Wie man Kriege nicht gewinnt

SPD-Möchtegernkanzler Frank-Walter Steinmeier will die afghanische Bevölkerung den Steinzeit-Klerikalfaschisten zum Fraß vorwerfen. Naja, das überrascht nicht, und Wahlkampf ist auch, und „bring the boys back home“ zieht ja fast immer. Und die 3.500 Hanseln von der Bundeswehr sind in diesem Krieg eh nicht von Bedeutung. Viel schwerer wiegt da schon, dass die Nato meint, mit 51.000 Soldaten die Taliban besiegen zu können. Das ist, bei all den High-Tech-Kriegswerkzeugen und eingedenk der eher schwachen Kampfkraft der regulären afghanischen Armee, schlicht Bullshit. Mit solch lächerlich geringen Truppenzahlen kann man sich zwar noch jahrzehntelang Scharmützel mit den Gotteskriegern liefern, besiegen wird man sie nie. Wären die Aliierten im zweiten Weltkrieg mit 50.000 Soldaten in Deutschland angekommen, hätten wir noch heute von Nazis beherrschte Gebiete und eine verbissen „Widerstand“ leistende SS. Nein, die Alliierten kamen in Millionenstärke. Allein in der Schlacht um Monte Cassino, um ein Beispiel herauszupicken, kämpften über 100.000 aliierte Soldaten, also doppelt so viele wie derzeit in ganz Afghanistan stationiert sind. Wenn es dem Westen ernst wäre, Afghanistan von den Faschisten Allahs zu befreien, dann wären mindestens 500.000 Truppen nötig, denn nur so könnte das Land wirklich kontrolliert und von den Talibs gesäubert werden. Doch der Westen hat verlernt, wie man Krieg führt. Man verlässt sich auf Luftüberlegenheit und Drohnen und vereinzelte Offensiven, was doch alles bloß zu einem elenden Versteckspiel ausartet. Und dass Krieg Blut, Schweiß und Tränen bedeutet, will man den Menschen im Westen nicht mehr zumuten. Lieber verstrickt man sich in militärische Abenteuer, die aus Kleinmut nicht zu gewinnen sind. US-Präsident Obama hat zwar erkannt, dass das Nato-Kontingent in Afghanistan dringend aufgestockt werden muss, doch auch er schreckt davor zurück, den Krieg als Krieg zu akzeptieren und ihn wirklich gewinnen zu wollen. Krieg ist grauenhaft, Krieg ist die Hölle, aber wenn man sich schon auf ihn einlässt, dann sollte man ihn auch ordentlich führen und auf einen Sieg hinarbeiten. Ansonsten wäre es besser, einfach abzuziehen, damit in den afghanischen Fußballstadien wieder fröhlich gesteinigt und amputiert und ausgepeitscht werden kann. Und was ist eigentlich aus dem Konzept der Re-Education geworden? Man hat es vergessen und lässt zu, dass die von den Taliban befreiten afghanischen Politiker Gesetze erlassen, die ebensogut von den „Schülern“ kommen könnten. Hat wirklich kein Politiker eines Nato-Staates die Eier, denen zu sagen: „Freunde, entweder ihr haltet euch an Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, oder wir gehen und schauen zu, wie euch die Taliban am nächsten Laternenmast aufknüpfen?“ Whatever, wer keinen Krieg führen will, der muss dann auch jede Kröte schlucken und mit Phantomen wie den „gemäßigten Taliban“ zu verhandeln versuchen.

7 Gedanken zu “Wie man Kriege nicht gewinnt

  1. militärisch haben die Taliban keine Chance zu gewinnen – wahrscheinlich nicht einmal gegen 5000 modern ausgestattete Soldaten

    als die Russen 1989 aus aghanistan abzogen, konnte sich Nadschibullah bis 1992 an der Macht halten.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Mohammad_Najibullah

    Terror könnten die Talban jedoch auch bei einer Verdopplung der westlichen truppen weiterhin ausüben.

    entscheidend ist nicht ob die Taliban „besiegt“ weden können, sondern ob es dem Westen wert ist, die Taliban Herrschaft zu verhindern, auch wenn das bedeutet immer wieder schmerzliche Opfer zu bringen (für Menschen, die nach Ansicht vieler ohnehin lieber in einem archaischen Gottesstaat als in einer westlichen Demokratie leben würden)

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/10/22/menschen-bei-maischberger/

    gewinnen können die Taliban nur dadurch, dass wir diese Opfer ablehnen und den („gemäßigten“)Taliban freiwillig die Herrschaft wieder zurückgeben .

