Unheimliche Begegnung

Heute hatte ich das Missvergnügen, eine Rückenmarkspunktation über mich ergehen lassen zu müssen, aber noch viel missvergnüglicher war das Erlebnis, das ich im Wartesaal hatte. Dort setzte sich nämlich ein, wie ich zunächst dachte, ca 70-jähriger, gut gekleideter Mann neben mich und fing an, mich mit seinen Weltkriegserlebnissen zuzutexten. Es stellte sich dann heraus, dass der Kerl bereits über 90 war, sich aber wie so viele alte Nazis bester Gesundheit und eines für sein Alter jugendlichen Aussehens erfreute. Panzerkommandant sei er gewesen, ließ er mich wissen, und er habe sowohl gegen „den Russen“, als auch gegen „den Ami“ gekämpft. Der Ami sei jedoch sehr feige gewesen, der hätte weitreichende Geschütze und Bomber eingesetzt, anstatt sich mutig dem Kampf Mann gegen Mann zu stellen. Aber das sei ja typisch für die Amis, wo bekanntlich „der Jud“ das Sagen habe, und apropos Jud, das mit der Finanzkrise sei ja wieder einmal typisch für die Juden, und, hihi, heutzutage dürfe man das ja wieder ansprechen, nicht wahr? Und so ging es weiter und immer fort, der alte Nazi bequasselte mich mit dieser Scheiße gefühlte zwei Stunden lang (dazu roch er noch schlecht aus dem Mund), und obwohl ich zu erkennen gab, dass er doch bitte sein Maul halten solle, hörte der Kerl einfach nicht auf, mir seine Kriegserlebnisse und seinen ungebrochenen Antisemitismus aufs Aug zu drücken. Dann musste er mir noch einschenken, dass er nach dem Krieg einen der höchsten Posten in der Kärntner Verwaltung innegehabt habe, dass er ein überzeugter Sozialdemokrat (!) sei und dass die Juden und die Katholiken unser aller Untergang seien. Und während der ganzen Zeit, als ich innerlich immer stärker anfing zu kochen, war da dieses typische Grinsen in seinem Gesicht, das Grinsen der Psychopathen, die keine Empathie empfinden können außer für sich selbst, ein Grinsen, das ich schon so oft bei alten und neuen Nazis gesehen habe, auch bei Jörg Haider. Ich bin davon überzeugt, dass mir der alte Herr schon bald von Partisanenerschießungen und Judenermordungen erzählt hätte, wäre ich nicht ins Untersuchungszimmer gerufen worden, denn Scham oder Bedauern kannte er nicht. Er war intelligent und eloquent, und er wusste genau, dass die Nazis Verbrecher waren, aber er war stolz auf diese Verbrechen. Jetzt ist mir schlecht, und das liegt nicht daran, dass ich Krebs habe…

ps: Ab morgen bin ich wieder in stationärer Behandlung, werde also wieder seltener updaten können.

6 Gedanken zu “Unheimliche Begegnung

  1. Ich kenne dieses Grinsen. Es soll so was wie Mut etwas Verbotenes, um das man sich aber nicht schert, ausdrücken, ein bisschen Trotz ist auch dabei und etwas unangenehm komplizenhaftes. Ich kann mich an grauhaarige 50jährige erinnern, mit federnden Schritt, die wenn immer es ging, die Haken zusammenschlugen, die Rechte hoben und dabei eben wieder komplizenhaft zwinkerten. Mir war dann auch immer schlecht.
    Übrigens Sozialdemokrat (schade um das Wort) was hast du dir erwartet nach Wagner, Frühbauer und Gallob? Der erste wirkliche Sozialdemokrat in der Kärntner SPÖ war Ausserwinkler und der hat sofort verloren….

  2. Auf alle Faelle wuensche ich Dir viel Kraft fuer den Krankenhausaufenthalt. Versuch‘ solche Dinge moeglichst wenig an Dich herankommen zu lassen. Du brauchst Deine Kraft im Moment fuer Dich selber und bei diesen Typen kannst Du ohnehin nichts ausrichten.

  3. Lohnt sich nicht, sich darüber aufzuregen, in dem Alter ändert man solche Menschen nicht mehr, die werden auch niemandem mehr gefährlich.
    Vor ein paar Monaten hatte ich ’ne ähnliche Figur ein paar Reihen entfernt von mir in der S-Bahn sitzen, die auch irgendwann anfing von der Finanzkrise und dem Herrn „Grünspan“ zu erzählen, der war allerdings der Meinung, dass man das ja leider nicht so ansprechen dürfe, sonst wär man gleich als Antisemit abgestempelt (warum nur…).

    Lass‘ es dir nicht zu nahe kommen und übersteh‘ das Spital gut!

  4. Ach Lindwurm, solche Typen im Wartezimmer erlebe ich jetzt schon seit 30 Jahren.
    Als ich ein Kleinkind war, wurde mir ein Auge entfernt, seitdem sitze ich einmal pro Jahr zusammen mit solchen Arschlöchern beim Glasbläser, ihre Reden habe ich dabei oft genug gehört, mal etwas dazu gesagt, hin und wieder nach dem Kopfschuss gefragt, mal geschwiegen, in letzter Zeit fällt mir aber auf, dass sie dank ihres natürlichen Ablaufdatums weniger werden.
    Im sich „einbräunden Österreich“ ist das ein schwacher Trost, aber immerhin sterben die alten Nazis langsam aber sicher aus.

    …und einen richtigen Trost gibt es ja auch noch: Der Lindwurm bloggt wieder, hat die Operation gut überstanden und wird sicherlich auch den anstehenden Krankenhausaufenthalt gut überstehen – alles Gute!

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