Rot-Grün in Wien? Hell Yes!

Die Wiener SPÖ führt überraschenderweise Koalitionsverhandlungen mit den Grünen und tut damit das einzig Richtige. Das wenig beliebte Modell einer SPÖ-ÖVP-Zusammenarbeit vom Bund auf die Hauptstadt zu übertragen, wäre ein Signal für Stagnation und Fantasielosigkeit und würde es wohl verunmöglichen, frustrierte Nichtwähler ebenso wie jene, die dem hetzerischen Wahlkampf der FPÖ auf den Leim gegangen sind, wieder von ihrem (a)politischen Horrortrip runterzuholen. Die ÖVP, die mit dem lächerlichen Versuch, sich als harte Law-&-Order-Partei zu positionieren, ihr schlechtestes Wahlergebnis aller Zeiten einfuhr, muss den Verhandlungen stumm zusehen, denn durch ihre seit Jahren funktionierende Koalition mit den Grünen in Oberösterreich hat sie selbst dafür gesorgt, dass Propaganda a la „mit den grünen Chaoten kann man doch nicht regieren“ nicht verfängt. Schwer zu schlucken haben allerdings die Sympathisanten der FPÖ. Straches Fanboys drehen regelrecht durch vor Wut und überschwemmen derzeit diverse Internetforen mit paranoiden Schreckensvisionen vom Untergang des Abendlandes in Wien. Wahnhaft-aggressiv wird da davon fantasiert, dass Rot-Grün in Wien die Benzinpreise erhöhen oder überhaupt die Autos verbieten werde, dass der Stephansdom demnächst in eine Moschee umgebaut werde, dass bald an jeder Ecke Haschischtrafiken aus dem Boden schießen würden und, mein Favorit, dass die „grünen Emanzen“ die armen Wiener Männer gesetzlich zwingen werden, nur noch im Sitzen zu pinkeln. Und natürlich träumen sich diese Leute einen Erdrutschsieg für die FPÖ bei den Wahlen in fünf Jahren herbei.

Sollen sie ruhig von warmen Eislutschern träumen, die armen blauen Hascherln, aber dass ihnen außer Schreien und Hetzen nichts bleibt, daran sind sie ganz allein selber schuld. Wer einen Johann Gudenus zum Klubchef der Rathausfraktion macht, die neuen Mandate fast ausschließlich mit deutschnationalen Burschenschaftern beschickt, einen rassistischen Wahlkampf samt Nazidiktion führt und Kontakte zum neonazistischen Untergrund pflegt, der nimmt sich aus dem Spiel, der signalisiert: „Ich will gar nicht koalieren“. Und in der Tat kann keine Partei, die sich an die Basics von Demokratie und Anstand hält, mit der Strache-FPÖ zusammenarbeiten.

Sollte die rot-grüne Koalition zustande kommen, bleibt zu hoffen, dass diese demokratiepolitische Chance  nicht versaubeutelt wird. Risikofaktoren gibt es genug. Bei den Grünen sind ja etliche Leute, deren Welt beim Ring anfängt und beim Gürtel endet, und für die die so genannten „Arbeiterbezirke“ politisches, psycholgisches und wahlkämpferisches terra inkognita sind, was zu einer Tendenz führt, zB Probleme mit der Migration oder auch soziale Fragen romantisierend zu betrachten. Freilich gibt es auch genügend grüne Realisten, welche die Stadt und deren Möglichkeiten und Probleme ganzheitlich erfassen. Von daher betrachtet müsste diese Partei für die Regierungsverantwortung durchaus fit sein – wenn die Realisten die Oberhand bewahren. Die SPÖ ihrerseits wird sich auch bewegen müssen und ein wenig von ihrem Totalitätsanspruch abrücken. Auch wenn das viele Rote anders sehen: Wien gehört ihnen nicht und sie haben keinen Exklusivitätsanspruch auf Ideen und Reformen. Dass sich sowohl bei der SPÖ, als auch bei den Grünen einige Figuren tummeln, die gerne Außenpolitik spielen möchten, und das vorzugsweise antiisraelisch, ist traurig, aber immer noch harmloser als die diversen Direktkontakte der FPÖ zu arabischen Despotien und dem iranischen Klerikalfaschismus. Also: Schauen wir einmal, was bei den Koalitionsverhandlungen herauskommt. Ich hoffe, dass man sich einigen kann und damit beweist, dass es Alternativen gibt zu Koalitionsformen, die vielen Österreichern schon zum Halse heraushängen.

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16 Gedanken zu “Rot-Grün in Wien? Hell Yes!

