Lateinamerika: Castros historische Schuld

Nach dem Sieg des FMLN-Kandidaten Mauricio Funes bei den Präsidentschaftswahlen in El Salvador bekommt ein weiterer lateinamerikanischer Staat eine linksgerichtete Regierung. Funes scheint aber zum gemäßigten, eher sozialdemokratisch orientierten Flügel der amerikanischen Linken zu gehören, spricht er sich doch immer wieder für gute Beziehungen zu den USA, gegen Verstaatlichungen ausländischer Investitionen und gegen den venezuelanischen Kurs aus. Der Journalist bezeichnet sich selbst als Humanisten und will sich vor allem für den demokratischen Rechtsstaat und eine Verbesserung der sozialen Lage einsetzen. Mit pathetischen Parolen, wie man sie von einem Hugo Chavez oder Fidel Castro gewohnt ist zu hören, geizt der ehemalige CNN-Mitarbeiter. Dieser pragmatische Ansatz dürfte genau der richte sein in einem Land, das immer noch in zwei Lager geteilt ist und unter den Folgen des verheerenden Bürgerkriegs, dem in den 80er Jahren 75.000 Menschen zum Opfer gefallen waren, leidet. Gerade dieser Bürgerkrieg, in dem die USA die brutalen Todesschwadronen des rechten Lagers unterstützten, würde Funes mehr moralisches Recht verleihen, gegen die Vereinigten Staaten zu hetzen, als es ein Castro oder ein Chavez je hatten, doch der 49-Jährige hütet sich vor Anti-Yankee-Sprüchen.

Wieso?

Funes weiß genau, dass eine polarisierende Rhetorik und eine Politik nach kubanischem oder chavistischem Vorbild El Salvador zur Explosion bringen könnte. Außerdem bestehen zwischen den USA und El Salvador ökonomische Bande, die nicht zuletzt wegen der 2,5 Millionen Salvadorianer, die in Nordamerika arbeiten, sehr eng sind. Funes dürfte aber auch intelligent genug sein, um zu wissen, dass nicht nur die USA in Lateinamerika Stellvertreterkriege führten und dass die tödliche Verengung der politischen Möglichkeiten auf kommunistische Bestrebungen auf der einen und bedingungslose Unterstützung der Yankees für antikommunistische Mörderbanden auf der anderen Seite, unter denen der Kontinent in den vergangenen Jahrzehnten litt, vor allem den Fehlentscheidungen eines Mannes zu verdanken ist: Fidel Castro.

Als Castros Guerilla das Regime von Fulgencio Batista 1958 in die Knie zwang, waren die Nordamerikaner zunächst voller Sympathie für die erfrischend unkonventionell wirkenden Revolutionäre, denn Batistas Brutalitäten hatten in den USA Abscheu und heftigste Kritik provoziert. Castro wurde bei seinem ersten USA-Besuch wie ein Popstar gefeiert und die amerikanischen Regierung war durchaus bereit, ein gemäßigt linkes Projekt vor seiner Südküste zu tolerieren, ja sogar zu unterstützen. Doch Fidel dachte gar nicht daran, mit den Nordamerikanern zusammenzuarbeiten. Er hegte schon damals einen Hass auf die Yankees, der rational kaum erklärbar war, und anstatt ein demokratisches linkes Vorzeigemodell für Lateinamerika zu schaffen, warf er sich den Sowjets an die Brust, enteignete amerikanische Firmen und führte einen rigiden Kommunismus osteuropäischer Prägung samt Gulag und schlimmster Unterdrückung ein. Dass sein Hass auf die USA, wie bereits erwähnt, irrational war, beweist sein Verhalten während der Kuba-Krise: Wäre es nach Castro gegangen, er hätte Kuba im nuklearen Feuer untergehen lassen, solange dafür auch ein paar nordamerikanische Städte ausgelöscht worden wären. Selbst die Russen waren entsetzt von Fidels apokalyptischer Kriegstreiberei. Nach diesen Erfahrungen änderte sich die Politik der USA gegenüber Befreiungsbewegungen im Süden dramatisch. Von damals an wurde in jeder linken Bewegung bis hinunter zu einfachen Gewerkschaftern ein sowjetisches Manöver vermutet, was Castro und seine Jünger durch ihre Rhetorik auch zu bestätigen schienen. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass die politische Linke sich pro-sojwetisch, pro-castristisch oder zumindest pro-kommunistisch geben musste, so sie  finanzielle und logistische Unterstützung bekommen wollte. Der Teufelskreis war geschlossen und blieb es auch bis zum Ende des Kalten Krieges. Die Geschichte Lateinamerikas wäre eine völlig andere gewesen und hunderttausenden Menschen wäre der Tod durch Bürgerkrieg und Ermordung erspart geblieben, hätte Castro in den ersten Jahren seiner Herrschaft rational gehandelt statt sich von seinen Obsessionen leiten zu lassen.