  2. militärisch haben die Taliban keine Chance zu gewinnen – wahrscheinlich nicht einmal gegen 5000 modern ausgestattete Soldaten

    Was für ein Blödsinn. Die Taliban greifen eben auf die Strategie des Kleinkriegs zurück, und zwar in einer Art und Weise, für die das afghanische Terrain bestens geschaffen ist. Die Kriegsführung der Amerikaner und Briten („fliegende Kavallerie“, d.h. per Helikopter einfliegen – relativ kurze Gefechte von wenigen Stunden – zurückziehen in die Basis) funktioniert dagegen einfach nicht, und die Amerikaner haben dagegen auch keinen Plan, wie das Studium einer aktuellen Ausgabe des Army/USMC Counterinsurgency Field Manual (FM3-24) zeigt. Fakt ist, dass es bisher noch keine „moderne“ Armee geschafft hat, sich im afghanischen Terrain zu behaupten, weder die Briten (die haben da schon ihre schlechten Erfahrungen im 19. Jahrhundert gemacht, und nicht ohne Grund ihre Elitetruppen, die Gurkhas, zur Bewachung der afghanischen Grenze zur indischen Kolonie eingesetzt) noch die Sowjets (wobei die Mudschahedin den Schritt in ihrer Guerilla-Taktik von der Defensive zur Offensive teilweise den US-amerikanischen Waffenlieferungen zu verdanken haben; praktisch hätte dieser Kampf aber auch ohne US-Unterstützung noch Jahrzehnte weitergeführt werden können, und letztendlich war es sowieso der Zusammenbruch des Ostblocks, der den Krieg damals beendet hat) noch jetzt die Amerikaner und ihre Verbündeten.

    Seid doch einfach mal ehrlich, und gesteht ein, dass Afghanistan ein „failed state“ ist, in dem der Westen nichts auszurichten vermag als wenige km Radius um vereinzelte Basen zu kontrollieren. Die Staatsführung ist in höchstem Maße korrupt (nach westlichen Maßstäben), das kann einfach nichts mehr werden.

    Gesteht ein, dass der Kleinkrieg, wie er in Afghanistan geführt wird, für die Amerikaner eine immer noch unbeherrschbare Art der Kriegsführung darstellt.

    Gesteht ein, dass selbst ein Einmarsch mit Millionen von Truppen nichts bringen würde, denn es gilt weder einen afghanischen Hitler zu besiegen (auch wenn lindwurm das so darstellen will mit seinem WW2-Hitlerkomplex-Vergleich), noch hat es in Afghanistan _jemals_ auch nur annähernd mit Europa vergleichbare gesellschaftliche Zustände gegeben – ein „Wiederherstellen“ früherer Gesellschaftsordnungen, wie das eben nach dem zweiten Weltkrieg in Europa passiert ist, kann nicht funktionieren, außer man will das alte Stammessystem stützen, aus dem allerdings auch Machtfraktionen wie die Taliban (oder ideologisch verwandte Gruppen) nicht wegzudenken sind.

    Gesteht ein, dass „der Westen“ aus genau diesen genannten Gründen in Afghanistan nichts verloren hat (außer vielleicht für die Jagd nach O.B.Laden, die aber schon jahrelang äußerst erfolglos verläuft; und nebenbei möchte ich noch darauf hinweisen, dass selbst Bin Laden von den Amerikanern nicht wegen 9/11 gesucht wird, sondern wegen früherer Terrorakte). Denn tatsächlich kann man den Taliban nicht wesentlich mehr vorwerfen, als dass sie ein undemokratisches, unmenschliches System etabliert haben (und dessen haben sich viele andere Länder auch schuldig gemacht, ein Alleinstellungsmerkmal ist das nicht), und dass sie wenig „compliance“ mit Auslieferungsforderungen von „al-Qaeda“-Mitgliedern gezeigt haben. Würde der Westen diese Gründe konsequent gegen jedes Land, das dagegen verstößt, anwenden, dann müsste man auch noch in 20 andere Länder einmarschieren, möglicherweise auch mit dem hehren Ziel, die lokale Bevölkerung zu „befreien“. Das nicht zu tun ist doch nur scheinheilige Doppelmoral. Um das klarzustellen: die Freiheit Europas wird nicht am Hindukusch verteidigt, sondern ausschließlich in Europa.

