Der real existierende Asozialismus

Bereits vor einem Jahr hat der „konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza zu Sarrazin geschrieben, was geschrieben werden musste und nun, nachdem der Banker zum neuen Superstar der rechten Szene, der Schlechtmenschen und der Dummen geworden ist, nichts an Aktualität eingebüßt hat:

Hat Thilo Sarrazin „mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre“ erwiesen? Steht der Sozialdemokrat und Vorstand der Bundesbank, wie Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden sagt, „in geistiger Reihe mit den Herren“? Oder ist er „ein Held“, wie für die „Frankfurter Allgemeine“, vergleichbar nur dem in München wegen seines couragierten Auftretens von Rowdys totgetretenen Dominik Brunner? Oder ist im neuen Deutschland ein Held, wer in geistiger Reihe mit jenen Herren steht?

Sarrazin wirft den Berliner Türken und Arabern vor, „außer für den Obst- und Gemüsehandel keine produktive Funktion in dieser Stadt“ zu erfüllen und „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“ zu „produzieren“. Er schränkt seinen Vorwurf auf „eine große Zahl“ ein, aber seine Ausnahme, die Gemüsehändler, zeigt, wen er meint: alle andern. Daß, wer so spricht, ein Rassist ist, bedarf keiner weiteren Diskussion, auch wenn die meisten autochthonen Teutonen das bloß lustig finden und, zur Rede gestellt, überhaupt nicht wissen, was man von ihnen will.

Andererseits machte sich blind, wem nicht auffiele, daß Sarrazin auf gleiche Weise abfällig über seine engeren Landsleute spricht, die so wenig und dann nur in der falschen Sache produktiv sind wie die Türken und die Araber. Anders als etwa die NPD oder der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat er aber so gut wie nichts gegen Vietnamesen, Inder und so, die mit den Bedürfnissen der „Wirtschaft“ kompatibel sind. Die Rasse, die Sarrazin wegen ihrer zur Hälfte genetisch bedingten Defizite haßt, ist die „Unterschicht“. Gegen deren Ansprüche und Aufsässigkeit, ja gegen deren Existenz verteidigt er die Leistungsträger der Gesellschaft. Für Sarrazin wie seine Parteigänger aus allen Parteien sind Leistungsträger nicht Krankenpfleger und Kindergärtnerinnen, sondern Leute mit einem Jahresgehalt von hundert- bis fünfhunderttausend Euro netto, in sozial wertvollen Berufen wie dem des Investmentbankers und seines Insolvenzverwalters. Der bürgerliche Zwangscharakter nämlich verachtet noch als Greis, wundgelegen in seiner Scheiße, den Pfleger, der es zu nichts Besserem gebracht hat als zu seinem Wohltäter.

Zu Sarrazin und seinem Fall wäre damit alles gesagt – wäre er denn gefallen. Der Fall war jedoch das Gegenteil. Das laute Bravo eines Herrn in der ersten Reihe gab das Signal eines allgemeinen Jubelsturms. Seine Leser, schrieb der „FAZ“-Herausgeber Berthold Kohler, seien über die Kritik an Sarrazin empört. Der Mann werde „mit rhetorischen Vernichtungswaffen“ niedergemacht, weil er „die Wahrheit gesagt hat“ und „aus dem Käfig erlaubter Meinungen und Formulierungen, gemeinhin ›politische Korrektheit‹ genannt, ausgebrochen ist“. Die „politische Mitte“ habe es satt, „als fremdenfeindlich beschimpft zu werden“, nur weil für sie nicht „jeder geschächtete Hammel eine kulturelle Bereicherung ist“.

Und was geschehe? „Der Raum, in dem noch etwas ohne Gefahr für Ruf und Existenz geäußert werden kann“, schrumpfe: „Außerhalb des Meinungskorridors“, den die Linke bestimme, „soll kein Heil sein“. (Ich kenne nur ein Heil, dessen öffentliche Bekundung verboten ist.) Daß er seine Meinung, man könne in Deutschland die Wahrheit übers Hammelschächten nicht mehr sagen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren, im Leitartikel auf der Seite eins der führenden Tageszeitung äußert, ohne anderes befürchten zu müssen als eine weitere Fuhre begeisterter Leserbriefe, fällt ihm in seiner Rage gar nicht auf.

