüsse, vor allem weil man leicht und günstig Ersatz finden kann. Aber der Lemo-Stecker hält bombenfest und er wirkt auch nach zwei Monaten nicht so, als würde er jemals auseinanderfallen.

Give AKG a chance!

Kurzer Einschub: Eigentlich wollte ich AKG keine Chance mehr geben, nachdem mir zwei K712-Modelle binnen kürzester Zeit kaputt gegangen waren. Aber dann kaufte ich mir einen Beyerdynamic T1 und musste ihn umgehend retournieren, weil die Tonqualität für ein angebliches Spitzenmodell für meine Ohren nicht akzeptabel war. Danach legte ich mir einen DT1990, ebenfalls von Beyerdynamic zu, und der war zwar besser, hatte aber immer noch viel zu viele von den negativen Eigenschaften des T1, war also zu „zischelig“, hatte Probleme mit der Darstellung komplexer Musik und neigte zum Überzeichnen von Bässen und Höhen auf Kosten der Mitten. Irgendwann letzten Dezember trank ich mal zu viel Bier und bestellte dann den K812 von AKG. Warum? Weil ich einerseits nie vergessen habe, wie toll die Hörer der Wiener früher mal waren, und weil andererseits der Preis des K812 von knapp 1.600 Euro auf 800 Euro gefallen war. Dieser besoffene Impulskauf war einer der besten Käufe meines Lebens.

Und wie kling er nun?

Der K812 ist, und das meine ich völlig ernst, einer der besten Kopfhörer, die es derzeit zu kaufen gibt. Er steht weder dem Sennheiser HD-800S noch dem Sony MDR-Z1 noch dem Grado PS-1000 noch dem Focal Clear noch Magnetostaten und Elektrostaten der 3.000-Euro-Preisklasse nach. Der AKG spielt in einer Klasse, in der es kein „Besser“ und kein „Schlechter“ mehr gibt, sondern nur noch ein „Anders“. Kopfhörer dieser Preisklasse sind fast alle extrem gut, aber sie unterscheiden sich in Nuancen. Manche Nuance ist größer als die andere. Eine nicht ganz unwichtige Nuance: Der AKG K812 ist mit einem Widerstand von 32 Ohm leichter anzufeuern als viele Konkurrenten. Das heißt natürlich nicht, dass er an jedem Smartphone gleich umwerfend klingt wie an einem guten Verstärker, aber es heißt, dass man, falls man einen guten oder sogar oberklassigen Stereo- oder Heimkinoverstärker hat, nicht nochmal 1.000 Euro in einen eigenen Kopfhörerverstärker investieren muss. Und das ist für mich und vermutlich viele andere Konsumenten ein wichtiger Punkt. Nicht alle von uns sind Millionäre, nicht jeder mag Verstärker um Verstärker ausprobieren, nur um nach langem Trial & Error endlich die richtige Antriebskette gefunden zu haben. Der K812 ist, falls die Energiequelle nicht totaler Mist ist, an fast jedem halbwegs okayen System nicht nur einsetzbar, sondern klingt hervorragend.

Bass? Oh ja, aber guter Bass

Nach dem ersten Aufsetzen dachte ich zuerst: „Oh Gott, wo ist der Bass?“ Doch nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass der K812 Bass nicht nur kann, sondern besser kann als die meisten anderen Kopfhörer. Er bläst halt keinen schwachen Bass zu einem starken auf. Hat eine Aufnahme starken Bass, bringt der AKG das auch ans Ohr, und zwar mit einer Autorität und einem Tiefgang, wie man sie nur von sehr teuren Lautsprechern kennt. Also wirklich SEHR teuren Lautsprechern. Ich habe in Tonstudios Monitorboxen erlebt, die um die 20.000 Euro kosten, und genau deren Präzision und Klangtreue liefert auch der K812.

