City of the Living Dead

Ostersamstag, das war früher der Tag, an dem sich die in der Diaspora lebenden Kärntner in der alten Heimat trafen, sich nachmittags mit der berüchtigten, aus allerlei geräuchertem Fleisch und Eiern und Meerrettich bestehenden charantanischen Osterjause den Bauch vollschlugen bzw. den Magen verdarben, um dann abends die Lokale in den Städten zwecks Freundschaftsauffrischung und heftigen Alkoholkonsums aufsuchten oder auch zu einem der vielen Osterfeuer gingen, wo die ländliche Jugend riesige Holzhäufen auftürmte und heftig Alkohol konsumierte. Auch am heutigen Ostersamstagabend brennen in Kärnten wieder unzählige dieser Feuer und der penetrante Brandgeruch schleicht sich auch in Klagenfurt durch die Ritzen jedes Fensters.

Also alles wie immer? Nicht für mich. Ich habe heute seit langer Zeit wieder einmal St. Veit an der Glan, wo ich meine Pubertät und meine frühen Erwachsenenjahre verbrachte, besucht, und klapperte ein paar Gaststätten ab auf der Suche nach bekannten Gesichtern. Doch außer ein paar alten Säcken (also noch älteren Säcken als der Lindwurm einer ist) war niemand zu sehen. Die Straßen waren so leer wie die Lokale, eine nahazu geisterhafte Stille lag über der kleinen Stadt. Als ich ein junger Mann war, also etwa Mitte der Kreidezeit, waren die Kaschemmen am Ostersamstag spätestens ab 19 Uhr brechend voll, aus den Lautsprecherboxen schrie mit Nirvana, Pearl Jam, Porno For Pyros und anderen laut das letzte Aufbegehren des Rock´n Roll, und man feierte mit Bier und gutem Gras so erfreuliche Dinge wie Studienabbrüche oder allzu früh einsetzende Existenzkrisen. Doch 20 Jahre später wirkt St.Veit an der fucking Glan wie die Kulisse für einen Zombiefilm von George A. Romero: verlassen, tot, entseelt.

Das liegt zu einem Gutteil daran, dass es jene Lokale, die ein Refugium für uns andere Kärntner waren, in St.Veit nicht mehr gibt. Mit dem Zusperren des „Kral“, des „Cafe Adele“ und des skandalumwitterten „Cocaine“, also jenen Kneipen, in denen sich Studentinnen, Künstler, Möchtgernkünstler und Bohemiens aller Alterstufen herumtrieben, war auch Sperrstunde für die alternative Szene dieser Kleinstadt im Herzen Kärntens. Man zerstreute sich in alle Himmelsrichtungen, wurde bürgerlich, gründete Familien, beging Selbstmord oder kaufte sich Anzug und Kravatte, in bedauernswerten Extremfällen sogar einen Kärntneranzug. Mit den Diskussionen über das Für und Wider des bewaffneten Kampfes gegen den schon damals beobachtbaren Aufstieg der extremen Rechten war es ebenso zuende wie mit dem vergleichenden Verkosten selbstgezogenen Marihuanas, mit anarchischen Jamsessions mehr oder weniger begabter Musiker und mit schnellen Ficks am Klo. Zwar gibt es seit einiger Zeit wieder ein Lokal, in dem live musiziert wird, doch das Feeling von einst ist weg, alles ist sehr gesittet und legal, sauber und sozial verträglich. Ein Spaß für die ganze Familie…

Das liest sich jetzt wie das Granteln eines frustrierten Mannes mittleren Alters, und das ist es wohl auch größtenteils, doch ein bisschen mehr steckt doch dahinter. Als ich heute mit dem Auto von St.Veit zurück nach Klagenfurt rollte, waren die Straßen voll mit Karren, in denen offensichtlich betrunkene und/oder bekiffte Jugendliche saßen auf ihrem Weg zu den diversen Osterfeuern. Fast so, wie es bei uns damals war, doch statt im pinken Uraltmercedes, aus dessen Autoradio Musik von den Doors, Hendrix oder Jane´s Addiction dröhnte, ist das Jungvolk, das ich heute sah, fast exklusiv mit auf noch-peinlicher-als-vom-Hersteller-beabsichtigt gepimpten VW-Golfs unterwegs, in deren Kofferräumen überdimensionierte Subwoofer das bescheuerte Bumm Bumm Bumm irgendwelcher Stallburschen-Technonummern produzieren. Konformität allerorten, Frust statt Hoffnung auf Veränderung, Aufkleber von H.C. Strache, der als Che Guevara posiert, zieren die Stoßstangen.

