Warum lief Frau R. Amok?

Hätte es Sabine R. aus Lörrach dabei belassen, ihrem Gatten in den Kopf zu schießen, ihren fünfjährigen Sohn mit einer Plastiktüte zu ersticken und sich danach selbst zu töten oder der Polizei zu stellen, so wäre das nur in der baden-württembergischen Lokalpresse ein Titelseitenthema, denn daran, dass in unseren liebesunfähigen, kommunikationsimpotenten und kinderfeindlichen Familien ein Mitglied dieser dysfunktionalen Verbände sich gegen die Eiseskälte und die Grabesstille nicht mehr anders zu helfen weiß als durch Mord, haben wir uns längst gewöhnt. Eine  Familientragödie halt, wie man den Brauch des Verwandtentötens zu nennen pflegt, ohne allzu viel darüber nachzusinnen, dass so eine Familie schon eine geraume Zeit vor der Anwendung letaler Gewalt eine einzige Tragödie gewesen sein muss. Dass es aber Sabine R. zu einem eigenen Sonderthema auf Spiegel-Online gebracht hat, liegt daran, dass sie, nachdem sie sich innerfämiliär das endgültig letzte Wort verschafft hatte, in eine nahe gelegene Klinik marschierte, auf dem Weg dorthin zwei Passanten anschoss und, im Krankenhaus angekommen, einen Pfleger ermorderte und, die Taschen voller Munition, gerade auf eine Krankenzimmertür ballerte, ehe sie von 17 Kugeln aus Polizeipistolen durchsiebt wurde. Statt Familientragöde spielte es jetzt Amoklauf, und dass die Täterin aus der Amokläuferminderheitengruppe der gebildeten Frauen um die 40 stammte, machte die Sache erst so richtig würzig für die Medien, die von intimen Details aus dem Leben von Frau R. über wie immer nicht das Geringste bemerkt haben wollende Nachbarn, dem betroffenen Pfarrer bis hin zum ferndiagnostizierenden (Kriminal)Psychologen alles auffuhren, was etwas herzugeben versprach im Kampf um die bestmögliche Ausbeutung der Tat. Das große Quasseln war eröffnet, und wie immer würde niemand etwas lernen, was als einer der ersten der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus bewies, der ausrichten ließ, dass er für eine Verschärfung des Waffenrechts keinen Anlass sehe. Da der Mann meines Wissens nicht blind ist, ist seine selektive Sehschwäche wohl von jener Art, wie sie Politiker immer dann heimsucht, wenn sie es sich mit Lobbygruppen nicht verscherzen wollen.

Ich möchte hier gar nicht über das Offensichtliche schreiben, denn dass das Morden schwerer fällt, wenn man mehr machen muss als bloß einen Abzug zu betätigen, setze ich mal als ebenso allgemein bekannt voraus wie die Tatsache, dass auch ohne Knarren gemordet wird. Viel interessanter finde ich die Frage, was so ein Amoklauf eigentlich sein mag, was er bedeuten soll. Man kann sich natürlich bequem zurücklehnen und über Amokläufer das Urteil fällen: „Na, die haben halt einen Knall“. Das ist sicher nicht ganz falsch, erklärt aber gar nichts. Wenn alle, die psychisch mal neben der Spur laufen, zur Waffe greifen würden, wäre die Erde bald entvölkert, und es ist in Wirklichkeit ja so, dass psychisch Kranke statistisch nicht häufiger zu Gewalt neigen als jene, denen man geistige Gesundheit bescheinigt. Und nicht jeder Amoklauf ist auch im Wortsinne einer, also ein blindwütiger mörderischer Gewaltausbruch gegen völlig Unbeteiligte. Mancher, der im Büro plötzlich eine Waffe auspackt und seine Vorgesetzten und Kollegen erschießt, mag dafür subjektiv ebenso vermeintlich gute Gründe haben wie der sich vom Rechtsstaat ungerecht behandelt Fühlende, der im Bezirksgericht ein Blutbad anrichtet. Genau betrachtet dürfte ein großer Teil der Morde, die unter dem Begriff Amoklauf subsumiert werden, kühl geplant sein und so der eigentlichen Definition von Amok widersprechen. Wobei natürlich zu beachten ist, dass geplantes Handeln keineswegs im Widerspruch zu einer wahnhaft verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung steht, denn dass der „Irre“ nicht klar denken und durchdacht handeln könne, ist längst als Aberglaube entlarvt worden.

