Was die Welt nicht braucht – Teil 2

-Religiöse Fanatiker, die die Verteidigungskämpfe Israels in gottgefällige heilige Kriege uminterpretieren wollen. Es geht mich zwar nichts an, aber ich hoffe doch, dass sich die säkulären Israelis den versuchten Umbau ihres Landes zu einem grimmigen Gottesstaat nicht gefallen lassen.

Nachsatz: Führt endlich mal die standesamtliche Ehe ein, liebe Israelis! Mir ist zwar klar, dass eure staatliche Verfasstheit eine jüdische ist und dass dies für eure nationale Identität von großer Bedeutung ist, aber mal ehrlich: Ein bisschen lockerer könnte man es inzwischen wohl doch angehen lassen, oder?

20 Kommentare zu „Was die Welt nicht braucht – Teil 2

  1. „Führt endlich mal die standesamtliche Ehe ein, liebe Israelis!“

    Warum sollten sie? Offensichtlich wünscht die Mehrheit der Israelis keine Zivilehe, andernfalls könnten sie bei Wahlen ja jenen Parteien ihre Stimme geben, die für deren Einführung eintreten.

  2. Gegenfrage: Warum nicht? Die Leute, die traditionell heiraten wollen, können das ja immer noch tun. Und der Rest geht nur aufs Standesamt – man (als Partei) muss ja nicht immer nur das eigene Klientel bedienen.

  3. Ich persönlich hätte nichts gegen die Einführung einer Zivilehe (als Alternative zur religiösen Trauung) einzuwenden, aber ich denke, dass dieses Thema für die meisten Israelis einfach keine Priorität hat.

  4. @BCC:
    Na und? Nicht alles ist eine Mehrheitsentscheidung. Minderheitenrechte etwa sind etwas, wo es auch gegen den willen der Mehrheit gehen kann, solange niemand Schaden davonträgt.
    So ähnlich sehe ich das im Zusammenhang mit der Zivilehe. Ich bin ein Freund Israels und der jüdischen Kultur, aber es ist nicht einzusehen, wenn in einer modernen Demokratie eine Religion sich anmaßt, per Gesetz so weit ins Alltagsleben einzugreifen.
    Aber bitte, ich lebe ja nicht in Israel, es geht mich eigentlich nichts an…

    Soweit ich mitbekommen habe, ist es vor allem etwas, um die Ultraorthodoxen zu besänftigen. Viele Menschen dürften mittlerweile eh für die Zivilehe sein, weil die traditionelle einfach zu teuer wird (habe ich zumindest vor kurzem gelesen).

    Wo du sicher Recht hast ist, dass dieses Thema allein für viele nicht so wichtig ist.

  5. „Soweit ich mitbekommen habe, ist es vor allem etwas, um die Ultraorthodoxen zu besänftigen.“

    Na ja, ich weiß nicht – viele Ultra-Orthodoxe anerkennen den Staat Israel gar nicht („Nur der Messias darf einen jüdischen Staat errichten“), da müsste es ihnen eigentlich egal sein, ob es dort eine Zivilehe gibt oder nicht.

  6. schon – aber wieso gab es dann doch recht viele zugeständnisse an sie? (angefangen bei der flagge)

    wahrscheinlich bringt man sie nicht dazu, damit einverstanden zu sein, aber man hält sie so wenigstens unter kontrolle.
    vermute ich halt.

  7. Bitte, lieber Lindwurm, sei etwas zurueckhaltender bei Deinen Urteilen, man kann auch erst einmal nachfragen.

    Die „religioesen Fanatiker“, die Du ausmachen willst, sind zum groessten Teil Chimaeren. Diese Muecke wurde von interessierten, radikal-saekularen Israelis zum Elefanten aufgeblasen. Und die NZZ nimmt so etwas gern auf, weil es in ihr linkes Weltbild passt.

    Diese Vorwuerfe stammen aus den Gespraechen der Soldaten unter Leitung von Danny Zamir. http://fdog.wordpress.com/2009/03/23/idf-brutalitaet-im-gazastreifen/

    Denselben Gespraechen verdanken wir die angeblichen Graeueltaten im Gazastreifen, die sich als falsche Geruechte herausgestellt haben.

  8. Zur fehlenden, standesamtlichen Trauung:

    Die israelische Bevoelkerung besteht eigentlich nur aus Minderheiten, deswegen war und ist es richtig, die Huerde fuer den Einzug in die Knesseth niedrig zu halten. Im Moment haben wir eine 1.5% Klausel – Tendenz steigend.