Aber wo sind sie geblieben, die Jungs und Mädels aus der mittleren Kreidezeit, von denen ich heute vergeblich versuchte, welche zu treffen? Nun, manche sind vielleicht Mathematiker, manche die Ehefrauen von Schreinern, und ich hab keine Ahnung, was sie mit ihren Leben so anfangen – würde Bob Dylan sagen. Ich habe ja auch keinen Schimmer, was die Leute so treiben, was aus all den Nachwuchsanarchisten und Weltveränderern in spe geworden ist. Es gibt sie noch irgendwo, aber in St.Veit an der Glan habe ich sie nicht gefunden.

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12 Gedanken zu “City of the Living Dead

  1. Sowas is schon deprimierend, gell? Deswegen erspare ich es mir grundsätzlich, meine alten Wasserlöcher unsicher zu machen. Die besten Kneipen gibt es sowieso nicht mehr und im Rest treiben sich entweder Prolls oder Kinder (oder beides) herum.

  2. Hallo,

    hab´heute seit langer Zeit wieder einmal deinen Blog gelesen. Zuerst das Wichtigste: es freut mich rießig, dass du wieder gesund bist.
    Ein sehr schöner Text über das alte St. Veit. Komischerweise musste ich in letzter immer wieder an diese Zeiten zurückdenken, allerdings eher mit gemischten Gefühlen. Näheres folgt in einer persönlichen e-mail.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Ro

  3. hallo lindwurm!
    ich weiss, st.fight is auch nit mehr das was es mal war, aber am ostersamstag ist dort eine party mit über 400 leuten gestiegen, und die, die du suchtest waren wohl alle dort und deshalb war die stadt auch total leergefegt! veranstaltet wurde das ganze von kidM, einem verein junger st.fighter, die einiges an kreativem potenzial haben, und eine szenetätigkeit entwickelt haben, die in ktn sicher einzigartig is. also nicht rumlamentieren, sondern ein bissl sich informieren wär auch nicht schlecht! das man heute keinen hendrix mehr hört, und nirvana so ziemlich das uncoolste is was es gibt ist eine anderes thema. hier schau mal nach:

    http://www.facebook.com/home.php?#!/pages/KidM/286730150365?ref=

    lg aus wien vom einem st.fighter

  4. Wer das Wort „uncool“ verwendet ist uncool, Vielleicht kann man den Audruck st.fighter mal dem Stadtmarketing vorschlagen. Der klingt nämlich so richtig trendy und cool und jung und dynamisch. Mann, was für ein Hirni!

  5. @ichvermissedenmost
    was soll das jetzt?
    wollte nur aufzeigen, dass es dort doch nicht so tot ist wie oben beschrieben, sondern dass durchaus was passiert. mit „uncool“ hab ich mich wohl im wortlaut vergriffen, „abgelutscht“ hätt’s wohl auch getan. aber auf die grundlegende aussage in meinem post bist du überhaupt nicht eingegangen. und „st. fighter“ verwenden wir ständig unter uns – soll ein bissl selbstironisch sein. noch ein link:
    http://www.myspace.com/itzt

    ps.: anonym beschimpfen lass ich mich nicht. host gheat? lg

  6. jep, soll sehr aussergewöhnlich sein, diese „Mühle“!

    ich war selber noch nicht dort, doch als ich vom festl am samstag gelesen habe, hats mich doch irgendwie in die heimat gezogen.

    das problem dürfte jedoch nach wie vor sein, dass jedes jahrzehnt verschiedene gemüter krönt und die hoffnung das wilde leben wiederzuentdecken oft nicht belohnt wird.

    so sei es, den geliebten österlichen seelenklang finde ich wohl auch dort nicht, zu sehr bin ich angeschlagen, ob der welt und wirklichkeit.

    und in wirklichkeit sind es immer die geschlossenen massen, die uns interessieren, ob wir dazu gehören oder nicht! 😉

