Überall Nazis: Wie Florian Klenk der BZÖ-Propaganda auf den Leim ging

Der Lindwurm schätzt Florian Klenk als einen der besten österreichischen Journalisten. Umso betrüblicher ist es, dass sich auch Klenk nicht die Mühe macht, in Sachen Haider-Mythos ordentlich zu recherchieren, sondern anhand skurriler Witzfiguren wie dem Großkirchheimer Bürgermeister Peter Suntinger und eines Lokalaugenscheins in der Zentrale der Kärntner „Tagsüber-Zehn-Bier-Säufer“, dem Lokal „Pumpe“, fleißig an der Legende mitstrickt, nach der die Kärntner ein seltsamer Barbarenstamm mit einem autoritären Kollektivbewusstsein seien, die in einem unverständlichem Paralleluniversum einen faschistoiden Führerkult pflegen. Hallo, Herr Klenk, jemand zuhause? Was haben sie sich denn erwartet, wenn sie am Tag von Haiders Beisetzung in der Klagenfurter Innenstadt unterwegs sind, in die das BZÖ 25.000 Haider-Fans aus ganz Kärnten mit Gratisbussen angekarrt hat? Haben sie ernsthaft gedacht, ausgerechnet im Wirtshaus Pumpe, wo sich schon an gewöhnlichen Tagen Klagenfurts Rechte die Welt zurechtsaufen, am Tag der großen Haider-Verabschiedungshow auch nur einen Menschen anzutreffen, der nicht um den abgekratzten Führer trauert?

Ganz besonders peinlich wird die Reportage, wenn sie die Heldengeschichte der zwei einsamen Teenager-Partisanen erzählt, die allein es gewagt hätten, gegen die Stimmung anzugehen, zwei gegen 500.000 sozusagen. Ich zitiere: „Wo solche Eintracht herrscht, wird Widerspruch zur Tat. Während Suntinger trauert, verteilen der Koch Wolfgang Dunst, 18, und die Schülerin Lisa Streiner,17, Flugblätter in der Innenstadt. Haiders Rassismus, steht darauf zu lesen, sei den Kärntnern egal. „Ihnen ist es wichtig, dass ‚ der Jörgl‘ ihnen einmal die Hand geschüttelt hat, sie einmal auf ein Bier eingeladen hat.“ In jeder überregionalen Qualitätszeitung könnte das stehen. Dennoch beschlagnahmte die Polizei 396 Flugblätter, wie das Sicherstellungsprotokoll vermerkt. Ein Zivilpolizist drohte den zwei Jugendlichen mit der Verhaftung und fotografierte sie. Dunst und Streiner sehen anders aus als die übrigen Kärntner. Sie tragen Dreadlocks und Piercings. Es sind Kids, die „gegen rechts“ sein wollen. Doch der Staat macht es ihnen schwer. „In der Schule“, erzählt Lisa Streiner, „befahl uns der Lehrer eine halbe Minute stehend zu trauern.“ Er hatte eine Weisung von Landesrat Uwe Scheuch umgesetzt, der nun gerade am Rednerpult seine Eloge auf den „unsterblichen Landesvater“ hält. „Hätte ich mich widersetzt“, sagt die Schülerin, „wäre ich von der Schule geflogen.“ Schüler die nicht trauern, bekämen nämlich einen Verweis. Bei drei Vermerken fliegt man. Die aufmüpfige Lisa Streiner hatte schon zwei.“

