Der Haider-Mythos bröckelt bereits

Drei Tage nach dem tödlichen Verkehrsunfall Jörg Haiders erwachen die Kärntner langsam aus ihrer Schockstarre und es zeigt sich ein etwas anderes Bild als jenes, das von vielen Medien gerne von Kärnten gezeichnet wird. Der Lindwurm war heute den ganzen Tag unterwegs und hat mit dutzenden Kärntnerinnen und Kärntnern aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und politischen Lagern gesprochen, und eines wurde dabei immer klarer: Je mehr Details über den Unfallhergang bekannt werden, desto stiller werden die Verschwörungstheoretiker, und langsam klingen auch die Betroffenheitswallungen ab. Stattdessen wird immer häufiger in durchaus sehr kritischem Ton über die Fahrweise des Verunglückten gesprochen (laut neuesten Erkenntnissen soll Haider nicht mit 142, sondern mit ganzen 175 km/h im Ortsgebiet unterwegs gewesen sein!), Worte wie „selber schuld“ und „gemeingefährlich“ fallen, und sogar am Kerzenanzünden vor dem Amtssitz Haiders vergeht den Kärntnern langsam die Lust. Dieses angebliche „Kerzenmeer“ ist übrigens nicht so riesig groß, wie von manchen Medien beschrieben, und ich denke mal, wenn beispielsweise der Wiener Bürgermeister oder der oberösterreichische Landeshauptmann tödlich verunglücken würden, würden die Beileidsbekundungen der Bevölkerung auch nicht geringer ausfallen. Was gerne vergessen wird, wenn über das „Haiderland“ Kärnten berichtet wird: Jörg Haider hatte hier niemals die absolute Mehrheit. Es gab stets mehr Menschen, die ihn nicht wählten und ihn sogar offen ablehnten, als er Anhänger hatte. Er hat sich bloß geschickt als die Verkörperung des Bundeslandes inszeniert und war durch ein gigantisches Werbebudget allgegenwärtig, was mache Beobachter aus anderen Bundesteilen oder aus dem Ausland zur falschen Annahme verleitete, Haider wäre wirklich der unumstrittene Landesfürst, der er nur in seiner Fantasie und seiner Propaganda war. Die mediale Omnipräsenz Haiders ist auch einer der Hauptgründe für den tiefen Schock, den viele Kärntnerinnen und Kärntner durch sein plötzliches Ableben erlitten haben.

Nun lässt dieser Schock nach und es wird immer mehr Menschen klar, wie substanzlos Haiders Politik war und welch inkompetente Schar von Jasagern nun sein Erbe im BZÖ antreten will. Zu meiner großen Überraschung haben in den heute von mir geführten Gesprächen bereits viele Leute angekündigt, in Hinkunft wohl eher die SPÖ, die ÖVP, die Grünen oder – im Fall von rechts eingestellten Menschen – die FPÖ wählen zu wollen und nicht das BZÖ. Interimslandeshauptmann Gerhard Dörfler wird als uncharismatisch und behäbig wahrgenommen, im Zusammenhang mit dem neuen Kärntner BZÖ-Parteichef Uwe Scheuch fallen erstaunlich oft die Beschreibungen „unsympathisch, machtgeil und zwielichtig“ und mit Haiders seit Tagen weinendem  „Lebensmenschen“ Stefan Petzner hat man zwar Mitleid, aber wenig Bedürfnis, von ihm regiert zu werden.

Der Mythos Haider lebt zwar noch und wird vom BZÖ wohl mit aller Macht zu konservieren versucht werden, doch er bröckelt bereits. Den Kärntnern wird langsam klar, dass es Haider war, der die schlechten Wirtschaftsdaten Kärntens zu verantworten hatte. Als ob sie aus einem langen Traum erwachen würden, sehen nun rasch immer mehr Menschen, dass der „Kaiser nackt“ war und hinter den großen Gesten und den Dauerwerbeeinschaltungen nur heiße Luft stand.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass die speziellen psychosozialen Bedingungen, die Haider in Kärnten groß werden ließen, nun verschwinden würden. Es gibt lediglich erste Anzeichen dafür, dass Haiders Tod wie das Fingerschnippen des Hypnotiseurs wirkt, der seine Patienten wieder in die Realität zurückführten will. Es liegt nun an SPÖ, ÖVP und den Grünen, dafür zu sorgen, dass die Kärntner auch wirklich aufwachen und sich der Wirklichkeit stellen, anstatt sich der nekrophilen Haidernostalgie hinzugeben, die das BZÖ jetzt ohne Zweifel mit allen Mitteln fördern wird. Der erste Schritt muss sein, dem BZÖ bei der anstehenden Landtagssitzung nicht den Landeshauptmannsessel zu schenken.

