Der Balken im eigenen Auge

Die Welt ist empört, hunderttausende Demonstranten ziehen wütend durch Europas Hauptstädte, der deutsche Bundestag verabschiedet Resolutionen im Minutentakt, Omar al-Rawi bastelt an Mittelstreckenraketen, der UNO-Menschenrechtsrat tagt in Permanenz, 5.341 NGOs und die meisten Gewerkschaften fordern einen Totalboykott israelischer Waren und Henning Mankell erlitt vor lauter gerechtem Zorn einen Herzinfarkt. Denn in Israel ereignet sich Ungeheuerliches:

Die israelische Hauptstadt Jerusalem zahlt rund 40 bis dato in provisorischen Unterkünften auf dem Gelände eines Sozialzentrums untergebrachten Arabern jeweils 325 Euro für die „Heimreise“ nach Jordanien oder das Westjordanland. Der Großteil der Araber habe das Angebot akzeptiert und den Betrag bereits in Empfang genommen, sagte ein Vertreter der Jerusalemer Diakonissenanstalt. In der vergangenen Woche hatte sich die Situation der sich großteils durch Gelegenheitsjobs versorgenden Palästinenser durch eine Reihe merkwürdiger Ereignisse verschärft.

Am vergangenen Sonntag hatte ein aus bisher ungeklärter Ursache ausgebrochener Brand auf dem Gelände des Sozialzentrum einen Wohnschuppen und einen als Wohnraum genutzten Kastenwagen zerstört. Daraufhin drehte die Stadt Jerusalem dem Sozialzentrum – angeblich aus Gründen der Sicherheit – den Strom ab. Die von Hilfsorganisationen erhobene Forderung, den Arabern angesichts der in der vergangenen Woche auf Minus fünf Grad gesunkenen Temperaturen winterfeste Quartiere zur Verfügung zu stellen, lehnte die Stadtverwaltung ab, ebenso wie eine Freischaltung der Stromversorgung des Sozialzentrums vor Abreise der Araber.

Auszahlung des Reisegeldes angeboten

Am Donnerstag kündigte die „Gelegenheitsjobgruppe“ genannte Sonderabteilung der Stadtverwaltung schließlich die Auszahlung des Reisegelds an und setzte den Arabern ein Ultimatum bis Sonntag, um das Land unter Inanspruchnahme des Reisegeldes freiwillig zu verlassen. Mit Hilfe der versprochenen Summe – 300 Euro Benzingeld und 25 Euro für ein Busticket nach Ramallah – sollen die Araber „zurück in ihr Ursprungsland“ gelangen. Laut einem Sprecher der evangelischen Sozialhilfe in Jerusalem, Pekka Tuomola, willigten die Araber in das Angebot der Stadt nur deswegen ein, weil sie über die Feiertage sowieso zu ihren Familien zurückkehren wollten. Viele von ihnen hätten jedoch vor, in der wärmeren Jahreszeit wieder nach Israel kommen zu wollen.

Kleinkrieg gegen Araber

Die Stadtregierung von Jerusalem führt gegen die je nach Jahreszeit einigen Dutzend bis mehreren Hundert arbeitssuchenden Araber seit rund zwei Jahren eine Art Kleinkrieg. Im Oktober 2009 wurde eine Hüttensiedlung von der Polizei geräumt und die provisorischen Unterkünfte handgreiflich zerstört. Im Juli dieses Jahres wurde ein Zeltlager von rund 100 Araber per gerichtlichem Räumungsbeschluss wegen „unerlaubtem Campings“ aufgelöst. Darüber hinaus plant die Regierung ein landesweites Gelegenheitsarbeitsverbot durchzusetzen. Kritiker sehen darin einen klassischen Fall der gegen eine bestimmte Gruppe gerichteten Anlassgesetzgebung.

Ha, reingelegt, alles nicht wahr! Warum die Welt nicht empört ist, die Demonstranten lieber in der warmen Stube bleiben, der deutsche Bundestag keine Resolutionen verabschiedet, Omar al-Rawi keine Raketen bastelt, der UNO-Menschenrechtsrat in der Nase bohrt, keine NGO auch nur einen Finger rührt, die Gewerkschaften den Schlaf der Korrupten schlafen und Henning Mankell sich bester Gesundheit erfreut, da er sich nicht aufregt: Es geht nicht um Jerusalem, nicht um Israel, nicht um Araber. Es geht nur um die EU, es geht nur um Finnland, es geht nur um Roma. Das geht uns also im Gegensatz zum Nahostkonflikt gar nichts an, denn es passiert ja hier und jetzt, und wenn wir ehrlich sind, so haben wir auch keine antifinnischen Ressentiments. Und diese Zigeuner, die sind doch wirklich etwas lästig, nicht wahr? Und sie sind hier, nicht weit weg, und wir könnten tatsächlich etwas gegen ihre tatsächliche Diskriminierung unternehmen, statt bloß unseren Antisemitismus hinter dem Deckmäntelchen der Gutherzigkeit auszuleben. Aber eigentlich juckt uns deren Schicksal genau gar nicht. Es ist uns wurscht, wenn sie, die sie EU-Bürger sind, mal wieder aus einem EU-Staat vertrieben werden, es kratzt uns nicht, dass sie fast überall in Europa in Elendsquartieren und Ghettos hausen, in denen es um einiges trister zugeht als im Gazastreifen. Wir wollen davon nichts wissen und nichts hören. Aber sobald man, für was auch immer, Israel die Schuld geben kann, stehen wir bereit und bekunden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unsere Wut. Wir sind wirklich ganz tolle Leute.

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3 Gedanken zu “Der Balken im eigenen Auge

  1. @ Tom93: wie? wohin bitte? Wenn sie schon etwas schreiben, dann bitte mit einem Hinweis.
    Und wenn schon: vielleicht sollen die Texte genau dort treffen, wo sie am meisten wehtun?

    @ Lindwurm: Klasse der Text „Der Balken im eigenen Auge“. Ich werde ihn mal auf meiner Seite verlinken.

  2. Ein gutes Drittel aller Flüchtlinge in Kanada kommt aus der EU – zum überwiegenden Teil sind es Sinti und Roma. Und von denen bekommen 40 Prozent Asyl. Obwohl die kanadischen Asylrichtlinien kaum weniger restriktiv sind als unsere. Du hast völlig Recht.

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