  7. für Georg:
    St. Veit war tot, ist tot und wird auch nicht wieder auferstehen – wie soll es auch, denn dass würde voraussetzen, dass es einmal gelebt hat. Genauso tot sind Klafu und der Rest von Ösiland mitsamt der Hauptstadt.
    Der Wurm hat einen Text geschrieben, indem es nicht aber auch gar nicht ums Feiern geht, sondern um das Gefühl, das einen manchmal überfällt, wenn man an Orte kommt, mit denen Erinnerungen, seien sie schön oder weniger schön, verbunden sind, und dafür gibt es das schöne Wort Schwermut. Und dann kommst du daher und faselt etwas von „Party mit 400 Leuten, „Szenetätigkeit“, „kreativem Potential“ etc. Denkst du auch manchmal über die Sprache nach, die du verwendest, über abgelutschte Begriffe, Marketing Bla-Bla etc. ?
    „Hendrix hört man nicht mehr…“ (Wer ist das „man“?): Ich habe zufällig die amerikan. LP-Charts fesehen … Ein Henrix-Album steht auf Platz 7, wenn ich mich nicht irre.
    Nirvana ist genauso wenig abgelutscht (man höre „Bleach“ und staune) wie Joy Division, wie die Pistols (man höre nur wie J. Rotten in manchen Songs das „r“ rollt und man weiß, was Wut ist), wie die Beatles (Revolver) usw., usf.
    Aber ich weiß schon, als junger aufstrebender Arbeiter in der Kulturindustrie hat man es nicht leicht und man muss schauen, wo man bleibt mit seinen Ivänts, denn „Fun ist ein Stahlbad“ wie Adorno, der alte Theorie-Punk einmal sagte – und der ist übrigens auch nicht abgelutscht.

  8. nein.

    die oben genannten aktivitäten sind sehr zu begrüßen.

    großstadtsnobs sind dort glaub ich nicht unbedingt gefragt, oder sagen wir es besser so, finden dort kein gehör. 😉

    es ist leicht einer anderen generation oberflächlichkeit zu unterstellen und so zu tun als hätte man sich „in der guten alten zeit“ lediglich über focault und die expansion der menschheit ins all unterhalten haben. HAHA!!

    das viele „oldies“ wenig bis gar nichts mit elektronischer musik anfangen können stimmt sicher, jedoch erahne ich ein breiter gefächertes angebot in der mühle als techno.
    wenn du dir den link angesehen hättest, wärst du vielleicht darüber gestolpert.

    aber du bist wie sehr viele blind geworden oder geblieben, da nützt dir die geografie sehr wenig, denn blinde sehen in london und paris genauso wenig wie in st.veit.

    😉

    lg
    Pfugge

  9. doch.

    Ich kenne die genannten Initiative und ihre Veranstaltung nicht nicht, aber ganz hochnäsig stelle ich sie mir vor, wie ein Zeltfest mit jüngerem Publikum und die Musik wird elektronisch erzeugt, unterscheidet sich in Prinzip auch nicht von der auf einem Zeltfest 😉

    Ich unterstelle nicht einer anderen Generation Oberflächlichkeit (habe keinen Grund dazu), sondern nur dem einen Poster, dem es anscheinend bloß darum ging seine Veranstaltung zu bewerben und der auf, wie ich zugebe, unsachliche Kritik noch unsachlicher reagierte. Und das ganze mit Phrasen wie „kreativem Potential“ etc. Aber solange sie nur „kreatives Potential haben ist es nicht wirklich schlimm. Schlimm wird es dann, wenn sie versuchen es zu in die Realität umzusetzen.

    Was willst du hören? Das ich heutige Bands auch mag? Nein, das schreibe ich jetzt nicht, das wäre wirklich zu dämlich.

    Du glaubst aber nicht wirklich, die Begriffe Techno und elektronische Musik decken sich, oder?

    Natürlich spielt der Ort eine Rolle, dass würdest du mir glauben, wenn du was anderes als Ö. kennen würdest (Ich meine nicht von Urlaubsreisen)

    So, finis commentarii

    Übrigens heißt es „Foucault“.

  10. unglaublich deine ignoranz.

    war nicht meine veranstaltung, war auch überhaupt nicht in die organisation involviert, sondern wollte wirklich nur darstellen, dass es in st. veit auch noch andere leute gibt als bauerntrotteln mit hc-pickerl am gti, und dass es schon noch so etwas gibt wie eine alternative szene, die auch wirklichen anklang findet! war unglaublich überrascht zu sehen was dort los war – und das ist wirklich zu begrüßen in diesem katastrophenland kärnten, das eben gemeinhin jeder mit schuaplattlerei und kärntneranzug verbindet. mit einem zeltfest hatte das ganze NIX zu tun! aber was solls, müßig mit dir zu diskutieren… hab auch grad keinen adorno griffbereit…

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