Diese Linke ist tot

Vor einigen Jahren hatte der Lindwurm das Missvergnügen, im Anschluss an die Präsentation des Buchs „Europas neue Idee“, verfasst vom mehrfach verurteilten Wiederbetätiger Herbert Schweiger, ehemals SS-Leibstandarte Adolf Hitler, mit eben diesem Schweiger sowie einer Runde hochrangiger Neo- und  Altnazis an einem Wirtshaustisch zu sitzen. Neben den immer wieder gerne gehörten Klassikern, die an Nazistammtischen diskutiert werden – als da wären „der ewige Jude“, „die jüdische Weltverschwörung“ und „diese verdammten Juden“ – erörterte das braune Pack auch Zukunftsperspektiven und ließ vor allem einen Mann immer wieder laut hochleben, sobald die Bierkrüge aneinanderprallten: Wladimir Putin. Zwar wolle man nicht vergessen, dass die Russen nicht immer nett zur Wehrmacht gewesen seien, und auch der entehrten deutschen Frauen möchte man gedenken, doch solle man die Zwistigkeiten der Vergangenheit ruhen lassen, denn der knackige Karatekämpfer Putin habe das Zeug dazu, „Eurasien“ in eine judenfreie Zukunft zu führen. So vernahm es der Lindwurm aus den Mündern jener Nazis, die keine dummen kahlgeschorenen ostdeutschen Modernisierungsverlierer sind, sondern die, hüstel, intellektuelle Speerspitze der „Bewegung“, die schon seit mehr als zehn Jahren an einer neuen Querfront bastelt und bereits große Teile der Traditionslinken und der Dummlinken in ihr Netzwerk eingebunden hat. An jenem Abend bekam der Lindwurm das komplette Programm, wie es einem heute von unzähligen Zeitungen, Internetauftritten und Foren entgegenstinkt, zu hören: Hinter allen weltpolitischen Ereignissen stecke eine gigantische Verschwörung, an deren Spitze die Juden stünden, der Kapitalismus und vor allem die „jüdische“ Zinswirtschaft müssten abgeschafft werden, die USA und Israel seien die „Feinde aller friedliebenden Völker“ und „Eurasien“ müsse sich durch eine „großrassige Zusammenarbeit der weißen Völker“ gegen „USrael“ erheben. Putin sei der Mann, dem dieses noble Werk zuzutrauen sei, schwärmten die braunen Strategen.

Seit diesem Erlebnis ist der Lindwurm ein wenig hellhöriger geworden, was Russland-Anbiederung und Putin-Verklärung durch westliche Idioten betrifft. Der Mann und sein System begeistern rechte und linke Totalitarismusfans gleichermaßen, wobei das Putin-Fandom vor allem jenen Teil der westeuropäischen Linken, der ihm anheimgefallen ist, als Volldeppenverstanstaltung desavouiert, leiden doch neben Juden,  Muslimen, Liberalen und Systemkritikern aller Art vor allem auch linke Gruppierungen unter dem durch KGB-Methoden abgesicherten neooligarchischen Putinsystem. Das ist den satten deutschen und österreichischen „Linken“ aber Powidl. Ein Blick in linke Publikationen wie die „Junge Welt“, auf diverse Webauftritte sich links fühlender Parteien und/oder Bewegungen, oder auch nur in die Foren ganz normaler Tageszeitungen beweist: Locker 80 Prozent der deutschsprachigen Linken sind auf Putinkurs. Diese seltsamen Leute stört die Tatsache, dass Oppositonelle unterdrückt, Wahlen gefälscht, eine imperialistische Außenpolitik betrieben und Kritiker ermordet werden ebensowenig wie die entsetzliche soziale Situation der überwältigenden Mehrheit der Russinnen und Russen, von denen die allermeisten mit rund 100 Euro pro Monat überleben müssen, während Putins Freundeskreis vor lauter Kaviarfressen und Champagnersaufen schon Fressbrechdurchfall hat. Diese „Linken“ runzeln auch nichtmal die Stirn, wenn ein Polithallodri wie Gerhard Schröder, der von allen Bundeskanzlern den engagiertesten Kampf gegen Deutschlands Arbeitnehmer geführt hat, mit der Kremlmafia gemeinsame Sache macht.

Kurz: Die putinfreundliche Linke ist nicht links, sie ist antiemanzipatorisch, antidemokratisch, antiaufklärerisch, antiinternationalistisch und antisozialistisch. Sie besteht aus Freunden der trügerischen totalitären Nestwärme, aus bezahlten Verrätern und nützlichen Idioten. Diese Leute sind genausowenig links wie die selbsternannten Kumpels von Hamas und Hizbollah. Nicht ohne Grund treten die Freunde von Putins Russland, dem Iran und den antiisraelischen und antiwestlichen Terrorbanden meist in Personalunion auf. Größte Teile der aktuellen europäischen Linken stecken in einer intellektuellen und strategischen Totalkrise  und sind daher zu kritikunfähigen „Ich-solidarisiere-mich-mit-jedem-Arschloch“-Vereinen verkommen. Und das ist eine atemberaubende Fehlleistung angesichts der sozialen Probleme, die in Westeuropa verstärkt auftreten und deren Bekämpfung die genuine Aufgabe von Bewegungen und Personen wäre, die sich als links bezeichnen. Aber statt gegen die zunehmende Ausgrenzung sozial schwacher Bevölkerungsgruppen vorzugehen, engagiert man sich für die „Palästinenser“. Statt an einem Konzept zu arbeiten, das die Existenzsicherung jedes Menschen ermöglichen würde, weil er eben ein Mensch ist und daher ein Existenzrecht hat, „kämpft“ man gegen den „US-Imperalismus“. Statt sich auf die Seite jener zu stellen, die in Russland eine Lebenserwartung von 50 haben und im Winter erfrieren, kuschelt man mit deren Mördern. Statt für Frauenrechte und frei bestimmte Sexualität einzutreten, kriecht man den Frauensteinigern und Schwulenaufhängern in den Arsch.

Diese Linke ist tot, genauer gesagt ein Zombie, ein unheimlicher Wiedergänger, der enthirnt die Phrasen der Vergangenheit drischt und in der Gegenwart zielsicher die falsche Seite unterstützt.

Dieser Artikel ist der Erinnerung an Magomed Jewlojew gewidmet, der von den Schergen Putins ermordet wurde.

Ein Gedanke zu “Diese Linke ist tot

  1. Drastisch, aber wohl wahr. Ich verstehe immer noch nicht, wie man sich einerseits „links“ nennen, andererseits mit Faschisten wie Putin oder, noch schlimmer, Stalin solidarisieren kann. Dass deren Politik nichts mit Sozialismus oder gar Humanismus zu tun hat/te, wird ob des Trugbildes, Russland und Kommunismus gehörten quasi zusammen und Kommunismus sei per se gut, gekonnt ignoriert. Traurig.

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