  1. Hm, ja genau, „mal sehen“. Ich hoffe ebenfalls, dass hier mal „was Neues“ passiert. Schwer zu definieren, aber allemal besser als der rechts-außen-heinzi.
    Grün ist schon OK, aber ich habe ehrlich gesagt damals mit den sogenannten „Fundis“ auch schon nicht so recht was anfangen können. Auch Grün muss wieder mehr realpolitisch werden, dass müssen sie auch in der Hauptstadt wieder mal behirnen, sonst wird das nix weitergehen. Allerdings befürchte ich, dass das dann noch mehr Wasser auf die Mühlen vom heinzi sein könnte, langfristig gesehen. Naja mal abwarten obs R-G überhaupt wird…

  2. Absolute Zustimmung. Da mögen die Konservativen und Rechten noch so oft den „Weltuntergang“ herbeischwören, die haben sich die Lage selbst „eingebrockt“ und das Argument von der „Chaoskoalition“ verfängt auch nicht. Massenzuwanderung gibts hier seit Jahrzehnten keine mehr und wenn am Ende zumindest in Wien ein eigenes Integrationsressort rausschaut, wäre ich schon glücklich. Der Strache will die Probleme ja lösen, in dem er die Mittel kürzt – ein echter Visionär. Und wenn es so sicher wär, dass der „Bumsti“ so Bürgermeister wird, müssten sie nicht so fluchen – imho ist es viel eher so, dass die Ergebnisse einer solchen Kombination viel „unsicherer“ sind als zum hundertsten Mal „Rot-Schwarz“.

  3. Erstaunlich, erstaunlich. Ein aus linker Sicht gut geschriebener und lesbarer Beitrag ohne Fäkalausdrücke. Sie werden doch nicht einen Benimm-Dich-Kurs belegt haben?
    MfG
    Erich Reder

  4. Ungeachtet der Tatsache, dass viele angebliche „Linke“ sich im Wahlkampf ziemlich mit Kraftausdrücken und dümmlichen Vergleichen blamiert haben, ist es nicht gerade so, dass die öh..“Rechte“ (FPÖ und Follower gemeint, um das klar zu stellen) hierzulande ein höheres Niveau hätte. Gerade die Erfindungen des Herren Kickl dürften eigentlich jeden intelligenten freiheitlich-libertären dazu bringen, sich zu Tode zu schämen 😉

  5. „Rot-Grün“
    Hell No´, so eine unsägliche Partie, kann nur vom Teufel persönlich auserwählt worden sein.

  6. @vetinari: Eine Integrationsstadträtin hamma hier in Wien schon seit geraumer Zeit. Sandra Frauenberger heißt sie.

  7. An und fuer sich finde ich es erfrischend, dass einer meiner Standard-Kommentare vom lindwurm geschaetzt wird (hoffentlich – falls jemand anderer diesselbe Idee ueber die geheimsten Absichten der gruenroten Emanzen gehabt hat – Sorry..).

    Aber es tut weh, als HC-Fanboy bezeichnet zu werden. An und fuer sich wuerde ich mich als „klassischen Libertarian“ bezeichnen, der so ziemlich jede staatliche Aktivitaet dem Markt ueberlassen wuerde. Ich habe also nichts mit der F am Hut. Als Beispiel: das einzige, was mich an Haschtrafiken stoeren wuerde waere ein Monopol: Auch Supermaerkte, Restaurants etc sollten Hasch verkaufen duerfen.

    Auch ich wuerde eine Mehrheit der F in Wien als Katastrophe empfinden: HC als Buergermeister, ein Alptraum (Man uebertrage etwa die Kaerntner Erfahrung auf Wien: Wuerde es sich Oesterreich leisten koennen?)

    Daher halte ich die „progressive“ Reaktion auf die rotgruenen Koalitionsverhandlungen fuer gefaehrlich: In den klassischen Arbeiterbezirken kocht es. 35% fuer die F, angeblich in manchen Sprengeln >50%, sind ein Alarmsignal. AFAIR verlor die SP auch an Nichtwaehler: Also wahrscheinlich Leute, die es nicht uebers Herz bringen, Schwarz oder F zu waehlen. Diesmal. Aber was ist beim Naechsten mal?

    Leider ist bei unseren „fortschrittlichen“ Jungpolitikern das Sensorium fuer die „gewoehnlichen Leute“ ein bisschen abgestumpft: Sie sind von ihrer Mission, den Fortschritt zu verwirklichen, so erfuellt, dass sie eben die „egoistischen, kleinbuergerlichen Beduerfnisse“ glauben ignorieren zu koennen.

    Als Beispiel: Im heutigen „Standard“ ist ein Interview mit einem „Bildungsreferenten“ des Interationshauses abgedruckt. Er fordert Wahlrecht fuer Immigranten, aber haelt wenig von einer Verpflichtung zum Erwerb deutscher Sprachkenntnisse. Er kuemmert sich auch um „..bildungsferne Menschen, die in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert sind..“ – viele SP Waehler werden sich Fragen, warum sie die Immigration dieser Leute unterstuetzen sollen.

