Braucht Deutschland noch mehr „Antisozialismus“?

Seit die BILD mit einem sogar für ihre Verhältnisse enormen Zynismus den Lieblingssatz der Aber-immerhin-hat-Hitler-die Autobahnen-gebaut-und-es-war-doch-nicht-alles-schlecht-Kreaturen, nämlich „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ von der Titelseite ins Land gebrüllt hat, um für ihren Schützling Thilo Sarrazin einen Scheinkampf für die in diesem Fall natürlich niemals in Gefahr gewesene Meinungsfreiheit zu führen, fühlen sich leider immer mehr an sich kluge Menschen dazu ermuntert, in Zeitungskommentaren groben Unsinn zu verbreiten, wohl in der vagen Hoffnung, auch für sich einen kleinen Sarrazin-Effekt herausschlagen zu können.

Beispielhaft erwähnt sei ein Beitrag des „Focus“-Journalisten Michael Klonovsky, der fantasiert, Deutschland befände sich „auf dem Weg in die DDR 2.0“. Er schreibt zB: Früher hatten wir die „Kandidaten der Nationalen Front“, heute gibt es den „Konsens der Demokraten“. Seine Vollstrecker wachen über die roten Linien, die keiner überschreiten darf, der sich Demokrat nennen will und jenseits derer mehrere Millionen Menschen denken und meinen, die niemand vertritt. Dass klingt wie die Klage eines zornigen jungen Wilden, dem Deutschland trotz mordender und totschlagender Neonazis, trotz NPD in Regionalparlamenten und trotz einer Bevölkerung, von der 68 Prozent in Umfragen angeben, sie hielten Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden, zu zivilisiert ist. Das fällt Klonovsky sogar selber auf, denn wenige Sätze weiter schreibt er: In den elementaren Fragen gibt es zwischen den Parteien keine Unterschiede mehr. Da keine antisozialistischen, freiheitlichen, patriotischen Parteien in Deutschland existieren, zumindest keine, die ein halbwegs zivilisierter Mensch wählen kann, fällt es der Kanzlerin leicht, wie weiland die SED-Vögte ihre Politik als „alternativlos“ zu deklarieren. Die Nazis hält er also für unwählbar. Immerhin. Das ändert aber nur wenig an der Blödsinnigkeit seiner Thesen. Bloß weil es einen demokratiepolitischen Grundkonsens gibt, rassistische, faschistische und nazistische Kräfte zu bekämpfen, ist das noch lange kein der DDR vergleichbares gleichgeschaltetes System. Dass dieser Grundkonsens auf die extreme Linke bezogen längst nicht mehr so gefestigt ist wie zu Zeiten des Kalten Krieges, kann man mit Recht inkonsequent schimpfen. Auch ich finde es nicht besonders angenehm, wenn einige Kommunismusverklärer und Feinde der Demokratie westlichen Zuschnitts auf Tickets der Partei „Die Linke“ an Einfluss und Popularität gewinnen. Auch ich bin der Meinung, dass die Unterscheidbarkeit der Parteien SPD, CDU/CSU, FDP und Grüne/Bündnis 90 klarer sein müsste, damit die viel beklagte Demokratieverdrossenheit und die Attraktivität von radikalen Kräften abnehmen könnte. Das ändert aber gar nichts daran, dass es eine positive Entwicklung war, dass man sich heutzutage in all diesen Parteien zumindest offiziell und in Sonntagsreden weitgehend darüber einig ist, dass Antisemitismus gar nicht geht, dass Rassimus abzulehnen ist und man mit Nazis nicht zusammenarbeitet. Die angebliche oder tatsächliche Ununterscheidbarkeit der Parteien ist übrigens genau gegenteilig ausgerichtet zu dem, was Klonovsky behauptet. Einig ist man sich vor allem auch darin, nur ja keine sozialistische Politik, die so eine Bezeichnung verdienen würde, zu machen. Da Klonovsky aber nicht einmal in der FDP eine „antisozialistische“ Partei erblicken kann, sollte er mal seine politische Sehkraft überprüfen lassen, denn „prosozialistisch“ ist in Deutschland, vielleicht mit Ausnahme von „Die Linke“, keine einzige große Partei.

