Teufelswerk: Offene Geschäfte an den Adventsonntagen

Der deutsche Verfassungsgerichtshof hat einer gemeinsamen Klage der evangelischen und der katholischen Kirche stattgegeben und die Öffnung der Berliner Verkaufsgeschäfte an den Adventsonntagen als verfassungwiedrig eingestuft. Der „Spiegel“ jubelt (nicht im Kommentarbereich, sondern im Bericht): „Das Verfassungsgericht stellt den Menschen vor das Profitinteresse.“ Hm, klingt ja gut, wer möchte, rein gefühlsmäßig, nicht den Menschen über das Profitinteresse stellen (wie es grammatikalisch und inhaltlich richtig wäre, lieber Spiegel)? Dass ohne Profit genau die Menschen, für deren Interessen man sich einzusetzen vorgibt, ihrer Arbeit und ihres Einkommens verlustig gehen können, das ist den Kirchenvertretern und dem Spiegel egal, wie es aussieht. Weiter im Text: Die Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katrin Göring-Eckardt, begrüßte das Urteil. Dies sei ein eindeutiges Signal gegen den Kommerz und für den Sonntag als gemeinsamen Ruhetag für alle, sagte Göring-Eckardt am Dienstag im ZDF. Der böse böse Kommerz! Fast so böse wie das Zinswesen und das Geldwechseln, was? Wie schön wäre doch eine Non-Profit-Gesellschaft, in der es keinerlei Anreiz mehr gäbe, Arbeitsplätze zu schaffen, innovativ zu sein und Wohlstand zu schaffen! Ein Paradies auf Erden würde das sein. Die Suppenküchen der Kirchen könnten sich des Ansturms der Menschen, deren Wohl über den Profit gestellt wurde, kaum mehr erwehren, und die Kirchenbänke wären endlich wieder voll mit Leuten, die in ihrer ökonomisch verursachten Verzweiflung wieder Trost beim Allmächtigen suchen. Ganz interessant auch die Klagesbegründung der Kirchen: In ihren Verfassungsbeschwerden sprachen die Kirchen von einem Verstoß gegen den vom Grundgesetz garantierten Schutz der Arbeitsruhe und Erholung am Sonntag. In der mündlichen Verhandlung im Juni hatten sie zudem geltend gemacht, auch das Recht auf ungestörte Religionsausübung sei von den zahlreichen Sonntagsöffnungen tangiert. Dass die Verkäufer und Verkäuferinnen, die an den Adventsonntagen arbeiten, ihre Erholdung an einem anderen Wochentag nachholen können, dazu noch mit mehr Geld in der Brieftasche, ist den Kirchenfürsten wohl ebenso entgangen wie die Tatsache, dass ihre Forderung, religiöses Getue habe vor allem an Sonntagen stattzufinden, reichlich mittelalterlich wirkt und sich mit der modernen Zeit ebenso wenig verträgt, wie islamische Wünsche nach Geschlechtertrennung oder die Empörung orthodoxer Juden über samstägliche Autofahrer.

Nun ist es keinesfalls so, dass ich grundsätzlich und in jedem Fall dafür bin, den Profit über den Menschen zu stellen. Doch der Einzelhandel macht nun mal in den Wochen vor Weihnachten den größten Umsatz des Jahres, der es ihm auch ermöglicht, seine Belegschaft zu halten und eventuell sogar zu erweitern. In Österreich haben wir seit Jahren offene Geschäfte an den Adventsonntagen und am 8. Dezember (katholischer Feiertag), und es sind trotz aller Unkenrufe der Gewerkschaften und der Kirchen bislang deswegen keine menschlichen Katastrophen zu verzeichnen. Weder sind Familien wegen der vorweihnachtlichen Öffnung der Geschäfte zerbrochen, noch gab und gibt es Proteste der betroffenen Arbeitnehmer, die, wie schon erwähnt, ihre freien Tage ja samt finanzieller Entschädigung nachgereicht bekommen. Auch ist keine Glaubenskrise ausgebrochen. Nicht wegen der Sonntagsöffnungen der Geschäfte zumindest. Für die Krise des Glaubens sind doch hauptsächlich andere Faktoren verantwortlich, zum Beispiel der immer mehr Menschen auffallende Widerspruch, dass die Kirchenoberen zwar Bescheidenheit predigen und gegen die „Gewinnsucht“ poltern, selber aber mit Gold behangen sind wie Gansterrapper und ihre „Kritik“ am Profitdenken von Palästen aus üben, wie sie heutzutage nur mehr drei Kathegorien von Menschen bewohnen: Reicher Altadel, Neomilliardäre und eben Bischöfe und Päpste.