Die schöne Überraschung: Im Gegensatz zum Beyerdynamic T1 und teilweise auch zum Sennheiser HD-800 hat der AKG K812 nicht das geringste Problem mit sehr komplexen und dynamischen Aufnahmen. Im Gegenteil schüttelt er noch die schwierigste Aufnahme so locker aus den Hörmuscheln, als wollte er die Konkurrenten verhöhnen. Nichts klingt auf dem K812 schrill oder übermäßig hoch, denn alles klingt fast exakt so, wie es aufgenommen wurde. Fast, weil der K812 trotz seiner extremen Detailtreue die Musik nie unerträglich erscheinen lässt. Ich weiß auch nicht, welche Hexenkunst da am Werk ist, aber dieser Kopfhörer ist sowohl äußerst neutral als auch musikalisch. Selbst sehr „helle“ Aufnahmen wie zB frühe Beatles wirken mit dem K812 nicht schrill oder ausgedünnt, sondern extrem angenehm. Man hört freilich alles, also wirklich alles einer Aufnahme. Ein Orchestermusiker vergreift sich ganz weit im Hintergrund im Ton? Der K812 bringt es ans Licht. Eine Sängerin hatte drei Tage vor der Aufnahme einen Hustenanfall? Mit dem K812 kann man ihr auch nach Jahrzehnten eine Diagnose stellen. Das Teil ist dermaßen enthüllend und transparent und deckt so viel auf, dass es beim FBI wäre, wäre es eine Person. Der K812 hat eine große Bühne, einer der größten, und dennoch bleibt alles unter Kontrolle und das Stereobild zerfällt nie in seine Einzelteile. Die Ortung der einzelnen Instrumente oder Geräusche ist unfassbar präzise, was den Hörer auch zu einem Tipp für ernsthafte Gamer macht.

Für mich persönlich ist der AKG K812 das Endspiel. Ich habe einige teurere, sogar viel teurerer Kopfhörer gehört, und die konnten sich vom K812 nicht entscheidend absetzen. Umgekehrt aber war der Sprung vom K712, dem Sennheiser HD-650 oder dem Beyerdynamic DT1990 immens groß. Der K812 spielt zwei oder drei Ligen über denen. Warum aber führt dieses Meisterstück von Kopfhörer dennoch eher ein Schattendasein im globalen Krieg um den Titel „bester Kopfhörer“? Nun ja, weil einerseits AKG in Turbulenzen geriet und andererseits, so meine Vermutung, AKG nicht genügend Gratis-Exemplare an diverse „Influencer“ verschickt hat. Die Branche der Reviewer ist sehr korrupt und man sollte auf deren Meinung nicht viel geben. Vor allem diverse Youtube-Stars erwarten sich von Herstellern, dass diese ihnen ihre Produkte gratis zur Verfügung stellen, um gute Besprechungen zu kriegen. AKG hat das wohl nicht im ausreichenden Umfang gemacht, weswegen ihr bestes Produkt fast unter dem Radar fliegt.

Fazit: Der AKG K82 ist einer der besten Kopfhörer der Welt und angesichts seines Preises vielleicht sogar überhaupt der beste. Rein technisch gesehen gibt es keinen anderen dynamischen Kopfhörer, auch keinen um 5.000 Euro, der den AKG maßgeblich übertrifft. Daher ist der K812 mein Tipp für alle, die schon immer mal das Beste vom Besten haben wollten, aber nicht mehr als 800 Euro dafür ausgeben wollen oder können. Wird er jedem gefallen? Nein, natürlich nicht. Geschmäcker sind verschieden. Ich habe nun aber schon lange genug mit hochwertigen Audiogeräten zu tun, um mir dieses Urteil zuzutrauen: Der AKG K812 gehört zu den besten Kopfhörern aller Zeiten und wer Musik wirklich in allen Details hören will, kriegt nichts besseres, schon gar nicht um den Preis.

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Teufel Airy – wenig Gewicht, fetter Sound

Die Berliner Soundspezialisten von „Lautsprecher Teufel“ haben ihren Bluetooth-Kopfhörer „Airy“ behutsam modernisiert. Schon das Vorgängermodell erfreute sich großer Beliebtheit, nicht zuletzt wegen seines geringen Gewichts, das ihn zu einem perfekten Outdoor-Begleiter machte. Ist der Nachfolger, der schon für 149,99 Euro zu haben ist, besser oder wurde hier nur verschlimmbessert?