Aus Karl Kraus‘ berühmtem Diktum über Deutschland, die verfolgende Unschuld, hat Deutschlands verfolgende Mehrheit die Lehre bezogen, auch im Innern des Landes nur noch im Kostüm der verfolgten Minderheit aufzutreten. Partisanen rufen im Internet zum Widerstand gegen den „Meinungstotalitarismus der Linken, Arbeitsloseninitiativen und Wohlfahrtsverbände“. Im Untergrundsender MDR erklärt ein todesmutiger Ralph Giordano: „Sarrazin beschreibt die Wirklichkeit so, wie sie ist, und nicht wie seit vielen Jahren von der politischen Korrektheit dargestellt.“ Über einen Kassiber in der verfemten Springer-Zeitung „Welt“ läßt der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel den Bundesbanker wissen, „daß ich Ihre Äußerungen ohne Wenn und Aber unterstütze. Natürlich haben Sie bemerkt, daß sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hinter Sie und Ihre Aussagen gestellt hat.“ Daß Henkel die Mehrheit, die hinter Sarrazin steht, eine überwältigende nennen muß, ist die Rache der Sprache an dem, der ihr und also dem Gedanken Gewalt antut. „Die Art der an Ihnen geübten Kritik aus dem politisch korrekten Milieu stellt ein Armutszeugnis für den Zustand der Meinungsfreiheit in unserem Land dar. Ich kenne keine Demokratie, in der das Aussprechen gewisser Wahrheiten solche Konsequenzen hat.“ Da hat er recht: In England oder in den USA wäre der Vorstand einer Zentralbank, der geredet hätte wie Sarrazin, noch am selben Tag rausgeflogen.

Allerorten wagten Opfer des Meinungsterrors der politisch Korrekten (von Arnulf Baring und Henryk Broder bis zu den Redakteuren der Nazizeitung „Junge Freiheit“) zu bekennen, wie recht Sarrazin in allem, zumindest aber: alles in allem, habe und was jetzt not tue in der Republik. Kohler hatte es ihnen in der „FAZ“ vorformuliert: „Der Republik fehlen Streiter für die Freiheit, auch schon für die Freiheit der Meinung.“ Speziell für die freiheitliche Meinung, die ein Jünger von Guido Westerwelle, der neuen Freiheit vornehmstem Streiter, auf den Nenner gebracht hat: Es sind die falschen Leute, die wir haben einwandern lassen, und es sind die falschen Leute, die Kinder kriegen.

Zwei der falschen Leute waren die Eltern der Frauenrechtsanwältin Seyran Ates. Als ihre Mutter hier ankam, erzählt Ates, habe sie ihr Kopftuch weggeworfen. In ihrer ganzen Straße habe man so gut wie kein Kopftuch gesehen. Heute sehe man dort fast nur noch Kopftücher. Kopftücher sind Kennzeichen einer (Achtung: Tautologie!) bösartigen Religion, von der nur zu hoffen ist, daß es ihr, die, wie es heißt, die Aufklärung noch vor sich hat, nicht gelingen wird, einmal Leichenberge aufzuhäufen, wie sie gestern noch Christen aus dem christlichsten Zentrum des christlichen Abendlands, das die Aufklärung schon hinter sich hat, zwischen Auschwitz und Leningrad aufgehäuft haben.

Die Frauen in Ates‘ Straße zu trotzigen Bekennerinnen eines Aberglaubens zu konvertieren, der vielen gestern schon lästig war, bedurfte die Firma Mohammed sel. Erben der tatkräftigen Hilfe deutscher Politik, die diese falschen Einwanderer nicht einwandern lassen, sondern als ungelernte Billiglöhner ausbeuten und dann abschieben wollte – wozu also ihre Blagen zu Konkurrenten für den eigenen Nachwuchs ausbilden? Dieser Tage wird eine Studie der OSZE vorgestellt, der zufolge „hochqualifizierte Migrantenkinder in Deutschland deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als ihre einheimischen Altersgenossen. Besonders groß ist der Rückstand bei Akademikern und Absolventen höherer beruflicher Bildung. Bei Geringqualifizierten ist der Rückstand der Nachkommen von Einwanderern dagegen vergleichsweise gering.“ Weil es sogar dem Sarrazin, dem Kohler, dem Westerwelle, dem Broder und tutti quanti wurscht sein kann, ob die Frau, die sein Klo schrubbt, lesen und schreiben kann.