Damit soll die Rolle der USA in Mittel- und Südamerika nicht beschönigt werden. Es war ohne Zweifel ein moralischer Tiefpunkt der Washingtoner Außenpolitik, jeden Blutsäufer bedingungslos zu unterstützen, solange er nur brutal genug gegen reale oder vermeintliche Verbündete Havannas und Moskaus vorging. Doch wäre es zu billig, die Motive dafür lediglich in den ökonomischen Interessen oder gar einer Art inhärenten Bösartigkeit der Vereinigten Staaten zu sehen, wie es etwa die Antiimperialisten so gerne tun. Die Konfrontationspolitik wurde von Fidel Castro eröffnet und zugespitzt, und das ist die große historische Schuld, die der alte Diktator auf sich geladen hat.

7 Kommentare zu „Lateinamerika: Castros historische Schuld

  1. Könntest Du zu dem historischen Exkurs über Castro vielleicht einige Quellen angeben? Ich kannte die Geschichte bislang eher umgekehrt, nämlich daß Castro sich mit den Sowjets verbündete, weil die USA ihn zurückgewiesen hätten.

  2. nun ja die lobhudelei kann ich nicht ganz nachvollziehen, auch wenn ich dir teilweise durchaus zustimme, nur mit der schlussfolgerung bezüglich funes sehe ich probleme.
    ein einlenken an sich von einer guerillatruppe, denn für die kandidierte sr. funes nun mal ist sicher ein sehr positives zeichen und du hast auch recht, dass ziemlich dicke bande el salvador mit den usa verbinden, aber ich fürchte die einbindungsversuche des neuen präsidenten werden von der eigenen bevölkerung nicht lange getragen. die situation in el salvador ist leider noch lange nicht so beruhigt, als dass ein deartiger brückenschlag funktionierte. der bürgerkrieg ist nicht so lange her, die rechte regierung machte sich stark für die reichen und so sehe ich sr. funes eher als calmierende speerspitze einer rückwendung zur radikalen linken. aufgrund meines jobs besuchte ich el salvador vor gar nicht all zu langer zeit und muss gestehen es wirkt recht normal, doch die ungleichheit ist durch seit dem bürgerkrieg stark angewachsen. castro und chaves gelten als helden beim volk und so sehe ich sr. funes rolle eher als mittler seiner eigenen partei und den realen anforderungen. ausserdem besitzt el salvador nicht jenen reichtum, den chaves seit langem verprasst. ich fürchte dass sr. funes aufgrund dieser herkulesaufgabe eher zermahlen wird und sich das land weiter radikalisiert. er scheint wirklich ein guter mann zu sein, aber diese schützengräben zuzuschütten, das traue ich ihm nicht zu, noch dazu weil die usa einfach andere sorgen hat, als diesen winzstaat, der viellecht strategisch ganz gut gelegen ist, zu unterstützen.

  3. Die Konfrontationspolitik wurde von Fidel Castro eröffnet und zugespitzt, und das ist die große historische Schuld, die der alte Diktator auf sich geladen hat.

    Lieber Lindwurm, da bist du auf dem Holzweg. Castro hat zwar US-Unternehmen in Kuba enteignet, mit Embargo, Einreiseverboten und ähnlichem Mist haben aber die USA angefangen. Oder etwas verkürzt ausgedrückt: ohne US-amerikanischem Embargo hätte es für Kuba keinen Grund gegeben, sich mit der UdSSR derart intim einzulassen (und war in der Bewegung der sog. „blockfreien Staaten“ ansonst stark engagiert), und es wäre nie zur Kubakrise gekommen.

  4. Nix Holzweg. Geschichte lernen! Klar reagierten die USA auf die Enteignung ihrer Firmen mit Sanktionen. Hätte Castro die Finger von fremden Eigentum gelassen, hätte es keinen Grund für ein Embargo etc gegeben. Castro hat die USA schon viele Jahr zuvor zutiefst gehasst, das ist mittlerweile durch etliche seiner Briefe und Reden und Aufzeichnungen aus der vorrevolutionären Zeit bekannt. Er plante von Anfang an den Kofrontationskurs und hat ihn ja auch bekommen – auf Kosten der kubanischen Bevölkerung (und letztlich auf Kosten fast ganz Lateinamerikas).

  5. Was, „Geschichte lernen!“, du arroganter Salonlinker. Die Staaten (respektive ihre konzentrierte Wirtschaftsmacht, Konzerne im Allgemeinen) dominieten Lateinamerika seit Mitte des 19. Jahrhunderts wie keine andere Macht.
    Der Befreiungskampf Kubas knüpfte an antikolionalistische, nationalistische Traditionen (z.B. die von 1905) an. Batistakuba war, schon aufgrund ungleicher Verträge seit dem Ende der spanischen Herrschaft, ein Klientellstaat, wenn man so will eine Kolonie der USA. Natürlich bedeutet nationaler Befreiungskampf Opposition zur Kolonialmacht.
    In der Argumentation, Castro stürzte Kuba durch seinen Befreiungskampf ins Elend (das es erst seit dem Ende der SU und den anhaltenden Sanktionen und internationalen Erpressungshandlungen gegenüber Drittstaaten durch die USA gibt) kann sich ein „Linksliberaler“ getrost mit einem Sozialdarwinisten und Protoshoahisten wie Christian Ortner die Hand reichen, der hat nämlich behauptet, die Agrarmisere in den afrikanischen Staaten sei auf dem Ende des Monopols weißer Kolonialisten auf Grund und Boden zurückzuführen (nachzulesen auf seinem persönlichem Weblog: http://www.ortneronline.at/)

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