Sarrazin, zum Letzten

So, einmal noch das leidige Thema Sarrazin, dann ist´s auch mal wieder genug der Ehre für den durchgeknallten Edelmenschenzüchter in spe.

Ich empfehle, diese Buchbesprechung zu lesen. Auszug:  (…) In den gepflegteren Milieus reagiert man auf dieses Buch, wie man schon auf die Interviews reagiert hatte: Irgendwie hat er ja recht, wenn er nur nicht so provozierend formulieren würde. In diese Richtung wirbt der Verlag, wenn er Helmut Schmidt mit der Bemerkung zitiert: „Wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedrückt hätte, hätte ich ihm in weiten Teilen zustimmen können.“ Diese teetassenhafte Besorgnis um Sarrazins Tischfeinheit zeigt, dass der Mann schmutzige Gedanken in den Mund nimmt, die viele Leute mit sauberen Händen im Kopf haben, wenn es um die in- und ausländischen Unterschichten geht. Selbstverständlich hat Sarrazin nichts gegen den türkischen Arzt oder den arabischen Diplomaten. Wie ja einst auch der gehobene Antisemit stets ein paar bessere Juden zu seinen Freunden zählte, um die Unterschichtsjidden im Stetl umso inbrünstiger verachten zu können. Sarrazin und seinen heimlichen Anhängern in der Mittelschicht macht der deutsche und islamische Plebs so zu schaffen, dass sie fürchten, Deutschland schaffe sich ab. (…) Das Problematische der sarrazininschen Ideen besteht nicht in den Einzeldiagnosen, sondern in der biologistischen Logik, mit der er Bruchstücke der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu einer pseudonaturwissenschaftlichen Weltanschauung fügt. Aber gerade diese Dimension bleibt in der sich selbst befriedigenden öffentlichen Empörung beschämend unbeachtet. Vielleicht auch, weil der so übereifrig den Bösewicht spielende Sarrazin mit seinem biologistischen Gesellschaftsbild, seinem Erbintelligenzlertum und seiner Gen-Rhetorik vielen Menschen der akademischen Mitte mehr aus der Seele spricht, als ihr Mund zugeben würde. Und weil das kalte Interesse des Geldbeutels meistens über die Wärme des Herzens siegt, fände sicher manche Akademikerfamilie an dem Vorschlag Geschmack, den Sarrazin am Ende seines mit der Peitsche geschriebenen Buches als Zuckerbrot reicht: Das Kindergeld für alle wird gestrichen und durch eine akademische Fortpflanzungsprämie ersetzt: Frauen mit Hochschulabschluss bekommen für jedes Kind, das sie vor Abschluss des dreißigsten Lebensjahres zur Welt bringen, die schöne Summe von 50 000 Euro. Sarrazin hat nichts gegen Staatsknete, er will sie nur nicht politisch, sondern biologisch korrekt verteilen.

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17 Gedanken zu “Sarrazin, zum Letzten

  1. Ich halte das Thema nicht für „leidig“, und Sarrazin ist alles andere als durchgeknallt. Schade, daß hier zum wiederholten Male so ein Schwachsinn steht – in Deutschland jedenfalls trifft Sarrazin ins Schwarze. Das wird schon aus dem Aufheulen der Politkommissare deutlich. Und immer wieder läßt Orwell grüßen. Um das zu kapieren, brauche ich auch kein Bio-, Gen- oder Wasweißich-Debatte. Fakt ist nun mal Fakt – bisher hat sich nur keiner getraut, das auszusprechen.
    Schon das Buch von Richterin Heisig vergessen? Und die Art, wie die Umstände unter den Tisch gekehrt wurden? Schon mal deutsches Fernsehen tagsüber gesehen, z. B. gestern am Sonntag? Mal die Belehrungen und „Aufklärungen“ zum Islam gezählt? Mal gezählt, wie oft irgendein Politiker zum Fastenbrechen ging und das in der Zeitung stand? Welches Theater um den Ramadan gemacht wurde inklusive Anzeige des Fastenbeginns und -endes im Fernsehen?
    Mich bricht das einfach nur an. Es ist jedoch das Symptom eines tiefergehenden Wandels, der von einer eingewanderten speziellen Gruppe über uns kommt – und alle verschließen die Augen.
    Sarrazin sagt das wenigstens. Die meisten anderen denken es, wagen (!) aber nicht, es zu sagen. So weit sind wir schonl.

