Israel, USA und Europa

67 Prozent der US-Amerikaner haben laut Gallup ein „Sehr positives“ Verhältnis zu Israel. Dagegen betrachten 59 Prozent der Europäer Israel als „die größte Gefahr für den Weltfrieden“ und 40 Prozent der EU-Bürger glauben ernsthaft, „Juden hätten zuviel Einfluss auf die Wirtschaft“. Dass dermaßen viele Europäer entgegen aller Fakten glauben, die kleine Demokratie Israel gefährde den Weltfrieden (was das auch genau sein mag in einer Welt voller Krieg) stärker als etwa die immer aggressiver agierende Weltmacht China oder die Apokalyptiker aus Teheran mit ihren die gesamte Region bedrohenden Atombombenambitionen, und dass 15 Millionen Jüdinnen und Juden auf diesem von fast sieben Milliarden Menschen bevölkerten Planeten „zuviel Einfluss“ worauf auch immer hätten, ist ein Zeichen weit vorangeschrittener Verblödung, die mit einem Verfall der Moral Hand in Hand geht. Das ist die harmlose Vermutung.

Wahrscheinlich spielen neben der unzweifelhaft stattfindenden Verdummung und Verrohung der europäischen Öffentlichkeit auch mehrere psychologische Entlastungsmechanismen eine Rolle in dem Trauerspiel. Da wäre zum einen die bis heute andauernde Belastung des ethischen Grundempfindens durch die beschämende Rolle, die viele Europäer während der Nazizeit und der Shoa gespielt haben und die von verweigerter Hilfeleistung bis hin zur sehr aktiven Kollaboration bei den Verbrechen reichte. Wenn man sich nun Israel als Staat der Juden und „Juden unter den Staaten“ zum bösen Kriegstreiber imaginiert, kann man sich der Emanzipation von der Kollaborateursgeneration entziehen und in der scheinbar entlastenden Schiefheilung einen Trost finden, der daraus folgt, sich zu weigern zuzugeben, dass die eigenen Väter und Großväter einfach nur Drecksäcke waren. Wer sich ein klein wenig mit Psychlogie auskennt weiß jedoch, dass solche Schiefheilungen Gesundheit bloß vortäuschen und dass die Weigerung, die Schlechtigkeit der Taten der Väter wahrzunehmen und aufzuarbeiten, fast zwangsläufig zu einer verdrehten Wahrnehmung der Realität führt. Man kennt diese Verhaltensweise von Missbrauchsopfern, die auch als Erwachsene noch ihre Missbraucher in Schutz nehmen.

Ein weiterer Grund für die völlig verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit durch einen großen Teil der Europäer könnte darin zu suchen sein, dass man angesichts der Milliarden an Steuergeldern, die die EU und die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten Jahr für Jahr an die Palästinenser überweisen, sich nicht eingestehen mag, dass man einfach nur Schutzgeld bezahlt. Seit die Milliarden fließen, ist der palästinensische Terrorismus auf europäischem Boden fast auf Null gesunken. Das ist natürlich eine Politik, die jedem Menschen mit halbwegs intaktem moralischem Empfinden die Schamesröte ins Gesicht treiben muss, und genau deswegen, um nämlich nicht vor Scham im Boden zu versinken, imaginiert man sich Israel und damit auch „die Juden“ als böse und gefährlich und die Araber als missverstandene arme Opfer. Denn würde man sich der Realität stellen, müsste man sich auch eingestehen, dass man seit vielen Jahren den Terrorkrieg der Araber gegen Israel und das Luxusleben der komplett korrupten palästinensischen Eliten bezahlt. Das wäre aber schmerzhaft, also muss Israel als böse und kriegslüstern fantasiert werden, auch wenn man hierfür in genau den Antisemitismus zurückfällt, den zu bekämpfen zum Lippenbekenntnis fast jeden gebildeten Europäers gehört.

Eine dritte Erklärungsmöglichkeit sollte man freilich nicht außer acht lassen: Dass nämlich die Europäer von heute dieselben Drecksäcke sind wie jene in den 30er und 40er Jahren des 20. jahrhunderts. Nur noch ein wenig feiger und verlogener. Während die Vorväter offen in ihrem dummen Herrenmenschenstolz jüdische Geschäfte markierten, auf dass der Nichtjude nicht in diesen einkaufe, ruft man heute zum Boykott von Soda Club auf. Während die Antisemiten der Naziära unter dem Gejohle des Pöbels Juden zum Gehsteigputzen zwangen, fordert man heute Unterwerfungsgesten israels wie zB die Entlassung rechtsstaatlich verurteilter Terroristen als „Entgegenkommen gegenüber den Palästinensern„. Während man damals offen zur Vernichtung allen jüdischen Lebens ansetzte und dies beinahe auch vollendet hätte, tritt man heute für eine „Einstaatenlösung“ und das „Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge“ ein. Während man in den 30er Jahren Hitler mit immer mehr Zugeständnissen „befrieden“ wollte, lässt man heute Ahmadinedjad gewähren – selbstverständlich ebenfalls des lieben Friedens willen…

