Politik mit Potenzstörungen

Wie kann es sein, dass eine groteske, aber nicht ungefährliche Gurkentruppe wie die FPÖ sich anschickt, stärkste Partei in Österreich zu werden? Nun, es liegt unter anderem an Ermattungserscheinungen der Demokraten und an deren Führungsunfähigkeit, wie sie Klaus Kocks am Beispiel Deutschland attestiert: (…) Wo sind die Eliten, die kühne Ideen haben und bereit sind, sich dafür verbrennen zu lassen? Einst waren wir die Nation der Titanen vom Format des Martin Luther: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aus den Protest-Titanen sind heute Abstimmungsfanatiker, Konsensbüttel und Verhandlungszwerge geworden. Schlichten wollen sie, die Schlichten! Der einst diskrete Charme der Bourgeoisie hat sich bis zur Unsichtbarkeit verdiskreditiert. Es gibt niemanden mehr, der in kontroversen Fragen wagemutig Verantwortung übernimmt und dazu steht. In dieser Heiner-Geißler-Republik geht es zu wie in der legendären Wohngemeinschaft: Wir sitzen alle um einen runden Tisch und jeder darf mal sagen, was er so findet. Und am Ende ist es schön, dass wir mal darüber geredet haben. Das Protokoll schreibt die Demoskopie. (…) Der Politiker der Zukunft ist, erlauben Sie mir die steile These, so wie Philipp Rösler. Nicht dumm, aber auch nicht gebildet, vielleicht intelligent, jedenfalls nicht intellektuell. Gefallsüchtig, aber tief ins Operative verstrickt, aus dem heraus er mutig mal Abweichungen im Detail wagt. Scheinriesen mit Sachbearbeitermentalität. Rösler ist ein Kasper, wie sein Parteivorsitzender, und ein wenig bunt, wie der Baron im Verteidigungsressort, und so bodenständig wie die Kanzlerin, die nur selten auftaucht aus dem Ungefähren.

Man könnte, auf Österreich bezogen, hinzufügen: Wer nicht führen will, wer keine Visionen anbietet und keine Ziele, die er erreichen will, wer bloß verwaltet, wem zur „Mafiarisierung“ von Politik und Wirtschaft nichts einfällt, wer nur mit offenem Mund zuschaut, wie sich die braune Pest ausbreitet und wer sich nicht einmal mehr dazu aufraffen kann, das politisch und moralisch Unzumutbare offen abzulehnen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn Blender und Gangster in die Lücke springen.

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7 Gedanken zu “Politik mit Potenzstörungen

  1. Shalom,
    Sicher, ich finde hier gute und kritische Ansätze vor allem was die Korruption in Österreich betrifft. Aber, ist man hier nicht zu unkritisch gegenüber dem Rechtsextremismus in Israel und schneidet sich darum selber ins Bein (alle die anderen Links hier bringen das sicher zum Ausdruck). Es nützt einfach nichts die Guten dort zu sehen und die Bösen hier. So kommen wir gar nicht weiter!

  2. Ich glaube, dass eine prinzipielle Verteufelung Sarrazins den braunen Hetzern sehr von Nutzen ist. Die Braunen hetzen ohne Lösungen finden zu wollen, denn da müssten sie ja konstruktiv und objektiv werden, was aber ihrer Strategie abträglich wäre, eben destruktiv zu hetzen, die linken Intellektuellen hingegen, verteufeln, ohne jemals Probleme anzusprechen oder gar lösen zu wollen, sie sind prinzipiell gut und verteufeln prinzipiell das Böse, jedoch nur in der Theorie, das ist zu wenig.

  3. @L.M.@ Wieso werden rechtsextreme Parteien in Regierungen geholt?
    Weil die linken und demokratischen Parteien versagen. Das ist überall so. Und darüber lohnt nachzudenken. Wir haben keinen Grund zur Zufriedenheit, denn fast ein Drittel der österreichischen Wähler gab seine Stimmen der FPÖ und BZÖ.
    Wenn Österreichs Linke zum Beispiel einen Marsch nach Kärnten machen würden, um die zweisprachigen Ortstafeln durchzusetzen, würden die Kärntner wahrnehmen, dass in ihremBundesland nicht mehr Verfassung und Gesetze gebrochen werden können.
    Übrigens in Israel gibt es überall dreisprachige Orts- und Straßentafel und niemand regt sich darüber auf.

  4. Politiker mit Visionen ?
    Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

    Wer kühne Visionen hat – wie einen neuen, unterirdischen Bahnhof mitten in der Stadt zu errichten und auf dem alten Gleisfeld das vor 100 Jahren als Wunde in den Stadtpark geschlagen wurde ein neues Stadtviertel zu bauen – wir als korrupt oder inkompetent geschmäht.

    Und ob der Intellektuelle – der sich ja gerne im Glanz seiner geistigen Überlegenheit sonnt, daraus seine Deutungshoheit bezieht und denoch kein Problem hat linke oder rechte Populisten anzuhimmeln – wirklich der bessere Politiker ist ?

    Ich bevorzuge Politiker die Politik als die Kunst des Machbaren verstehen.
    Die nicht Visionen perfekt umsetzen wollen, sondern bereit sind mit dem unperfekten zu leben.
    Immerhin wird Politik für Menschen gemacht, und der Mensch ist nun mal nicht perfekt.
    Auch wenn’s manche visionäre Intellektuellen gerne so hätten und bereit sind auf dem Weg zum perfekten neuen Menschen über Leichen zu gehen.

  5. „Wenn Österreichs Linke zum Beispiel einen Marsch nach Kärnten machen würden, um die zweisprachigen Ortstafeln durchzusetzen, würden die Kärntner wahrnehmen, dass in ihremBundesland nicht mehr Verfassung und Gesetze gebrochen werden können.“
    Oder wenn Österreichs Linke gegen Israel protestieren – Hand in Hand mit Bozkurt und Muslimbruderschaft.

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