Natürlich sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Einzelhandels in der Vorweihnachtszeit nicht zu beneiden. Sie müssen von früh bis spät die immer gleichen abgedroschenen Weihnachtslieder ertragen und sich mit einem Ansturm teils nervtötender Kunden herumschlagen. Der Stresslevel ist für diese Arbeitnehmer also extrem hoch in der angeblich „Stillen Zeit“. Doch das gehört zum Jobprofil, und zum Glück leben wir ja immer noch in Sozialstaaten, in denen es einen Urlaubsanspruch gibt (etwas, wovon Freiberufler wie zB der Lindwurm nur träumen können – aber das interessiert die vorgeblichen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit ebensowenig wie die Situation von Ein-Personen-Unternehmen. Wir sind schließlich böse Profitmacher, gelle?). Der echte, wirklich gefährliche Weihnachtsstress tritt in den meisten Familien übrigens nicht vor, sondern während der Feiertage auf. Da häufen sich dann die Enttäuschungen, unterdrückte Wut bricht plötzlich hervor und es wird gekeppelt und geschrien und machtgekämpft bis hin zum „erweiterten Selbstmord“. Daran sind, um falschen Interpretationen vorzubeugen, nicht die Feiertage schuld, sondern übertriebene Erwartungen an diese (die von den Kirchen ebenso geschürt werden wie von der „Weihnachtsindustrie“) sowie der Alkohol und die in vielen Familien übers Jahr herrschende Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit oder Feigheit, Ärgernisse zu kommunizieren.

Nein, liebe Kirchenleute, Gewerkschafter und Spiegel-Redakteure: Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass Liberalisierungen der Öffnungszeiten nicht grundsätzlich zu Ausbeutung und Familienzerstörung führen. Im Gegenteil, es wurden sogar zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Gerade deutsche Gewerkschafter und Kirchen sollten schön ruhig sein bezüglich der adventzeitlichen Sonntagsöffnung, solange sie ein Arbeitsrecht akzeptieren, dass es ermöglicht, jahre- und jahrzentelange Mitarbeiter wegen Bagatelldiebstählen fristlos zu entlassen, solange es Hartz IV gibt und echte Armut, solange die Kinderbetreuungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Realität hinterherhinken und Menschen in kniender Demutshaltung vor Supermärkten um ein paar Cent betteln. Ach, das sind ja echte soziale Missstände, noch dazu von Sozialdemokraten mitverantwortet, also halten wir unser Maul? Sehr „glaubwürdig“, liebe Kirchenvertreter und Gewerkschafter.

13 Kommentare zu „Teufelswerk: Offene Geschäfte an den Adventsonntagen

  1. Lieber Lindwurm, warte mal ab, bis auch hier in Österreich Schlecker, Edeka u Co sowie die Elektronik-Discounter die Gewerkschaften soweit niedergeknüppelt haben, daß man sich nur mit Tränen in den Augen an die Zeiten von gesetzlich geregeltem Urlaubs- u Weihnachtsgeld erinnert.
    Dann darfst Du Dir Deinen Beitrag von heute gern nochmal vornehmen. u gegebenenfalls redigieren.

    Ach ja, irgendwo in deinem Blog hab ich mal sinngemäß gelesen, nur wer inhaltlich nichts substanzielles zu entgegnen hat, reagiert auf die Rechtschreib- u Grammatikfehler des Gegenüber.

