Syd Barrett: Einmal Wahnsinn ohne Rückfahrkarte

Wer vor einigen Jahren im britischen Universitätsstädtchen Cambridge spazieren ging, begegnete unter Umständen einem dicklichen älteren Herren mit Halbglatze, der sich manchmal scheu umblickte, als würde ihn jemand verfolgen. Der Mann hatte leider Grund zur Paranoia, wurde er doch jahrelang von seltsamen Gestalten heimgesucht, die ihn hartnäckig “Syd“ nannten und ein Autogramm haben wollten. Roger Barrett fürchtete sich vor Fremden und er wusste nicht so richtig, warum man ihn immer wieder auf eine Rockgruppe mit dem eigenwilligen Namen “Pink Floyd“ ansprach. In manchen Vollmondnächten erinnerte sich Roger aber daran, dass er vor vielen vielen Jahren mit drei anderen Jungs Musik gemacht hatte, dass er eine Gitarre in der Hand hielt und in ein Mikrophon sang. Mit den Erinnerungen kam diese schreckliche Ahnung, ein anderer Mensch zu sein als der, für den er sich hielt. Er sah einen jungen Mann, der bunte Klamotten trug und ständig dieses eigenartige Medikament einnahm, ein Medikament, dass so ganz anders war als die Psychopharmaka, die Roger einnehmen musste. Wenn die Träume und Erinnerungen zu intensiv wurden, ging Mr. Barret ins Krankenhaus, wo man ihm Medizin gab, damit die Gespenster sich verflüchtigten.

Gespenstisch geht es auch an einem Tag im Jahr 1975 in den Aufnahmestudios in der Londoner Abbey Road zu. Roger Waters, David Gilmour, Rick Wright und Nick Mason – zusammen bekannt als Pink Floyd – nehmen die LP “Wish you were here“ auf, eine Hommage an den Gründer der Band, Syd Barret, der 1968 in den Wahnsinn abgedriftet war. Als man gerade den letzten Schliff an die Songs legt, taucht ein fetter Glatzkopf im Studio auf und fragt, wann er sein Gitarrensolo einspielen soll. Erst nach einigen Schrecksekunden erkennen die Floyd ihren ehemaligen Bandleader. Es folgt peinliches Schweigen. Schließlich sagt Waters, dass man die Gitarrentracks alle schon aufgenommen habe, doch Syd ist schon mit etwas anderem beschäftigt: Er putzt sich die Zähne. Gilmour spielt Barrett den Song “Wish you were here“ vor und fragt ihn, was er davon halte. “Klingt alt“, sagt Syd. Schlagzeuger Mason spricht seinen ehemaligen Boss auf dessen stattliche Leibesfülle an. “Ich habe einen großen Kühlschrank mit viel Schweinefleisch“. Barrett geht und lässt sich nie wieder bei  Pink Floyd blicken.

Im Sommer 1967 haben die Floyd gerade ihren ersten Top Ten Hit gelandet. “See Emily play“, ein harmlos wirkendes Liedchen mit doppeltem Boden,  passt perfekt zur britischen Version des Summer of Love und verwandelt die Underground-Truppe rund um Barrett, die zuvor nur in einem berüchtigten Keller-Schuppen namens “UFO-Club“ ein einigermaßen aufnahmewilliges Publikum für ihre verstörenden Improvisationen fand, über Nacht in die neue englische Pop-Sensation. Syd wird zum Posterboy der britischen Hippie-Mädchen, denen sein traumverlorener Blick schlaflose Nächte beschert. Das Debutalbum “The piper at the gates of dawn“ wird DIE britische Psychedelic-Platte schlechthin, voll mit wunderlichen Liedern über Gnome und Vogelscheuchen und Flüge in den Weltraum. Freunde und Kollegen Barretts beobachten jedoch besorgt, dass sich der Leadsänger rasant verändert. Im Laufe des Jahres 67 verwandelt sich Barret von einem heiteren, geistreichen Künstlertypen in einen schwierigen Exzentriker und schließlich in einen asozialen Irren, mit dem keine vernünftige Konversation mehr möglich ist und der seine Groupies verprügelt. Der damals als “hip“ geltende Psychiater RD Laing untersucht den Musiker und attestiert ihm eine “unheilbare Schizophrenie“.

Eine jahrelange Diät aus LSD und dem Beruhigungsmittel Mandrax hat Syds Hirn zerfressen und ihn auf einen Trip ohne Wiederkehr geschickt. Nach einer USA-Tournee 1968, bei der Barrett reglos auf der Bühne steht und wie hypnotisiert ins Publikum starrt, beschließt die Band seinen Rausschmiss und heuert als Ersatz David Gilmour an. Sein letzter Song für die Band heißt “jugband Blues“, und der Text gewährt einen Einblick in Barretts Geisteszustand (“I am wondering who could be writing this song, and what exactly is a dream?“). Aber noch gibt sich Syd seiner Krankheit nicht geschlagen. Er nimmt zwei Soloalben auf (“The madcap laughs“, “Barrett“), die voller musikalischer Schätze sind, die bis heute immer wieder gerne geplündert werden. Das Echo von Barretts Musik und seiner typischen Akkordfolgen hallt in den Stücken von Kurt Cobain, Julian Cope, REM und vielen anderen nach. Auch seiner Ex-Band dient Syd jahrelang als Inspiration. Vor allem Roger Waters ist dermaßen von der Angst erfasst, es könne ihm wie Barret ergehen, dass er ganze Alben dem Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem und individuellem Wahnsinn widmet (“The dark side of the moon“, “The Wall“, “Wish you were Here“)

1974 steht Syd zum letzten Mal auf einer Bühne. In einem schäbigen Club in Cambridge spielt er mit Kumpels ein paar Songs. Am nächsten Tag steht eine vernichtende Kritik in der Zeitung und Barrett kehrt dem Musikgeschäft für immer den Rücken. Fortan lebt der Mann zurückgezogen im Haus seiner Eltern in Cambridge und hofft, “einmal so gesund zu werden, dass ich einen Job annehmen kann“. Mit seinem Verschwinden aus der Öffentlichkeit fördert er ohne sein Wollen die Entstehung eines Kultes, der sich bis heute um den legendenumwobenen Gründer von Pink Floyd dreht.

Roger Barrett, der sich in einem früheren Leben Syd nannte, verstand nicht, wieso immer noch Leute an diesem seltsamen Typen interessiert waren, den er nicht mal persönlich kannte. Er war zufrieden damit, seine Zeit mit Malen und Nichtstun verbringen zu können. Möglich machte das ein monatlicher Scheck, den er für Syds kurze Karriere als Rockstar bekam. Am 6. Juli 2006 verstarb Roger „Syd“ Barrett an den Folgen einer Diabetes.

 

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5 Gedanken zu “Syd Barrett: Einmal Wahnsinn ohne Rückfahrkarte

  1. Fett wurde er durch die „netten“ Psychpharmaka nach dessen Einnahme JEDER Mensch sabbernd durch die Gegend stolpert, Übergewicht (ohne jede Muskelmasse) anhäuft und nach und nach den obligatorischen sozialen Tod erleidet.
    Die Information habe ich aus erster Hand. In den siebzigern war ich in der Psychiartie tätig.

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