    Wegen der daraus folgenden zersplitterten Parteienlandschaft haben wir immer Koalitionen mit vielen Partnern. Dadurch bekommen kleine Parteien ein unverhaeltnismaessiges Gewicht, koennen sie die Koalition doch sprengen und damit die Regierung stuerzen.

    Die standesamtliche Trauung wird von orthodoxen Parteien abgelehnt und die sind oft das Zuenglein an der Waage. Auch in der gegenwaertigen Koalition hat Lieberman seinen Programmpunkt der Zivilehe den Empfindlichkeiten der Shaspartei geopfert.
    http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3318727,00.html

    Ich glaube, dass die Bevoelkerung eine Mehrheit die standesamtliche Trauung einfuehren moechte. Wir hatten bisher einfach nicht die Musse, uns diesem Thema richtig zuzuwenden. Mir waere es auch lieb, wenn eine zivile Eheschliessung als Option eingefuehrt wuerde. Bei der religioesen Scheidung sind juedische Frauen naemlich in einer schlechteren Position als die Maenner und ich hatte das Vergnuegen schon. Angesichts der iranischen Drohung war ich aber erleichert, als die Koaltionsverhandlungen endlich abgeschlossen war (wie meinem damaligen Beitrag http://beer7.wordpress.com/2009/03/25/habemus-gubernationem/ sicher anzusehen ist), auch wenn die Zivilehe wieder einmal den Bach herunter ging.

  9. Denkbar,

    es ist keineswegs nur EINE Religion, die in Israel gegen die Einfuehrung der Zivilehe stuende.

    Alle Religionsgemeinschaften sind sehr gluecklich mit dem gegenwaertigen Zustand. Muslime und Christen sind ihren Imanen und Priestern nicht weniger ausgeliefert als Juden dem Rabbinat. Und mit der Einfuehrung der Zivilehe fiele auch die Anerkennung der muslimischen Polygamien weg.

    Auch an Dich die Bitte: keine voreiligen Urteile!

  10. @bcc:
    soweit ich weiß, wurde bei der symbolik recht stark auf religiöse juden rücksicht genommen. die beiden blauen streifen auf weißem grund erinnern an den gebetsschal, der davidstern ist eh klar.
    oder liege ich da falsch?

    @beer7:
    danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast. da hast du natürlich völlig recht.

    aber: es interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht, wie viele religionsgemeinschaften dafür sind. religionsfreihit muss auch die freiheit von religion bedeuten. (und nein, ich bin kein atheist. bloß sehr säkular.)
    deshalb sollte es – parallel zu den gewachsenen, respektierten religiösen strukturen – auch eine säkulare alternative geben.

  11. denkbar,

    die Alternative gibt es, nur ist sie umstaendlich und teuer. Jede auslaendliche Eheschliessung wird anerkannt. Also entweder der Flug zum Standesamt in Zypern oder via ein Konsolut, z.B. Uruguay.

    Hast Du eigentlich gelesen, was ich zum Parteiensystem geschrieben habe?

  12. Bei der Flagge liegst Du halbrichtig.

    Die blauen Streifen des Gebetsschals und der Davidsstern wurden gewaehlt wegen der Bedeutung, die sie fuer alle Juden hatten. Der Davidsstern selber ist gerade kein religioeses, juedisches Symbol im Gegensatz etwa zur Menorah.

    Die gegenwaertigen Spannungen zwischen orthodoxen, ultraorthoxen, traditionellen, saekularen und anti-religioesen Juden in Israel koennen nicht einfach auf den 1. Zionistenkongress in Basel 1897 zurueckprojeziert werden.

  13. ja, habe ich gelesen. (wenn auch nicht alles gleich aufmerksam – deine prognosen zu den psoten habe ich nur kurz überflogen.)

    zu den eheschließungen: das mag sein, aber ich halte es nicht für zumutbar, dass jene, die das geld dazu haben (und die zeit, sich mit der bürokratie herumzuärgern) eine säkulare ehe schließen können, und der rest nicht. das ist nicht gerecht. (denn gerade für die ist es ja auch kein problem, wenn religiöse eheschließungen aufwendig sind.) ich bin der ansicht, dass ein staat eine leistbare, unkomplizierte alternative zur verfügung stellen sollte.

    zum zurückprojizieren: das tue ich nicht. schon deswegen, weil ich mich dafür nicht gut genug auskenne. aber das ändert nichts daran, dass manche kompromisse eben eingegangen wurden, um auch orthodoxe mit an bord zu holen.
    dass die situation viel komplexer ist (wie zwischen allen gruppen, die miteinander differenzen haben), setze ich als selbstverständlich vorraus.

