Lustig ist das Zigeunerleben?

Etwas Gutes hat die populistische Antiroma-Politik von Nicolas Sarkozy samt ihren bizarren diplomatischen Verwicklungen ja: Europa redet endlich über die Lage einer Volksgruppe, die in mehreren EU-Mitgliedsstaaten systematischer Diskriminierung ausgesetzt ist und deren Angehörige von Politikern mit dem Moralniveau eines Regenwurms einmal mehr dazu missbraucht werden, als unfreiwillige Statisten in einem b-movie namens „Harte Sheriffs greifen durch“ herzuhalten. Aber so positiv es auch ist, dass über das Thema nun diskutiert wird, so oberflächlich bis dümmlich sind leider viele Diskussionsbeiträge.

Zigeuner waren und sind der Albtraum der Regulierungswütigen, der Amtsstempelschwinger und all jener, die den Wert von Menschen an deren ökonomischer Verwertbarkeit bemessen. Sie waren und sind aber auch Projektionsflächen für die Ängste und Wunschträume der Spießer, und zwar ganz unabhängig davon, ob diese Spießer nun bürgerliche Zwangscharaktere, weltfremde linke Schwärmer oder rechte Rassisten sind. Ablehnung, Furcht und Vernichtungswünsche gegen bestimmte Gruppen gehen oft genug Hand in Hand mit Neid auf deren tatsächliche oder angedichtete Lebensweise und nur oberflächlich überdeckten Fantasien davon, selber solch ein Leben führen zu dürfen. Es ist gut denkbar, dass so mancher SS-Mann, der tagsüber an der Ermordung von Sinti und Roma beteiligt war, abends im Suff sehnsuchtsvoll „Lustig ist das Zigeunerleben“ gegröhlt und dabei von der großen Freiheit geträumt hat, denn wer in Zwangsstrukturen lebt, der möchte diesen entkommen, auch wenn er das Gegenteil behauptet und lebt. „Brauchen dem Kaiser kein Zins zu geben“ – das spricht das unterdrückte Freiheitsstreben in der Seele des Spießers ebenso an wie die den Zigeunern angedichtete sexuelle Freizügigkeit, was auch Randy Newman gut erkannt hat, der im Song „Sigmund Freud´s Impersonation of Albert Einstein“ singt: „Americans dream of gypsies, I have found / Gypsy knives and gypsy thighs that pound and pound and pound and pound“.

Das Problem liegt aber nicht nur in den einerseits dämonisierenden, andereseits romantisierenden Vorstellungen, die sich viele von den Sinti, Roma und anderen Gruppen machen. Das Problem beginnt bereits damit, dass Kollektiven bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, was sie in toto zu der Bösartigkeit oder dem guten Willen der Mehrheit ausgelieferten Objekten degradiert. Wer also seriös von Zigeunern sprechen will, darf zu den nicht in die Klischees passenden Sinti und Roma nicht schweigen. Und es gibt sie ja, die völlig gewöhnlichen Berufen nachgehenden und in festen Behausungen lebenden Menschen ziganer Herkunft. Es gibt erfolgreiche Künstler, Anwältinnen und Ärzte unter ihnen. Nur wird über die kaum berichtet, obwohl es sehr berichtenswert wäre, denn sie hatten es unglich schwerer, Karriere zu machen, als die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaften. Und besonders aufschlussreich ist ein Blick auf die Gründe, warum es diese Leute so schwer haben.

Wenn die Frage besprochen wird, weshalb ein großer Teil der Zigeuner in so erbärmlichen Verhältnissen lebt und warum es für sie so schwer ist, sich den Erfordernissen der modernen kapitalistischen Gesellschaft anzupassen, bekommt man zumeist Bullshit zu hören. Die Rechten sprechen dann von „Integrationsunwilligkeit“, „rückständiger Kultur“ oder gar „rassischer Minderwertigkeit“, und die Linken meinen, alles mit Diskriminierung und Fehlverhalten der  Mehrheitsgesellschaften erklären zu können. Beides ist allzu bequem und der Faulheit geschuldet, sich mit den Roma und Sinti wirklich zu beschäftigen (und dass der rassistische Ansatz ohnehin objektiv falsch und dumm ist, sei nur der Vollständigkeit halber gesagt). Zu behaupten, die Zigeuner seien an ihrer beklagenswerten Lage selber schuld ist genauso realitätsblind wie die Annahme, sie trügen gar keine Mitverantwortung an ihrem Elend.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein waren die ökonomischen Hauptgrundlagen des „Fahrenden Volks“ die Tätigkeit als Wanderarbeiter und Erntehelfer, als spezialisierte Dienstleistungserbringer wie Messerschleifer und Kesselflicker sowie als Musiker, Schausteller, Viehhändler und Artisten. Technische Neuerungen machten viele dieser Möglichkeiten zum Broterwerb zunichte, was freilich nicht nur Zigeuner betraf, aber diese besonders stark erschütterte, denn eine stockkonservative, in fast archaischen Clanstrukturen organisierte Lebensweise machte es ihnen schwer, sich an die veränderten wirtschaftlichen Herausforderungen anzupassen. Die neuen Berufe, die die alten ersetzten, waren gebunden an Ort und Zeit, weshalb sich zum Beispiel ein auftragslos gewordener, aber immer schon sesshaft gewesener Handwerker leichter tat, statt seine alte, aber überflüssig gewordene Profession auszuüben in der Fabrik zu arbeiten, als eine Gruppe, deren Kultur seit jahrhunderten ständige Mobilität einschloss, aber überhaupt nicht auf die neue Arbeitswelt  eingestellt war. Das wurde durch immer strengere gesetzliche Maßnahmen gegen das „Hausieren“ und das „Vagabundieren“ ebenso verschärft  wie durch den Nationalismus, der nicht nur das ehemals große Europa in immer kleinere, durch Grenzkontrollen abgeschottete Einheiten aufteilte, sondern auch Bekenntnisse zur Nation einforderte, sich immer stärker völkisch definierte und daher ethnische Minderheiten als Störfaktoren betrachtete. Und mit dieser Entwicklung wuchs auch die wohl abscheulichste Erfindung der Moderne heran, der Rassismus, der, einst erfunden zur ideologischen Rechtfertigung des Kolonialismus, natürlich vor Minderheiten auf dem eigenen Kontinent nicht halt machte. Bald schon sahen sich die Zigeuner einer rassistisch aufgeladenen Feindseligkeit gegenüber, die ihnen sowohl von bürgerlichen Demokratien, faschistischen Diktaturen und später auch vom Realsozialismus entgegenschlug. Die Erfahrungen, die die Sinti und Roma mit der staatlichen Gewalt machten, reichten von gesetzlicher Schlechterstellung über  Umerziehungsversuche bis hin zum Massenmord. Sozialdemokraten ließen den Roma die Kinder wegnehmen und propagierten die Sterilisation von Zigeunerinnen, Nationalisten wollten ihnen mit Verboten das Reisen austreiben, Faschisten sperrten sie in Ghettos, die Nazis ermordeten sie und die Kommunisten erzwangen Anpassung und, wenn auch nur pro forma, Teilnahme am Produktionsprozess. Kurz: Alle Erfahrungen, die die Zigeuner im 20. Jahrhundert mit dem Staat machten, waren negativ. Es sollte daher niemanden wundern, dass die Roma extrem mistrauisch gegen Politik und Obrigkeit wurden , sich in ihren Clans und Familien und uralten Strukturen einigelten und ihrer Parallelkultur mehr vertrauten als selbst gut gemeinten staatlichen Maßnahmen.