So entstand die türkische und arabische Unterschicht, deren Minderwertigkeit Sarrazins und Kohlers überwältigende Mehrheit nun als Wahrheit festgestellt wissen will. Und nicht nur ihre Minderwertigkeit, sondern auch die Minderwertigkeit der deutschen Unterschicht, der übergewichtigen Hartz-IV-Empfänger, die – immer nach Sarrazins Angaben und der Ansicht seiner Hooligans – ihre Zimmertemperatur mit dem Fenster regulieren, die zu faul sind, für fünf Euro die Stunde zu arbeiten, denen die „altdeutsche Arbeitsauffassung“ fehlt, die deutsches Steuerzahlergeld für fernöstliche Elektronik ausgeben und dann noch Junge in die Welt setzen wie die Karnickel.

Schluß damit!, sagt die überwältigende Mehrheit der Sarrazins und Kohlers. Zuzug nur für Hochqualifizierte! Kein Geld für Einwanderer und Unterschichtler! Freie Bahn den erblich Begabten! Reichtum muß sich wieder lohnen! Unterschicht ist ein Makel, kein Befund. Wer in ihren Lebensumständen einen Grund sieht, an der Ordnung der Gesellschaft zu zweifeln, ist ein alberner Gutmensch. Ob es Menschen gibt, die wert sind, hier zu leben, und andere, unwerte – man wird doch noch fragen dürfen. Sozial war vorgestern. Vorwärts zum Sieg des real existierenden Asozialismus

Advertisements

23 Gedanken zu “Der real existierende Asozialismus

  1. boah, der artikel is aber echt schlecht, sry.

    von was faselt der typ da?
    „Die Frauen in Ates Straße…“
    „Minderwertigkeit der deutschen Unterschicht…“

    bei dem sind offensichtlich auch die differenzierungskerne durchgebrannt.

    schade, aber doofheit wird echt zum trend.

  2. @Pfugge
    „Die Frauen in Ates Straße…“ bezieht sich auf das Faktum, dass eine nicht unerhebliche Anzahl an Migrantinen und Migranten eben nicht als überzeugte Muslime eingewandert sind, wenn man den Beschreibungen in Orhan Pamuks „Schnee“ glauben schenken darf, fanden sogar zunehmend aus der Türkei geflohene Marxisten zum Islam.

    Der andere Satz, andem hier „doofheit“ festgemacht wird, lautet so: „So entstand die türkische und arabische Unterschicht, deren Minderwertigkeit Sarrazins und Kohlers überwältigende Mehrheit nun als Wahrheit festgestellt wissen will. Und nicht nur ihre Minderwertigkeit, sondern auch die Minderwertigkeit der deutschen Unterschicht, der übergewichtigen Hartz-IV-Empfänger, die – immer nach Sarrazins Angaben und der Ansicht seiner Hooligans – ihre Zimmertemperatur mit dem Fenster regulieren, die zu faul sind, für fünf Euro die Stunde zu arbeiten, denen die „altdeutsche Arbeitsauffassung“ fehlt, die deutsches Steuerzahlergeld für fernöstliche Elektronik ausgeben und dann noch Junge in die Welt setzen wie die Karnickel“.

    Es geht um die objektive Minderwertigkeit, von mir aus auch Überflüssigkeit einer gewissen Menge menschen im Kapitalismus, eben jener, die keinen Mehrwert erzeugen bzw. die, wie der Volkswirtschaftler vorrechnen würde, das Gemeinwesen mehr kosten, als sie ihm nützen

    Während über diese indifferenz des Kapitals gegenüber dem Menschenmaterial gemeinhin ein Mäntelchen des Schweigens ausgebreitet wird (bzw. es werden „andere Werte“ eingefordert, etc…), möchten Sarrazin & Co, so Gremliza, die Minderwertigkeit „als Wahrheit festgestellt wissen“, d.h. sie verorten die Gründe des gesellschaftlichen Ausstoßes nicht in der Poduktionsweise, sondern in den Abgehängten. Das ist, wie meist bei Gremliza, ein wenig über einen Kamm geschoren, und man hätte eigentlich den Sarrazin nicht bemühen müssen, um das offensichtliche festzustellen, aber sich mal schnell zwei Äußerungen rauszupicken, die total zu entkontextualisieren, und nichtmal zu erklären, was man dumm findet, ist auch nicht gerade ne Meisterleistung.