Klonovsky legt aber noch nach, und seine sarkastischen Formulierungen lassen erahnen, was den Mann so umtreibt: Natürlich gibt es auf dem Weg in die DDR 2.0 noch viel zu verbessern, allein in der Verwendung des sozialistischen „noch“. Wir brauchen eindeutig noch mehr soziale Gerechtigkeit. Wir brauchen noch mehr Gender-Mainstreaming und noch mehr Antidiskriminierung. Wir brauchen noch mehr Engagement gegen rechts. Die Integration der Deutschen in Berlin-Neukölln und Duisburg-Marxloh muss noch besser werden. Wir müssen den 8. Mai endlich ohne Wenn und Aber und ohne Frau Steinbach als „Tag der Befreiung“ feiern. Und so weiter. Es grenzt schon an Verhöhnung des Intellekts seiner Leser, wenn der Mann ernsthaft behauptet, in Deutschland, wo dank SPD und Grünen Hartz IV wütet, trotz aller Exportweltrekorde und einer immer steigenden Produktivität eine beschämende Massenverelendung stattfindet, ginge es um „noch mehr soziale Gerechtigkeit“, wo doch jeder, der seine Tassen noch im Schrank hat, genau weiß, dass im Gegenteil noch mehr soziale Ungleichheit, noch mehr Umverteilung von unten nach oben und noch mehr Politik im Sinne der Multimillionäre die Realität ist. Dass Klonovsky meint, mit dem „linken“ Gender-Mainstreaming solle endlich Schluss sein, bedeutet übersetzt: „Ich finde es klasse, dass Frauen immer noch für gleiche Arbeit weniger Geld erhalten als Männer, dass die Vorstände der Konzerne zu 98 Prozent mit Männern beschickt werden und möchte die Weiber eigentlich hinter dem Herd stehen sehen“. Und zum 8. Mai: Ja war das etwa nicht der Tag der bedingungslosen Kapitulation der größten Mordmaschinerie der Geschichte und damit selbstverständlich ein Tag der Befreiung? Dass dieses Datum in der DDR ein Staatsfeiertag war und dass Ostdeutschland wie die Länder Osteuropas unter die Fuchtel des russischen Diktatursozialismus gerieten, ändert nichts an der Tatsache, dass die Niederlage Hitlerdeutschlands das Ende von rassistischem, eugenischem und homophobem Massenmord mit sich brachte. Aber vielleicht sieht Klonovsky das ja anders, wie vermutlich auch die von ihm erwähnte „Frau Steinbach“, die ja implizit die irrsinnige Ansicht vertritt, Hitler habe gegen die bösen aufrüstenden Polen einen Präventivkrieg führen müssen.

Klonovsky möchte gerne eine  antisozialistische, freiheitliche, patriotische Partei haben. Nun, antisozialistisch sind SPD, CDU, Grüne und NPD. Freiheitlich sind immerhin kleine Teile all dieser Parteien. Den Politikerinnen der deutschen Parteien sämtlich den Patriotismus abzusprechen, halte ich für eine reichlich freche Unterstellung. Zumindest verfassungspatriotisch sind wohl die meisten politischen Akteure Deutschlands diesseits von NDP und Die Linke, und dass es den Kanzlern und Kanzlerinnen seit 1945 an Vaterlandsliebe und dem Willen, deutsche Interessen durchzusetzen, gemangelt habe, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ärgert es Klonovsky, dass nicht jedem Politiker Deutschland über alles geht, worauf ja auch sein Hass auf die EU, den er übrigens mit vielen rechtsradikalen Bewegungen teilt, schließen lässt (…Die „weitere Vertiefung der europäischen Integration“ – vulgo: die immer stärkere Unterwerfung der Staaten unter den wüstesten Zentralismus in der Geschichte des Kontinents…), vielleicht hat er auch nur „vergessen“, wie schnell in Deutschland Patriotismus immer wieder in rasenden Chauvinismus und Nationalismus umschlug. Mit bekanntlich weltkatastrophalen Folgen. Und vielleicht sollte man ihn auch daran erinnern, was Samuel Johnson einst sagte: „Patriotismus ist die letzte Zuflucht des Strauchdiebs“.

