Malvina Reynolds: Sich nicht in „little boxes on the hillside“ stecken lassen…

Als der ORF 2007 die amerikanische TV-Serie „Weeds“ ins Programm nahm, die von einer alleinerziehenden Mutter handelt, die, um nach dem Tod ihres Gatten ihren Lebensstandard halten zu können, in das Geschäft mit Marihuana einsteigt, war ich sofort vom Eröffnungssong gefesselt. Das Lied „Little Boxes“, das schön sarkastisch das glattgebügelte, durchgeplante und konformistische Leben in den amerikanischen Vorstädten beschreibt, wo „alle gleich aussehen“ und die Kinder genau so werden wie ihre Eltern, zog mich in seinen Bann, also erkundete ich Autorin und Interpretin des Songs (der übrigens orginellerweise in jeder Weeds-Episode von anderen Künstlern gecovert wird) und stieß auf einen Namen, der mir bis dahin unbekannt gewesen war: Malvina Reynolds. Da „Weeds“ zur Zeit auf  diversen Fernsehsendern wiederholt wird, ist ein guter Anlass gegeben, um an diese bemerkenswerte Frau zu erinnern.

Jewish communist internationalists

Im Jahr 1900 bekam ein jüdisches Kommunistenpärchen, das aus der Alten Welt voller Hoffnung auf bessere Zeiten nach Amerika ausgewandert war, in San Francisco ein Baby. Malvina Reynolds erblickte das Licht einer Welt, die noch nicht wusste, dass ihr zwei Weltkriege und die Vernichtung eines Großteils des europäischen Judentums bevorstand. Als Malvina 14 Jahre alt war, sah sie ihre Eltern gegen die Teilnahme der USA am Ersten Weltkrieg agitieren, der von ihnen, da sie internationalistisch eingestellte Sozialisten waren, als „Imperialistischer Krieg“ wahrgenommen wurde. Und wenige Jahre später erlebte und teilte Malvina den Jubel ihrer Eltern und von deren Freunden und Gesinnungsgenossen über die russische Oktoberrevolution. Malvina Reynolds wurde also durchgängig politisch links sozialisiert.

Obwohl ihre Eltern nicht begütert waren, legten sie Wert darauf, dass ihre Tochter nicht nur Musikunterricht bekam, sondern auch eine Universitätsausbildung – alles andere als selbstverständlich in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die junge Frau studierte also Literaturwissenschaft und lernte in den Vorlesungen Leute kennen, die ähnlich politisiert waren wie sie. Aber sie heiratete keinen Akademiker, sondern einen von der Poesie begeisterten Matrosen, der später mit dem Slogan „Ihr schmeißt die Leute aus ihren Wohnungen, wir organisieren den Aufstand dagegen“ erfolglos für ein US-Senatorenamt kandidierte. Musik spielte im damaligen Leben Malvinas zwar bereits eine große Rolle, aber selber Songs zu schreiben kam ihr noch nicht in den Sinn.

Freiwillig in der Munitionsfabrik

Das änderte sich erst, als sie Platten von Woody Guthrie hört und den Folksänger und Politiaktivisten Pete Seeger persönlich kennenlernte. Sie war von dessen Auftritten so begeistert, dass sie im zarten Alter von 42 anfing, Lieder zu schreiben – und damit eine Ausrucksform fand, die ihr mehr lag als die Arbeit als Teilzeitjournalistin, die sie zuvor ausgeübt hatte. So wie ihre Eltern und wie fast alle amerikanischen Linken, inklusive Pete Seeger, war Malvena überzeugte Pazifistin, die Kriege grundsätzlich als Unternehmungen zugunsten der herrschenden Klassen wahrnahm. Doch als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintreten, änderte sie ihre Meinung und arbeitete sogar freiwillig in einer Munitionsfabrik. Sie wusste genau, dass der Nazifaschismus und der japanische Imperialismus Todfeinde der Freiheit und der Menschheit waren, und sie wollte etwas gegen den Vernichtungsantisemitismus unternehmen. Und sei es auch nur, Granaten zusammenzuschrauben.

Erfolg und Depressionen

Erst nach dem Krieg begann sie eine ernsthafte Karriere als Musikerin und schaffte es recht rasch, als eine der Stimmen des „Protest-Folks“ wahrgenommen zu werden. Die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära schadete ihr nicht, da sie materiell genügsam und nicht abhängig von Aufträgen oder Posten im öffentlichen Dienst war. Ihr – nicht nur wegen „Weeds“ – bleibendstes Statement gelang ihr 1962 mit dem Lied „Little Boxes“, aber auch der Anti-Atomkriegssong „What Have They Done To The Rain“ erlangte große Populäritat, nicht zuletzt durch die Coverversion von Joan Baez. Malvina Reynolds’ größter kommerzieller Erfolg ist allerdings das Kinderlied „Mornington Ride“, das 1965 in der Version der Band „The Seekers“ auf Nummer 5 der britischen Charts kletterte. Kinderlieder waren überhaupt die große Leidenschaft der Songschreiberin, vor allem, als sie selbst Mutter wurde. Sie hat insgesamt drei Alben mit Liedern für Kinder vollgesungen.

Späte Anerkennung und Tod

Ende der 60er Jahre und in den frühen 70ern bekannten sich viele junge Stars der Folk- und Folkrockszene dazu, von Malvina Reynolds beinflusst worden zu sein. Einer ihrer größten Fans ist Country Joe McDonald, aber auch Phil Ochs und Arlo Guthrie benennen öffentlich den Einfluss, den die energiegeladene Frau auf sie hatte. Dass sie an schweren Depressionen litt, wussten nur wenige, obwohl der Song „There Is A Bottom Below“ davon ein beredtes Zeugnis ablegt. Am 17. März 1978 starb Malvena Reynolds nach kurzer Krankheit im Kreise ihrer Familie. Neben den drei Platten mit Kinderliedern hinterlässt sie sechs Alben mit Protestsongs, die auch heute noch hörenswert sind.

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Ein Gedanke zu “Malvina Reynolds: Sich nicht in „little boxes on the hillside“ stecken lassen…

  1. Die Lady hat einfach die passende Stimme für den Song. Die Coverversionen des Songs im Weeds-Intro -ua von Randy Newman- kommen dagegen nicht so gut.

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