Man kann es auch so sehen: Die Amerikaner haben die Tyrannei aus einer Überzeugung, die schon im Gründungsprozess der Vereinigten Staaten angelegt war,  bekämpft und dafür einen hohen Blutzoll abliefern müssen. Und sie haben das nicht nur einmal gemacht, sondern immer wieder, egal, welches Etikett die jeweilige Tyrannei auch trug. Die Europäer hingegen waren und sind selbst nicht in der Lage und willens, Tyrannen Einhalt zu gebieten, weil sie Tyrannei über Jahrhunderte hinweg als „gottgewollt“ akzeptiert haben und ihnen die Freiheit erst durch die Großzügigkeit jener, die um die Bedeutung von Freiheit wussten, geschenkt wurde. Für dieses Geschenk sind sie freilich nicht dankbar, sondern es bringt sie in Verlegenheit und macht sie trotzig und wütend, woher dann auch die völlig irrsinnige und suizidale Bewunderung für totalitäre Strömungen kommt. Und das führt uns zurück zu Israel und zum Nahostkonflikt, wo die Europäer sich schlicht weigern, eindeutig Partei für Freiheit und Demokratie zu ergreifen. Im Gegenteil: In Europa weht der stinkende Geist der Feigheit und der Realitätsverweigerung, der Ungeist des vorauseilenden Gehorsams gegenüber antidemokratischen und antiaufklärerischen Kräften, und um diesem Wahnsinn noch die Krone aufzusetzen, meint ein Gutteil der Europäer tatsächlich, dieses selbstzerstörerische Verhalten nicht bei sich, sondern bei den US-Amerikanern und den Israelis zu orten.

Weshalb die überwältigende Mehrheit der Amerikaner Israel mag, die Mehrheit der Europäer Israel aber ablehnt, liegt bei nüchterner Betrachtung an dem intellektuellen Elend, der Unfähigkeit zur kritischen Analyse in Europa.

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17 Gedanken zu “Israel, USA und Europa

  1. Guter Kommentar, auch wenn ich denVergleich zwischen Hitler und Ahmadinedschad für etwas gewagt halte.

  2. Ja, hervorragender Kommentar, Lindwurm..

    Und „Verdummung und Verrohung“ der europäischen Öffentlichkeit, das trifft’s leider auf den Punkt..

  3. Dann wandere doch in die USA aus. Du redest von einem intellektuellen Elend in Europa, da wirst du dich in den USA aber schön wundern! Die Hauptmotivationen von US-Amerikanern, Israel zu mögen, sind in den allermeisten Fällen rassistisch („Israel bekämpft den Islam“) oder fundamentalistisch-religiös („wir brauchen die Juden und Israel für die zweite Wiederkehr Christi, und werden sie dann zum Christentum bekehren oder töten“).

  4. Ich glaube nicht, dass die Verblödung und Verrohung voranschreitet, die war immer konstant.
    Seit die Christliche Kirche beschlossen hat, aus populistischen Gründen, die Juden zu verdammen und zu denunzieren, gleichzeitig aber die Thora als „altes Testament“ selbst auszuschlachten und zu verwenden, unter dem Motto „man kann ja nie wissen…“ war die Verblödung und Verrohung Europas Programm und der Humus für alle Schweinereien dieser für Schweinereien reichen Geschichte Europas.

  5. Was hat sich nach 1945 in Deutschland in Bezug zum Antisemitismus geändert?
    Die Entnazifizierung z.B. wurde schon 1946 nur noch halbherzig bewältigt bzw. schlief dann sehr schnell gänzlich ein, als Deutschland zu Beginn der 50er Jahre wieder „wer“ war.
    Die Shoa wurde von den Tätern also noch nicht einmal im Ansatz verarbeitet.
    Reichlich vorhandenes Forschungs- und Aufklärungsmaterial über die Diktatur der Nazis und die Shoah, das während der vergangenen Jahrzehnte in großer Zahl erschien, sagt für mich lediglich aus, dass Material zur Verfügung steht nicht aber, ob und wie es wirklich genutzt wird.
    Die Shoah erhielt den Stempel „ganz, ganz böse“ und somit wusste man, dass man bestimmte Witze, Bemerkungen und Ansichten zu unterlassen hat, jedenfalls öffentlich – jedenfalls erst einmal, bis genügend Gras über die „Sache“ gewachsen war, das wirklich kein „Esel“ mehr abfressen könnte.

