Amoklauf in der Gummizellenwelt

Nach dem verheerenden Amoklauf in Baden-Württemberg, dem inklusive des Amokläufers 16 Menschen zum  Opfer fielen, werden uns Politiker, Polizeisprecher und Klugscheißer aus dem Pädagogenmilieu nur allzu bald mitteilen, was ihrer Meinung nach zu dem Blutbad geführt hat.

Schuld, werden sie sagen, sind:

-Böse Action- und vor allem Horrorfilme

-Computerspiele

-Das Internet

-Negermusik, pardon, „Gangersterrap“

-Die Globalisierung

-Die Neoliberalen

-Der Mangel an einer totalen Überwachung

Auf keinen Fall schuld sein werden:

-Pädagogische Totalversager, die die Ausgrenzung, Vereinsamung und psychische Verelendung eines ihrer Schüler nicht mal dann mitbekommen, wenn der von seinen Klassenkameraden gelyncht wird.

-Eltern, die gegenüber ihren Kindern eine Kommunikationsblockade verhängen, weil sie vollauf damit beschäftigt sind, ihren sozialen und ökonomischen Status aufrecht zu erhalten, selber nie erwachsen geworden sind und sich vor allem um ihr Image bei den Nachbarn sorgen. Und die zuhause Waffen aufbewahren, um gegen die böse Außenwelt gewappnet zu sein.

-Kleinstadthöllen wie Winnenden, wo man für´s Totsein übt und eine erbarmungslose Herrschaft des Genormten alles wegstutzt, was nach oben nach unten ausschlägt, wo man das Ordnungsamt fürchtet und einen Ruf zu verlieren hat und wo bei Verlust dieses Rufs das soziale Aus droht.

-Eine Gummizellengesellschaft, die sich durch Scheintoleranz und politische Überkorrektheit dermaßen gegen Rebellion gepolstert hat, dass ein junger Mensch nur noch als Neonazi oder Massenmörder den alles erwürgenden Konsens durchbrechen kann.

-Eine Kultur der Angst, der Gefühlsunterdrückung, des Verächtlichmachens von – vermeintlicher – Schwäche.

Ich werde hier keine lange Erörterung über das Phänomen schreiben, denn meine Leserinnen und Leser werden damit ab heute eh von allen Seiten bombardiert werden. Mir kam, als ich heute Nachrichten guckte, sofort der Text eines der besten Songs von Paul Simon in den Sinn:

„Good God, don’t jump“
A boy sat on the ledge
An old man who had fainted was revived
And ev’ryone agreed ‚twould be a miracle indeed
If the boy survived
„Save the life of my child“
Cried the desperate mother

A woman from the supermarket ran to call the cops
„He must be high of something“ someone said
Though it never made the New York Times
In the Daily News the caption read:
Save the life of my child
Cried the desperate mother

A patrol car passing by halted to a stop
Said Officer McDougal in dismay
„The force can‘ do a descent job
‚Cause the kids got no respect for the law today“ (and bla bla bla)
Save the life of my child
Cried the desperate mother
What’s becoming of the children
People asking each other

When darkness fell
Exitement kissed the crowd and made them wild
The atmosphere was freaky holiday
When the spotlight hits the boy
And the crowd began to cheer
He flew away

Oh, my grace, I’ve got no hiding place
Oh, my grace, I’ve got no hiding place…

16 Gedanken zu “Amoklauf in der Gummizellenwelt

  1. Ganz sicher NICHT schuld ist dieses „Schneller,schöner,besser“Streben der Gesellschaft, inklusive aller Daily-Brainwash-Soaps inkl. Fettabsaugung und Brustvergrösserung und der Botschaft daß jeder, der nicht in die verfic*te Norm passt ein Looser, ein Totalversager und somit unterste Klasse ist.
    Nein.

  2. Tut mir Leid für die Wortwahl aber so eine Scheiße hab ich ja noch nie gelesen
    „-Kleinstadthöllen wie Winnenden, wo man für´s Totsein übt und eine erbarmungslose Herrschaft des Genormten alles wegstutzt, was nach oben nach unten ausschlägt, wo man das Ordnungsamt fürchtet und einen Ruf zu verlieren hat und wo bei Verlust dieses Rufs das soziale Aus droht.“
    Ich wohne ca 15 min von Winnenden weg und meine Stadt ist ca 1/3 kleiner und selbst hier trifft das nicht im geringsten zu.
    Sonst kann ich dir allerdings recht geben. Ich muss außerdem sagen, wenn soetwas in der Nähe passiert, dann ist man noch sehr viel stärker geschockt als sonst.

