Bye, ihr Nullen

Das waren sie also, die so genannten „Nullerjahre“, die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends, und während gerade überall die Sektkorken knallen (weswegen eigentlich?) und die Leute Böller und Feuerwerksraketen im Werte vieler Millionen Euro in die Luft blasen, sitze ich tatsächlich nüchtern vor dem Computer und mache mir Gedanken über dieses Jahrzehnt, das gerade zueende geht. Und vorab an die Geeks: Ja, ich WEISS dass streng mathematisch gerade erst das letzte Jahr des Jahrzehnts anbricht, aber hat etwa zum Jahreswechsel 1999/2000 irgendjemand auf euren neunmalklugen Einwand gehört? Nein, hat keiner. Also besser Kauklappe geschlossen halten und hoffen, das euch der Schulschläger nicht erwischt.

Was und wie war dieses jahrzehnt? Aus meiner persönlichen Sicht vor allem kurz. Verdammt kurz. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, als alle Welt in die Y2K-Panik verfiel und man befürchtete, Schlag Mitternacht würden alle Flugzeuge vom Himmel stürzen und die Waschmaschinen zum Angriff auf die Menschheit schleudern. Tatsächlich sind gewisse Flugzeuge erst ein knappes Jahr später – was mir auch wie erst gestern passiert erscheint – mitten ins Herz der westlichen Zivilisation gestürzt worden und haben uns Westler damit in zwei Lager gespalten: In jenes, das die Kriegserklärung ernst nahm, von Dumpfbacken gerne als erzböse Neokonservative beschrieben, und in ein anderes, das Lager der Friedensfanatiker, das Bin Laden und den Seinen „ein Stück weit“ Verständnis entgegenbrachte und im Übrigen meinte, das alles ginge uns nichts an. Das war übrigens auch das Jahrzehnt, in dem Politikerinnen die schreckliche „Ein-Stück-weit-„Phrase aus den Untiefen ihres Geistes hervorkramten und damit ihre Umwelt zu belästigen begannen. In der ersten Hälfte der „Nullerjahre“ wurde gegen Israel ein Terrorkrieg mit bislang unerreichter Brutalität geführt, der mehr als 1.000 Ísraelis das Leben kostete und etwa 7.000 verkrüpppelt zurückließ. Das war jedoch den Friedensfanatikern egal. Die haben vielmehr mit dem Ermahnungsfinger auf Israel gezeigt, als das Land effektive Schutzmaßnahmen gegen die Attentäter ergriff. Diese Leute sind nicht einmal aufgewacht, als ihre „Dialogpartner“ in Madrid und London hunderte Menschen umbrachten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Die Welt war für die Friedensfanatiker im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums denkbar einfach: Bush war böse, Israel war böse, wir alle hier im Westen waren böse, und beginge man bloß moralischen und militärischen Selbstmord, würde alles gut werden. Auf der anderen Seite des Spektrums tauchten die zu erwartenden Zerr-Spiegelbilder dieser Naivlinge auf: Zumeist (nicht immer) faschistoide Kasper, die in jedem Muslim einen Feind sahen. Und da die Nullerjahre das Jahrzehnt waren, in dem das Internet wirklich den Durchbruch schaffte und auch in der letzten Freak-Kommune am letzten Berg Einzug hielt, waren dies auch die ersten Jahre des Cyber-Meinungskrieges. Jeder Trottel konnte nun seine wirren Theorien verbreiten und stieß auf genügend andere Wirrköpfe, die diese Wirrheiten als vermeintliche Wahrheit dankbar aufsogen. Der an sich nicht so schlechte Bedeutungsverlust etablierter Print- und Funkmedien zugunsten des Internets machte leider nicht nur Platz für einen frischen Meinungswind, sondern vor allem auch für den beißenden Gestank von Verschwörungstheorien und Nazipropaganda.

Doch zurück zum Persönlichen. In den Nullerjahren wurde ich dreimal gefeuert, war einmal verheiratet (immerhin für sieben Jahre) und durfte gleich drei Krankheiten der Kategorie „will man nicht haben“ durchmachen: Depressionen, Panikattacken und schließlich Krebs. 2009 war jenes Jahr, in dem ich nicht sicher sein konnte, den Jahreswechsel noch zu erleben, was ohne Übertreibung eine lebensverändernde Erfahrung war. Es war für mich das Jahr der Cheomotherapien, der Morphiumspritzen, des wochenlangen Eingeschlossenseins in kargen Isolierzimmern und der Angst vor dem Tod. Und es war das Jahr, in dem sich gezeigt hat, wer zu meinen Freunden gehört und wer nicht. Aber hey, ich bin noch da. Andere, die ich kannte und mochte, sind es nicht mehr. 2000 bis 2010 waren nämlich auch die Jahre der Selbstmorde und tödlichen  Krankheitsfälle im Freundes- und Bekanntenkreis. Auch zwei Haustiere, an denen ich sehr gehangen bin, sind in diesen Jahren in den Hunde- und Katzenhimmel aufgefahren (bzw realistischerweise der Tierkörperverwertung zugeführt worden). Zwei Beziehungen und eine Ehe kamen und gingen wie unkastrierte halbwilde Kater, und wie am Ende der 90er Jahre muss ich auch nun wieder der Zukunft alleine begegnen. Das ist vielleicht gar nicht mal so schlecht, denn so muss  ich wenigstens gezwungermaßen meinen faulen depressiven Arsch von der Couch hochkriegen.