Der Amokläufer ist mehr als bloß ein Mensch, dem eine Sicherung durchgebrannt ist. Er ist das Extrem unserer Kultur des Wettbewerbs, der Verachtung des Schwachen und des Kults um den Starken , so wie der Selbstmordattentäter das Extrem der islamischen Kultur der Jenseitsverherrlichung und der Diesseitsverneinung ist. Amok zu laufen scheint mir auch eine Reaktion labiler Individuen auf eine Gesellschaft zu sein, in der niemand mehr dem anderen zuhört, weil man sich außer Floskeln nichts mehr zu sagen hat während des täglichen Hauens und Stechens im Kampf um einen Platz an der Sonne, in der keiner mehr Verantwortung trägt, weil kaum  jemand die Verantwortungsträger noch kennt, und die Leben der Menschen von Bürokratien verwaltet werden, die undurchschaubaren und oft nicht nachvollziehbaren Spielregeln folgen und dadurch willkürlich und einschüchternd wirken. Der Amokläufer ist so gesehen Kafkas Josef K., dem jemand eine Knarre in die Hand gedrückt hat. So sinnlos, wie er seine Bedrängung empfindet, tötet er auch.

Vielleicht ist der Amoklauf aber auch nur ein letzter verzweifelter Versuch, in dieser Welt voller Zombies, die sich in all den Talkshows brüllend anschweigen und denen von Kindheit an beigebracht wird, dass das Haben alles und das Sein nichts sei, zu beweisen, dass man doch noch am Leben ist, dass man existiert? Schließlich wird mit aller Überzeugungsgewalt der Eindruck genährt, dass nur existiere, wer Beachtung in den Medien findet, und dass diese Beachtung die eigentliche Liebe und Anerkennung sei, die ein lebendiger Mensch verdient und braucht. Wer diesem Denken erlegen ist, der könnte tatsächlich versucht sein, zumindest ein einziges Mal in seinem oder ihrem Leben sich seiner oder ihrer Existenz zu versichern und auch allen anderen „ich lebe“ zuzuschreien, auch wenn man dafür töten und sterben muss. Und die Hemmschwelle sinkt, je mehr Menschen wie wandelnde Tote wirken, die bloß die Zeit vor ihrem Begräbnis totschlagen, indem sie sinnlosen Beschäftigungen nachgehen, traurige Sexualleben führen und, dauerberieselt von der Verblödungsmaschinerie der Werbung, in immer jüngeren Jahren schon emotional erkalten, was sich natürlich mit fortschreitendem Alter erhärtet, bis irgendwann nur mehr leere Hüllen übrigbleiben, die zu jedem echtem Gefühl unfähig sind. So eine Gesellschaft mit dermaßen deprimierenden Perspektiven züchtet gleichzeitig potenzielle Amokläufer und deren potenzielle Opfer. Der Amokläufer ist das Produkt einer Lebensumgebung, die hauptsächlich Ersatzbefriedigungen anzubieten hat, wo alles, also letzlich auch das Leben an sich, beliebig und austauschbar erscheint und wo dem Individuum mit Macht vermittelt wird, dass nur das von Wert ist, woran man ein Preisschild heften kann, obwohl das Individuum doch ahnt, dass dies im Angesicht der Vergänglichkeit der Materie nicht alles sein kann.

