Peter Green – a blue life

Mitte der 80er Jahre filmt ein Kamerateam einen völlig verwahrlosten Typen, der in einer Sozialwohnung in einem Londoner Ghetto lebt. Der Mann, der aussieht wie ein Sandler, ist Peter Green, ehemals Gründer, Sänger und Gitarrist von Fleetwood Mac. Er schaut verwirrt in die Kamera und sagt: „Es ist nur ein Stückchen Papier, aber es dauert bis zu 24 Stunden lang“. Nein, Gitarre spielen könne er nicht, dafür seien seine Fingernägel zu lang. Tatsächlich hat der Mann Klauen wie Nosferatu, gelb, krumm, ungepflegt. Anschließend flüchtet er vor den Reportern und knallt die Tür seiner versifften Bude zu.

Die Karriere des Peter Greenbaum, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, beginnt 1967 bei John Mayalls Bluesbreakers, wo er als Ersatz für Eric Clapton, der gerade Cream gegründet hatte, angeheuert wird. Mit Mayall teilt der damals blutjunge Peter die Leidenschaft für den Blues und schreibt erste Songs wie „The Supernatural“, die bereits andeuten, wohin die Reise gehen wird. Mayall erkennt das Genie in Green und hält ihn für „gleich gut wie Hendrix“. Tatsächlich macht das gefühlvolle Spiel, der unnnachahmliche klagende Ton, den er aus der Gitarre herausholt, ihn zu einem vor allem von Musikern fast kultisch verehrten Saitenvirtuosen. B.B. King meint,Green sei der einzige Weiße, der den Blues authentisch spielen könne. Green ist spieltechnisch sehr vielseitig, er beherrscht den zurückhaltenden Einsatz einzelner Bluenotes ebenso gut wie das Hinaushämmern rockender Riffs und das Spielen von Soli, die wie jene von Hendrix oder Clapton ganzen Generationen von Gitarristen als Blaupausen dienten.

Der Musiker freundet sich mit dem Schlagzeuger der Truppe, Mick Fleetwood, und dem Bassisten John McVie an und die drei stellen bald ihre eigene Bluesrock-Partie zusammen: Fleetwood Mac. Zunächst spielt man nur traditionelle Bluesnummern und straigten Rock´n Roll, bald aber beginnt Green, eigene Kompositionen zu schreiben und sich vom starren Zwölftakt-Schema zu lösen. 1969 ist das Jahr von Peter Greens Fleetwood Mac. Die Band verkauft mehr Platten als die Beatles und landet mit „Albatross“, einer Instrumentalnummer mit kunstvoll ineinander fließenden Gitarren, einen Welthit. Green schreibt einen Hit nach dem anderen und gilt neben Jimi Hendrix, Eric Clapton und Jimi Page als einer der besten Gitarristen der Welt. Außerdem verleiht seine klagende, dunkle Stimme den Liedern zusätzliche emotionale Tiefe. Aus seiner Feder stammt „Black Magic Woman“, ein bedrohlich swingender Songs, mit dem später Carlos Santana Furore machen und die Hippies dieser Erde beglücken sollte. Die Musik der „Mac“ jener Jahre hat nichts zu tun mit dem Westcoast-Gewinsel, mit dem die Gruppe in den späten 70er Jahren Millionen unschuldiger Ohren quälen sollte.

