Wikigähn

Wenn der digitale Tag zuende ist, wird Wikileaks etwas bewirkt haben, womit viele, darunter vielleicht auch Julian Assange persönlich, nicht rechnen: Die Verschwörungstheoretiker dieser Welt werden enttäuscht feststellen, dass es keine große globale Konspiration gibt, sondern bloß das altbekannte Stechen und Hauen der verschiedenen Machtblöcke und die schrecklich langweilige Banalität der Realpolitik. Falls kein Staat so dumm ist, Assange zum Märtyrer zu machen, wird Wikileaks, wie schon seit vier Jahren, weiterhin einen Wust von langweiligem Material veröffentlichen, unter dem sich hin und wieder auch etwas von Bedeutung und echtem Nachrichtenwert befindet. Und natürlich wird die Plattform auch weiterhin absichtlich mit „leaks“ versorgt werden, die einen bestimmten Spin erzeugen sollen. Die Verschwörungsheinis werden sich bald von Wikileaks abwenden und es als weiteres „Desinformationsmedium“ der Illuminaten/Aliens/whatever verdammen, die seriösen Medien werden weiterhin das brauchbare Material auswerten, nachrecherchieren und kommentieren, Staaten, Geheimdienste und Konzerne werden versuchen, ihre Kommunikation besser zu schützen und die angekündigte Revolution wird, wie immer, ausbleiben. The revolution will not be leaked.

Vom derzeitigen Stand der Dinge aus betrachtet hat Wikileaks weder ein Verbrechen begangen, noch hat es so viel bewegt, wie manche euphorisierte Anarchisten meinen. Ob Julian Assange in Schweden zwei Frauen vergewaltigt hat, werden die dortigen Gerichte festzustellen haben, wobei es schon stimmt, dass man kaum woanders auf diesem Planeten so schnell einen Vergewaltigungsvorwurf am Hals haben kann wie in diesem inzwischen schwer sexualneurotisierten skandinavischen Land. Aber das ist eben ein Thema für sich, und dahinter verbirgt sich bei genauerem Hinsehen keine Verschwörung, sondern wohl zutiefst Zwischenmenschliches. Kurz: Wikileaks kann ein für die Informationsfreiheit nützliches Instrument bleiben, es bringt die Verhältnisse aber nicht mal annäherend so ins Wanken, wie von Assange und manchen seiner Fans und Kritiker behauptet.

Junge Hüpfer können das vielleicht nicht wissen, aber es gab mal eine Zeit vor dem Internet und vor Wikileaks, und in dieser Zeit flog nicht nur Watergate auf, nein, es wurden sogar die geheimsten militärischen Pläne der NATO und des Warschauer Pakts öffentlich, etliche Regierungen stürzten über aufgedeckte Skandale und Journalisten sowie deren menschliche Quellen riskierten Kopf und Kragen, um Informationen öffentlich zu machen. Und das führt mich abschließend zurück zu Julian Assange: Dessen Aktivitäten mögen in mancherlei Hinsicht verdienstvoll sein, charakterlich ist der Mann ein Arschloch. Seine Selbsinzenierung als todesmutiger Aufdecker stinkt spätestens seit seiner Verachtung, die er gegenüber traditionellen Journalisten zum Ausdruck gebracht hat (diese seien „feige“, denn sonst würden ja viel mehr Journalisten getötet werden). Das soll der zum tapferen Cyberkrieger aufgebauschte Nerd bitte mal den Angehörigen der hunderten Journalistinnen und Journalisten erzählen, die jedes Jahr in Ausübung ihres Berufs ermordet werden!

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5 Gedanken zu “Wikigähn

  1. das schon, aber zum zeitpunkt der aufdeckung hat der herr whistleblower deep throat sicher gegen mehrere gesetze verstossen und staatsgeheimnisse ausgeplaudert – die aber eben dem größeren guten gegenüber im nachteil stehen. zu recht, aber gesetzlich eindeutig sind solche dinge nie.

  2. Sehr reflektierter Artikel, der sich somit wohltuend von den fanatischen Gutfindäußerungen abhebt, die alle offensichtlich in einer ausgeprägten Denkpause entstanden sind, mit einer treffenden Julian-Assange-Analyse zum Schluss.
    Thanks!

  3. Derzeit wird auf 4chan von „newfags“ aufgerufen visa zu beschiessen (operation payback), was aufgrund der schieren Anzahl an Hosenscheissern, die von Papis Rechner aus teilnehmen schon ganz gut geschehen ist. Derweil wurde Assange von „oldfags“ als „attention whore“ denunziert und dieselben haben anonops.net lahmgelegt, die Website für Aktionen gegen Scientology und nun eben mit „Operation Payback“ auch gegen Organisationen die bei Wikileaks nicht mitmachen. Das Problem: es funktioniert ganz gut. Visa und co. wird von besserwisserischen, hackenstarren, pubertierenden Jugendlichen abgefertigt.

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