Der bräunliche Herr Sarrazin

Der Zentralrat der Juden in Deutschland rät dem bräunlich daherquasselnden Banker und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin, zu den Nazis von der NPD zu wechseln, denn das, so Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer, würde wenigstens „die Gefechtslage klarer“ machen und die „SPD befreien“. Und was hat Kramer? Recht! Sarrazin hat den Boden legitim formulierter Kritik an Integrationsproblemen von Türken und Arabern längst verlassen und sich dem reinen Rassismus nationalsozialistischen Stallgeruchs hingegeben.

Wenn er etwa sagt: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: Durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“, dann springt einem das NS-Gedankengut geradezu an mit diesem Geraune von Lebensraum und Eroberung mittels Geburtenraten und völkisch angeborener Intelligenz. Das Zitat ist so antisemitisch wie es türkenfeindlich ist. Juden müssen als Projektionsflächen für Sarrazins recht spezifischen Intelligenzfetisch herhalten, der doch nur meint: Intelligent ist, wer im bürgerlich-utilitaristischen Sinne ökonomisch produktiv ist, und Sarrazin verbreitet das faulige Klischee, Juden seien dies in besonderem Ausmaß. Dazu bemüht der Herr Bundesbanker gerne auch schiefe Bilder aus der Geschichte, wenn er etwa nach Gründen sucht, warum Berlin ein seiner Meinung nach besonders verkommenes Pflaster voller Sozialschmarotzer sei: „(…) Auch der immense jüdische Aderlasss konnte nie kompensiert werden. Dreißig Prozent aller Ärzte und Anwälte, achtzig Prozent aller Theaterdirektoren in Berlin waren 1933 jüdischer Herkunft. Auch Einzelhandel und Banken waren großenteils in jüdischem Besitz. Das alles gab es nicht mehr, und das war gleichbedeutend mit einem gewaltigen geistigen Aderlass. Die leistungsorientierten Berliner gingen weg. So wahr es ist, dass Europa durch die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung viel verloren hat, wenn auch nicht annähernd so viel wie die Vertriebenen und Ermordeten, so falsch ist die hier mitklingende Unterstellung, die Nazis hätten ausschließlich Bankiers, Akademiker und Mitglieder des Kunstbetriebes vergast. Sarrazin hat offensichtlich nicht die geringste Ahnung, wie das Leben eines Großteils der (ost)europäischen Juden vor dem Holocaust ausgesehen hatte, oder er will nichts wissen vom Elend in den Schtetlech, von jüdischen Tagelöhnern, jüdischen Einmann-Handwerksbetrieben, jüdischen Kleinhändlern und jüdischer Subsistenzlandwirtschaft. Und auch das west- und mitteleuropäische Judentum setzte sich nur zu einem geringen Teil aus Mitgliedern der finanziellen und kulturellen Elite zusammen. Die meisten Jüdinnen und Juden in Wien und Berlin betrieben kleine Läden, nicht unähnlich jenen, über die Sarrazin heute sagt: „Eine große Zahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst und Gemüsehandel (…)“. Es braucht nicht viel Fantasie um sich auszumalen, welche Bevölkerungsgruppen Sarrazin als „unproduktiv“ und damit wohl auch der Mitgliedschaft im tollen Club der leistungsorientierten Deutschen unwert ausgemacht hätte, hätte er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gelebt.

Es sollte daher niemanden wundern, dass Thilo Sarrazin von den Tarnkappennazis auf „Politically Incorrect“ frenetisch gefeiert wird. Der Mann spricht diesen Leuten aus der kranken Seele. Er hat ganze Ethnien als unproduktiv markiert, er verbreitet ein biologistisches, letztlich rassistisches Menschenbild, er stellt Behauptungen über Gruppen in den Raum, denen damals, vor mehr als 70 Jahren, ein „Die müssen weg“ zuerst in provokanten Diskussionsbeiträgen und später in den Rassen- und Euthanasiegesetzen folgte. Wer über Türken sagt, unter ihnen gebe es besonders viele Inzuchtfälle und damit „entsprechend viele Behinderungen“, der zitiert aus dem Wörterbuch des Unmenschen, dem geht es nicht um Kritik, sondern um das Schüren von Ressentiments und Hass und letztlich um völkische Politik, um Eugenik, um das Ausmerzen der Schwachen und strukturell Benachteiligten. Sarrazin ist das neue Sprachrohr der krisenbedingt verunsicherten Schicht von Kleinbürgern, die die Schuld am Elend, das sie ängstigt, bei den Elenden sucht statt bei den Umständen. Ein aggressiver Angstbeißer, dem die letzten Sicherungen durchgebrannt sind.

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6 Gedanken zu “Der bräunliche Herr Sarrazin

  1. wem zu raten, doch ein richtiger Nazi zu werden, damit er eindeutiger ins Feindbild passt, zeugt von einer Abgehobenheit, die schon an totale Ignoranz grenzt.

    Broder for President!