  3. naja cyrano..
    im hier abgedruckten Original-Kontext liest sich das aber so: „….es sind die falschen Leute, die Kinder kriegen. Zwei der falschen Leute waren die Eltern der Frauenrechtsanwältin Seyran Ates.“ Das kann man schon leicht mißverstehen, denke ich. Ansonsten ist der Artikel ja eher der klassische politisch korrekte Einheitsbrei von halb- bis ganz links. Schuld an allem ist natürlich nur das kapitalistische Ausbeutersystem, hätte man den Leuten eine faire Chance gegeben, dann gäbe es heute keine Ghettos usw. Tatsache ist aber, dass es – vor allem in den Großstädten Norddeutschlands – Ghettos als Zeichen einer völlig gescheiterten Integrationspolitik entstanden sind. Und an dieser gescheiterten Politik sind nicht die Sarrazins alleine Schuld sondern auch Migranten, die zwar in einem wohlhabenden Land leben und von dessen Sozialleistungen profitieren aber an ihrer eigenen Einstellung absolut nichts ändern wollen. Und die das Land das sie füttert und dessen Bevölkerung eigentlich nur verachten.

  4. Zugegeben, Gremliza wird aus seinem Denken in simplen ökonimischen Zusammenhängen nichtmehr rauskommen, das ineinandergreifen von Krise und antiaufklärerischen Lösungsmodellen wird er immer nur nach einem Reiz-Reaktionsschema interpretieren, das real, so sehr sich der Konkretherausgeber dagegen auch verwehren mag, in eine Entschuldung der Opfer umschlägt. Integration von der Frage loszukoppeln, wohinein eigentlich integriert wird ist aber ähnlich erbärmlich, wenn nicht noch erbärmlicher. Und hätte man allen eine „faire Chance“ gegeben (was ist das? ein jeweiliges monadisches von null anfangen, unter aufhebung von Familienbande, Erbschaften, Seilschaften etc???), dann ist es nicht unmöglich, dass andere in den „Ghettos“ festsitzen würden. Jepp. Aber gerade weil das nicht nur utopisch, sondern auch unsinnig ist, weil es eben gesellschaftliche Realität ignoriert, hieße vernünftige Kritik eben auch die politischen und ökonomischen Bedingung dieser Realität mitzudenken. Gremliza macht das in Ansätzen, und das Gejammer über Leute die sich durchfüttern lassen überführt in nicht etwaiger Denkfehler, sondern behauptet eine zweite, davon getrennte Baustelle, wo das ganze in den Blick zu nehmen wäre.

    Wenn Gremliza sagt „es sind die falschen Leute die Kinder kriegen…“, drückt er übrigens nicht seine Meinung aus, sondern dass, was nach Gremliza Sarrazins Meinung sei.

  5. Schade, Lindwurm, daß Sie sich immer wieder glauben, an Sarrazin abarbeiten zu müssen. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, wie schief Sie liegen und welchen Unsinn Sie erzählen?
    Wenn ich sehen will, was Sarrazin meint, gehe ich in die nächste Stadt oder auch nur in die nächste Straßenbahn. Und ich höre auch Nachrichten des Deutschen Staatsrundfunks, gleichgeschaltet, wie wir es schon mal hatten.
    Stimmt nicht, meinen Sie? Doch, stimmt!

  6. ich hab mal in das buch vom werten herrn thilo s. reingelesen, insbesondere was er zum thema lohnarbeit(slosigkeit) so schreibt. salopp: er prangert wies aussieht an, dass ihm der „politische mainstream“ nicht erlaubt, die arbeitshäuser des 19. jhdts. wieder aufleben zu lassen. dabei gehts ihm nicht mal um produktivität oder die überbrückung von ökon. depressionen, sondern, wie u.a. eben auch zu beginn der moderne, um disziplinierung, selbst wenn durch konjunktur und produktivitätsentwicklung gar keine aussicht mehr auf produktive arbeit besteht
    o-ton:
    [quote]Dabei kann zunächst dahingestellt bleiben, wie produktiv diese Gegenleistung ist und ob sie überhaupt produktiv ist. Entscheidend ist, dass sie ausnahmslos eingefordert wird und die Anforderungen in Bezug auf Pünktlichkeit, Disziplin und Arbeitsbereitschaft dem regulären Arbeitsleben möglichst nahe kommen. ..
    ..Ferner würde die Schwarzarbeit durch die Arbeitspflicht erschwert beziehungsweise schon rein zeitlich unmöglich gemacht. ..
    .. Insbesondere bei jugendlichen und jüngeren Beziehern von Transferleistungen wird dies Wunder wirken. ..
    .. All diese [b]wohltätigen[/b] (sic!) Wirkungen werden jedoch nur eintreten, wenn der [b]Arbeitszwang[/bl] (sic!) konsequent durchgesetzt wird, wobei die wirksamste Sanktion stets der sofortige Transferentzug ist.[/quote]

    bei sarrazin sind malthusianismus und eugenik wohl nicht die einzigen „rationalen“ „faktenbasierten“ utilitiaristisch-ideologischen altlasten von vor über 150 jahren.

