I think of demons

In der texanischen Irrenanstalt „Rusk State Hospital for the Criminally Insane“ hat man Ende 1969 von Gesprächstherapie und offener Psychiatrie noch nicht viel gehört. Die Patienten, egal ob depressiv oder schizophren, werden niedergespritzt, an ihre Betten gekettet und mit Elektroschocks traktiert. Unter den Insassen befindet sich damals auch Roky Erickson, ein hagerer junger Mann, der zwischen den „Behandlungen“ Songs schreibt und mit anderen Patienten die Gruppe The Missing Links gründet, die manchmal für ihre Folterer und für Rednecks, die „Verrückte“ in Aktion sehen wollen, aufspielen darf. Einige Lieder singt Erickson seiner Mama vor, die das Material mit einem primitiven Rekorder dokumentiert. Als er 1973 endlich entlassen wird, hält er sich für einen Marsmenschen und konvertiert zum Satanismus – ein weiterer großer Heilungserfolg der Psychiatrie.

Slip Inside This House

Anfang 1969 ist Erickson noch Sänger und Gitarrist der 13th Floor Elevators, jener Band, die dem Psychdelelic-Rock seinen Namen gegeben hat (LP „The Psychedelic Sounds of the 13th Floor Elevators“, 1966). Die Gruppe ist  vom Beat-Poeten und LSD-Verherrlicher Tommy Hall gegründet worden, als Background-Sängerin agiert kurzzeitig eine gewisse Janis Joplin, und im Vorprogramm darf eine unbekannte Truppe, die sich später ZZ TOP nennen wird, auftreten. Nachdem sich Joplin in das gelobte Hippie-Land Kalifornien aufgemacht hat, wo sie sehr bald Starruhm, Heroin und den Tod finden wird, nehmen die Elevators drei Alben auf, die bis heute fortgeschrittene Rockfans in ihren Bann ziehen. Markenzeichen der Band ist ein elektrifizierter Jug (krugartiges Instrument aus der amerikanischen Volksmusik), der die wunderbar geschriebenen Songs mit einem hypnotischen Zusatz-Rhythmus aufpeppt. Und natürlich ist da diese Stimme, Ericksons Stimme, die sich wie eine mit Lysergsäure geschmierte Kreissäge in das Bewusstsein der Zuhörer frisst. Wie es damals üblich ist, wird die Band von ihrer Plattenfirma gnadenlos betrogen und keiner der noch lebenden Elevators – der Rhythmusgitarrist wird 1978 im Heroinrausch von seiner Freundin erschossen werden – wird bis zur Jahrtausendwende einen einzigen Cent an Tantiemen sehen.

Roller Coaster

Man kann sich vorstellen, dass es eine Psychedelic-Band im Texas der 60er Jahre nicht leicht hat. Tatsächlich geraten ihre Auftritte und Tourneen zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit den Cops, die es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht zu haben scheinen, diese langhaarigen Drogenaffen hinter Gitter zu bringen. Die Truppe benimmt sich auch nicht gerade unauffällig. Erickson wird ein paar Jahre später zu Protokoll geben, „rund 300 LSD-Trips“ geschluckt zu haben, und es ist keine Seltenheit, dass die Band völlig bedröhnt auf der Bühne steht – der Sänger und Gitarrist auf Acid, der Bassist auf Psylocibin, der Schlagzeuger auf Speed, der Jug-Mann auf Meskalin und der Rhythmusgitarrist auf Peyote. Mitte 1969 hat die Polizei endlich Glück: Sie verhaftet Roky Erickson wegen des Besitzes von ganzen sechs Joints. Das mag heute lächerlich wirken, aber damals konnte man in Texas wegen einer einzigen Wundertüte zu 20 Jahren Knast verdonnert werden.