Advertisements

12 Gedanken zu “Warum lief Frau R. Amok?

  1. Ich denke, dass es sich in diesem speziellen Fall lohnt, etwas hinter die Kulissen zu blicken. Tatsache ist, dass die Frau von ihrem Ehemann getrennt lebte und er (einzige) Sohn beim Vater verblieb. Normalerweise werden Kinder im Sorgerechtsverfahren der Mutter zugesprochen außer es liegen gravierende Gründe vor, die dagegen sprechen (Drogen- oder Alkoholsucht, Vorstrafen oder sonstige Unzuverlässigkeit der Mutter). Es gibt sicher keine 5 Fälle in ganz Europa wo einer Akademikerin (noch dazu Rechtsanwältin) ihr Kind nicht im Sorgerecht belassen wurde. Ich nehme also an, dass die Mutter dem Vater das Kind freiwillig überlassen hat – dahinter steckte vermutlich eine schwere endogene Depression (vielleicht ausgelöst durch die Fehlgeburt) die sich letztlich im Amoklauf manifestiert hat.

  2. Ich frage mich häufig warum in dieser zunehmend gefühlskälter werdenden, die Verbrecher belohnenden und die Menschlichkeit verachtenden Welt nicht NOCH mehr Amok laufen…
    P.s.:Wiedermal super geschrieben, Lindwurm!

  3. Also wenn man das so liest, könnte man glatt zum Schluss kommen, es existierten weitaus mehr Gründe, es Frau R. gleichzutun, als dies eben nicht zu tun. Das ist aber nur so, wenn man es so wahrnimmt. Wir sehen die Welt immer durch einen Filter, ob wir wollen oder nicht. Auch der Deprimierte, der sich schließlich umbringt, geht. Für ihn ist die Welt ebenso düster, trostlos, ohne Hoffnung. Nur sein Hass ist wohl nicht groß genug, andere mitzunehmen. Vielleicht ist nur der Hass auf sicher selber groß genug.

    Sicher kommt es vielen Menschen so vor, als zählten menschliche Werte nichts mehr und alles drehe sich nur um Materielles, ja auch der Mensch habe nur noch als Produkt seine Daseinsberechtigung. Als dem Diktat der Verwertbarkeit und Brauchbarkeit Unterworfener, der niemals als Mensch gemocht wird und anerkannt wird, sondern nur noch für das, was er für andere tun kann, wie er den anderen nützlich ist. Und vielleicht erwarten unter diesen Umständen eben einige Menschen weiterhin akzeptiert, ja geliebt zu werden wie sie sind, vielleicht erwarten sie bedingungslos geliebt zu werden. Wir entscheiden selber, was für uns verhandelbar ist und was nicht. Und wir sehen die Welt z.T. so, wie wir sie sehen wollen.

    Im Leben haben wir uns alle vielfach entschieden. Ganz oft hatten wir unterschiedliche Auswahlmöglichkeiten. Damit besiegeln wir unser eigenes Schicksal. Und vielleicht auch das anderer.

  4. „…in immer jüngeren Jahren schon emotional erkalten, was sich natürlich mit fortschreitendem Alter erhärtet, bis irgendwann nur mehr leere Hüllen übrigbleiben, die zu jedem echtem Gefühl unfähig sind.“

    Ich würde Dir ja Recht geben, aber blöderweise habe ich gestern Fussballbundesliga gesehen. Da gibt es ein Herzen, Küssen, Knuddeln, Tanzen, Jubilieren der Spieler nach jedem beschissenen Tor. Von Gefühlskälte keine Spur, dafür ein emotionaler Überschwang bei jedem läppischen Anlass.

  5. Zur linken Gesellschaftskritik zählt eben auch ein pessimistisches Menschenbild 😉
    Alles ist schlecht, und es wird immer schlimmer. KILL EM ALL ist die nachvollziehbare Reaktion auf diese Zustände.

    Mag sein das der durchschnittliche Amokläufer dies so empfindet – siehe Abschiedsbrief des Emsdetter Täters.
    Nur entspricht dies auch den Tatsachen ?

    Die meisten Menschen die ich kenne legen auf das materielle relativ wenig wert. Zugegeben, in einer Wohlstandsgesellschaft ist dieses leicht zu Leben.

    Wer seinen Mitmenschen unterstellt nur kaltherzige Konsumzombies zu sein leidet IMHO unter der selben Wahrnehmungsverzerrung die auch die sogenannten Amokläufer zur Rechtfertigung ihrer Taten verwenden.