Live sind Fleetwood Mac zu dieser Zeit ein Ereignis. Mit drei Leadgitarren und einer brutal lauten Rhythmussektion hauen sie dem Publikum rauen Bluesrock und ausufernde Psychedelic-Jams um die Ohren. Alle in der Band nehmen Drogen, Green vor allem LSD. Viel LSD. Sehr viel LSD. Er wird ein wenig wunderlich und läuft in bodenlangen Fummeln rum, trägt ein Kreuz und vertieft sich in christliche Mystik. Als die Band durch Deutschland tourt, wird Green in München von ein paar Freaks auf eine Drogenparty eingeladen. Dort verabreicht man dem sensiblen Gitarristen eine Mörderdosis Acid. Nach drei Tagen kommt er von dem Trip wieder runter und ist davon überzeugt, dass es unmoralisch sei, mit Rockmusik Geld zu verdienen. Peter legt seinen Bandkollegen nahe, doch auf allen weltlichen Besitz zu verzichten und nur mehr Gratiskonzerte zu spielen. John McVie, Mick Fleetwood und die anderen halten das nicht ganz zu unrecht für eine schlechte Idee, da sie sich gerade erst an das Leben mit Geld, Koks und Groupies gewöhnt haben, und sagen ihrem Boss, er könne ja tun, was ihm beliebe, sie würden aber ganz sicher nicht auf die Kohle verzichten. Man veröffentlicht noch die Single „The Green Manalishi“, die von vielen als Loblied auf Marihuana missverstanden wird, obwohl es doch schlicht eine Kritik am schnöden Mammon ist. Es kommt schließlich zum Bruch. Green verlässt die Band und spielt mit ein paar Jazzrockern die famose Platte „The End Of The Game“ ein, ein einziger langer Jam, eine Reise in die auseinander brechende Psyche eines LSD-überfütterten Musikergehirns. Einmal noch kehrt er zur Band zurück und geht auf Tournee, danach bricht Green endgültig zusammen und landet in der Klapsmühle. Diagnose: Schizophrenie.

Bis in die späten 70er Jahre hinein darf Peter die Segnungen der damaligen Psychiatrie genießen: Elektroschocks und Tranquilizer in rauen Mengen. In der Musikwelt machen Gerüchte die Runde, Green arbeite als Totengräber oder lebe in einem israelischen Kibbuz. Stimmt alles nicht, er sitzt als Zombie im Rohypnol-Motel. In dieser Zeit heiratet er und zeugt mit seiner Frau eine Tochter. Die Ehe hält nur ein Jahr lang. 1979 hat sich Green so weit erholt, dass er eine neue Platte aufnehmen kann. „In The Skies“ ist eine wundervoll melancholische Scheibe, voll mit düsteren Songs mit wirren religiösen Texten, die von Peters unnachahmlich weinerlicher Gitarre und seinem Gesang getragen werden. Mit „Fool No More“ enthält die LP den wohl depressivsten Blues, der jemals geschrieben wurde. Pure Hoffnungslosigkeit, tiefste Trauer. Es folgen sporadische Auftritte und drei weitere, nicht besonders gelungene Soloplatten, doch Greens Seele kollabiert wieder. Ab 1984 zieht sich der scheue Musikant erneut in seine von Dämonen heimgesuchte Privathölle zurück. Er pendelt zwischen dem Krankenhaus und seiner verlausten Wohnung hin und her und muss auf Anweisung seiner Ärzte bis zu 18 Valiumtabletten pro Tag (!) schlucken.

Ende er 80er Jahre starten Freunde einen neuen Versuch, dem Albatros wieder Flügel zu verleihen. Vorsichtig lockt man Green aus der Isolation, schneidet ihm die Fingernägel und drückt ihm eine Gitarre in die Hand. Er muss erst wieder lernen, wie man so ein Ding bedient. Eine kleine, feine Kapelle namens Splinter Group entsteht und Green macht wieder das, was er am liebsten tut: Er spielt und singt den Blues. Mit dieser Band veröffentlicht Peter bis Ende der 90er Jahre mehrere Platten, geht sogar wieder auf Tour und gibt Interviews. Die Shows sind manchmal fast magisch, dann wieder totale Reinfälle. An einem Abend ist Green fast ganz der Alte und zeigt, was ein begnadeter Musiker aus einer Gibson rausholen kann. In anderen Nächten reicht es gerade für ein wenig Rhythmusgitarre und fragilen Gesang, wobei er recht oft den Text vergisst. Neue Songs schreibt er nicht mehr, und das Tourneeleben tut ihm auch nicht so richtig gut. Er beginnt wieder zu kiffen und zu trinken und greift auch zu härteren Drogen. Dann folgt ein bizarrer Rechtsstreit zwischen der Splinter Group und Greens  legalen Vormund, einer schwedischen Organisation, die sich um die finanzielle Lage geistig eingeschränkter Menschen kümmert. Green lebt nun in Schweden und versucht, seine Drogenprobleme in den Griff zu bekommen. Hin und wieder gibt er Konzerte, doch sein Gesundheitszustand lässt derzeit keine Tourneen zu.

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