  7. Lieber Lindwurm, das Sie sich weiter des Sarrazins-Bashings befleißigen, ohne auch nur einmal auf seine Aussagen wirklich einzugehen, finde ich mehr als schade! Das Du auf nichts reagierst, auch, aber ich probiere es noch mal:

    „Sarrazin wirft den Berliner Türken und Arabern vor, „außer für den Obst- und Gemüsehandel keine produktive Funktion in dieser Stadt“ zu erfüllen und „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“ zu „produzieren“.“

    Hier werden zwei Teilaussagen miteinander vermengt und verfälscht. Sarrazin wirft es den Türken und Arabern nicht vor, sonder stellt es nur fest. Der Unterschied wird offensichtlich, wenn man die Gründe, die Sarrazin dafür aufführt, dazustellt, nämlich Verringerung der Subventionen, Zusammenbruch der Bauwirtschaft, Veränderung der Wirtschaft (z.B. Auslagerung von produzierender Industrie) und er bezieht auch die Deutschen mit ein:

    „Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat. Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung.“

    Das er in diesen Bevölkerungsgruppen Potential sieht, zeigt allein das Interview immer wieder. Hier am Beispiel der türkischen Einwander:

    „Wenn die Türken sich so integrieren würden, dass sie im Schulsystem einen anderen Gruppen vergleichbaren Erfolg hätten, würde sich das Thema auswachsen…
    Türkische Anwälte, türkische Ärzte, türkische Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest relativieren.“

    Zum zweiten Teilzitat, das vollständig so lautet:

    „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“

    nur mal dies:

    “Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eines: Raus, und zwar schnell!”

    Gerhard Schröder

  8. @ Popeye: Als würden die Aussagen des einen, sagen wir es mal freundlich, am protestantischen Arbeitsethos orientierten, staatsfetischistischen Einwanderungsgegner, besser dadurch, dass man einen bruder im geiste zu dessen Unterstützung heranzieht. Das machte höchstens Sinn um die Doppelmoral zu belegen, die sich beidseitig darin ausdrückt, als sage Sarrazin was neues, wo er doch nur altbekanntes wiederholt.
    Auch „Bashing“ wird hier nicht betrieben, im Gegensatz zu denen, die jetzt die Hörner der Apokalypse erschallen hören und endlich den Moment gekommen sehen, da jegliche Differenzierung bei Seite zu wischen sei und man sich eine Front auszusuchen habe, kritisiert der Lindwurm halt den Sarrazin und seine platten Polemiken, die dadurch, dass es teilweise Verhältnisse gibt, auf die die Aussagen des Herrn S. zutreffen, nicht viel besser werden. Zudem geht es nunmal längst nicht mehr nur um Sarrazin, sondern eben auch um die Aussagen und (selten zugegebenen) Kompromisse seiner Verteidiger, gerade wie es den Verteidigern anfangs zurecht um die fehlgeleitete Kritik der Gegner ging.
    Was Vip3r im Kommentar weiter oben bemerkt, ist richtig, und ließe sich nahtlos in das einfügen, was ich im „Broder“ Threat bemängelt habe: Sarrazin ist, wie immer auch „richtig“ seine „Beobachtungen“ sein mögen, ein Autoritärer Charakter, der den Starken Staat zur Lösung des konstatierten Problems in die Pflicht nimmt, er forciert die deutsche Krisenlösung, die ohne gerne auch die Vergesellschaftung über den Wert außer Kraft setzt, um zu Pünktlichkeit, Disziplin, etc… zu erziehen, er entfaltet in der Konsequenz ein „linkes“ Programm, zumindest in dem Sinne, indem viele die hier kommentieren „Links“ verstehen, d.h. ein Programm des Zwangs und der Umverteilung. Es ist wirklich nicht einzusehen, wie das von einer wie auch immer gearteten „Liberalen“ Warte unterstützt werden kann, aber immerhin machen sich diese „Liberalen“ gerade daran, die sonst auch auf Achgut öfter geäußerte These zu bestätigen, dass es einen deutschen Liberalismus nicht geben kann.
    Und: Das Sarrazin eben auch die „deutsche Unterschicht“ in seine Überlegungen mit ein bezieht, ist doch gerade etwas, das auch Gremliza zu bedenken gibt. Wie sonst könnte Sarrazin hoffen, durch Gebährpremien für Professorinnen u.ä. das allgemeine Intelligenzniveau zu steigern. Übrigens: Das würde auf lange Sicht gar nix bringen: In der ersten Generation mehr Arbeitslose Akademiker, in der zweiten Arbeitslose Akademikerkinder, usw…