  14. @beer7: Danke für die Aufklärung in Sachen „Feldrabbiner“. Was die Schwierigkeiten und Streitereien und Taktierereien in Sachen zivilrechtliche Ehe betrifft, bin ich wohl informiert, wunschdenke aber, dass deren Einführung vielen „Israelkritikern“ ein wenig Wind aus den dreckigen Segeln nehmen würde UND sie wäre etwas, was sich doch recht viele Israelis und Menschen, die mit Israelis einen Bund eingehen wollen, wünschen.

  15. Lindwurm,

    den „Israelkritikern“ kann kein Wind aus den antisemitischen Segeln genommen werden. Die blaehen sich naemlich aufgrund psychischer Mechanismen, die voellig unabhaengig von irgendwelchen Fakten sind.

    Den meisten Israelis geht es wohl wie mir. Wir haetten gern die Zivilehe, aber nicht zum Preis einer handlungsunfaehigen Regierung.

    Die Loesung waere eine Reform des Wahlgesetzes. Mir schwebt ein System vor, wo die Haelfte der Abgeordneten in Wahlkreisen gewaehlt werden und damit direkt ihren Waehlern verantwortlich sind.

  16. @beer7:
    du meinst die antisemiten. da hast du recht – sie nehmen es juden nicht übel, dass sie sind, wie sie sind. sie nehmen juden übel, dass sie da sind.

    aber es gibt ja noch eine hand voll vernünftiger, undogmatischer leute, die israel vernünftig kritisieren. (so wie man jeden anderen staat auch kritisiert, wenn er mist baut.) ich glaube, der lindwurm meint letztere.

    zum wahlrecht: spannende idee, gefällt mir! sollten wir auch in österreich einführen, damit weniger klubzwang herrscht!

  17. Denkbar,

    die Handvoll vernuenftiger, undogmatischer Leute hat meinem Eindruck nach in einer Atmosphaere, in der Israel anhaltende verurteilt und daemonisiert wird, den Impuls, gelegentlich auch etwas Kritik zu formulieren. (Vielleicht bin ich da ueberempfindlich.)

    Natuerlich kann Israel auch kritisiert werden, wie jeder andere Staat auch. Israelis sind bekanntlich auch nicht gerade zurueckhaltend, ihren eigenen Staat zu kritisieren. Aber kein Staat sollte Politik machen, um einer Handvoll Auslaendern zu gefallen.

    Die Idee stammt natuerlich vom deutschen Wahlrecht. Ich hatte ein knappes Jahr vor den Wahlen Gelegenheit, Bibi (Netanyahu) in einem Forum zu erleben, wo er auf das Thema angesprochen wurde. Er erwaehnte selber das deutsche Wahlrecht, argumentierte aber, dass Israel zu klein sei, als dass die etwaigen unterschiedlichen Wahlkreise stark voneinander abweichende Beduerfnisse haetten und brachte als Beispiel Ra’anna und Kvar Saba. Per e-mail erwiderte ich ihm, dass dies nicht das einzige Argument fuer eine Reform des Wahlrechts ist, dass aber auch das nicht zutrifft und fuehrte ihm aus, wie sehr die Interessen des Suedens (Beer Sheva) vernachlaessigt werden, weil sich niemand ihm direkt verantwortlich fuehlt. Antwort habe ich leider nicht bekommen.

  18. @beer7:
    wenn du meinen blog gelegentlich liest, weißt du, dass ich eindeutig und konsequent pro-israel bin. das hindert mich aber nicht daran, missstände zuu kritisieren – wie bei jedem staat. so viel dazu, dass es nur ums hinhaun ginge. (das problem ist halt, wie du sagst, dass es auch um die stimmung geht, in deren umständen israel kritisiert wird.)

    dass israel das wurscht sein kann, stimmt natürlich. nur, wieso interessiert sich israel dann überhaupt für die weltmeinung?
    und kann israel nicht großes interesse an einem guten image haben, zumal die milliarden doller militärhilfe von den usa auf politisch vertretbar bleiben müssen?

  19. Ich habe gerade auf Deinem Blog gelesen und den Beitrag gefunden, wo Du am 2. Juni unterstellst, Israel unternaehme nichts gegen randalierende Siedler bezueglich eines Vorfalls vom 1. Juni.

    Das verstaerkt mein eigenartiges Gefuehl im Bauch.

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