    Du machst jetzt grad nicht den gleichen Fehler, oder?

  2. Also in meiner Familie ist eine Verkäuferin und das ist schon hart was die an Adventsamstagen mitmachen muss…dann Sonntag auch noch offen und unbezahlt in der Arbeit stehen? Nein, da bin ich auch dagegen. Vor allen Dingen in Zeiten wo jeder mehr arbeitet um seinen Posten zu behalten und sich die Arbeitgeber die Hände reiben….dass das neue Arbeitsplätze schaffen würde halte ich für geschickte Propaganda der Wirtschaftskammer.

  3. Dein reichlich emotional um sich schlagender Post läßt eins außer Acht: Das Gericht hat auf Grundlage des deutschen Grundgesetzes entschieden und nicht eine Interessenabwägung zwischen finanziell und religiös vorgenommen. Dass die Kirchen – als Klageführer – sich darüber freuen und ihre Interessen betonen, kann man ihnen wohl kaum verübeln.
    Das Gesetz soll einen Rahmen bieten, in der eine Gesellschaft gut leben kann – insofern sollte man es auch respektieren.
    Du bist ja auch sonst dafür, wirtschaftliche Interessen zurückzustellen, um ein gutes Ziel zu erreichen (Iran/Israel). Das sollte doch hier auch möglich sein, auch wenn es für Dich wenig bedeutet – für andere tut es das.

  4. Lieber Lindwurm, ich bin ganz bei „Christian 9020“. Ich empfinde Deinen Artikel auch in sich widersprüchlich. Einerseits schüren Deiner Ansicht nach die Kirchen zusammen mit der „Weihnachtsindustrie“ die Erwartungen, die dann mitbeteiligt sind am Zusammenbruch bei den Festtagen. Wenn sie aber verhindern wollen, dass die allgemeine Weihnachtshysterie auch die Ruhepunkte der Adventsonntage überschwemmt, verhindern sie den Profit und damit die allgemeine Verbreitung des Wohlstandes und die Sicherung (wenn nicht Vermehrung) der Arbeitsplätze. In Österreich gab es früher einmal den sogenannten „silbernen“ und „goldenen Sonntag“ ( 3. und 4. Adventsonntag) an denen die Geschäfte geöffnet waren. Sie wurden, auf Betreiben auch der Gewerkschaft, 1960/61 abgeschafft. http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.a/a125356.htm
    Der Wohlstand ist damals nicht gesunken und es gab nicht weniger Arbeitsplätze.
    Es gibt äußerst wenige Dinge, in denen ich mit der Kirche einer Meinung bin, dies ist eins davon.

  5. Haltet mich für naiv, aber ich wünsche mir schon lange eine andere Diskussion von Seiten der Gewerkschaften. Diese mauern doch nur, geben ein Stück nach, mauern weiter, geben ein Stück nach usf. Mit Überlieferungen aus grauer Vorzeit in der Moderne Verhandlungen zu führen geht so Schritt für Schritt ins Auge.

    Ich kann mir sogar ganzjährig rund um die Uhr geöffnete Geschäfte vorstellen, sollte sich das rechnen, meinetwegen, doch ohne Ausbeutung der Arbeitnehmer. Mit dem Ausarbeiten genau definierter Spielregeln hätten die Gewerkschaften mal ein wenig Arbeit. Es gibt genug Leute, für die der „Sonntag“ nicht unbedingt am Sonntag sein muss, der „Tag“ nicht unbedingt bei Tag sein muss. Gäbe es für diese Menschen Jobs, wäre das durchaus wünschenswert. Die derzeitige Verkäuferin soll das nicht -irgendwie dann doch noch- zusätzlich aufgehalst kriegen, weil es eben ein eigener Job ist.