    @David: „Wenn ich sehen will, was Sarrazin meint, gehe ich in die nächste Stadt oder auch nur in die nächste Straßenbahn“. Nichtmal Sarrazin käme auf die Idee, seine Thesen so anekdotisch zu untermauern. Da macht sich einer so viel Arbeit Daten aufzuarbeiten, damit er wenigstens gegen die Positivisten unter seinen Kritikern einen guten Stand hat, und jetzt kommt einer daher und meint, man könnte ein 500 Seitiges Buch auf den Anblick herunterbrechen, der sich in irgendeiner Straßenbahn bietet… Aber gut, wer im nächsten Atemzug von gleichgeschalteten Medien spricht.
    Wirklich, das kommt einem ja vor wie bei Indymedia…

  9. @Cyrano
    Ich seh Sarrazin durchaus als Liberalen, halt nicht nach dem verklärten „sozialen“ Liberalismusbild das die Sozialdemokratie geprägt hat, sondern back to the roots, als der Liberalismus nur denen gegenüber halbwegs human aufgetreten ist, die auch entsprechend verwertbar waren. Oder hast du gerade deswegen Liberalismus unter Anfühungszeichen gesetzt? 😉

    Und nachdem Sarrazin diesen 2-300 Jahre alten menschenverachtenden Mist bemüht, könnte man sich die ganze Empörung eigentlich sparen und einfach auf Klassiker zurückgreifen, bspw. Jonathan Swift – A Modest Proposal For Preventing the Children of Poor People in Ireland from Being a Burden to Their Parents or Country, and for Making Them Beneficial to the Publick 😉

  10. „Als würden die Aussagen des einen, sagen wir es mal freundlich, am protestantischen Arbeitsethos orientierten, staatsfetischistischen Einwanderungsgegner, besser dadurch, dass man einen bruder im geiste zu dessen Unterstützung heranzieht. Das machte höchstens Sinn um die Doppelmoral zu belegen, die sich beidseitig darin ausdrückt, als sage Sarrazin was neues, wo er doch nur altbekanntes wiederholt.“

    Um diese Doppelmoral geht es mir ja, wo war der Aufschrei bei Schröder und den vielen anderen in der Vergangenheit?
    Was ich nicht verstehe, wie man Sarrazin als Einwanderungsgegner bezeichnen kann, das müsste mir mal einer erklären!
    Das er ein Staatsfetischist ist, der jedem Liberalen das kalte Grausen über den Rücken laufen lässt, steht außer Frage, aber an dem Punkt, wo man sachlich darüber diskutieren kann, sind wir noch lange nicht. Deshalb ist auch der Vorwurf, liberale Sarrazin-Verteidiger würden ihn in diesem Punkt unterstützen, falsch.

    Ach, und was der Lindwurm hier veranstaltet, ist kein Bashing?

    „Superstar der rechten Szene, der
    Schlechtmenschen und der Dummen“

    „Wer hätte denn auch voraussehen können, dass ausgerechnet in Deutschland und Österreich, diesen hochzivilisierten Staaten voller Massenmörderveteranen, Massenmörderkindern und Massenmörderenkeln ein bedachtloses Dahergerede und -geschreibe über völkische Eigenschaften, wertgestaffeltes Erbgut und unnütze Sozialstaatsschmarotzer eine regelrechte Kirtagsstimmung bei den Nazis und Alltagsfaschisten auslösen würde?“

    Ach ja, wie hieß der erste Artikel?

    „Der bräunliche Herr Sarrazin“

    Und noch etwas, Du schreibst etwas über Differenzierungen beiseite wischen, ich muss sagen, das macht der Lindwurm in Bezug auf die Sarrazin-Unterstützer doch perfekt, oder? Nun ja, wenn man die braune Flut kommen sieht, ist das mit dem Differenzieren auch sehr schwer.