Please, Judge

Roky entschließt sich, vor Gericht den Irren zu mimen und erzählt „His Honour“ von schlimmen Halluzinationen und bösen Stimmen in seinem Kopf. Nach seinem jahrelangen exzessiven Konsum von LSD & Co braucht er sich vermutlich nicht einmal allzu sehr verstellen. Judge and Jury schicken den Musiker in eine Klapsmühle für Kriminelle. Das ist das Ende für die 13th Floor Elevators, obwohl es Anfang der 80er Jahre einen eher mauen Reunion-Auftritt gibt. Nach seinem unfreiwilligen Gig in der Psychiatrie ist Erickson zwar tatsächlich nicht mehr zurechnungsfähig, aber immer noch in der Lage, hinreißende Songs über Dämonen, Zombies und Vampire zu schreiben. All die Monster und Geister, mit denen ihn seine streng abergläubische Mutter aufgezogen hatte, verfolgen ihn jetzt und er kann sie nur bannen, indem er sich auf ihre Seite schlägt. So entstehen im Laufe der späten 70er und frühen 80er Jahre, auf mehrere kommerziell erfolglose Soloalben verteilt, musikalische Hommagen an den Satan und dessen Gehilfen. In klaren Momenten lässt Roky sogar den Protestsänger raushängen und prangert „social and social-political injustices“ an. Live ist Erickson nach wie vor ein Erlebnis, seine Konzerte rund um 1980 herum sind legendär, und es existieren zum Glück Aufnahmen davon.

Where the pyramid meets the eye

Anfang der 90er zollen berühmte Fans und alte Weggefährten wie REM, ZZ Top und Primal Scream Erickson mit dem Album „Where The Pyramid Meets The Eye“ Tribut. 1995 folgt mit „All That May Do My Rhyme“ Ericksons Comebackalbum. Der psychisch beeinträchtigte Künstler, der sich 1982 per Notariatsakt zum Marsianer erklären ließ, lebt danach trotzdem zurückgezogen in einem Vorort von Austin und hält die Dämonen und Teufel mit der Hilfe von Neuroleptika auf Distanz. Nun mögen manche denken, das sei eine tragische Geschichte. Verglichen mit seinen ehemaligen Band-Kollegen geht es Roky heute aber gar nicht mal schlecht. Gründer Tommy Hall nahm bis Mitte der 80er Jahre regelmäßig LSD und hört heute „alle 15 Minuten eine Botschaft von Gott“, was reichlich lästig sein muss. Wenn Gott gerade nichts zu sagen hat, arbeitet Hall an Computerprogrammen. Rhythmusgitarrist Stacy Sutherland liegt seit 1978 im Sarg, Drummer Danny Thomas wurde Mitglied der Sekte „The Pouadakhan Society“ und Bassist Benny Thurman schlägt sich mit schlecht bezahlten Gigs durchs Leben. Erickson bekommt nun immerhin ein paar Dollar Tantiemen. Hin und wieder kriegt Roky Post von Leuten wie Michael Stipe oder Henry Rollins. Geantwortet hat er lange nicht. Seinem jüngerem Bruder Sumner Erickon gelingt es schließlich, Roky so weit zu stabilisieren, dass er wieder live spielen kann. 2010 kommt dann das, womit niemand mehr gerechnet hat: Ein neues Album! Auf „True Love Cast Out All Evil“ hört man einen gereiften Erickson, dessen Stimme nicht mehr ganz die schneidende Stärke hat, wie man sie von früheren Platten kennt, doch die Kompositionen sind durchwegs geglückt und beweisen, dass man aus einer Hölle voller Dämonen doch wieder herausfinden kann.

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5 Gedanken zu “I think of demons

  1. Herrlicher text für den äußersten rand jener randgruppe, die sich für die großartigen loser der musikgeschichte interessiert. Kleine ergänzung: roky wurde einst in texas von seinem anwalt empfohlen, den depperten zu spielen…

  2. sehr informativer und schöner text. danke!

    @Tom93: den zynismus kann man doch deutlich herauslesen, oder …?

    @all: ab nach Kölle! 12.12.2010 im Luxor

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