  3. dass die Taliban weiterhin selbst bei einer starken Aufstockung der westlichen Truppen weiterhin in der Lage sein werden, erfolgreich Terror auszuüben und auch immer wieder westliche Soldaten zu töten, habe ich auch gesagt

    die Taliban sind innerhalb der kriegsbereiten afghanischen Bevölkerung nur eine Fraktion – wenn es ihnen nicht gelingt, die Kontrolle über die Städte zu übernehmen, werden sie auch innerhalb der unwegsamen Gebiete, die sie im Moment zu kontrollieren scheinen, bald die Unterstützung verlieren.

    den Bogen, den du von britischer Armee, Sowjet-Invasion bis zur heutigen Situation als Beleg für die sichere Niederlage, die wir „endlich eingestehen sollen“ schlägst, ist auf jeden Fall oberflächlicher und unfundierter als Lindwurms Vergleich mit dem verlustreichen Kampf gegen Hitlers Truppen.

    Afghanistan hat selbstverständlich eine andere Geschichte als Westeuropa – Afghanistan war allerdings sowohl schon eine Demokratie als auch ein kommunistischer Staat (eine progressiv-westliche Utopie schlechthin)

    dass sich die Taliban im von Bürgerkrieg zerrütteten Afghanistan durchsetzen konnten, heißt nicht, dass dies die für die Afghanen „naturgemäß“ passende Regierungsform ist.

    der Kampf um unsere Freiheit wird nicht nur in Europa entschieden – es sei denn wir schaffen es uns wieder vollständig von der Welt draußen zu isolieren.

    bei uns Europäern ist es (Gotte sei Dank) kaum eine realistische Option.
    vielleicht gelänge es hingegen den Amerikanern unter Ron Paul:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/11/07/sieg-der-urbanen-weltoffenheit/

    der Preis wäre allerdings ein hoher, wenn man sich anschaut für welche Werte Ron Paul sonst noch steht, außer, dass er gegen Bushs Kriege war…

  4. wenn es ihnen nicht gelingt, die Kontrolle über die Städte zu übernehmen, werden sie auch innerhalb der unwegsamen Gebiete, die sie im Moment zu kontrollieren scheinen, bald die Unterstützung verlieren.

    Nein, gerade das unwegsame Gelände ist der Schlüssel zur Umsetzung der „klassischen“ Guerillataktik, und auch der Grund, warum die Taliban im Süden so dominant sind. Von den typischen Schritten Defensive – Parität – Offensive eines Guerillakriegs haben es die Taliban dort schon zum Schritt der Parität geschafft. Sie machen es durchaus strategisch betracht gut, indem sie sich eben _nicht_ in die Städte und damit in einen urbanen Kleinkrieg reinziehen lassen.

    den Bogen, den du von britischer Armee, Sowjet-Invasion bis zur heutigen Situation als Beleg für die sichere Niederlage, die wir „endlich eingestehen sollen” schlägst, ist auf jeden Fall oberflächlicher und unfundierter als Lindwurms Vergleich mit dem verlustreichen Kampf gegen Hitlers Truppen.

    Dann sag mir: wer hat jemals die Afghanen auf afghanischem Boden geschlagen, in der gesamten afghanischen Geschichte? Niemand. Im 19. Jahrhundert hat es nicht einmal die (damals) stärkste und technologisch fortschrittlichste Armee der Welt, die damals ein Viertel der Landmasse kontrollierte, geschafft. Afghanistan ist ein „failed state“, mit einer extrem schwachen Regierung, die es nicht einmal schafft, 10 km außerhalb von Kabul ihre Macht und Kontrolle auszuüben.

    Afghanistan hat selbstverständlich eine andere Geschichte als Westeuropa – Afghanistan war allerdings sowohl schon eine Demokratie

    Du meinst doch nicht etwa die afghanische Republik von 1973 bis 1979? Fürwahr 6 lange Jahre demokratische Tradition. Was können da etliche Jahrhunderte Stammestradition dagegen ausrichten?

    der Kampf um unsere Freiheit wird nicht nur in Europa entschieden – es sei denn wir schaffen es uns wieder vollständig von der Welt draußen zu isolieren.