  6. diese NUMMER wirft fragen auf die ich als „hobbyexperte“ zu dem temen kreis nicht beantwortet sehe. was hat die nummer mit den WAFFEN-NEUROSE zu tun ? das kind wurde erschlagen und oder erwürgt. der pfleger mit einem messer erstochen. das rumgeballer der frau ergab ausser bei ihrem mann keinen „erfolg“ da menschen
    bei geballer zur flucht tendieren. was ist die ursache für die anfänglichen berichte der zeugen von einem gewehr oder maschienenpistole?
    warum wurde die frau in einem krankenhaus von sage und schreibe 17 treffern durchsiebt? bilder der umgebung zeigen eine große menge an markierungen die die positionen der hülsen angeben. wie konnte die frau mit einer
    5 SCHÜSSIGEN walter GSP so fiele schüsse abgeben. das die frau 300 schuss munition bei sich hatte sagt nicht fiel, im calieber 22lfb ist das so fiel wie 2 schachteln zigaretten. es riecht alles merkwürdig bei der nummer und ich fürchte das ich nie eine aufklärung zu gesicht bekomme

  7. Setzen, sechs.

    „Das große Quasseln war eröffnet, und wie immer würde niemand etwas lernen, was als einer der ersten der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus bewies, der ausrichten ließ, dass er für eine Verschärfung des Waffenrechts keinen Anlass sehe.“Das Waffenrecht wurde schon derart verschärft, dass mehr als 100 Büchsenmacher ihren Beruf aufgeben musste, nur weil die menschenmordende linksliberale Camarilla Blut geschmeckt hatte.
    „Da der Mann meines Wissens nicht blind ist, ist seine selektive Sehschwäche wohl von jener Art, wie sie Politiker immer dann heimsucht, wenn sie es sich mit Lobbygruppen nicht verscherzen wollen.“LOBBYGRUPPE, sind das so etwas wie die Weisen von Zion? Genauso „gefährlich“?

    „Ich möchte hier gar nicht über das Offensichtliche schreiben, denn dass das Morden schwerer fällt, wenn man mehr machen muss als bloß einen Abzug zu betätigen, setze ich mal als ebenso allgemein bekannt voraus wie die Tatsache, dass auch ohne Knarren gemordet wird.“
    Oh Gott behüte vor der Logik.

  8. tja und was mir bei der diskurs auch fehlt ist die tatsache das bei einer geschäzten menge von 30.000.000 illegalen waffen aus den jahren 1945-1973, einer dunkelziffer von altbestand an vor-bundesrepublikanischen waffen von denen sicher noch 100.000-de in privatbesitz sind, an100.000-en von DDR waffen die gehortet wurden, an 1000-en warschauer-packt-waffen
    die jahr für jahr nach europa strömten und natürich den 100-en von waffen die mit den drogen großtransporten nach deutschland kommen, das sportschiessen so sehr hrausgehoben wird und als einziger weg zu waffen darsteht. wir erinnern uns doch an den dönerbudenkiller der jahrelang in deutschland inhaber von dönerbuden vermutlich mit hilfe einer tschechischen cz83 in 7.65mm browning oder sowas mordete. die 100te von morden die mit
    illegalen waffen geschehen tematisiert keiner und bei dem beliebten „messern“ von leuten kommen in deutschland fast alle täter mit „körperverletzung
    mit todesvolge“ davon. in deutschland gibt es 10 todesfälle mit legalen waffen im jahr, dadrunter fallen jagdunfälle, selbstmorde und missbräuche von dienstwaffen durch polizeibeamte…..
    ich glaube das da eine entwaffnungs-lobby schindluder treibt, die ein vorhandenes interesse an waffen, das schützenvereine legal in eine sportliche richtung zu lenken versuchen als mutter allen bösen hinstellen. das das töten mit einer schußwaffe leichter ist stimmt nicht, nur das töten von entfernten zielen. ein messer tötet schnell, hat keine ladehämmungen braucht keine munition, macht keinen krach und ist leicht zu beschaffen……

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s