    Ich habe keine Loesung dafuer: Meiner Ansicht ist der Sozialstaat das Wurzel dieses Uebels: Gerade an die „Unterschicht“ verteilt der „Staat“ Geschenke – und wenn eben mehr potentielle Empfaenger kommen, dann bleibt fuer den einzelnen weniger uebrig. Daher wird ein Subventionsempfaenger versuchen, die Anzahl der Neuankoemmlinge moeglichst klein zu halten.

    Mein Ideal waere der klassische angelsaechsische Machesterliberalismus des 19. Jahrhunderts: Wenig Steuern, kein Sozialstaat, freie Einwanderung – wie in GB, USA, Kanada, Australien…(ja, ich weiss, es gab auch zB anti-irische Unruhen in den USA…).
    Wie gesagt, das ist ein Traum und derzeit nicht durchzusetzen.

    Obwohl – es gibt auch positive Ansaetze. In meiner Wahlheimat – USA – gelang es Bill Clinton, Sozialhilfe zu befristen – was an und fuer sich sehr positive Aspekte brachte. Die jetzige Regierung in GB kuerzt auch Sozialausgaben – unter dem Deiktat der leeren Kassen. Also ein bisschen Grund, optimistisch zu sein…

    In diesem Sinne, Lindwurm, alles Gute und viel Glueck….

    PS: Falls ich Bundeskanzler gewesen waere, wie Eure Hypo explodierte – Ich haette Kaernten nichts garantiert, sondern Euer Bundesland Slowenien fuer einen Euro Kaufpreis angeboten!

  8. schön für den klassischen libertarian. nur dass sich aus den libertarischen medien europas normalerweise herauslesen lässt, dass diese beim ersten steuersparversprechen sofort die rechtspopulisten wählen. siehe die fortschrittspartei-begeisterung von eigentümlich frei.

    on topic: ich wüsste nicht, woran es scheitern sollte. die wiener grünen haben auch unter der absoluten sp-mehrheit einzelne projekte mit der stadtregierung umgesetzt, so z.b. christoph chorherrs ewiger wunsch nach einem wiental-radweg, der ja vor kurzem wahrheit geworden ist.
    und ja, wenn die grünen das platzen lassen sind sie wohl wirklich geschichte.

  9. führen wir ma testweise, im heutigen europa, libertäre politik ein. ma schauen, wann die fpö über die 70%-marke klettert. jenseits aller ausländerdebatten profitiert die doch gerade davon, dass dank der globalisierung die staaten immer mehr einkürzen müssen und es, wenn auch schleichend, immer weniger leistungen gibt, da die steuergerechtigkeit der 60er/70er nicht mehr gegeben ist. ( ja, ich weiß, das sehen libertäre ohnehin anders, aber eine mehrheit von, schätzen wir, 95% teilt diese visionen nicht) – und wenns noch weiter nach „unten“ geht, sehnen wir uns halt wieder nach einem „führer“ – weil, jeden tag zu lesen, dass österreich zu den reichsten ländern der welt gehört und immer weniger davon „abzubekommen“. das kann man den europäern nicht mehr verklickern 😉

  10. Apropos „vorzugsweise antiisraelisch“ …

    Könntest Du bitte nicht ständig auf dieses lachsrosa Sammelbecken von Moolahfans und „Israelkritikern“ verlinken ?

    Danke …

  11. Nana, den standard auf einen Teil seiner Leserschaft zu reduzieren, halte ich für viel zu simpel. Jede Onlineversion einer Zeitung, hat eine Menge Leser deren Ansichten sie nicht teilt und die Redaktion vom Standard macht ja oft genug klar wofür sie steht und wie differeziert sie Debatten sieht.

  12. Leider besteht der grünrosa Bobo-Mob zu einem Grossteil aus Antisemiten -‚tschuldigung- Israelkritikern.

    Gemeint ist aber die Politik der Redaktion, zB in puncto Zensur im Forum, die dieses Sammelbecken ja erst entstehen lässt.

  13. Halte ich für ein erhebliches, an Paranoia grenzendes, Vorurteil, will darauf nun aber nicht genauer eingehen. Die am lautestens schreien hört man immer am meisten.

  14. Meine Güte …
    Es ist ein auf persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen basierendes Urteil meinerseits.

    Und, ja, ich habe es verallgemeinernd formuliert.

    Aber du kannst natürlich selbst einen Blick in die lachsrosa Foren werfen …

  15. mache ich ausführlich, ansonsten hätte ich es nicht angesprochen. ich würde nicht einmal sagen, dass im krone-forum „lauter antisemiten“ herumrennen und die zeitung haut heut ja noch gerne auf „juden“ ein, von der vergangenheit wollen wir gar nicht erst reden. es gibt einen signifkanten anteil unter denen, die auch einen kritischen blick auf israels außenpolitik werfen, der das vermutlich aus emotional-diskriminierenden gründen tut. aber eine mehrheit? das ist doch nicht haltbar und lässt sich in dem großteil der themen auch nicht verifizieren.

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