  3. @ tyron – k(l)einstadthoellen

    keine sorge,
    der lindwurm bemueht, was das betrifft gerne die schoenen altlinken vorstellungen, dass ein freies leben und ein menschliches zusammenleben lediglich in „befreiten“ kiezen a la kreuzberg oder friedrichshain (keine ahnung wie die entsprechenden austro-ghettos heissen) stattfinden kann.
    in kleinstaedten, dass weiss ja jeder lindwurm, besteht die bevoelkerung aus 99% post-nazis und faschistoiden vorgartenzwergaufstellern.
    um gottes willen, als waere es 1969: jagdszenen in niederbayern werden uraufgefuehrt – drunter geht es mal wieder gar nicht….
    ich glaub das wahlergebnis drueckt wohl immer noch.
    oder ist kaernten wirklich so schlimm?

  4. Ich hab es oft genug persönlich erlebt, dass Leute, die in der Provinz fast verreckt wären, erst in der Großstadt ein ihnen entsprechendes Leben führen konnten. Natürlich kann man auch in kleinen Nestern (wie zB Klagenfurt) frei leben, wenn man die Cojones dazu hat, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Umgebung umso repressiver und unfreier ist, je kleiner die Gemeinschaft ist.

  5. Na endlich,das Geheimnis wurde gelüftet: Tim K. war ein übergewichtiger Looser, der Counterstrike spielte und sich Horrorfilme ´reinzog.
    Conclusio:Alles verbieten,wo nicht Bambi,Klopfer, Biene Maya oder Heidi mitspielen,Computerspiele NACH Pacman sind soweiso Teufelszeug(Auch Mario war schon ansatzweise böse) und gehören verboten, Einzelgänger werden durch Gruppenkuscheln wieder zurück auf den richtigen Weg gebracht(oder mit Medikamenten sediert, je nachdem ). Schöne neue Welt.

  6. Wie konntest Du nur den Hauptschuldigen unter den üblichen Verdächtigen vergessen? – Die Amerikanisierung Europas!

    Die Mutter eines Opfers meinte gestern sinngemäß: „So etwas kennt man ja nur aus Amerika, aber jetzt ist Amerika hier angekommen“…

  7. Nein, mir gefaellt der Text nicht.

    Das Klischee von Kleinstaedten als „Hoelle“ stammt vom Lindwurm. Der Taeter wird durch die Liste nach Kraeften entschuldigt, als Opfer dargestellt, fast schon gerechtfertigt. An die tatsaechlichen Opfer wird kein Gedanke verschwendet.

  8. ist schon interessant wie ein kommentar über einen amoklauf zur diskussion über das leben in kleinstädten verkommt! ich finde es nur schade lieber lindwurm, dass du dich für deine liste rechtfertigst, bzw. für den seitenhieb gegen die kleinstadt. ich lebte nach ny. quito, berlin und hamburg auch in einem winznest namens wiesental (baden-württemberg), 2 km zum zweitältesten atomkraftwerk deutschlands und viele, wirklich viele spiesser, aber nicht nur. es ist keine frage der eier, ob man in solchen gegenden überleben will, oder gar muss, sondern eine frage der einstellung. wenn es mir scheiss egal ist, was mein nachbar über mich denkt, kann ich gut in kleineren einheiten leben, hab ich angst vor der meinung anderer geh ich besser gleich in die grossstadt. ich habe beides ausprobiert und wohn jetzt wieder in einem nest, geht gut. amoklaufen werd ich nicht und wegziehen auch nicht so schnell. die motive sind zwar immer interessant, nur sollten sie nicht die tat selber ins abseits stellen. der täter übte wahrscheinlich rache und seine hemmschwelle legten viele umstände, die wir sicher nicht alle kennen können, tiefer.
    verhindern lässt sich sowas nicht, leider.
    ob durch abschaffung von videospielen, oder gar dem fernsehen, die idee ist in der welt und es wird immer wieder nachahmer geben. leider, aber hier bleibt die politik machtlos, ausser sie forziert es durch gewisse umstände. schlechte lehrer und intolerante systeme sind teilweise steuerbar, aber ändern wird sich hier kaum was. ebenfalls traurig macht mich die unglaublich blöde diskussion österreichischer oppositionspolitiker der, nonanet, rechten seite. was ein paintballspieler, oder ein bereits wegen körperverletzung verurteilter parteigenosse da in die welt setzen ist einfach nur scheisse.
    wieder einmal wird ein amoklauf als politisches vehikel für selbstdarstellung genutzt. politischer amoklauf sollte ebenfalls geächtet werden und nicht wie beim besoffenen vorbild der partie im strassengraben beendet werden.
    bin ich jetzt auch vom thema abgekommen…?

  9. Also zumindest die oft bemühten „Kleinstadthöllen“ gehören eher zu den üblichen Verdächtigen der o.g. 1. Kategorie. Ihnen entsprechen, je nach Standpunkt und Tatort, die genauso oft bemühten „Grossstadthöllen“, mit ihrer „Anonymität“, ihren „Ghettos“,…usw. usf.
    Es müssen schon andere als die üblichen Kausalitäten (und zwar o.g. die, die’s sein sollen, wie auch die, die’s nicht sein dürfen) zusammentreffen, um so eine Explosion hervorzurufen. Da kommt man erstmal mit keinem Klischee bei.

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