  2. Was bei der Sarrazin-Diskussion meiner Meinung nach vollkommen unter den Tisch fällt (jeder stürzt sich auf die propagierten biologistisch-antisemitischen Thesen), ist der Umstand, dass sämtliche Vorwürfe gegen Muslime, dass sie nicht bereit wären, sich zu integrieren, dass „multi-kulti versagt“ hätte, etc., gerade in Berlin vollkommen hausgemacht sind. Sarrazin ist Teil der Charlottenburger „Elite“, die schon zu Vorwendezeiten auf die großartige Idee kamen, „Gastarbeiter“ zu ghettoisieren, d.h. die Ansiedlung in Westberlin auf wenige Bezirke zu beschränken, um eine Integration möglichst zu erschweren bzw. zu verunmöglichen. In der ersten Immigrationswelle war das Kreuzberg, später dann noch Wedding und Neukölln, also genau die Bezirke, wo heutzutage immer noch ein gewisses Konfliktpotential herrscht, das sich aber mittlerweile schon deutlich (Kreuzberg) bzw. teilweise (Wedding, Nord-Neukölln) entschärft hat.

    Dass den Leuten in die Personalausweise gedruckt wurde, in welchen Bezirken sie sich überhaupt ansiedeln dürfen, um ihnen die Integration möglichst zu erschweren, und Jahrzehnte später diesen Leute dann vorzuwerfen, sie wären ja selbst schuld an der mangelnden Integration, das sollte meiner Meinung auch ein wesentlicher Punkt an der Kritik von Sarrazins Behauptungen sein, der jedoch bisher vollkommen unter den Tisch gefallen ist.

  3. Man sollte bei aller gerechtfertigten Empörung über Sarrazins wirre Thesen nicht die Ernsthaftigkeit des Themas an sich vernachlässigen. In einem Punkt hat er durchaus Recht: die massenhafte ungeregelte Zuwanderung aus islamischen Ländern ohne gleichzeitige Maßnahmen zur Integration (die auf Gegenseitigkeit beruhen) ist ein Problem. Die Tatsache, dass es mit Einwanderern aus islamischen Kulturen wesentlich häufiger zu Problemen kommt als z.B. mit Asiaten ist ebenfalls evident. Eine gute Lektüre dazu ist das Buch von Kirstin Heisig – wohltuend undogmatisch und sachlich geschrieben.

  4. @ david: Islamkritische Bücher stehen an der Spitze der Verkaufshitparaden, das Internet wimmelt nur so von islamkritischen bis antiislamischen Websites, ganze Parteien haben mittlerweile kein anderes Thema mehr, und du schwafelst ernsthaft was daher von wegen „Politkommissare“ und dass sich niemand traue, seine Meinung zu sagen? Das erinnert doch stark an jene gaaaanz armen „Israelkritiker“, die andauernd öffentlich Israel anpatzen und gleichzeitig frech behaupten, dass sie in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt würden und ihre Meinung, die sie tagtäglich in die Welt hinausposaunen, nicht sagen dürften. Und wo bitte trifft Sarrazin „ins Schwarze“, wo ist bei ihm „Fakt nun mal Fakt“? Dass der edle deutsche Akademikergenpool von bösen türkischen Gemüsehändlergenen verschmutzt werde? Dass die Elenden unrettbar elend seien und eine fördernde und fordernde Sozialpolitik daher sinnlos, weil denen das Elend ja in den Genen stecke? Dass man an Akademikerinnen Gebärpremien auszahlen solle vom Geld, das man den Armen vorenthält? Dass die Juden halt doch irgendwie anders sind?

