Nimm dir noch ein Stück von meinem Herzen

Wie kaum eine andere Persönlichkeit in der Geschichte der Rockmusik steht Janis Joplin für das bereits 1955 vom Rockabilly-Sänger Faron Young in einem song verewigte Rebellen-Motto „live fast, love hard, die young!“ Die Bluesröhre aus Texas hat verdammt schnell gelebt, verdammt intensiv geliebt und ist verdammt jung gestorben. Im zarten Alter von 27 Jahren fiel sie einer Überdosis Heroin zum Opfer.

Janis wächst behütet in der kleinen texanischen Ölstadt Port Arthur heran. Mit der Pubertät kommen die ersten Schwierigkeiten. Die junge Janis fühlt sich eingeengt, hält sich für hässlich und vergräbt sich in ihrem Zimmer, um immer und immer wieder alte Bluesplatten anzuhören. Das spießige Klima der 50er Jahre, das in Texanischen Kleinstädten noch stärker zu spüren ist als anderswo, veranlasst die rebellische junge Frau, sich nach Gegenwelten umzusehen. Kaum dass sie den High School-Abschluss in der Hand hat, haut sie ab nach Kalifornien, jenem wundersamen Land, wo angeblich alles anders ist. Und tatsächlich: Joplin trifft in L.A. auf seltsame Gestalten, die Beatniks, quasi die Urhippies, die auf Bongos trommelnd im Park hocken und Haschisch rauchen. Janis fühlt sich zum ersten Mal wohl unter anderen Menschen, kehrt aber im Herbst 1961 zurück nach Texas, um in Austin zu studieren. Aber statt ihren Büchern widmet sie sich mehr und mehr dem Blues und dem Folk, beginnt stark zu trinken und tritt in Clubs und Cafes auf, wo erstaunte Zuhörer erstmals mit ihrer drei Oktaven umfassenden Stimme konfrontiert  werden. Zu dieser Zeit erfährt Janis eine Verletzung, die sie nie vergessen sollte: Eine straighte Studentengruppe nominiert sie für den Titel „hässlichster Mann an der Uni“. Grund genug für sie, auf den Campus und die stupiden männerbündischen Strukturen dort endgültig zu scheißen.

1963 zieht es Janis wieder nach Kalifornien, wo sie untere anderem mit dem späteren Gitarristen der Jefferson Airplane, Jorma Kaukonen, ein Techtelmechtel hat und Bekanntschaft mit Amphetaminen macht, nach denen sie rasch süchtig wird. 1965 schließlich erleidet sie einen gesundheitlichen Zusammenbruch und kriecht erstmal wieder bei Mama und Papa in Texas unter. Rasch erholt sich ihr junger Organismus wieder und für eine Zeit lang schafft sie es, von Alkhohol und Speed fern zu bleiben. Doch im Frühjahr 1966 lernt sie Roky Erickson und seine 13th Floor Elevators kennen, Psychdelic-Pioniere, die Janis mit der wilden Welt von LSD bekannt machen. Sie tritt ein paar Mal mit dieser Freak-Truppe auf und denkt ernsthaft daran, voll einzusteigen, als sie wieder einmal den unwiderstehlichen Ruf von der Westküste vernimmt. Eine Band namens „Big Brother & the Holding Company“ lässt anfragen, ob sie denn Lust hätte, als Leadsängerin zu fungieren. Sie stimmt zu und verlässt die „Elevators“, was sicher eine gute Entscheidung ist wenn man bedenkt, dass deren Mitglieder wenig später in Irrenhäusern und Gefängnissen enden sollten.