    Gehabt Euch wohl, ich geh lieber in Zettels Raum

  11. sich durch halbwegs gewähltes deutsch ausdrücken zu können macht den inhalt des textes bekanntlich nicht wahrer.

    alleine der zeitsprung von 30 jahren in die vergangenheit als pendant zur momentanen situation entbehrt jeder argumentationslogik.

    während man sarrazin die abwertung der „unteren schicht“ unterstellt, vergißt man, dass die unterschichtenproblematik, seit jahren besteht. welchen sinn soll das verschweigen der existenz von bestehenden armuts-milieus haben? natürlich redet es sich leicht dahin, wenn man nicht zu jenen gehört, die relativ arm sind.

    durch die fehlkonstruktion der vermeintlich menschlichen einwanderungspolitik wurde diese relative armut stark verstärkt.

    die wahrheit ist, dass diejenigen, die in mitteleuropa ihr glück versuchen auf die aktuelle herrschende situation, wie subventionen durch den staat, arbeitsmarktsituation, usw. , reagiert haben. das dies verschiedene ethnien auf verschiedene art und weise tun, muss nicht ausführlich besprochen werden.

    die aussage mit der straßenbahn trifft für mich persönlich den nagel auf den kopf. wer natürlich in hintertupfing wohnt wird es selten mit massen grillender anatolischer massen zu tun bekommen. eine einfache durchfahrt mit dem rad am radweg auf der donauinsel ist teilweise nicht mehr möglich.

    verschiedene parks im den außenbezirken von wien wurden von grillenden massen in beschlag genommen, was zurückbleibt ist rauch und müll.

    ein österreicher wird hier abgemahnt oder muss strafe zahlen, einem einwanderer darf man nicht strafend entgegenen, ansonsten ist man ein nazi.

    das massen an nicht der deutschen sprache mächtigen schüler das bildungsniveau in den schulen drücken ist schon längst kein geheimnis mehr. eltern werden gezwungen ihre sprösslinge in schulen mit niederem ausländeranteil zu geben, auch wenn es heißt auf kostenpflichtige elitäre privatschulen umzusteigen. das profilieren einer „elite“ ist genau der nicht zur anpassung fähigen masse jener einwanderer zuzuschreiben, die, auch wenn sie nicht böses im schilde führen, auch nichts zu einer verbesserung beitragen wollen oder können.

    die wenigsten menschen auf diesem planeten arbeiten so hart und sind so fleissig, auch wenn es bruttosozialproduktsteigerer wie sarrazzin gerne sehen würden.
    eine starke antipathie gegen den überbringer schlechter nachrichten darf uns jedoch nicht davon ablenken, daran zu denken dass sich die lage des sozialstaates weiter verschlimmern kann.

    unkontrollierte einwanderung ist zu einem der stärksten faktoren geworden.

    Pfugge

  12. noch so ein Zitat aus dem Artikel: „Schluß damit!, sagt die überwältigende Mehrheit der Sarrazins und Kohlers. Zuzug nur für Hochqualifizierte! “ Sorry aber das sagen auch die GRÜNEN in ihrem Einwanderungskonzept. Und das deckt sich zu 100 % mit meiner Meinung. Ich möchte auch keinen Massenzuzug von ungebildeten, in unseren Arbeitsmarkt nicht oder schwer integrierbaren Menschen, die noch dazu eine Ideologie mitbringen, die weit vor der Aufklärung stehen geblieben ist. Und die außerdem der Meinung sind, dass ihre Ideologie für alle zu gelten hat.

  13. @vip3r…
    warum ist jetzt Malthus so unaktuell. Im Rahmen der Klima-Debatte wird ja sehr offen darüber diskutiert ob eine „Welt mit 6 Milliarden Menschen nicht viel nachhaltiger wäre als eine mit 12 Milliarden..“

  14. @borrachon
    Andere Baustelle. Das Problem wird bei Sarrazin wie Malthus zur Naturgesetzlichkeit, Arme/Dumme treibens wie die Kanickel sobald es ihnen zu gut geht (sie verhungern nicht/Kindergeld..), und das wird zur Problem der Volkswirtschaft, nicht wegen Rohstoffknappheit, sondern weil die Versorgung der Unterschichstkinder nicht rentabel wäre.

    Das globale Bevölkerungswachstum v.a. in Schwellenländern ist ein sozioökonomisches Phänomen, da bspw. mangels sozialer Absicherung/Perspektiven Kinder als Altersvorsorge dienen. Und anstatt dem mit entsprechender Absicherung entgegenzuwirken, würde Malthus wie Sarrazin Aufgrund der Untragbarkeit für die Wirtschaft als Sanktion jegliche Unterstützung am liebsten streichen; als Konsequenz gehts bei Malthus gar so weit, dass er schreibt: „..wenn ich eine Wendung ge-
    brauchen darf, die zuerst (sic) gewiß befremdlich erscheint, überheben große und verheerende Epidemien der Notwendigkeit (sic), zu vernichten, was überflüssig (sic!) ist.“ (Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz, Bd.1, 479)
    Wie gesagt, A Modest Proposal..