Entwarnung: Der Airy 2.0 ist in allen Belangen besser als die erste Version. Die Akkulaufzeit für den Bluetooth-Betrieb wurde von 20 auf 30 Stunden erhöht, die Reichweite für den Empfang stieg von acht auf über zwölf Meter, der allerneueste apt-X-Standard ist an Bord und die Neodym-Treiber wurden noch einmal feiner getunt. Teufel verspricht auch einen besseren Tragekomfort durch weichere Ohrpolster und einen geringeren Anpressdruck.

Optik und Haptik

Der neue Airy fühlt sich trotz seiner nur 165 Gramm, die ihn zu einem der leichtesten vollwertigen Bluetoothkopfhörer am Markt machen, nicht zerbrechlich oder billig an. Natürlich gibt es in dieser Preisklasse kein Echtleder und keine Bügel aus gegossenem Aluminium, aber die Kunststoffe wirken solide und das Kunstleder ist schön weich. Plastik ist ja kein Zeichen für mangelnde Qualität, kommt es doch selbst bei High-End-Kopfhörern, die über 1.000 Euro kosten, zum Einsatz. Optisch ist der Airy ein schlanker Geselle, der dank der mitgelieferten und wechselbaren farbigen Ringe für die Ohrmuscheln in Rot, Gelb und Grün jugendlich-frische Akzente setzt. Wer es noch bunter haben will, kann sich ein Zusatzpaket an Wechselringen bestellen. Gut gefallen mir der drehbare Lautstärkeregler und die Bedientasten für den Telefonbetrieb. Damit ist der Airy einfacher und genauer zu benutzen als viele Konkurrenzprodukte, die auf Touch-Bedienfelder setzen.

Tragekomfort

Nicht zu 100 Prozent glücklich bin ich mit dem Tragekomfort, denn obwohl Teufel die Ohrpolster verbessert und den Anpressdruck vermindert hat, spüre ich nach ca eineinhalb Stunden einen leichten Schmerz auf den Ohren. Das ist kein Beinbruch, denn der Airy ist ja nicht dafür gedacht, ihn den ganzen Tag lang zu tragen. Er soll vor allem unterwegs zum Einsatz kommen, also zum Beispiel bei der Zugfahrt zur Arbeit oder beim joggen. Unter eineinhalb Stunden habe ich als Brillenträger kein Problem mit dem Komfort, aber lange Opern oder die Vier-Stunden-Fassung von „Es war einmal in Amerika“ würde ich mir mit dem Airy nicht antun wollen.

Im tiefen Keller des Sounds

Teufel hat dem grundsätzlich neutral abgestimmten Airy im Bassbereich einen Tacken mehr Power gegeben, nach meiner Einschätzung ca 2 dB mehr, und das war eine sehr gute Entscheidung, denn er klingt jetzt voller und satter als zuvor. Vor allem Tiefbass kommt beeindruckend wuchtig und dennoch kontrolliert rüber, was den Freunden elektronischer Musik sehr gefallen dürfte. Die Mitten sind sauber und neutral, wobei Bariton- und Bassstimmen besonders gefällig klingen. In den höheren Tonlagen spielt der Airy detailliert und klar. Insgesamt kommt der neue Teufel viel teureren Kopfhörern tonal verblüffend nahe. Der Airy hat zwar kein aktives Noise Cancelling, schirmt aber gegen Außengeräusche recht gut ab und lässt auch fast keine Töne nach außen dringen.

Lieferumfang

Kopfhörer, Anschlusskabel mit 2,5-mm-Miniklinke (1,3 Meter lang) , Micro-USD-Ladekabel, 3 Paar farbige Ringe für die Ohrmuscheln, Stofftasche.

Pro: Hervorragend klingender und leichter Bluetooth-Kopfhörer. Tolle Akkulaufzeit. Hohe Bluetooth-Reichweite. Modernste Technik an Bord. Gute und logische Bedienung.

Contra: Kann je nach Empfindlichkeit der Ohren nach längerer Zeit etwas zu zwicken anfangen.

Fazit: Wer einen leichten und sehr gut klingenden Bluetooth-Kopfhörer sucht und nicht unbedingt aktives Noise Cancelling braucht, findet im Teufel Airy ein fair kalkuliertes Angebot, das viele Konkurrenzprodukte an Tonqualität und Preis-Leistungs-Verhältnis übertrifft. Die Ergonomie könnte noch ein bisschen besser sein. Ansonsten ein fast makelloser Kopfhörer.

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