  5. schade, mit dieser ganzen gen-scheisse hat sarrazin alles verbockt.
    die statistiken und wissenschaftlich belegten zahlen, die er anführt, sind ja interessant – nur mischt sich da soooo viel unbelegter scheissdreck drunter…facepalm

  6. Islamkritik ist im deutschsprachigen Raum in der Tat zum Mainstream geworden. Dinge, die Politiker, Journalisten usw. heute beiläufig und selbstverständlich sagen, hätten vor fünf Jahren noch das Ende ihrer Karriere bedeutet und hätten vor zehn Jahren als völlig abstrus und absurd gegolten.
    Selbst nach dem 11.9. ließen uns islamophile Orientalisten ja wissen, dass der Islam eine Religion der besonderen Vernunft, Toleranz und Modernität und somit besser als das Christentum wäre. Später wurde der Islam ins Nebulöse umdefiniert. Heute ist die Grundhaltung zu dieser Religion kritisch.

    Diejenigen, die behaupten, dass Islamkritik heute noch tabuisiert würde sind häufig erst spät auf das Thema gekommen und reagieren sich an einzelnen islamophilen Artikeln und Fernsehbeiträgen ab, die es in einer pluralistischen Meinungsvielfalt immer geben wird und daran, dass Spitzenpolitiker beschwichtigen und diplomatisch auftreten. Erstens kann man von Spitzenpolitikern nicht erwarten alle Problematiken in irgendwelchen Brandreden anzusprechen. Das ist nicht unbedingt ihre Aufgabe. Allerdings sind unsere Spitzenpolitiker auch Karrieristen, die in Zeiten der Dekadenz nach oben gekommen sind und eine gemütliche Laufbahn ausgemalt haben. Sie sind weder mental noch von der Erfahrung her dazu in der Lage grundlegende, langfristige Probleme zu lösen.

    Problematiken, die sich über Generationen aufgebaut brauchen eben so lange um sie wieder abzubauen. Da sind einige Islamkritik-Blogger einfach zu ungeduldig.

    *******
    Die Begriffe „schmutzige Gedanken“, „biologistischen Logik“, „Erbintelligenzlertum“ sagen uns mehr über den Autor der Buchbesprechung, als über Sarrazin selbst. Mal abgesehen davon, dass er die Evolution und die Wissenschaftliche Erkenntnis, wie so viele andere, frech leugnet und ins Gegenteil verdreht.

    Sarrazins Vorschläge sind durchaus eine Rückkehr zu klassischer Sozialdemokratie bzw. zum amerikanischen Progressivismus. Wer die Gesellschaft aktiv gestalten, verbessern und angleichen will, der kommt um biologische Fragestellungen nicht herum. Daher war damals Eugenik teil des sozialdemokratischen Programms überall in Europa und in den USA.

    Die Leugnung der Evolution dient einigen wohl dazu, am sozialdemokratischen Ideal fest halten zu können, ohne sich mit ethischen Dilemmata auseinanderzusetzen, die eben jenes Ideal impliziert. Man will lieber im wohligen Glauben verharren, dass Förderungen, Institutionen und Sozialarbeiter reichen.
    Oder man kehrt seinem Ideal den Rücken und findet sich mit der Ungleichheit und mit dem, was du, Bernhard als „Elend“ verunglimpfst ab. (Die Elenden sind glücklicher als man denkt und wollen gar keine Akademiker werden).

    Sarrazin stellt sich der Wahrheit und hält an der Sozialdemokratie fest. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für ihn als Bevölkerungstechniker zu bestimmen, welche Merkmale zu fördern sind und den Sozialstaat dementsprechend auszurichten.

    Ein anderer Ansatz wäre libertärer und individualistischer. In Israel ist es erlaubt, bei der In-vitro-Fertilisation die gesündesten Embryonen auszusuchen. Auch die Fruchtwasseruntersuchungen haben einen zunehmend eugenischen Effekt, ohne, dass irgendwas von oben geplant würde oder jemand gezwungen würde.