Wie steht es um die oft ins Feld geführte Neigung zu Kriminalität und halblegalen Aktivitäten, die man den Sinti und Roma gerne vorwirft? Es wäre eine Lüge zu behaupten, hier wäre alles paletti und nur eine Erfindung böser Rassisten. Natürlich sind Mitglieder von Gruppen, denen ein ökonomisches Fortkommen durch eine Fülle von Einschränkungen erschwert wird, anfällig dafür, einen Teil des Lebensunterhaltes durch illegale Tätigkeiten zu bestreiten. Außerdem sehen sich viele Zigeuner den streng hierarchischen Clanstrukturen stärker verpflichtet als den staatlichen Gesetzen, was bedeutet, dass ein Clanchef, der kriminelle Geschäfte machen will, genügend Fußsoldaten finden wird. Wie problematisch das ist, sieht man auch am Phänomen des organisierten Bettelns. Jene meist aus Osteuropa stammenden Roma, die bei jedem Wetter in Demutshaltung vor den Supermärkten knien und die Hand aufhalten, tun das nicht, weil sie das gerne machen, sondern weil sie dem Clanchef Geld schulden und ihren „Kredit“ auf diese entwürdigende Weise abarbeiten müssen. Es ist nicht mal übertrieben, hier von sklavereiähnlichen Zuständen zu sprechen. Die Gesetzgeber und die Ordnungsorgane reagieren auf solche Vorkommnisse aber ausschließlich mit Bettel-Verboten und Platzverweisen. Angesetzt wird einmal mehr bei den kleinen Fischen, die selber bloß Opfer sind. Die Fädenzieher im Hintergrund und die Gruppenzwänge interessieren die Staatsgewalt kaum.

Soweit ein paar Hintergründe zur so genannten „Roma-Problematik“. Wie aber sollen die Demokratien der EU damit umgehen? Ich habe nun auch kein Patentrezept auf Lager, aber die stärker werdende Tendenz, Zigeuner wieder in Sippenhaftung zu nehmen und sich auf Kosten dieser Minderheit politisch zu profilieren ist widerlich und kaum hilfreich. Ich sage nur soviel: Es gibt Gesetze und deren Einhaltung soll die Polizei überwachen, ganz egal, ob es sich um Roma oder Niederbayern handelt. Und man sollte die wirklich schlimme rassistische Diskriminierung der Zigeuner vor allem in der Slowakei, Ungarn und Rumanien endlich als das benennen, was sie ist: Ein Skandal, der im Europa des 21. Jahrhunderts keinen Platz haben darf. Nicht zuletzt muss man aufwachen und die Rückkehr des Antiziganismus als Werkzeug rechter Demagogen auch in Westeuropa nicht tolerieren. Ich persönlich würde gerne sehen, dass sich jene, die im Namen der Menschenrechte gerne zu tausenden auf die Straße gehen, wenn sich ein Palästinenser den Fuß verstaucht, mit der selben Inbrunst für Menschen einsetzen, die ganz real und mitten unter uns unter Ausgrenzung und Verächtlichmachung und Vertreibung leiden.

ps: Einmal mehr empfehle ich am Thema Interesierten das hervorragende Buch „Die Hundeesser von Svinia“ von Karl-Markus Gauß, erschienen im Zsolnay-Verlag.

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4 Gedanken zu “Lustig ist das Zigeunerleben?

  1. sehr empfehlenswert ist auch Kusturicas „Time of the Gypsis“ – das „Zigeunerleben“ hat in unserer gezahmten Welt seinen Reiz – genauso wie die spannendsten Hollzwood-Epen Mafia-Filme waren.

    trotzdem sollte man weder das Zigeunerleben noch die Mafia verharmlosen (beides bringt gerade den Roma und den Sizilianern am meisten Leid)

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