Abschied von den letzten Zeugen

Mit Erna Musik ist nun wieder eine österreichische Widerstandskämpferin und Zeitzeugin verstorben. Die Generation, die die Untaten des Nationalsozialismus mit eigenen Augen gesehen hat, stirbt weg, und sie wird uns fehlen, denn es macht einen Unterschied, ob Zahlen und Fakten sprechen oder Menschen, die mit eigenen Worten und eigenen Emotionen dagegenhalten können, wenn die widerlichen Nachgeburten der Nazis die Verbrechen ihrer Vorbilder leugnen oder gar bejubeln. Es wäre schön, könnten die tapferen Männer und Frauen, die gegen die Nazis aufgestanden sind, diese Welt mit der Gewissheit verlassen, dass ihre Leiden und ihre Kämpfe und ihre Berichte von den Leiden und Kämpfen nicht umsonst gewesen wären, doch die Realität sieht  anders aus. Wieder werden „Sonderanstalten“ für Unerwünschte eingerichtet, wieder mit dem Vorwand, die „Ordentlichen und Fleißigen“, also den „gesunden Volkskörper“, vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Wieder regt sich dagegen kaum Widerstand, denn die Lektionen wurden nicht gelernt, vor allem nicht die wichtigste, dass die Faschisten sich nämlich nur nach und nach aus der Deckung wagen, immer wieder ausloten, wie weit sie gehen können, und dann, wenn sie keinen Widerstand spüren, wenn sie merken, dass ihre immer rabiater werdenden Vorstöße als Normalität akzeptiert werden, die Schrauben immer fester andrehen und den Sack zumachen. Werden wir zu jenen gehören, die den Überlebenden von damals zugehört und die die Warnungen verstanden haben? Oder werden wir diejenigen sein, die noch verachtenswerter als die Mitläufer der Nazis sein werden, weil wir es immerhin besser wissen hätten könnten als die Menschen der 30er Jahre? Gut sieht es für meine Generation – und unter der verstehe ich die heute 25- bis 55-Jährigen – nicht aus, denn wir sitzen wortreich, aber tatenarm herum, während die Nachfolgeparteien der NSDAP in Österreich einen Wahlerfolg nach dem anderen einfahren, während in Italien zur Zigeunerjagd geblasen wird, während Jahr für Jahr hunderte Menschen beim Versuch, das rettende Europa zu erreichen, verrecken, während der Judenhass wieder mehrheitsfähig wird und sich offen zeigen darf, während sich ein neuer religiöser Totalitarismus ausbreitet und die Freiheit vernichtet, während wegen der Feigheit und Geldgier unserer Regierungen dutzende Millionen Menschen in Unterdrückung leben, während jenes Land, das den Nachkommen der Opfer unserer Väter und Urgroßväter als Schutzmacht dient, mit der Vernichtung bedroht wird. Es gibt für uns keine Entschuldigung, denn die Lehre, die uns die Widerstandskämpfer gegen die Nazis mitgeben wollten, lautet nicht „ehrt die Helden von einst in hohlen Ritualen“, sondern „nehmt euch ein Beispiel und verteidigt die Zivilisation!

Ein Kommentar zu „Abschied von den letzten Zeugen

  1. hervorragender kommentar. er drückt exakt meine angst aus und immer wieder frage ich mich, wie man dem begegnen kann. deine analyse der schrauben, die die faschisten immer stärker anziehen verhindert zumeist ein entschiedenes auftreten, weil alles nicht so ernst gemeint war, oder weil man falsch zitiert wurde,….
    wie kann man dem begegnen. allein in seiner familie und im verwandtenkreis aktiv zu sein reicht nicht, dort hab ich zumindest keine deartigen konfrontationen, aber was ist mit der öffentlichkeit, wie wehre ich mich dagegen? mailschreiben, oder hier einen kommentar abzugeben reicht nicht aus. selbstr das ewige wettern des „profils“ gegen haider hatte diesem nur mehr genützt als davor beschützt. ich fürchte einer der fehler der vergangenheit war, die diskussion um die nazizeit war diese zu emotionalisieren. transportiere ich neben fakten zu sehr emotionen, versinke ich in letzteren und werde von den faschisten angreifbar. genau dies erfolgte in zahlreichen dokumentationen zu diesem thema. auch die fülle der dokus brachte eine gewisse abstumpfung. es ist natürlich ausserordentlich schlecht und erbärmlich, dass menschen des wiederstandes praktisch gehörlos sterben und bis dorthin fast tatenlos zusehen mussten wie immer wieder der spielraum der faschisten erweitert wurde. auch ihnen wurde kaum die aufmerksamkeit zu teil, die sie verdient hätten und die offenbar notwendig gewesen wäre um dem absinken einhalt zu gebieten. nun werden die holocaustleugner häufiger und auch die frage nach deren unter strafe stellung wird bald an aktualität gewinnen, denn die quellen werden rarer und die objektivität leidet abermals.
    von moral will ich erst garnicht anfangen.

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