  15. @vip3r
    man muss zu Malthus allerdings relativierend feststellen, dass er seine Aussagen im späten 18. Jahrhundert gemacht hat. Damals war die „Ausmerzung“ von Nutzlosen noch nicht so negativ konnotiert, fürchte ich. Passend zu Malthus und zu Ihren Aussagen gibt es ja einen zynischen Spruch in der Entwicklungshilfe: „Wenn Sie in eine Gebiet, in dem es 2 Millionen Hungernde gibt massenhaft Lebensmittel schicken, dann ist das Einzige was Sie damit erreichen, dass es dort in 3 Jahren 3 Millionen Hungernde gibt, davon 1 Million Säuglinge“

  16. @haifa
    ich glaube den muss man eher bei Gremliza in Frage stellen. Zitat aus „Wikipedia“ (wird wohl stimmen, steht schon lange drin und wurde nicht diskutiert): „1989 trat er aus der SPD aus; Anlass dazu war, dass sich die Bundestagsabgeordneten der SPD nach der Maueröffnung am 9. November im Bundestag spontan mit den Abgeordneten der CDU, CSU und FDP erhoben, um die deutsche Nationalhymne zu singen – seiner Meinung nach stellt dies eine Parallele zum 17. Mai 1933 dar, als die sozialdemokratischen Abgeordneten sich anlässlich der „Friedensrede“ Adolf Hitlers ebenfalls zum Singen der Nationalhymne erhoben hatten – gemeinsam mit den Nazis.“ Wer solche Vergleiche anstellt, der muss schon einen kompletten Sprung in der Schüssel haben. Dagegen ist Sarrazin ein Muster an Vernunft und Seriösität.

  17. @Popeye
    Sie können ruhig genauer ausführen, auf welche meiner Aussagen sie diesen ellenlangen Artikel beziehen. Der scheint mir i.ü. mit recht vereinfachten Darstellungen ne bestimmte Politik einzufordern; abgesehen davon, dass alles nur auf den PRWORA zurückgefürht wird, hab ich außer dem Rückgang der Bezieherzahlen auf die schnelle keine signifikanten statistischen Änderungen gefunden. Die poverty rate liegt 1997 bei 10.3%, 2004 bei 10.2%, wobei sich die Tiefe der Armut verschärft zu haben scheint; wie der Autor zu gegenteiliger Schlussfolgerung kommt erschließt sich mir nicht. Gesamtfertilität seit 1980 quasi konstant, bei Immigranten korreliert der Rückgang mit dem sozioökonomischen Aufstieg. Ansonsten strahlt in den USA alles und Deutschland ist bestenfalls Fegefeuer. Dass die Zahl der Sozialhilfebezieher zurück geht, wenn sie nach 5 Jahren den Anspruch verlieren, ist keine Zauberei, und dass Menschen, die keine Perspektiven und kaum Geld haben, für die Aussicht auf etwas mehr Geld auch mal ein Kind bekommen, widerspricht meinem Posting nicht, hat auch nichts mit Malthus zu tun, denn die Kanickel treibens nicht wegen der Aussicht auf mehr Futter; und falls Sie mich falsch verstanden haben, ich setz mich keineswegs für die Rettung der Volkswirtschaft ein, schon gar nicht auf Kosten von menschlichen Existenzen.
    Aber ich kann ja auch einfach mit unkommentierten Links um mich werfen..
    http://www.cbpp.org/cms/index.cfm?fa=view&id=2203
    http://en.wikipedia.org/wiki/Demographic-economic_paradox

  18. @ wiltrud:
    da scheiden sich eben die geister, wie man so schön sagt.

    die fpö ist eben als erste da, wenn es um solche themen geht, logisch, denn die anderen haben schiss in die nazi schublade gesteckt zu werden.

    man müßte recherchieren wie es sich um die parks rund um die jubiläumswarte verhalten hat, ob das grillen dort auch von der fpö, also den nazis, verboten wurde, oder es einfach nur den anrainern auf den sack ging, dass die grillenden dort nicht den winzigsten funken von gefühl gegenüber denjenigen mitbrachten, die diese parks auch nutzen und in deren umgebung wohnen.

    Pfugge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s