2008 haben wir den Alkoraser-Tod von Jörg Haider miterlebt, und nein, ich habe nicht getrauert. Einer der intelligentesten, aber auch gemeinsten und widerlichsten Demagogen der vergangenen 30 jahre, der schlimmste und gefährlichste Hetzer, den Österreich seit Hitler erlebt hat, der ein Volksbegehren gegen Menschen durchgeführt hatte, die Bevölkerung zur Denunziation von „kriminellen Ausländern“ aufrief und ein ganzes Bundesland ausraubte und in den Ruin trieb, ist durch seine eigene Hand, nein, sein eigenes Gaspedal umgekommen. Weshalb hätte ich also trauern sollen? Weil der „Jörg“, oder, wie er von manchen ehrfurchtsvoll genannt wurde, der „Dr. Haider“ ein phänomenales An- und Einschleimtalent hatte, auf das so viele, auch intelligente Leute, hereingefallen waren? Nein, es ist gut, dass dieser Mann weg ist. Klar, es wäre mir lieber gewesen, er wäre durch eine gute und kluge und starke Politik seiner Gegner zum Rückzug auf das Altenteil gezwungen worden, aber wenn es ein Unfall sein musste, um das Land von seiner grinsenden Visage zu erlösen, so ist mir das auch recht. Was natürlich nicht bedeutet, dass ich den Schmerz seiner Verwandten und Freunde ignoriere, es ist bloß nicht mein Schmerz. Schade nur, dass seine grinsenden Epigonen schon bereit standen, wie es auch schade ist, dass die Kärnterinnen und Kärntner tatsächlich so bescheuert waren, diesen Haider-Buben und Hypo-Gangstern einen atemberaubenden Wahlerfolg zu schenken.

Apropos Hypo: Banken- und Wirtschaftskrise war auch, und zwar eine ziemlich heftige, die immer noch Spuren der Verwüstung durch die ökonomischen und sozialen Gefüge der Welt zieht. Staunend durfte die Weltbevölkerung zusehen, wie Verbrecher Milliarden verschoben und zur Strafe von den Steuerzahlen dieser Erde vor dem Bankrott gerettet wurden. Klar, was blieb den Steuerzahlern dieser Erde auch anderes übrig? Doch es wäre nett gewesen, wenn diejenigen, die die verschobenen Milliarden eingesackt haben, auch ein bisschen zur Kasse gebeten worden wären und nicht nur die ungarische Oma, der die Rente gekürzt wurde. Wo wir gerade bei Ungarn sind: Dort rennen wieder kostümierte Nazis durch die Gegend, brüllen antisemitische Slogans und ermorden Zigeuner. Auch das waren die  Nullerjahre – Faschismus und Nazismus krochen aus ihren Löchern und sonnten sich im Wohlwollen gar nicht so kleiner Teile der europäischen Bevölkerungen, Minderheiten müssen wieder um Leib und Leben fürchten, Antisemitismus wird mit deutschen Bundesverdienstkreuzen nicht unter Erster Klasse belohnt.  Und während Deutschland der wichtigste Handelspartner des Iran ist und Österreich mit ebendiesem Iran gute Geschäfte macht, schrauben dort Apokalyptiker an der Atombombe und bereiten den nächsten Holocaust vor. Menschen, die in den Straßen der iranischen Städte gegen diese Wahnsinnigen demonstrieren, werden niedergenüppelt, erschossen, von Autos überfahren und landen in Folter- und Vergewaltigungsknästen. Was soll´s? Lasst die Sektkorken knallen, es gibt ja so viel zu feiern…

Schnell waren sie wieder vorbei, die Nullerjahre, und wir blicken zuerecht besorgt in eine ungewisse Zukunft. Nichts ist sicher. Die iranische Demokratiebewegung könnte siegen, es könnte aber auch der Dritte Weltkrieg ausbrechen. Die Kärntner könnten aufwachen oder den Scheuch-Brothers eine Zweidrittelmehrheit verschaffen. Ich könnte krebsfrei bleiben oder einen Rückfall erleiden. Ich bleibe vielleicht single oder treffe doch die junge, erfahrene, devote, selbstbewusste, schöne, nicht von Äußerlichkeiten besessene, sensible und von Horrorfilmen begeisterte Blondine mit  schwarzen Haaren…

Und weil die „Nuller“ so schnell vorbeigegangen sind, hier der passende Song von Neil Young:

https://lindwurm.files.wordpress.com/2009/12/01-time-fades-away1.mp3

4 Kommentare zu „Bye, ihr Nullen

  1. Erstes Kommentar im neuen Jahr. Ich soff Biere und surfte Internet.
    Retrospektiv hab ich anzuführen dass die 0er Jahre durch Terrorismus, Klima, Wirtschaft und Jörg Haiders kaputt werden einen apokalyptischen Beigeschmack bekommen haben an den ich mich in zehn Jahre nicht mehr erinnern werde. Aber es war ein Hochgenuss darin zu leben, auf die ganze Welt zu lauschen und zu sehen wie neue Formen der Kommunikation alles zusammentreibt.

  2. prosit neujahr lindwurm!

    1. hut ab wie du deine krankheit – bis in peinlichst intimste protokollierend – durchstanden, gemeistert und bekämpft hast.
    2. uns immer wieder mit diesem und jenem artikel darauf hingewiesen hast, dass in der welt auch noch anderes passiert und
    3. uns eingestanden hast, dass deine beziehung dieser probe nicht standgehalten hat.

    du wirst weiterhin feuer speien wie wir es gewohnt sind, aber es tut weh zu lesen und zwischen den zeilen zu fühlen, wie waidwund auch dieser starke drache sein kann.

    may god bless you!

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