San Francisco 1966 ist ein ausbrechender Vulkan an Kreativität und Irrsinn, überall schießen Hippiekommunen aus dem Boden, politische Aktivisten rüsten zum Widerstand gegen den Vietnamkrieg und den Kapitalismus an sich, eine ganze Generation wendet sich von den Werten ihrer Eltern ab und einem radikalen, von halluzinogenen Drogen angefeuerten Hedonismus zu. Janis bewegt sich in dieser Atmosphäre wie ein Fisch im Wasser. Schon bald gehören „Big Brother“ zu den Hausbands der Gegenkultur, vor allem aber der Gesang von Joplin zieht die Leute in seinen Bann. Nie zuvor hat man sowas gehört, nie zuvor hat eine Sängerin so viel Sex, Verletzlichkeit und Aggression ausgestrahlt. Der Auftritt der Band beim „Monterey Pop Festival“ wird zum Triumph, rund 200.000 Menschen werden Zeugen, wie Joplin und ihre Jungs ein explosives Set spielen, dessen Höhepunkt wohl der Blues-Klassiker „Ball and Chain“ ist. Unter den 200.000 befindet sich auch Albert Grossman, ein ausgebuffter Manager, der auch Bob Dylan repräsentiert, und der erkennt sofort das kommerzielle Potential der Band. Er verschafft ihr einen Plattenvertrag, doch das Debut schafft es nur auf Platz 60 der Billboard-Charts.

Der große Durchbruch kommt erst 1968 mit dem Album „Cheap Thrills“, einer wahren Rock-Offenbarung, bei der von der Musik bis hin zum von Robert Crumb („Fritz the Cat“) gestalteten Cover alles stimmt. Mit Liedern wie „Another piece of my heart“, „the combination of the two“ und „Ball and Chain“ toppt die Platte wochenlang die Hitparade, der rockige Sound kommt an und schafft den Spagat zwischen Kommerz und Street Credibility, was auch der berühmte Sticker auf dem Cover andeutet: „Approved by Hells Angels“. Janis genießt jetzt ihren Ruhm in vollen Zügen, nimmt allerlei Drogen und hat Sex mit unzähligen Männern und Frauen. Sie verhält sich ganz so wie es ihre männlichen Kollegen tun, ist nicht das passive Mädel, sondern eine aggressive Aufreißerin. Ihre Mitmusikanten von „Big Brother“ geben sich jedoch so sehr dem Exzess hin, dass sie unzuverlässig werden und bei Konzerten patzen, was Janis eiskalt mit der Gründung einer neuen Band beantwortet. 1969 erblickt die „Kozmic Blues Band“ das Licht der Bühnenscheinwerfer, und mit dieser Truppe tourt Joplin das ganze resrtliche Jahr über und tritt auch in Woodstock auf. Die LP „I got dem ol` kozmic Blues again Mama“ wird ein Riesenhit. Trotzdem erkennt Janis, dass sie sich auf einem gefährlichen Weg befindet, und sie entsagt für ein paar Monate den Drogen, fängt eine Romanze mit Kris Kristopherson, dessen Lied „me & Bobby McGee“ sie zum Welthit machen sollte, an und arbeitet an ihrem neuesten Album, „Pearl“. Zu der Zeit trifft sie auch in New York mit Leonard Cohen zusammen, der sie bedrängt, mit ihm zu schlafen. „Ich tue es normalerweise nur mit attraktiven Männern“, sagt sie ihm, „aber für dich mache ich eine Ausnahme“. Vom Blowjob, den er bekommt, ist Cohen so begeistert, dass er darüber ein Lied schreibt.

Im Herbst 1970 hält Joplin es nüchtern nicht länger aus und besorgt sich wieder Heroin. Was sie nicht weiß: Der Stoff ist extrem rein. Am 4. Oktober setzt sie sich damit einen Schuss, der ihr letzter sein sollte. Tags darauf wird sie in ihrem Hotelzimmer tot aufgefunden. Die LP „Pearl“ wird, nicht zuletzt wegen der Evergreens „Me & Bobby McGee“ und „Mercedez Benz“ posthum zu Janis` größtem Erfolg. Ihr Tod jedoch schockt die Musikwelt und Millionen Fans auf der ganzen Welt. Die Frau, die den Blues für weiße Mädchen entdeckt und bewiesen hat, dass wilder, befreiender Sex nicht unbedingt reine Machosache sein muss, hinterlässt eine Leere und das bittere Gefühl, dass die 60er endgültig vorbei sind. Und viele begreifen nun, dass die Sache mit dem „live fast, love hard, die young“ durchaus ernst werden kann. Eric Burdon kommentiert den Tod seiner Kollegin mit folgenden, sehr treffenden Worten: „Janis starb nicht an einer Überdosis Heroin, sie starb an einer Überdosis Janis“.

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