Das „Ausländerproblem“

Das „Ausländerthema“ hat, glaubt man der Wahlmotivforschung, viele Wiener dazu bewogen, eine Partei zu wählen, auf derem zweiten Listenplatz ein gewisser Johann Gudenus kandidierte, der so schöne Sätze sagt wie: „Ich lasse mir von der Faschismuskeule nicht meinen Brei verderben“. Viel schlechter Deutsch spricht ein vor zwei Wochen illegal eingereister Tschetschene auch nicht. Überhaupt, die Ausländer! Fragt man die armen Hascherln, die sich vor den Fremden so zu fürchten vorgeben, dass sie den Strache quasi wählen müssen, bekommt man meist wunderliche Legenden zu hören. Da ist dann von „Ausländern“ die Rede, die ohne Wartezeit eine Gemeindewohnung bekommen hätten, während der Schwippschager der Schwester der Cousine jenes Arbeitskollegen, von dem man diese skandalöse Sache erfahren habe, schon seit Jahren auf einen Platz im Billigmieteparadies warten müsse, und dieser Schwippschwager der Cousine eines Arbeitskollegen sei sicherlich nicht ausländerfeindlich, aber seine brutale Schlechterbehandlung durch die Gemeinde Wien beweise, dass „die Roten nur für die Ausländer sind“. Beliebt ist auch das Märlein vom „Ausländer“, der, kaum in Österreich angekommen, sich gar nicht mehr wehren könne vor lauter Sozialknete und der dann, reich geworden durch Transferleistungen, die er, so die Erzählung, allein aus dem Grund bekomme, weil er „Ausländer“ sei, frech mit dem BMW auf die Donauinsel fährt, wo er wochentags höhnisch seinen Hammel grillt, während die armen Autochthonen im Schweiße ihres Angesichts brav arbeiten. Solcherlei Fantasystories habe ich nicht erfunden, die machen tatsächlich die Runde und werden gerne geglaubt. Schon zu den Zeiten des politischen Aufstiegs Jörg Haiders habe ich Leute, die ich für klüger gehalten hatte, derlei Geschichten erzählen hören, und es hat sich nichts geändert. Zwar waren diejenigen, die diesen Quatsch verbreiten und glauben, während der Zeit der Regierungsbeteiligung der FPÖ ein bisschen stiller, weil sie intellektuell zu verdauen versuchten, dass die Blauen die „Ausländer“ nicht mit Zahnbürsten die Gehsteige putzen ließen oder sie per Viehwaggons außer Landes schafften, sondern im Gegenteil den Zuzug billiger Arbeitskräfte zum Wohle ihrer eigentlichen Klientel, dem Großkapital nämlich, mehr förderten, als es eine SPÖ je tat, und dass Haiders „Partei der Kleinen Leute“ vehement die Massensteuern erhöhte und Volksvermögen zu Gunsten ihrer finanzkräftigen Förderer verschleuderte, doch kaum war das blau-schwarze Gruselkabinett abgewählt, waren auch all die  gebrochenen Wahlversprechen der FPÖ vergessen und schon bald konnte sich Strache erfolgreich als Reservehaider inszenieren. So ein extrem schlechtes Kurzzeitgedächtnis ist nur mit Debilität zu erklären, da braucht man gar nicht erst Verständnis für die ach so armen „Protestwähler“ heucheln.

Natürlich gibt es auch ganz reale Probleme, die die Migration mit sich bringt, doch die meisten davon sind recht einfach lösbar. Wenn der neu in die Mietskaserne eingezogene türkischstämmige Nachbar immer wieder spät nachts laut Musik spielt, lässt sich das, falls gutes Zureden nichts bringt, durch einen Anruf bei der Hausverwaltung oder der Polizei abstellen. Das gilt auch für andere gern angeführte Reibereien mit Zuwanderern. Es gibt Regeln und Gesetze und an die haben sich alle zu halten. Wer allerdings seinen Nachbarn hasst, nur weil der eine dunklere Hautfarbe, eine krummere Nase oder eine andere Religion hat, dem ist gesetzlicherseits nicht zu helfen, denn gegen rassistische Ärgergefühle sind Polizist und Bezirksrat machtlos. Machtlos, weil man es mit dem Irrationalen zu tun hat. Ein Rassist wird sich, um ein in Wien oft gehörtes Zitat zu verwenden, auch dann „als Fremder in der eigenen Stadt“ fühlen, wenn er durch die Zuwanderung keinen einzigen realen Nachteil erleiden muss. Er mag halt einfach keine Fremden, it´s as simple as that.

Was also tun? Selbstverständlich sollte die Politik dafür Sorge tragen, dass sie dort, wo sie das zivilisierte Zusammenleben befördern kann, dies auch macht. Tut sie meines Wissen ja auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Was die Politik zwar könnte, aber keinesfalls sollte, ist, rassistischen Ressentiments nachzugeben und dem Pöbel Befriedigung zu verschaffen, indem sie auf noch schwächere Gruppen losgeht. Und man sollte auch den Mut aufbringen und den Leuten reinen Wein einschenken! Österreich, wie auch alle anderen EU-Staaten, sind Einwanderungsländer, die ethnische und kulturelle Zusammensetzung ändert sich, der „White Man´s Blues“ wird bald ausgesungen sein. Wem das nicht passt, der kann ja empörte Leserbriefe an die „Krone“ oder „Politically Incorrect“ schreiben und sich ärgern, bis er platzt. Ich persönlich habe jedenfalls keine Lust mehr, Verständnis für Depperte aufzubringen, oder, wie es einst ein französischer Politiker angesichts des Aufstiegs des Front National einmal sagte: „Arschlöcher sollte man Arschlöcher nennen dürfen“.

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3 Gedanken zu “Das „Ausländerproblem“

  1. sehr schöner kommentar.
    ich halte die leute aber weder für nazis, noch für „mutige protestwähler“, sondern für gefangene ihrer angst, die reale missstände mit einer permanenz wiederholt,aufbauscht und verallgegenwärtigt, bis man sich vorkommt wie in einem pariser vorort, obwohl wir hier quasi im herzen des paradieses sind.

    nichts gegen problemansprechung, aber wenn eine fpö, so kurz nach schwarz-blau, in dieser stadt hier mit 27+% gewählt wird, von denen leuten, die von blau permanent gegängelt, diskriminiert und ausgebeutet wurde, dann zeigt das nur, dass es nicht mehr um reale politik geht. es geht um narrationen, gedanken und irreales und keine einzige partei in europa weiß, wie man gegen den neuen rechtspopulismus ankommen könnte. aber wir haben hier ja immer noch die verschärfung: wir haben sogar noch den alten rechtspopulismus und es interessiert immer noch keinen, solange nur ja das „ausländerthema“ nur angesprochen wird, über das man ja nicht reden dürfe, obwohl viele, über nichts anderes mehr reden. traurig.

  2. Paul Aigner sucht die einfache Erklärung (so wie Fleischhacker in derPresse)

    Aber ein dummer US-Präsi ist nicht daran schuld, dass jemand zum Antiamerikanisten wird.,
    eine schwache SPÖ ist nicht daran schuld, dass jemand einen Kellernaxi wählt und ein kritikwürdiger Islam darf nicht dafür herhalten, dass jemand islamophob wird.

    So einfach ist es leider nicht.

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