Die zwei Helden sehen also „anders aus als die übrigen Kärntner“? Haben sie, Herr Klenk, gesehen, wie ich am Tag von Haiders Begräbnis ausgesehen habe? Wie etwa 95 Prozent der Kärntnerinnen und Kärntner an diesem Tag ausgesehen haben? Ich verrate es ihnen gerne: Wir sahen so aus wie immer, trugen weder Kärntneranzug, noch Dirndlkleid, noch Burschenschaftshut, noch Goldhauben. Kurz: Wir sahen ziemlich genau so aus wie die Wiener, die Steier, die Slowenen und die Italiener. Dreadlocks und Piercings tragen wir freilich nicht alle, und ich möchte hinzufügen: Gott sei´s gedankt, dass nur eine Minderheit der Kids diesem miefigen Antiglobalisierungs-Veganerinnen-Haarwäscheverächter-Look frönt. Aber in Wien und überall sonst, wo man den Falter liest, wird man die eine oder andere Träne vergossen haben ob der rührenden Geschichte zweier junger Widerstandskämpfer im Land, in dem nur Nazis wohnen. Der „aufmüpfigen Lisa Streiner“ möchte ich übrigens auf diesem Weg noch mitteilen, dass sie, wohl ohne es zu merken, bereits einen gemütlichen Sonntagsantifaschismus praktiziert, denn vor realen Autoritäten wie ihren Lehrern und vor realen Risiken wie einem Schulverweis hat sie offensichtlich Angst. Dabei wäre doch genau das ein Akt des Widerstandes gewesen: Sich von der Schule verweisen lassen, weil man nicht um Haider getrauert hat, und dann damit an die Medien gehen. Das Blöde dabei: Sie wäre wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit NICHT von der Schule geflogen, zumindest nicht deswegen. Und übrigens: am Tag der Haider-Trauerfeierlichkeiten Flugblätter zu verteilen, auf denen die übliche schwachsinnige Floskelansammlung im Jargon der 70er Jahre steht, zeugt auch nicht von Mut, sondern von fast schon verachtenswerter Naivität.

Aber Hauptsache ist doch, dass sie, Herr Klenk, zu den hunderten schon existierenden eine Story mehr hinzugefügt haben, die die Kärntner kollektiv zu Volltrotteln abstempelt. Da kann man sich dann zufrieden zurücklehnen und in einem der Bobo-Lokale Wiens ein Gläschen trinken und muss nicht weiter darüber nachdenken, dass man gerade der Mehrheit der Kärntnerinnen und Kärntner, die Haider nie gewählt haben, die kein Problem mit zweisprachigen Ortstafeln haben und die nicht in Trachtenjanker gewandet im Pumpe Bier saufen, heftig in den Rücken geschossen hat, gelle? Dass sie, Herr Klenk, der BZÖ-Propaganda voll auf den Leim gegangen sind und diese sogar zu transportieren helfen, ist ihnen nicht aufgefallen? Gerade von ihnen hätte ich erwartet, dass sie NICHT nur im Pumpe und an den vom BZÖ organisierten „Gedenkstätten“ Leute interviewen, sondern vielleicht auch mal jene Lokale aufsuchen, in denen Kärntens Intelligenz verkehrt. Und wenn das schon aus Ortsunkenntnis oder Faulheit nicht möglich war, dann hätte es gereicht, an einem ganz normalen Tag, an dem nicht gerade ein Anführer des „Dritten Lagers“ pompös in die Grube fährt, mit ganz normalen Kärntnern zu sprechen (kleiner Hinweis: Das sind jene 95 Prozent, die nicht am hellichten Tag im abgewetzten Kärntneranzug in einschlägigen Lokalen Alkohol trinken, und es sind auch nicht die Bewohner abgelegener Gebirgsdörfer mit ihren faschistoiden Bürgermeistern) um ein etwas differenzierteres Bild von Kärnten und seinen Bewohnern zu zeichnen.

Aber was reg ich mich auf? Ich sollte einfach nach Wien fahren, eine Tour durch tiefe Vorstadthütten machen und dann über die unsäglichen Wortmeldungen schreiben, die dort zu hören sind und die an rechtsextremer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Ich habe lange genug in Wien gelebt um zu wissen, dass diese Stadt keineswegs nur aus den Bezirken innerhalb des Gürtels besteht, wo sich Menschen wie Herr Klenk hauptsächlich aufhalten, und dass der Bevökerungsanteil, der für autoritäre Parteien und Volksverhetzer anfällig ist, in Wien genau so groß ist wie in Kärnten. Dass Haider bei den Nationalratswahlen von 1999 in den Wiener Arbeiterbezirken die SPÖ überholt hatte, daran erinnert man sich in Klenks Kreisen wohl nicht mehr. Ist ja schließlich ein bisschen peinlich. Und die Wahlergebnisse von Haiders ideologischem Nachfolger Heinz Christian Strache waren im September in Favoriten, Meidling & Co auch nicht gerade von schlechten Eltern. Da erfüllt die Fantasie von den bösen Nazis im Süden wohl die psychologische Funktion, nicht an die Rechtsextemisten vor der eigenen Haustür denken zu müssen.