    Die meisten Eltern haben nämlich ein Interesse daran, dass ihre Kinder gesund, intelligent sind. Das ist möglich, ohne, dass der Anspruch, dass die Kinder auch die eigenen Kinder sein sollen aufgegeben werden muss. Denn die Kinder eines Elternpaares variieren sehr stark in ihren Eigenschaften, abhängig davon, wie das genetische Material der Eltern bei der Zeugung rekombiniert wird.

    Man kann also einfach die Entwicklung individualistischer Eugenik-Techniken abwarten bzw. deren Entwicklung fördern und vor allem legalisieren.

    Es ist auch nicht notwendig, dass alle Eltern das machen um einen positiven, gesamtgesellschaftlichen Effekt zu bekommen.

  7. Nochwas:
    Ich sage voraus, dass vieles von dem, was Sarrazin nun sagt, genauso wie die Islamkritik in einigen Jahren im Mainstream anerkannt sein wird. Sarrazin hin oder her, die Gentechnik ist nicht zu stoppen.

    Genauso wie Henryk Broder wird aber Sarrazin nicht nachträglich rehabilitiert werden.

  8. Sarrazin hat nur ein Buch geschrieben, in dem stehen Wahrheiten, Halbwahrheiten und völliger Blödsinn, seine Meinungen halt. Das Buch wird sich großartig verkaufen, allein schon deshalb, weil Geistesgrößen von Unterstützern und Kritikern wochenlang darüber hirnwichsen werden, so schauts aus.

  9. „Ich geh erst mal eine Runde kotzen.“

    Verständlich für einen Sozialdemokraten, dem die Implikationen des eigenen Weltbildes übel aufstoßen.

    Nicht mein Problem. Soll die Entscheidungsfreiheit der Eltern, pränatale Techniken zu nutzen, verboten werden? Ich fordere nicht mehr und nicht weniger als deren Legalisierung wie in Israel und Zypern.

  10. @Foo ich wurd‘ jetzt einfach auf die Arbeitslosigkeit und so verweisen, is‘ mir egal, da ich damit sowieso recht hab.

    Aber um die Auflage von Thilos Bestseller zu steigern, empfehl‘ ich den herzlichst, denn Sarrazin schreibt ein Buch mit hunderten Statsitiken und Fakten.

  11. „Und wo bitte trifft Sarrazin „ins Schwarze“, wo ist bei ihm „Fakt nun mal Fakt“? Dass der edle deutsche Akademikergenpool von bösen türkischen Gemüsehändlergenen verschmutzt werde? Dass die Elenden unrettbar elend seien und eine fördernde und fordernde Sozialpolitik daher sinnlos, weil denen das Elend ja in den Genen stecke? Dass man an Akademikerinnen Gebärpremien auszahlen solle vom Geld, das man den Armen vorenthält? Dass die Juden halt doch irgendwie anders sind?“

    Diese Interpretation seiner Aussagen zählt mit zu den widerlichsten Verdrehungen, die ich in letzter Zeit gelesen habe! Ich hätte niemals beim Lindwurm diese hetzerische Ideologie vermutet, aber da muss ich mich wohl eines besseren belehren lassen.
    Wann ziehst Du über die USA, Kanada, Australien her? Oder Clinton, der muss in Deinen Augen ja ein ganz schlimmer Verbrecher sein…

  12. @foo
    die Tatsache, dass er keine wissenschaftlichen Belege für die These hat dass „90 % der Araber nicht integrationswillig sind“ ändert allerdings nichts an seiner Kernthese nämliche „dass die islamische Massen-Zuwanderung für Deutschland in der Summe wesentlich mehr Nachteile als Vorteile gebracht hat“. Und die unterschreibe ich sofort. Auch ohne die dubiose biologistische Rechtfertigung und ohne seitenlange Statistiken. Dafür braucht es nur offene Augen und gesunden Menschenverstand.

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