Klonovsky hat seine unbestreitbaren Meriten als einer der eifrigsten Aufarbeiter der verbrecherischen Seiten des real existiert habenden Sozialismus. Und wenn einer meint, Deutschland bräuchte dringend eine neue rechte Partei, die aber nicht ganz so rechts wie die NPD sein dürfe, dann soll er den Quatsch halt schreiben. Darf er ja, obwohl er und seinesgleichen andauernd versuchen, sich als Tabubrecher zu stilisieren, die ganz doll Verbotenes sich auszusprechen trauten. Aber wer mit der Steinbach daherkommt, den 8. Mai als Tag der Befreiung in Frage stellt und einen nicht näher definierten Patriotismus herbeiwünscht, der bekommt sicherlich Beifall vom Pro-Sarrazin-Leserbriefschreiberclub, aber eine weitere „antisozialistische“, wirtschaftsliberale und wertkonservative Partei braucht Deutschland in etwa so dringend wie wie eine Warze am Arsch.

Advertisements

6 Gedanken zu “Braucht Deutschland noch mehr „Antisozialismus“?

  1. 1982 hat sich die FDP – bislang endgültig (man verzeihe mir den Sarkasmus) – für das sog. „bürgerliche“ Lager entschieden. Ein Jahr später kamen die Grünen erstmals in den Bundestag. Es entstanden in der Folge zwei relativ stabile Blöcke – CDU/CSU + FDP vs. SPD + Grüne – in der Mitte des Parteienspektrums, an dessen Rand mit mal mehr, mal weniger Erfolg diverse Gruppierungen (REP, DVU, NPD; Linke) in Erscheinung traten und treten.

    Innerhalb der beiden großen Blöcke geschah nun allerdings das Erstaunliche: Mochte es zunächst so aussehen, als ob sich die FDP an die Union und die Grünen an die SPD anpassten, so hat sich dieser Trend schließlich umgekehrt. Nicht nur die CDU, sondern auch die traditionell konservativere, aber auch sozialere CSU wurden zu Hardcore-Neoliberalen, während die SPD sich an das alternative Milieu anbiederte. Was war geschehen? Unternehmensberater hatten den beiden großen Parteien klargemacht, dass die relevante Zielgruppe der gebildeten Gutverdiener zu den beiden kleineren Parteien tendierte. In der Tat: Grüne oder FDP – das entscheidet sich nicht übers (gut gefüllte) Portemonnaie oder den (meist akademischen) Bildungsabschluss, sondern über die ideologische Identität.
    So gab es also im Land eine große und eine kleine FDP und große und kleine Grüne. Das katholische (konservative, aber soziale) Milieu wusste nun nicht mehr, wen es wählen sollte; ebenso ratlos waren die Hackler, Kleinunternehmer und working poor.
    Dann kamen Schröder und Merkel, die ihren Parteien noch den letzten Rest an Profilschärfe genommen haben.

    Das Problem liegt genau darin, dass die etablierten Parteien seit Jahren nur noch versuchen, ihr Image bei den gesellschaftlichen Eliten bzw. deren Sprachrohren in den Medien aufzupolieren und sie darüber den Durchschnittsbürger vergessen haben.

    Es ist ein Skandal, dass eine junge Friseurin, die eine dreijährige Ausbildung hinter sich gebracht hat, gerade mal 700, 800 Euro netto auf die Kralle bekommt.
    Es ist ein Skandal, dass man kleine Selbständige in die gesetzliche Sozialversicherung nötigt und ihnen unbezahlbare Beitragssätze (Krankenversicherung + Pflegeversicherung ca. 15 %, Rentenversicherung 19,9%) auferlegt.
    Es ist ein Skandal, dass man von mehr Bildung labert, aber immer noch keine verpflichtende Vorschule eingeführt hat und Leiter von Integrationskursen oder anderen sozialen Bildungsveranstaltungen mit Niedrigsthonoraren abspeist.
    Es ist ein Skandal, dass man kleine Betriebe, die ihre Tätigkeit nicht ins Ausland verlagern können und die auch in schweren Zeiten keine Arbeitsplätze abbauen, immer noch für die Global Player zahlen lässt, die sofort weiterziehen, wenn in einem anderen Land der Goldrausch ausbricht.
    Es ist ein Skandal, dass Verwaltungsbehörden ihr Jahresbudget auf Teufel komm raus, d.h. ggf. auch für sinnlose Projekte (Neuasphaltierung tadelloser Straßen) verpulvern müssen, weil sie sonst im folgenden Wirtschaftsjahr weniger erhalten.