Werbeanzeigen

10 Gedanken zu “Der Haider-Mythos bröckelt bereits

  1. „Der erste Schritt muss sein, dem BZÖ bei der anstehenden Landtagssitzung nicht den Landeshauptmannsessel zu schenken.“

    —————–

    Wie sieht denn die Sitzverteilung aus und welche Bündnisse kämen in Frage bzw. welche oder wie viele Abgeordnete anderer Parteien würden den BZÖ-Kandidaten wählen?

    Grüße
    Bernd

  2. Dein Wort in Gottes Ohr-das morgendliche Zeitungsstudium zeichnet jedenfalls ein vollkommen anderes Bild. Es scheint sogar so, als ob die Hysterie schlimmer würde, und nicht abflaut…aber ich hoffe, ich täusche mich! Auch habe ich mit Leuten gesprochen,die sich über meine Meinung aufgeregt haben und die den Bierkutscher Dörfler bedenkenlos wählen werden,wenn er als Landeshauptmann kandidiert. Meine Informationen stammen aber nicht aus intellektuellen Kreisen, wie vielleicht bei dir, sondern von den Normalbürgern. Wie gesagt-ich hoffe, DU hast recht! Sonst endet Kärnten endgültig als Treppenwitz der Geschichte.

  3. @ tingler: Dass die Medien versuchen, einen Lady-Di-Effekt zu kreieren, liegt in derem ureigenen Interesse. Es hebt die Auflage. Ich persönlich habe aber keine weinenden, hysterischen Menschen getroffen gestern…

    @ Bernd: BZÖ: 15 Sitze, SPÖ 14, ÖVP 4, Grüne2, FPÖ 1.

  4. Ihr Wort in Gottes Ohr!

    Denn:
    Klagenfurts Bürgermeister plant bereits einen Park nach dem Verstorbenen zu benennen.
    Und wenn das so weiter geht, dann rufen womöglich bald katholische Kreise wie weiland kurz nach dem Tod von Giovanni Paolo II „santo subito“.

    Vielleicht könnte jemand, so wie Erwin Ringel die österreichische Seele zu erklären versuchte, nun eben die „Kärntner Seele“ erklären.
    Denn gewaltige Probleme müssen wir Kärntner ja haben, wenn lt. Medienberichten ganz Kärnten in übertriebener Manier um den verstorbenen Landeshauptmann trauert.
    Ein Symptom für dahinter stehende Probleme: eine Mitschülerin meiner Tochter, die die Volksschule besucht, begann deswegen während des Unterrichts zu weinen und mußte von der Lehrerin getröstet werden! Angeblich waren ihre Eltern mit dem Verstorbenen befreundet.

    Waren etwa die meisten seiner Wähler mit Haider befreundet oder persönlich bekannt?

  5. @stalbin:Ich teile Ihre Befürchtungen,hoffe aber von ganzem Herzen,daß der „Lindwurm“Recht hat!
    Heute kam im Mittagsjournal eine Interviewstrecke mit „betroffenen Kärntnern“ vor ort, die mir die gänsehaut auffahren liess-von der Schulklasse bis zum Greis alle sind scheinbar auf „Haider Superstar“-Wahlfahrt….

  6. Lange Texte – viele Fragen. Ich picke einmal zwei heraus:

    – wie waren die Wirtschaftsdaten Kärntens vor der aktuellen Regierung? bitte um Aufklärung.

    – war die aktuelle Konstellation (LH-Sessel) an J.H. gebunden oder an den Chef des BZÖ?

  7. @ the rufus: Ein paar Antworten findest du hier: https://lindwurm.wordpress.com/2008/08/31/zahlen-und-fakten-zu-haiders-marchenstunden/

    Ein Beispiel: Schuldenstand 1999: 971,626 Millionen Euro. Schuldenstand heute: 2,15 Milliarden Euro! Die Pro-Kopf-Verschuldung stieg unter Haiders Regentschaft von 1902 Euro auf satte 3837 Euro. Und das alles, obwohl die Haider-Partie das gesamte Tafelsilber verscherbelt hat (Wohnbaudarlehen des Landes, Kelag-Anteile, Hypo-Alpe-Adria: alles verkauft).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s