  2. Sarrazin hat zweifellos auch richtige Dinge angesprochen:

    unser Sozialsystem bietet für Migrantengruppen, die keinen sozialen Aufstieg, sondern lieber ein abgeschottetes Leben in einer Parallelgesellschaft haben wollen, den idealen Nährboden – so notwendig und richtig ein gutes Sozialsystem für menschen, die es nicht schaffen, auch ist.

    aber durch seine überspitzte Polemik machte er es sich selbst schwer mit dieser Botschaft durchzukommen.

    indem er seine berechtigten Anliegen mit vulgärdarwinistischen Tiraden gegen Türken, Araber und einheimischen Versager spickt, entwertet er seine richtigen Feststellungen.

    der IQ-Sager bestärkt die betroffenen gruppen nur in ihrer Opfer-Rolle – und ist somit kontraproduktiv

    zur Unterschichts-Debatte: die arbeitswelt hat sich durch Globaliserung stark verändert – durch technischen Fortschritt und durch Auslagerung der Produktionsstätten eben nicht gerade zum Vorteil der bildungsfernen Unterschicht.

    Es sollte alles getan werden, um die ungelernte Unterschicht wieder konkurrenzfähig zu machen – insbesondere für die Kinder muss alles getan werden – Förderungen, Ganztagsschulen etc.

    allerdings auch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass sich ein Aufstieg wieder lohnt – und dieser auch verlangt werden.

    das Sozialsystem sollte zwar diejenigen auffangen, die es dann trotzdem nicht schaffen – allerdings sollte aus diesem Auffangen nie ein Dauerzustand entstehen – wer es auf Dauer nicht schafft, für sich selbst zu sorgen, sollte auch nicht dazu ermutigt werden, durch zu großzügige soziale unterstützung diesen Lebensstil an nächste Generationen zu vererben.

    Daher ist der Ansatz sicher richtig, jetzt Familien die es selbst schaffen zu entlasten, statt wahllos Familien zu fördern.

  3. Treffender kann man es nicht schreiben, sehr gut!

    Demagogen wie Sarrazin gehören aus dem Amt gejagt.

  4. Welch ein Schwachsinn! Vielleicht lesen Sie wenigstens mal Auszüge aus dem Buch, aber besser noch das ganze Werk? Und ergänzend das buch von Frau Heisig?

    Was soll z.B. die Formulierung „krisenbedingt verunsicherte Schicht von Kleinbürgern, die die Schuld am Elend, das sie ängstigt, bei den Elenden sucht statt bei den Umständen“?

    Wenn ich das Elend sehen will, das mich ängstigt, brauch ich z.B. bloß die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen (muß ich leider regelmäßig) und/oder Polizeiberichte zu lesen.

  5. Ach nein, Sie doch nicht auch noch?!

    „Er hat ganze Ethnien als unproduktiv markiert, er verbreitet ein biologistisches, letztlich rassistisches Menschenbild, er stellt Behauptungen über Gruppen in den Raum, denen damals, vor mehr als 70 Jahren, ein „Die müssen weg“ zuerst in provokanten Diskussionsbeiträgen und später in den Rassen- und Euthanasiegesetzen folgte.“

    Lesen Sie doch bitte mal das ganze Interview im „Lettre International“!
    http://eppinger.files.wordpress.com/2009/10/klasse-statt-masse.pdf

    Es ist nicht wahr, das er ganze Ethnien als unproduktiv darstellt, sondern er zeigt auf, warum bestimmten Gruppen (bei denen EIN (!) Merkmal die gemeinsame Herkunft ist), wirtschaftlich nicht gebraucht werden. Dazu gehören wirtschaftliche Gründe wie Subventionsverluste, der Zusammenbruch der Bauwirtschaft sowie die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft in Deutschland. Und er bezieht Deutsche mit ein!
    „Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung.“

    Und von einem pauschalem „Die müssen weg“ ist gar nicht die Rede, sondern von „Auswachsen“, das heißt, die folgenden Generationen müssen sich durch Bildung und Integration von der bestehenden Gruppendynamik lösen. Und nur diejenigen, die sich dem verweigern, will er ausweisen.

    Kritisieren Sie die Sprache Sarrazins, seine übertriebenen Zahlen, aber bitte machen Sie nicht bei diesem billigem Bashing mit.

  6. sarrazin drückt schon auf die tube, hat aber in vielen punkten recht.

    mit sehr vielen muslimischen einwanderern hat man sich sehr viele probleme ins land geholt.

    eine differenzierung ist aber auch hier notwendig, eine elitäre klassengesellschaft halte ich persönlich für genauso gefährlich, wie eine unkluge einwanderungspolitik.

    alles in allem ist er ein unsympathischer kerl, der wohl insgeheim von einer westlichen elite träumt.

    das einem der gemeine muslimische bauer und bildungsprolet, frauenunterdrücker und klerikalfaschist sauer aufstößt, kann ich persönlich gut nachvollziehen. ich würde solche menschen, die ihre weiber zu hause einsperren und ihre kinder schlagen zum selben schlag von menschen zählen wie neonazis.

    dumm und gefährlich.

    Pfugge

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