Israels PR-Problem

Israel hat ein PR-Problem. Es kann oder will seine Positionen nur allzu oft nicht mit dem richtigen Spin kommunizieren. Das konnte man beispielhaft daran sehen, als die Meldung über jenen israelischen Grenzpolizisten, der einem Araber mit einem Gummigeschoss den großen Zeh verstaucht hatte, wochenlang durch die Weltmedien geisterte, der Bericht über den von einer Rakete getöteten Chawer hingegen nach wenigen Tagen keine westliche Mediensau mehr interessierte. Das aktuellste Beispiel für die verunglückte israelische Kommunikationsstrategie ist der Fall Anat Kam. Die völlig sinnlose Nachrichtensperre, die zunächst über die Causa verhängt wurde, konnte selbstverständlich nicht verhindern, dass die Story über die wegen „Hochverrats und Spionage“ angeklagte junge Journalistin ihren Weg in die Weltpresse fand, denn israelische Medien sind Meinungsfreiheit gewohnt, Israels Journalisten haben ein hohes Berufsethos und die israelische Gesellschaft ist eine, in der Geheimnisse nie lange geheim bleiben. Das nach kurzer Zeit ohnehin wieder aufgehobene Berichterstattungsverbot hatte also nur ein Ergebnis: antiisraelische Kräfte konnten dem von ihnen verhassten Staat lustvoll „Zensur“ vorwerfen.

Zum Fall selbst will ich keine Ferndiagnosen stellen, sondern nur ein paar Anmerkungen machen. Sicher, man könnte darauf hinweisen, dass Nachrichtensperren in jedem Land der Welt üblich sind, sobald es um die nationale Sicherheit geht, und dass Hochverrat überall äußerst ernst genommen wird. Doch bestand im konkreten Fall eben diese Ausgangslage? Stand wirklich die Nationale Sicherheit Israels auf dem Spiel, bloß weil Anat Kam Unterlagen über mutmaßlich illegale Aktivitäten gewisser Armeeangehöriger öffentlich machte? Und ist wirklich sie die Hochverräterin? Nun ja, das werden israelische Gerichte klären, aber das PR-Desaster ist bereits eingetreten, das Kind im Brunnen.

Fälle wie dieser sollten jenen Antisemiten zu denken geben, die stets verbreiten, „die Juden“ hätten die Weltpresse fest im zionistischen Griff. Sollten zu denken geben, denn dass Antisemiten denken können, wage ich zu bezweifeln. Nahezu täglich wird der Gegenbeweis für die abstruse Verschwörungstheorie über die angeblich medial allmächtigen Juden erbracht, doch das prallt an „Israelkritikern“ und Judenhassern einfach ab, die lassen sich ihr Weltbild nicht durch Fakten durcheinanderbringen. Und ehrlich gesagt ist es mir ja völlig egal, was so ein Nazi oder Antiimperialist oder Islamist daherdenkt. Was mir hingegen wirklich Sorgen macht, ist die Tollpatschigkeit der israelischen Öffentlichkeitsarbeit, denn die gefährdet mittlerweile die nationale Sicherheit des bedrohten Staates durch ihre patzige Unbedarftheit weit mehr als irgendwelche Armeeskandale, denn wenn erst einmal der PR-Krieg verloren ist, drohen auch die ohnehin spärlichen internationalen Sympathien flöten zu gehen, und wohin das letztlich führt, zeigen etliche Beispiele aus der jüngeren Geschichte.

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6 Gedanken zu “Israels PR-Problem

  1. Antisemiten können nicht denken, zumindest dreht sich ihr Denken nur darum, einen Grund zu finden, um antisemitisch zu denken. Es handelt sich um eine weltweit grassierende Krankheit, vor der selbst Juden nicht gefeit sind.
    Trotz der allmächtigen Israellobby, die übrigens genau so wenig existiert, wie die jüdische Weltverschwörung, gelingt es Israel komischerweise nicht, der Welt sympathisch zu sein.
    So what, von Sympathie kann sich Israel nichts kaufen, und wenn es drauf ankommt, hilft Sympathie nichts, sondern Stärke. Nur ein starker jüdischer Staat ist der Garant für die Sicherheit der Juden, sonst nichts.

  2. Und was ist das, wenn nicht Zensur, und zwar von der übelsten Seite? Gesetzt den Fall, derlei geschähe in Österreich: Wie würdest du darüber schreiben? Was würde hier stehen, wäre in Österreich eine der derzeitigen israelischen Regierung vergleichbare Mannschaft am Werk?
    Wenn die Justiz hierzulande eine Einstweilige gegen „News“ verfügt, weil das Blatt den Hypo-Akt zugespielt bekommen hat: Ist das dann unglückliche PR? Oder ein frecher Anschlag auf die Pressefreiheit?
    Und wenn ein israelischer Journalist, der weil er seinen Job macht, riskieren muss, ins Kriminal zu wandern, wenn seine angebliche oder mutmaßliche Informantin dafür unter Hausarrest gestellt wird, dann widerspricht das krass dem Grundgedanken einer freiheitlichen Demokratie. Das ist kein PR-Problem, das ist „bestenfalls“ ein Sündenfall, schlimmstenfalls ein Systemfehler.

  3. Anat Kamm wurde nicht einfach mal so unter Hausarrest gestellt und Uri Blau, der Ha’aretz Journalist, weilt nicht umsonst immer noch in London.
    Fakt ist, dass Kamm während ihrer Militärzeit Dokumente (man spricht von ca. 2000) gestohlen hat, die als streng geheim eingestuft waren und diese (Ha’aretz war wohl im Besitz von 50, die sie zurückgab und auch in ihren PC’s löschte) an Blau verkaufte – fehlen also noch ca 1950 Akten!

    Die Nachrichtensperre bezog sich auf laufende Ermittlungen und war aus Sicht der Verantwortlichen notwendig und sinnvoll.
    In Israel aber, wie in jedem anderen demokratischen Staat hat Ha’aretz die Möglichkeit vor dem obersten Gerichtshof Beschwerde, weil ein Verstoß gegen die Pressefreiheit, einzulegen – wahrscheinlich sogar erfolgreich.

    Erhellendes dazu bei Yaakov Lozowick:
    http://yaacovlozowick.blogspot.com/2010/04/anat-kamm-and-real-culprits.html

    Ich vermute das weder die Verantwortlichen in Österreich noch in Deutschland wesentlich anders reagiert hätten, wenn streng geheime Unterlagen gestohlen worden wären, die, wenn sie in die falschen Hände geraten, die nationale Sicherheit des Landes gefährden würden.

    Insofern, Lindwurm, würde ich dir nur bedingt zu deiner Argumentation einer schlechten PR zustimmen.
    Würdest du mir zustimmen, dass Israel es sich kaum leisten kann darauf bedacht zu sein gute PR im Ausland zu haben anstatt nationale Interessen wahrzunehmen?

    PS: Bei uns in Deutschland kaufen ja sogar Behörden gestohlene Daten…

  4. Wolfi,

    nicht die Ha’aretz Artikel, sondern die Moeglichkeit, dass geheime Unterlagen aus den ca. 2000 gestohlenen Dokumenten in Feindeshand geraten koennten, gefaehrdet die Nationale Sicherheit.

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