Mit unfreundlichen Grüßen

Der Lindwurm

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18 Gedanken zu “Überall Nazis: Wie Florian Klenk der BZÖ-Propaganda auf den Leim ging

  1. Ich würde zu Ihrem – mir aus dem Herzen sprechenden Beitrag – gerne noch etwas hinzufügen:

    In der Schule meine Sohnes wurde auf Wunsch zahlreicher Eltern und Lehrer KEINE Trauerstunde abgehalten. Die Lehrerin teilte mir mit, dass sie sowieso nie vorgehabt hätten und dass die vielen Eltern, die ihre Kinder deswege früher von der Schule abgeholt hätten, sie in Ihrem Beschluß noch bestätigt hätten….wie Sie schon schreiben, anscheinend sind wohl doch nicht alle Kärntner gleich….
    ( Herr Klenk sollte über ein derart primitives Schubladendenken doch eigentlich wirklich erhaben sein!)

    Wahrscheinlich werden wir uns aber leider noch oft über Verallgemeinerungen dieser Art ärgern müssen…

  2. @ woertherseeweibl: Ich habe ebenfalls von Lehrern gehört, die diese „Gedenkstunde“ einfach ausfallen ließen oder in eine Art Freistunde verwandelten. Dass das von Klenk zitierte Mädchen von der Schule geflogen wäre, wenn es sich geweigert hätte, an so einer Veranstaltung teilzunehmen, kann der Klenk seinem Frisör erzählen, das ist doch völlig unglaubwürdig.

  3. Ich gebe Ihnen in vollem Umfang recht, nur

    zitat:
    Ich habe lange genug in Wien gelebt um zu wissen, dass diese Stadt keineswegs nur aus den Bezirken innerhalb des Rings besteht, …

    ist wohl in Ihrem Eifer etwas schief gegangen. Innerhalb des Rings gibt es nur einen Bezirk. Sie meinten wohl den Gürtel 😉

    Und mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen, ist meiner Meinung nicht die beste Wahl. Lassen Sie doch „Milde“ walten mit den Verallgemeinern und machen Sie es besser!

    Liebe Grüße aus dem nördlichen Niederösterreich
    Wolf

  4. Uiuiui, da ist aber jemand böse. Ich gebe wolf35 Recht: Diese Verallgemeinerung von Kärtnern als dumme Haider-Verehrer ist natürlich maßlos verallgemeinert und übertrieben; wieder mal werden jene Leute übergangen, die schon Zeit ihres Lebens Haider mehr oder minder kritisch betrachteten.
    Dass du allerdings deinerseits wieder zu Verallgemeinerungen greifst, kann man einerseits als rhetorisches Mittel sehen, andererseits – und ich glaube, dass das hier der Fall ist – aber wiederum als Ausdruck blinder Wut, die vielleicht auch dem Herrn Klenk widerfuhr, als er von der Geschichte der beiden Jugendlichen hörte. Immerhin ist es durchaus eine Frechheit, wenn ein Polizist Flugblätter beschlagnahmt und mit Verhaftung droht, bloß weil man sich gegen das allgemeine Trauerdiktat stellt. So etwas anzuprangern ist gut und richtig, nicht jedoch den Kärntner als Unmensch an sich.

