Nico: All Tomorrows Parties

Was ist das für eine Frau, die ihren eigenen Sohn anfixt? Was ist das für eine Sängerin, die bei Konzerten schon mal einen Song dem in Stammheim ums Leben gekommenen RAF-Mitbegründer Andreas Baader widmet? Wer ist diese Dame, für die Bob Dylan den Song “I´ll keep it with mine” schrieb, die mit Brian Jones, Alain Delon, Lou Reed, Jackson Browne, Jim Morrison und etlichen anderen männlichen und weiblichen Promis der „Szene“ im Bett war und nebenher als Erfinderin des Gothic-Rocks gilt? Die Antwort auf alle diese Fragen lautet: Nico.

Am 16. Oktober 1938 wird Nico unter dem Namen Christa Päffgen in Köln geboren. Ihr Vater kehrt aus dem zweiten Weltkrieg nicht zurück. Man munkelt, er sei wegen der Zusammenarbeit mit jüdischen Partisanen erschossen worden. Im Deutschland der Nachkriegszeit gilt das nicht als Heldentat, sondern als Schande, und so lernt die junge Nico dieses Land, zu dem sie ihr Leben lang eine Hassliebe verbinden sollte, als einen Ort des Verschweigens, Zurechtlügens und Verdrängens kennen. Als 16-jähriges Mädchen wird die schöne blonde Christa vom Fotografen Herbert Tobias entdeckt und arbeitet fortan als Model. Ihre Karriere ist steil wie das Matterhorn und findet in einer Filmrolle in Frederico Fellinis “La Dolce Vita” einen ersten Höhepunkt.

Höhepunkte beschert ihr zu dieser Zeit auch der Filmemacher Nico Papatakis, von dem sie ihren späteren Künstlernamen übernimmt. Das Paar verbringt einige schöne Jahre in Paris, bis Christa schwanger wird – nicht von Papatakis, sondern von Alain Delon. 1962 kommt der gemeinsamen Sohn Christian Aaron Päffgen, von Nico zärtlich Ari genannt, zur Welt. Delon streitet jedoch ab, der Vater zu sein, ganz im Gegensatz zu seinen Eltern, die Ari liebevoll bei sich aufnehmen und später sogar adoptieren. Delon verzeiht ihnen das bis heute nicht und hat seither jeden Kontakt zu ihnen abgebrochen und ihnen niemals auch nur einen Cent von seinen Millionengagen abgegeben.

Nico macht Schluss mit Papatakis und zieht nach London, wo sie vom Stones-Gitarristen Brian Jones angebetet und flachgelegt wird. Sie macht erste Sing-Versuche und trifft Bob Dylan, der für sie den tröstenden Song “I´ll keep it with mine” schreibt. Dylan ist es auch, der Nico in New York mit der Freak-Truppe rund um Andy Warhol bekannt macht. In Warhols “Factory”, einer Art Pop-Kunst-Kommune, lernt die schöne Deutsche eine schräge Band namens “Velvet Underground” kennen und verliebt sich in deren Sänger, Lou Reed. Warhol, der die Band managt, drängt den Velvets Nico als Leadsängerin auf, und es funktioniert. Mit ihrer dunklen,  androgynen Stimme und ihrem deutschen Akzent verleiht Päffgen den Songs von Lou Reed und John Cale eine fast sakrale Ausstrahlung, die besonders gut bei dem Stück “All Tomorrows Parties” zur Wirkung kommt. Dieser Song kann getrost als Geburtsstunde des Gothic-Rocks betrachtet werden, so erhaben und düster kommt er daher. Weitere Glanzlichter des Albums sind “Femme Fatal” und das von Reed gesungene “Heroin”, eine Hymne über jenen Stoff, den Nico und Lou inzwischen täglich brauchen. Bald zerkracht sich Nico mit Lou Reed und verlässt die Band, um eine Solokarriere zu starten. Unterstützt wird sie dabei nicht nur vom Ex-Kollegen John Cale, sondern auch von einem 18-jährigen Bürschchen namens Jackson Browne, das noch nicht weiß, dass es später Welthits wie “Take it easy” schreiben sollte.

Nico zieht nach L.A. und wird kurzzeitig zur Geliebten von Jim Morrison, der ihr mit seiner düsteren, todessüchtigen Lyrik wie ein Geistesverwandter erscheint. Die Affäre dauert nicht lange und Nico, inzwischen schwerst heroinsüchtig, übersiedelt wieder nach Paris, wo sie mit dem Avantgarde-Regisseur Philippe Garell, der täglich mehrere LSD-Trips wirft, in einer Bude ohne Strom und Heizung haust. Nach einigen Jahren an der Grenze zum Wahnsinn nimmt sie wieder Platten auf und geht auf Tour. Ein britischer Miet-Musiker erinnert sich: “Eines Tages schleppte jemand diese verbraucht aussehende Blondine an, und sie verschwand sofort in meinem Klo, von wo sie 30 Minuten lang nicht mehr herauskam. Ich fragte, wer das denn sei, und man sagte mir ´das ist Nico von den Velvet Underground`. Da wusste ich natürlich, was sie im Scheißhaus tat”. Nico gibt nicht nach, solange nicht alle Bandmitglieder auf Heroin sind. Die Konzerte sind umstrittene, finstere Happenings, und manchmal widmet die Chanteuse einen Song dem RAF-Bomber Andreas Baader. Der mörderische deutsche Kadavergehorsam, der sich auch nach der Hitlerei noch lange erhalten hatte, inspiriert Nico zu dem Lied “Nibelungenland”, einer traurigen Elegie über die Tragik dieses Volkes. In Deutschland versteht das kaum jemand, böse Presseberichte sind die Folge.

Ende der 70er Jahre holt Päffgen ihren Sohn Ari zu sich in ihr Haus auf Ibiza. Sie schreckt nicht davor zurück, ihn anzufixen. Ari wird später sagen dass dies wohl ihre Art war, ihn an sich zu binden. Mutter und Sohn leben wie Mann und Frau zusammen, schlafen im selben Bett und teilen sich die Nadel. An einem heißen Sommertag im Jahr 1988 schwingt sich Nico auf ihr Fahrrad, weil sie in der Stadt Haschisch kaufen will. Obwohl es über 40 Grad im Schatten hat, ist sie mit einer langen schwarzen Lederhose und schweren Oberklamotten bekleidet. In Ibiza-Stadt erleidet sie einen Schlaganfall und bricht zusammen. Man bringt sie ins Krankenhaus, doch jede Hilfe kommt zu spät. “Es war die Sonne”, sagt Ari später. “Die Sonne hat sie umgebracht”.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

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