    Aber wen kümmert das schon? Hauptsache, in Grünwald und im Glockenbachviertel, in Charlottenburg und am Prenzlauer Berg ist die Welt noch in Ordnung.

  2. „Dass klingt wie die Klage eines zornigen jungen Wilden, dem Deutschland trotz mordender und totschlagender Neonazis, trotz NPD in Regionalparlamenten und trotz einer Bevölkerung, von der 68 Prozent in Umfragen angeben, sie hielten Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden, zu zivilisiert ist.“Jede Stimme für die NPD ist, ist ein Sieg für den VS.

  3. Ich frage mich gelegentlich, ganz ehrlich, wie du es eigentlich schaffst, bei so wohltuend offenenen und unmissverständlichen Beiträgen dein sonstiges Publikum aus der „islamkritischen“ Szene zu halten, die ja zu nem guten Teil eher rechts der Mitte steht. Kann mich den Ausführungen aber nur voll und ganz anschließen – kenne das Syndrom aber bei vielen Deutschen. Denen hat man so oft gesagt, dass sie „unterdrückt“ sind bzw gewisse Dinge nicht denken dürfen, dass sie echt dran glauben….

  4. @ Vetinari: Ich bin gegen reaktionäre Spinner, Faschisten, und totalitäre Machtansprüche von Parteien und Religionen. Ich bin FÜR gesellschaftlichen Fortschritt, FÜR die Gleichberechtigung der Geschlechter und FÜR die Demokratie. Dass viele „Islamkritiker“ (genauer: Islamhasser) von ganz weit rechts kommen, wird mich nicht davon abhalten, auszusprechen, dass ich den mittelalterlichen patriachalen Mohammed-Kult nicht mag.

  5. Was dir ja auch keiner absprechen wird 😉 Hatte nur bereits das Gefühl, dass ein bestimmter Teil der Mitschreiber hier schon bei deiner Sarazzinwoche ganz schön ins Schwitzen kam. Wie auch immer, sollte nur ein positives Feedback sein, bezüglich der schönen und durchdachten Mischung der Beiträge in diesem Blog – weitermachen 🙂

  6. ich bin faschist und antisozialist! ich komme uhrsprünglich aus dem sozialistischen paradies rumänien! unser diktator und jetzt auch unser toller volksheld sarazzin das ist sozialismus in seiner konzentrierten form!
    sarazzin kritisiert ausländer und einwanderer um von den problemen abzulenken die er und seine partei verursacht haben!
    die sozialistische führung rumäniens hat genau das gleiche getan, immer wenn etwas nicht so geklappt hat wie sie es sich erhofften, dan haben sie die schuld den zigeunern nein besser der deutschen minderheit gegeben!
    gott sei dank das unsere deutschen sozialisten, genau das selbe schicksal ereilen wird wie bei den rumänischen!
    zeitarbeit, rassismus verschwundene milliarden! das sind alles gründe wofür sie noch erschossen werden!
    wär sarazzin kein sozialist so hätte er auch ins gefängnis gehört!
    im gegensatz zu geert wilderes einem niederländischen antiislamisten,
    der immer sachlich bewertet und sich konform äusert!
    hat sarazzien nur rassistischen blödsinn von sich gegeben!
    herr wilders muste sich jedoch für seine äuserungen gegen die dioktrie des islam vor gericht verantworten!
    herr sarazzin für seine mehr als menschenverachtenden aussagen wie kopftuchkinder läuft unbehälligt herum!
    das ist sozialismus!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s