    Kurz: total liberalisieren ohne weiteres Aufweichen der Zumutbarkeitsgrenzen für Verkäuferinnen, sondern als Raum für weitere Arbeitsplätze. Die Konzerne dürfen dann selber ausrechnen, ob sie damit noch ein Geschäft machen.
    Ach: Und so mancher Supermarktriese sollte mal nachprüfen, ob zufriedene und von sich aus motivierte Mitarbeiter nicht besser fürs Geschäft sind als von skrupelloser Machtausübung angetriebene „Diener“.
    „Sklaventreiber“ kosten ja auch was (und kaum, dass sie sich umdrehen…), vielleicht sogar mehr als eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen?

  6. Nachtrag:
    Ich habe mich voriges Jahr (oder war das schon vor zwei Jahren?) köstlich darüber amüsiert, dass ausgerechnet BILLA am 8. Dezember zugesperrt hat.

  7. @Lindwurm:Ja, sorry…wer lesen kann ist klar im Vorteil! 🙂 Ich nehme alles wieder zurück.

  8. @ ap:

    Schön wärs, leider ist das Leben kein Ponyhof! soll heißen: Der Markt ist aufgeteilt. Durch andere Öffnungszeiten kommen keine Umsatzsteigerungen insgesamt zu stande. Oder kennst du nur einen Nachbarn, der irgendeinen Gegenstand kaufen möchte, und ihn nicht bekommt, weil die Läden dauernd zu sind?

    Einzelhandel kann nur noch Umsatzanteile umverteilen. Damit wird kein einziger zusätzlicher Arbeitsplatz geschaffen, denn die werden auch nur umverteilt, oder wie in Deutschland vielfach: Aus einer Vollzeit-Stelle, werden 2 Halbtags stellen, oder schlimmer, 3 Geringverdiener! Damit ist den Verkäuferinnen (der Einzelhandel ist nunmal überwiegend weiblich) ja nun überhaupt nicht geholfen.

    Ich gebe Dir bei dem Wunsch nach freier Entscheidung über Öffnungszeiten vollkommen Recht. Leider sitzen die Verhandlungspartner (Arbeitgeber/Arbeitnehmer) aber nicht auf Augenhöhe. Partnerschaftliche Entscheidungen kannst Du da kaum erwarten.

  9. „oder die Empörung orthodoxer Juden über samstägliche Autofahrer“

    ULTRA-orthodoxer Juden (in Jerusalem), nicht „orthodoxer“ per se.

  10. Witzig ist ja, dass es nur um die Adventsonntage geht. Dass es in Berlin z.B. Ullrich, einen doch etwas größeren Supermarkt am Bahnhof Zoo gibt, der auch Sonntags bis 22 Uhr oder so offen hat, und dass auch ansonsten fast an jeder Straßenecke ein „Späti“ (Spätkaufladen) zu finden ist, wo man die wichtigsten Dinge einkaufen kann, und die 7 Tage die Woche von früh bis spät abends (teilweise bis tief in die Nacht hinein) offen haben, dafür interessiert sich keine Sau. Also, viel „bahö“ um dieses Urteil, aber letztendlich ist das Resultat nur mäßig relevant, nämlich an 4 von 52 Wochenenden im Jahr.

  11. @foo:
    genau: heiße Luft um nix

    die Rentner (dt. für Pensionär) die dir früher in der Kernzeit 17-18 Uhr, späterhin am Samstag nachmittag, jetzt auch am Sonntag vormittag beim Billa von den Füßen rumlaufen, an der Kasse ausgerechnet heute mit Kleingeld bezahlen wollen, und die nicht wissen, daß beim Spar die Bananen in der Abteilung abgewogen werden, werden dich in Zukunft auch dann begleiten, wenn Du in der Zeit einkaufen gehst, die extra für die arbeitende Bevölkerung gegen die Macht der Kirche erstreitten wurde. :-))

  12. @ Christian9020:
    Naja, ich kenne Leute, die Sachen kaufen, die sie gar nicht brauchen, hab aber keine Ahnung, ob sie noch mehr Sachen, die sie nicht brauchen, kaufen würden, wenn sie noch mehr Zeit dazu hätten.

    Stimmt, das Leben ist kein Ponyhof, ich sag ja selbst, dass ich wahrscheinlich zu naiv an die Sache herangehe 😉

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