    Mittlerweile liegt diese Zeit schon länger zurück und die Enkel und Urenkel der Täter wollen damit eigentlich auch nicht mehr so recht etwas zu tun haben.
    Wenn man die (gefühlte) Mehrzahl der Deutschen auf die Shoah anspricht erhält man größtenteils ablehnende bis aggressive abschlägige Erwiderungen – jedoch kaum Interesse oder gar den Versuch zu verstehen und die Verantwortung wirklich ernst und zu übernehmen.

    Selbstverständlich sehe im Deutschland von 2010 einen demokratisch, föderalistischen Staat.
    Aber das hat nicht unbedingt etwas mit den Gedankengängen und Ansichten in vielen Köpfen seiner Bürger gemein.
    Das würde ich ebenso auf die anderen europäischen Staaten übertragen.

    Daher finde ich deine dritte Erklärungsmöglichkeit am naheliegendsten.
    Man darf sich endlich wieder trauen offen zu sagen was man denkt und fühlt ohne eine „ungerechte Antisemitismuskeule“ erwarten zu müssen.
    Gut – wenn man es wieder einmal zu arg treibt wird der Antisemitismus eben in ein Mäntelchen von „gerechter“ Israelkritik gekleidet und mit einem feschen „antizionistischen“ Hut bedeckt – vorherrschend in den Farben braun, rot und grün.

    Zu guter Letzt, wenn sich die besondere Verantwortung der Freundschaft zu Israel hauptsächlich aus dem Grauen der Shoah herleitet, wie des öfteren strapaziert, dann halte ich das für wenigstens sehr problematisch.
    Vielleicht sind die nächsten Mahnmale ja schon in Auftrag gegeben.
    Leicht zu pflegen, sie widersprechen nicht und benötigen keinen eigenen Staat, sind universell einsetzbar und befriedigen das (etwaig entstandene) schlechte Gewissen auf das Beste.
    In Europa und Deutschland liebt man Mahnmale.

  6. Europa hat sich seit dem Mittelalter seinen Untertanengeist bewahrt. Statt Adel und Kirche unterwirft sich der harmonieduselige Europäer heute unter Sozialismus, Pazifismus, Multikulti und Klimawandelsschwindel. Für das Scheitern dieser Harmonieduseleien bedarf es eines Sündenbockes, und naheliegenderweise bietet sich dafür der althergebrachte Sündenbock an.

  7. @Foo

    Dann schauen sie sich doch die Ergebnisse der Anti-Minarett Umfragen an, im Bezug auf US-Europa.

    Ach und das islamismusliebelei was tolles ist, wissen sie ja.

  8. @Der Rechte: lustig, wie sie versuchen, die Diskussion in Richtung Islam zu lenken, wo es doch in dem Artikel um Israel, die USA und Europa geht… entsprechend sinnentleert ist auch ihr Posting.

  9. @Foo:

    Dass du Holzkopf gerade Islamkritik mit „rassismus“ gleichsetzt, fällt dir also auch nicht auf. Und wie du mir den schwarzen Peter zuschieben willst, gelingt auch nicht.

    „Die Hauptmotivationen von US-Amerikanern, Israel zu mögen, sind in den allermeisten Fällen rassistisch (“Israel bekämpft den Islam”) oder fundamentalistisch-religiös“

    Also sollte das „böses christliches Amerika“, „böses rassistisches Amerika“ Gewäsch alles sein was kommt?

  10. Und in den USA ist es im Moment wie in manchen Bereichen in Europa: Die Staatsführung ist ein mieser Haufen Israelfeinde – der ganz normale Amerikaner schätzt die Lage realistischer ein als ihr Superpräsi und seine Kohorten.

  11. Mit manchen Texten stimmt man so sehr überein, dass man sich wünschte, man hätte sie selbst verfasst. Das ist einer davon. Bravo.
    Ich glaube übrigens, dass die geschilderten Gründe einander nicht ausschließen sondern ergänzen.

  12. @ foo

    Sie geben den Satz (“wir brauchen die Juden und Israel für die zweite Wiederkehr Christi, und werden sie dann zum Christentum bekehren oder töten”) als Zitat aus. Dann mal heraus mit Quelle und genauen Angaben zum Fundort.

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