  5. Ich schließe mich dem Artikel vollinhaltlich an, rechte Ideen sind wirklich nicht auf ein Bundesland beschränkt. Persönlich halte ich von Klenk nicht so viel wie der „Lindwurm“ aber das ist ansichtssache. Etwas rührend fand ich als er im Zusammenhang mit der Peter Pilz Kritik zu den Vorgängen rund um den VGT mehr „Respekt vor der Justiz“ gefordert hat. Ausgerechnet Klenk, der selbst erst kürzlich vor dem Strafrichter stand, weil er eine Richterin persönlich beleidigt haben soll.

  6. jaja, sehr gut geschrieben. Aber diese Mischung aus Provinzialität und Ahnungslosigkeit ist man von Wie… ups vom Falter ja gewöhnt. Um (fast)mit Wittgenstein zu sprechen: „Die Grenzen meiner Stadt sind die Grenzen meiner Welt“

  7. Ich fand den Artikel recht gut und interessant. Hatte auch nicht das Gefühl, dass Klenk damit ganz Kärnten charakterisieren wollte. Wie dem auch sei: Das hier ist ein durchaus beachtenswertes Contra.

  8. eine interessante diskussion, v.a. aber eine wichtige diskussion.
    ich schätze beide darstellungen, die von f. klenk und diesen beitrag. und ich würde behaupten, dass das ein positives element dieses andauernden ringens um interpretationshoheit ist. hier beleuchtet ein ausgezeichneter journalist wichtige aspekte und ein ausgezeichneter blogbeitrag widerspricht in aspekten und beleuchtet andere seiten.

    das ist eine derartige erholung gegenüber der massenberichterstattung in medialen klischeebildern einerseits und wütenden postings, stellungnahmen, vorwürfen andererseits!
    das hält – und das hat viel mit web2.0 zu tun – dem undifferenzierten ringen um mythenbildung bzw. mythendekonstruktion eine intelligent differenzierenden debatte entgegen.
    (hier mein umgang mit dem problem.)

    thanks

  9. „kleiner Hinweis: Das sind jene 95 Prozent, die nicht am hellichten Tag im abgewetzten Kärntneranzug in einschlägigen Lokalen Alkohol trinken, und es sind auch nicht die Bewohner abgelegener Gebirgsdörfer mit ihren faschistoiden Bürgermeistern“.

    Lieber Lindwurm, vergreifen Sie sich da nicht auch ein bisserl im Ton? Ich als Einwohner des tatsächlich abgelegenen Bergdorfes Großkirchheim gehöre nämlich auch nicht zu denjenigen, die Haider nachtrauern. Wenn Sie schon eine differenzierte Sichtweise von Florian Klenk fordern und nicht wollen, dass alle Kärntner über einen Kamm geschoren werden, dann darf ich bitte auch von Ihnen fordern, dass Sie das nicht mit den „Einwohnern von Bergdörfern“ machen. Obwohl auf mir der Fluch lastet, in einem Dorf mit faschistoidem Bürgermeister aufgewachsen zu sein. Doch auch bei uns haben nicht 100 Prozent BZÖ gewählt und es wehten nicht von jedem Balkon schwarze Flaggen.

  10. Ach ja:

    Aber was reg ich mich auf? Ich sollte Sie einfach nach Großkirchheim einladen, wo wir eine Tour durch die örtlichen Gasthäuser machen und wo Sie dann über die Wortmeldungen schreiben können, von denen, die genauso wie ich nicht Jörg Haider nachtrauern, und die in ihrer deutlichen Abgrenzung zur Politik des Herrn Haider nichts zu wünschen übrig lassen.

  11. @skensegeng: Ich wollte sie und andere Nicht-Suntinger-Wähler aus Großkirchheim nicht in Sippenhaftung nehmen (wie es der Suntinger mit Asylbewerbern gerne machen würde), aber dass ihr Bürgermeister faschistoide Ansichten hat, werden sie wohl nicht bestreiten wollen?

  12. Nein, das bestreite ich nicht, dazu kenne ich die Ansichten „meines“ Bürgermeisters zu gut (Was Florian Klenk in seinem Porträt über den feinen Herrn schreibt, ist übrigens nur die Spitze des Eisberges). Mich hat einzig und allein die Formulierung mit den „Bewohnern abgelegener Gebirgsdörfer“ gestört.

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