    Derartige Sprüche sind nichts als dumpfe, apologetische Kriegsrhetorik, für die wieder mal die „Freiheit“ herhalten muss. Am Hindukusch gibt es nichts zu verteidigen für Europa.

  5. „Dann sag mir: wer hat jemals die Afghanen auf afghanischem Boden geschlagen, in der gesamten afghanischen Geschichte? “

    Alexander, der Große
    dann die Nachfolger von Mohammed, dem Eroberer
    die Engländer
    die Sowjets
    die Taliban
    die Amerikaner

    und sicher habe ich etliche ausgelassen…

  6. aronsperber: FAIL.

    Die Engländer haben im 19. Jahrhundert es zwar geschafft, kurzfristig einzumarschieren, wurden dann aber wieder vertrieben. Und haben gleich mal ihre Grenze zu Afghanistan mit ihren Elitetruppen vollgepackt.

    Die Sowjets haben das Land zwar besetzt, den Kleinkrieg gegen die Mudschahedin allerdings nicht gepackt, sich stattdessen an der Zivilbevölkerung vergangen, und sind letztendlich sieglos abgezogen.

    Die Taliban rekrutierten sich von Anfang an primär aus Afghanen, und bedienten sich in ihrem Machtstreben dem Kleinkrieg. Etwa so sinnvoll wie auf die Frage „wer hat die Österreicher auf österreichischem Boden geschlagen?“zu antworten „die oberösterreichischen Bauern“.

    Die Amerikaner haben die Talian mit dem Angriff November 2001 zwar in die Defensive gedrängt, diese haben allerdings besonders im Süden wieder deutlich an Macht zurückgewonnen. Die Grundlage eines jeden Kleinkrieges ist es, aus der Defensive heraus gegen einen waffentechnisch und zahlenmäßig überlegenen Gegner zu gewinnen, um langsam die Oberhand zu erlangen. Und genau das machen die Taliban. Die „Schlacht“ mag aus US-amerikanischer Sicht gewonnen sein, der Konflikt ist allerdings noch lange nicht zuende, und kann daher nicht als „Sieg“ für die US-Truppen gewertet werden. Der wäre erst erreicht, wenn sämtliche Taliban-Strukturen zerschlagen wären, gerade in einem Kleinkrieg ein nahezu unmögliches Unterfangen; als Beispiel, wo genau dieses Prinzip ebenfalls angewandt wurde, war das österreichische Konzept der Raumverteidigung zur Zeit des Kalten Krieges: für den Fall, dass ein Gegner in Österreich eingefallen wäre, hätte sich das Heer in relativ autonome Gefechtseinheiten in Kompanie- bis maximal Bataillonsstärke aufgeteilt, um den Gegner aus der Defensive heraus unter Ausnützung der Charakteristika des österreichischen Terrains in langwierige Scharmützel zu ziehen und damit zu zermürben. Und vom Prinzip her machen die Taliban nichts anderes.

  7. Afghanistan bzw der Hindukusch ist ähnlich wie der kaukasus oder der Balkan ein ethnischer Fleckenteppich. (insofern ist es schon falsch von den“Afghanen“ oder den „Mudschaheddin“ zu sprechen…)

    diesen in zaum zu halten, gelingt mit Restriktion und Unfreiheit sicher viel einfacher als mit einem offenen System, wie unserem – das ist sicher wahr…

    Tito hat die Balkanvölker in Zaum gehalten – viele trauern wegen dem „Völkerfrieden“ Jugoslawien nach – ebenso wie viele am Kaukasus der Sowjetunion.

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/08/31/eine-belastende-hypothek/

    Mit ihrem brutalen Terror ist es den Talban ebenso ganz gut gelungen, zeitweise Ordnung zu schaffen.

    vielleicht mutet es naiv an, aber ich bin trotz der kriegsbereitschaft der einzelnen Menschen Afghanistans der meinung, dass sie es trotzdem verdient haben, ohne Tyrannei zu leben (auch wenn diese sie besser in Zaum halten würde)

    der Westen versucht das Land eben ohne Tyrannei zu befrieden – wer sich über die Schwierigkeiten dabei erfreut, hat letztlich eine niedrige Achtung vor den Menschen in Afghanistan, auch wenn er den „afghanischen Freiheitskampf“ romantisiert)

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