Do u no hu yor phrenz r?

Vor ziemlich genau einem Jahr bekam ich eine medizinische Diagnose gestellt, die kein Mensch gerne hört: Krebs. Ein Burkitt-Lymphom hatte es sich in meinem Körper gemütlich eingerichtet und bereits einen schönen fetten Tumor im Darm verursacht. Es folgte eine schwierige und riskante operative Entfernung des Tumors, weswegen mir seither rund 15 Zentimeter Darm fehlen, sowie eine von Mai bis Dezember dauernde Chemotherapie, wochenlange Aufenthalte in sterilen Isolationszimmern, und viele der netten Nebenwirkungen so einer Behandlung, welche zur großen Beliebtheit von Krebs beitragen. Aber siehe da: Ich bin noch hier, und das verdanke ich der Kunst der Ärztinnen und Ärzte am LKH Klagenfurt ebenso wie der foranschreitenden medizinischen Forschung. Ohne die Fortschritte der Pharmazie, ohne Gentechnik und Tierversuche wäre ich heute vermutlich bereits tot, was mit ein Grund ist, warum ich einen gewissen Hass entwickle, wenn hysterische Gentechnikgegner und vermeintliche Tierschützer sich mit legalen wie auch illegalen Mitteln gegen den Fortschritt stemmen. Ich geb´s ja zu, ich bin ein speziezistisches Egoistenschwein, das sich denkt: „Lieber ein paar Ratten, Schweine und Affen, als ich“.

Ich habe während meines Krebsjahres viel gesehen und erlebt. Leid, Angst, Tod –  die ganze Palette, die so ein Aufenthalt in einer onkologischen Station zu bieten hat. Und ich habe auch vor Augen geführt bekommen, wer meine Freunde sind und welche so genannten Freunde bloß bei gutem Wetter solche sein wollen. Es war, gelinde gesagt, enttäuschend, von sehr vielen Menschen, von denen ich dachte, wir wären befreundet oder mal befreundet gewesen, nicht mal einen Telefonanruf bekommen zu haben, von Besuchen ganz zu schweigen. Und es war ja nicht so, dass diese Leute sich darauf ausreden hätten können, von nichts gewusst zu haben, da sogar Zeitungen über meine Krankheit berichteten und mein Internet-Krebstagebuch regen Zulauf hatte. Trotzdem konnten sich viele nicht mal dazu aufraffen, zum Telefon zu greifen und sich nach meinem Befinden zu erkunden. Das wiederum kann ich nicht verzeihen, und so werden für mich diese irgendwann einmal Freunde gewesenen auch für immer Gewesene bleiben.

Schwere Krankheiten sind also vor allem auch dazu geeignet, herauszufinden, wer sich um einen Sorgen macht und wem man scheißegal ist. Um es mit Ginger Baker zu formulieren: „Do u no hu yor phrenz r?“

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2 Gedanken zu “Do u no hu yor phrenz r?

  1. Das ist leider so. Ich habe keine Freunde mehr, nur mehr gute oder „einfache“ Bekannte. Ich wünsche gute Fortschritte beim Kampf gegen die Krankheit! Hier noch mein Lebens-Motto:
    „Gott schütze mich vor meinen Freunden, mit meinen feinden werde ich alleine fertig“
    Jaques Mesrine, ehemaliger, weil erschossener, Staatsfeind Nr.1 in Frankreich

  2. hallo lindwurm,
    ich kann deinen groll verstehen, aber ich möchte dem auch etwas entgegenhalten. „krank“ zu sein, oder eben in deinem fall die diagnose krebs zu haben, ist für viele menschen etwas mit dem sie nicht so recht umgehen können.
    man weiss nicht, wie der betroffene auf die „anteilnahme“ reagiert. der eine möchte überhaupt nicht über seine krankheit reden, der andere will, dass sich sein freund oder bekannter dafür interessiert, doch dieser weiss nicht wie er die richtigen fragen stellt, oder ob er sie überhaupt stellen darf. es ist eben für viele menschen einfach eine peinliche situation.

    ein betroffener (kranker; oder jemand, der vom tod eines partners betroffen ist) möchte, dass ihn alle ganz normal behandeln wie vorher auch, der andere wünscht sich mitleid. sowas ist für manche menschen total schwer einzuschätzen und man möchte in gar keinem fall einen fehler machen. also ist „sich tot stellen“ die beste lösung für viele.

    doch ein wahrer freund sollte diese ängste etwas falsches zu sagen hinter sich lassen können und wissen, wie er mit dir in der situation umgeht. einfach fragen, was man fragen darf, worüber du jetzt reden möchtest, oder ob du einfach nur heulen willst und schreien oder in den den arm genommen werden. mit diesem mut und der kraft sind wohl nur sehr wenige menschen ausgestattet, und die bleiben dann übrig. vielleicht sind es nur 1 oder 2, aber die bleiben.

    vielleicht aber hast du ja vorher so gelebt, dass du erst über ein problem berichtet hast, wenn du es überstanden hast? also kennen dich deine freunde nur so, dass sie wissen: „ach, der macht das schon – ich kenn ihn ja.“ wenn du vorher nie um hilfe oder aufmerksamkeit in schwierigen situationen gebeten hast, werden diese freunde vielleicht jetzt auch warten, bis du alles erledigt hast wie sie es von dir gewohnt sind. das stelle ich nur mal so in den raum.

    aber du wirst wieder andere menschen kennenlernen, auf die du mit deiner jetzigen erfahrung ganz anders zugehst als du es früher gemacht hast, und die dann ab dem 1. tag wissen wie sie mit dir umgehen, weil du ihnen diesen letzten einblick in dich gewährst.

    ich habe selbst diese erfahrung gemacht und getraue mich deswegen so frei von der leber gründe anzuführen.

    alles gute für dich!

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