Sex and the muslim city

Der tschetschenische Schriftsteller German Sadulajew hat seinen Landsleuten attestiert, am Widerspruch zwischen Internetpornokonsum und islamischer Sexualrestriktion irre zu werden. Mehr hat er nicht gebraucht! Tschetscheniens Präsident, der Mörder und Islamist Ramsan Kadyrow, hat im Fernsehen verkündet, Sadulajew sei „kein Tschetschene, kein Muslim, ja nicht einmal ein Mensch“. Der Menschenrechtsbeauftragte der Republik, in der Menschenrechte nichts zählen, Nurdi Nuchaschijew, ließ dem Schriftsteller ausrichten, dass dieser „das Volk erniedrigt und sich selbst demütigt“. Dabei hat Sadulajew, wenn auch etwas bedenklich formuliert, nur das ausgesprochen, was fast in der gesamten islamischen Welt tatsächlich ein Riesenproblem ist: Das Aufeinanderprallen vormoderner Wertvorstellungen mit der Informationstechnologie, die es mittlerweile schon im hintersten jemenitischen Hirtendorf ermöglicht, das gesamte Sexualalphabet von Analsex bis Zoopohilie bildlich durchzugehen.

Natürlich verstärkt der Zugang zu Pornographie die Sehnsucht, Sexualität auch auszuleben, doch dem steht eine Kultur gegenüber, die jegliche sexuelle Aktivität außerhalb der Ehe tabuisiert und kriminalisiert. Und heiraten ist in vielen islamischen Gesellschaften gar nicht so einfach, denn sehr oft muss nicht nur die Liebe hinter strategisch geplanten Verbindungen zurückstehen, auch finanzielle Probleme führen dazu, dass viele Männer sich den „Brautpreis“ gar nicht oder erst sehr spät im Leben leisten können. Ehen ohne Liebe, einsame Jungesellen, zwangsverheiratete Mädchen – keine guten Voraussetzungen für ein erfülltes Sexualleben (einen bewegenden, intimen und keineswegs herablassenden Einblick in diese Problematik gewährt übrigens die hervorragende Dokumentation „Liebe im Palmenhain“ von Jérôme le Maire). Millionen Menschen in muslimischen Ländern, davon ein Großteil Männer, sind also sexuell frustriert und außerdem geplagt von Schuldgefühlen. Sie möchten gerne, dürfen aber nicht. Sie schauen sich Pornos an und schämen sich danach zutiefst. Und ganz besonders heikel wird es, wenn junge muslimische Männer entdecken, dass sie homo- oder bisexuell sind. Von Kindesbeinen an wird ihnen eingetrichtert, dass freie Sexualität ein Verbrechen gegen Allah sei, dass die Liebe hinter den Interessen der Familie oder des Clans hintanstehen müsse, dass Homosexualität ein todeswürdiges Vergehen sei.

Das Zeitalter von Internet und Satellitenfernsehen hat freilich ohnehin vorhandene Widersprüche nur verstärkt, nicht erschaffen. Es ist doch bemerkenswert, dass es kaum wo anders dermaßen viele Liebeslieder, schmachtende Liebeslyrik und, seit Verbreitung von Kino und Fernsehen, kitschige Telenovelas mit dramatischen Lovestories gibt wie in der arabischen und islamisch geprägten Welt. Sexueller Wunsch und sexuelle Wirklichkeit klafften im Islam von Beginn an weit auseinander. Freilich war das auch in der christlichen und jüdischen Kultur lange so, und auch heute noch ist Sexualität ein konfliktträchtiges Thema in streng religiösen Milieus. Und die sexuelle Befreiung ist im „Westen“ weder abgeschlossen, noch hat sie eine lange Tradition, und außer Gefahr sind ihre Errungenschaften noch lange nicht. Es gibt sogar Tendenzen, die Sexualrepression wieder zu verschärfen. Sehr viele Konservative möchten gerne zurück zu einem gesellschaftlichen Klima vor Pille und Schwulenbewegung, und manche „Linke“ und Feministinnen arbeiten mit einem von puritanischer Lustfeindlichkeit kaum noch unterscheidbaren Nachdruck daran, die „Sexualisierung“ der Gesellschaft zur Ausbeutung der Frau umzudeuten – was in manchen Fällen ja auch stimmt, vielfach aber überdramatsiert wird. Und natürlich ist die Einstellung der westlichen Gesellschaften zum Sex weder unverkrampft, noch völlig gesund, woran zu einem nicht geringen Teil der religiöse Background dieser Gesellschaften eine Mitschuld trägt. Aber es ist trotzdem nicht vermessen zu konstatieren, dass im Westen insgesamt schlicht freier mit Sexualität umgegangen wird als im arabischen/islamischen Raum und dass die Zahl der pathologischen Verformungen, die ein unterdrückender Umgang mit Sexualität nach sich zieht, langsam im Sinken begriffen ist.

Mohammeds Söhne und Töchter müssen damit klarkommen, dass ihnen eine sexuelle Revolution ins Haus steht, die auch durch harte Strafandrohungen nicht aufgehalten werden kann. Noch gibt es ja die perverse Situation, dass, zugespitzt formuliert, Hamas-Mitglieder nachts vor dem Computer sitzen und zu Bildern von Bikinischönheiten vom Tel Aviver Strand onanieren, während sie tagsüber die Ermordung genau dieser Schönheiten planen. Noch trägt die Verbreitung von offen gezeigter Sexualität dazu bei, dass viele Muslime zwischen heimlicher Begeisterung für westliche sexuelle Freiheiten und Neid auf diese hin- und hergerissen sind und sich, ausgelöst durch Schuldgefühle, in einen moralischen Überlegenheitswahn hineinsteigern. Noch lassen sich viele muslimische Frauen ihre soziale, sexuelle und rechtliche Schlechterstellung gefallen. Aber das muss nicht so bleiben, und das wird wohl auch nicht so bleiben. Und wenn sich die sexuelle Unterdrückung nicht mehr halten lässt, dann werden auch die religiösen Dogmatiker langsam ihrer dominierenden Stellung beraubt werden. Ganz so, wie es hier bei uns der Fall war.

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